Deutschland 5 Uhr 30

Bilder in kühler Abstraktion. Düster-dramatisches Licht; Orte, die gelegentlich spektakulär und bisweilen eher unscheinbar sind. Bilder ohne Menschen. Das ist Deutschland 5 Uhr 30, ein tiefgründiges Projekt des Lichtbildners Dieter Röseler – seine Referenz und Hommage an einen anderen großen Fotografen aus der gemeinsamen Heimatstadt am Rhein: »Ich habe keinen Vornamen« Chargesheimer, dessen 5 Uhr 30- Fotografien Bestandsaufnahme und sperrige Liebeserklärung an »seine« Stadt Köln waren.

Die melancholischen Bilder von Dieter Röseler sind Notizen, die sich nicht auf eine Stadt konzentrieren, sie lassen auf ein ganzes Land blicken. Ein »Verstehen auf den ersten Blick« ist unmöglich, man muss sich auf diese Notizen einlassen und sich visuell einlesen, sich der Nachdenklichkeit öffnen. Als »Bestandsaufnahme« deutscher Gegenwart setzen die mittlerweile über 260 Fotografien in ihrem sehr speziellen Zusammenklang zugleich Bezugspunkte zu Vergangenheit und zum Kulturerbe des Landes; sie zeigen in ihrer dunklen Wuchtigkeit individuelle Perspektiven und nachdenkliche Lehrstücke – über vergessene, mitunter verdrängte und unbekanntere Geschichte(n), über Umweltzerstörung und Kommerz, Zersiedlung und Verfall, über Einsamkeit und verrinnende Zeit.

So divergierende Orte wie das Worringer Schlachtfeld, das Bayer-Kreuz in Leverkusen, Rostock-Lichtenhagen, das Ostseebad Prora oder das »Märchenschloss« Neuschwanstein Ludwig II. von Bayern bilden den Rahmen für eine Erkundungsreise durch gesamtdeutsche Befindlichkeiten. Dieter Röselers Stationen sind Abbilder und Verortung gescheiterter Politik, verlorener Unschuld und Schilderungen von Traumata deutscher Geschichte: Drittes Reich, RAF und Stuttgart21. Anlässlich der »Silberhochzeit« beider lange getrennten Hälften Deutschlands konzipiert und umgesetzt, klingen in den visuellen Erzählungen des Lichtbildners Röseler über sein Heimatland auch literarische Bezüge an, die an Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder Günther Grass erinnern.

Ohne Überschwänglichkeit und Schwärmerei, ohne überzogenes Pathos sind die Fotografien des Projekts »Deutschland 5 Uhr 30« stille Betrachtungen des Landes und seiner Gegenwart. Aus ihnen spricht spürbares Unbehagen, in ihnen wird der besorgte Blick des fotografischen Forschers und Chronisten Dieter Röseler erkennbar: hier wurde keine Traumehe geschlossen, bestenfalls eine Vernunftehe.

Projektbegleitend wird vom arthellweg verlag eine limitierte Edition herausgegeben, die am 30. September 2015 in der Künstlerkolonie Worpswede präsentiert wird. 25 Motive der Serie sind als Einzelblätter, kleine Werkgruppen oder Komplettausgabe erhältlich. Mehr Informationen dazu hier.

»Deutschland 5 Uhr 30« ist als Preview-Ausstellung vom 2. – 31.10.2015 in der Künstlerkolonie Worpswede, Hotel Worpsweder Tor, zu sehen. Hier gibt’s weitere Infos zur Ausstellung.

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Fotos: ©Dieter Röseler – aus der Serie »Deutschland 5 Uhr 30«