Charlie Hebdo – Zwischen Provokation und Entwürdigung

charliehebdoEs ist ein gallebitterer Humor, der einen aus den Karikaturen des französischen Magazins »Charlie Hebdo« anspringt. Er tut weh, überschreitet Grenzen von Geschmack und Gefühlen, konfrontiert seine Betrachter mit der schmerzhaften Widerwärtigkeit aktuellen Geschehens. Für diesen brachialen, von vielen Menschen als geschmacklos empfundenen Stil ist das Magazin bekannt. Nicht erst seit den Anschlägen auf die Redaktion, denen ein Großteil der Mitarbeiter zum Opfer fiel. Die Überlebenden machen weiter. Und lösen weiter kontroverse Diskussionen aus.

Diesmal über eine Zeichnung, die das Geschehen Silvester 2015 ins Visier nimmt. Europaweit wurden in vielen Städten, vor allem in Köln, Frauen gezielt sexuell belästigt und ausgeraubt. Auf der Karikatur jagen männliche Gestalten mit verzerrten, Affen ähnlichen Gesichtern und ausgestreckten Armen (»Armlänge«!) Frauen hinterher, die vor ihnen flüchten. Eine zweite, kleinere Zeichnung in der Zeichnung erinnert an das ertrunkene Flüchtlingskind Aylan Kurdi, dessen Foto im vergangenen Jahr weltweit Empörung und Trauer auslöste: Das tote kleine Junge wurde zum Symbol der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer und verlieh der Tragödie ein menschliches Gesicht. Jetzt fragt »Charlie Hebdo«: »Was wäre aus Aylan Kurdi geworden, wenn er groß geworden wäre?«. Und liefert eine so kurze wie bittere Antwort dazu: »Ein Arschgrabscher in Deutschland«. Das zwiespältige Bild löste prompt eine heftige Diskussion in den Sozialen Netzwerken aus. Nicht etwa um Versäumnisse der Flüchtlingspolitik, über gesetzliche Regelungen, bürokratisches Versagen (Stichwort LaGeSo, Berlin) oder politische Fehler. Mit überaus konträren Positionen, bisweilen heftig und mit brachialem Getöse ist die Debatte um die Karikatur vor allem Beleg dafür, welche enorme emotionale Wirkung Bilder auf ihre Betrachter haben. Und zeigt mit ihrer überwiegend fehlenden Differenzierung sehr beeindruckend, welch vermintes Gelände das komplette Thema mittlerweile geworden ist.

»Sie muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird …« schrieb Kurt Tucholsky und beantwortete die Frage, was Satire darf, kurz und bündig mit dem Wort »Alles!«. Einige Stimmen von Kollegen, die ich heute nach ihrer Meinung befragt habe, spiegeln die Bandbreite dessen, was Charlie Hebdos Karikatur auslöst:

»Mir fällt langsam nicht mehr ein, wie krass widerwärtig es eigentlich noch werden kann.« Juliane Leopold, Buzzfeed

»Aylan Kurdi würde als Überlebender auf der Kölner Domplatte sexuelle Straftaten begehen? Ist das pure Provokation, schlechte Satire, gefühlskalte Geschmacklosigkeit oder bittere Realität? Wohl ein bißchen von allem, was der Zeichner Laurent Sourisseau alias Riss für “Charlie Hebo” fabriziert. Mit Empörung, Anklage oder Kopfschütteln ihm gegenüber sollte man aber zurückhaltend sein: wer die Ermordung von zwölf Kollegen durch islamistische Fanatiker aus nächster Nähe erleben durfte, für den gelten andere Regeln. Im Übrigen halte ich es für durchaus legitim, zu fragen, welches Leben das Abendland dem kleinen Aylan Kurdi zu bieten gehabt hätte.« Rüdiger Schrader, Trainer, Coach, Fotograf und bis 2013 langjähriger Bildchef des Magazins Focus.

»Geschmack übertreten, gewiss, gallig sein, verletzen auch – das darf Satire, das ist die DNA der guten Karikatur. Was aber, wenn Sarkasmus zu Hetze wird? 2015 wird das Bild des ertrunkenen Kindes zum Menetekel einer verfehlten Flüchtlingspolitik. 2016 taucht der ertrunkene Junge wieder auf und stellt mit Affenfratze Frauen nach. Nichts daran ist witzig, aufklärend oder real: Das tote Kind symbolisiert Elend und Flucht, nicht für potenzielle Jagd auf Frauen. Die Macht des Fotos wird missbraucht für eine erfundene Botschaft, die sich der Bildsprache des Nazi-Organs »Stürmer« bedient. Charlie Hebdo, das Opfer, wird zum Spalter und Täter. Statt Florett die Bombe des Hasses: mit der Aussage »Gut, dass das Kind tot ist.« So vertieft diese Karikatur den Abgrund, den Kunst überwinden könnte.« Horst Kläuser, WDR

Ich habe mit vielen anderen Kollegen gesprochen, zugehört, ihre sehr unterschiedlichen Positionen überdacht. Und mich gefragt, was meine eigene Haltung zu dieser Karikatur ist. Gerade weil ich mich vor einigen Monaten für eine Veröffentlichung des bedrückenden Fotos von Aylan Kurdi aussprach, war und ist diese Karikatur für mich schwer erträglich – und überschreitet für mich die Grenze dessen, was Satire darf. In überzeichneter Form greift Charlie Hebdo die widerlichen rassistischen Kommentare zum Bild des toten Kindes auf, deren schlimmste lauteten: »Einer weniger!«

Das Schlüsselwort ist für mich in diesem Fall »Menschenwürde«: Das Schicksal des auf der Flucht ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi gab den anonymen Zahlen, den grauenvoll abstrakten Bildern zahlloser Leichen an Stränden und in einem LKW ein menschliches Gesicht. Den Opfern einer unvorstellbaren, humanitären Katastrophe gibt das im Nachhinein einen Teil ihrer Würde zurück: »Wegsehen und wäre die schlimmere Entwürdigung«, schrieb ich in einem Beitrag dazu. Das tote Kindes zu verbinden mit der Behauptung, Alan Kurdi wäre ein Krimineller geworden, hätte er nur überlebt, macht Charlie Hebdo nicht nur zum Komplizen eines gesellschaftlichen Klimas. Mit der fahrlässigen Verallgemeinerung nimmt diese Karikatur dem toten Kind stellvertretend für alle toten Flüchtlinge nachträglich jegliche Würde – und Charlie Hebdo macht sich zum Mittäter.

Nachtrag: In einem vergleichbaren Fall zeigte das Titelbild eines Satiremagazins 2012 Papst Benedikt XVI mit urin- und kotbefleckter Soutane. Zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat führten zu einer öffentlichen Rüge. Die Begründung des Gremiums im Wortlaut: »Die Darstellung des Papstes ist entwürdigend und ehrverletzend. Nach Ziffer 9 widerspricht es journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen. Diesen Grundsatz hat die Zeitschrift verletzt. Zwar hat Satire die Freiheit, Kritik an gesellschaftlichen Vorgängen mit den ihr eigenen Stilmitteln wie Übertreibung, drastischer Sprache sowie Ironie in Wort und Bild darzustellen. Aber auch diese Freiheit findet ihre Grenzen in der unverletzlichen Würde eines Menschen.«

(Die Entscheidung des Deutschen Presserats ist online in der Datenbank des Presserats recherchierbar, Aktenzeichen 0404/12/1.)

©HeikeRost.com 14.1.2016