»Die Hölle, das sind die anderen«

430418_10150567517812797_371510741_nSeit dem Absturz der GermanWings-Maschine und den ersten Nachrichten laufen meine Telefonleitungen heiß. Es sind Bekannte und Freunde, die anrufen und schockiert sind über das, was sie in den Nachrichten sehen und lesen. Überwiegend sind das Menschen, die mit »den Medien« nur als Leser und Zuschauer zu tun haben, die ich manchmal »nur« virtuell kenne, aus Diskussionen in den Sozialen Netzwerken. Viele Kollegen aus unterschiedlichen journalistischen Bereichen, mich eingeschlossen, beziehen dort Position, stellen sich berechtigter Kritik, hören zu und führen Debatten, versuchen idealistische Kontrapunkte zu setzen, gegen alle Anwürfe, gegen Beschimpfungen und »Lügen-Presse«. Oft hadern wir mit den Bedingungen und Veränderungen unseres Berufs, den wir dennoch lieben; zweifeln an Berichterstattung, deren moralische Angemessenheit eine gänzlich andere sein kann als presserechtliche Korrektheit.

Es sind mittlerweile knapp 48 Stunden voller Fragen, begleitet von Links und gescannten Zeitungsausschnitten. »Du bist doch in diesem Presserat, was hältst Du davon?« Zunehmend gehen mir die Antworten aus. Stammelnde Moderatoren mit mechanischem Lächeln und leerem Blick, Spekulationen, merkwürdige Glossen und Kollegen, die sich in ihren Kommentaren als empathiefreie Wesen entpuppen, lassen meine Worte versiegen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich die Website des Presserats genannt, das Beschwerdeverfahren erklärt habe. In die Geschäftsstelle des Presserats ergießt sich eine Flut von Beschwerden, die nicht abreißt. Manche Anrufer bitten darum, der als unerträglich empfundenen Berichterstattung endlich Einhalt zu gebieten. Auf Facebook, das normalerweise zu meinem Leben als Journalistin und Autorin gehört wie eine Art virtuelles Caféhaus, bin ich momentan bestenfalls als Mitleserin unterwegs, auf Twitter derzeit gar nicht mehr. Es gibt eindeutig ein Zuviel im Virtuellen. Zeit für Schweigen.

Befreundete Kollegen flüchten nach Redaktionsschluss in den Feierabend, suchen das Gespräch mit mir. In den stillen Pausen höre ich manchmal Tränen am anderen Ende der Telefonleitung. Gestandene Reporter erzählen von den Bildern, den Nachrichten und legen manchmal mittendrin auf, weil Reden nicht mehr geht. Schon zu normalen Zeiten sind es bis zu zehntausend Fotos, die über die Agenturen in die Redaktionen geliefert werden. An Tagen wie diesen gibt man das Zählen auf. Sortieren, bewerten und gewichten des Unfassbaren ist harte, anstrengende Arbeit, auf der Suche nach der angemessenen, »richtigen« Berichterstattung. Die Trennlinie zwischen notwendiger Information und boulevardesker, Grenzüberschreitung ist fließend und hauchdünn, die Reaktionen von Lesern und Zuschauern sind mittlerweile brachialer denn je.

Maßstab des Zerrbildes »Journaille« sind nicht diejenigen Kollegen, die zwischen Pressekodex und Haltung versuchen, ihrem Anspruch an die eigene Arbeit gerecht zu werden. Es ist immer die größte anzunehmende Entgleisung »der Medien«, die sich selbst in bislang als seriös geltende, sich so gerierende Tageszeitungen breitmacht. Die hasserfüllten Beschimpfungen bis hin zu Gewaltdrohungen sind der anderen Teil dessen, was alle Journalisten aushalten müssen, ungeachtet des »Wie« ihrer Arbeit. Die Bewältigung traumatischer Situationen gehört ebenso dazu wie das eigene, menschliche und moralische Scheitern. Darüber redet keiner; nicht diejenigen, die berechtigt kritisieren, auch nicht diejenigen, die selbst bei kleinen, durch Redaktionen angemessen korrigierten Fehlern die Verbalkeule »Lügen-Presse« schwingen. Schon gar nicht Journalisten selbst. Zwischen Controllern, Juristen, Zeitungssterben und kaputt gesparten Redaktionen einerseits, dem Ringen um Auflagen und Quote andererseits ist das Mitgefühl auf der Strecke geblieben: Vor allem der Berichterstattung, die aus der Kenntnis eigener Grenzen die Grenzen anderer respektiert – und innehält. Schweigt, wo es nichts zu sagen gibt außer unbestätigten Meldungen und Vermutungen.

»Wir sind seit langem nicht mehr füreinander da, in unserem Arbeitsalltag, als Kollegen.« Ein kluger Satz, bedrückend wahr, formuliert von einem Journalisten, den ich lange kenne und der überraschend zu einem Freund wurde. Ich habe mich in den letzten 48 Stunden seit dem Absturz der GermanWings-Maschine oft daran erinnert.

Seit 2002 gehöre ich dem Deutschen Presserat an, gewählt von meinen Kollegen des Deutschen Journalisten-Verbands. Angetreten bin ich mit viel Idealismus und Liebe zum Journalismus. Sich berechtigter Kritik zu stellen, den Dialog mit Lesern, Kollegen und Freunden zu führen, gehört dazu. Und auch wenn der Presserat vielen seiner Kritiker wahlweise als »zahnloser Tiger«, Elfenbeinturm oder »ewiggestrig« gilt, sollte der Pressekodex und das, was er beschreibt, wesentliche Grundlage journalistischen Alltags sein. Mir ist das wichtig genug, um dafür sechs ehrenamtliche Sitzungstage im Jahr und zusätzlich mindestens sechs ehrenamtliche Vorbereitungstage zu investieren, dafür knappe Freizeit zu nutzen. Oder auch in journalistischen Seminaren, in Workshops und Vorlesungen, auf Diskussionspodien und im persönlichen Gespräch über Werte zu diskutieren und den Versuch zu machen, das vor allem jungen Kollegen zu vermitteln.

An Tagen wie diesen bleibt ein persönliches Fazit, das nicht nur den letzten 48 Stunden geschuldet ist, sondern eine längere Vorgeschichte hat, ob 9/11, Winnenden, Breivik oder IS. Es ist ein überaus widerwärtiges und bedrückendes Gefühl, wenige Stunden nach manchen katastrophalen Ereignissen zu ahnen, was der Schwerpunkt der nächsten Presseratssitzung sein wird. Im Wissen, dass andere, weitaus schlimmere Dinge oft nur eine Fußnote der Debatte bleiben, obwohl auch sie eine ausführliche Erörterung verdient hätten. »Audiatur et altera pars«, beide Seiten sind zu hören, gilt für sämtliche Beschwerden, die beim Deutschen Presserats vorgebracht werden. Aber selbst nach langen Jahren im Presserat und der Beschäftigung mit Beschwerden aller Art finde ich es oft furchtbar, den Wortlaut mancher Schreiben aus Chefredaktionen und Verlagsjustiziariaten zu lesen.

An die moralische, emotionale Kälte, mit denen Verlage bisweilen für die Unbegründetheit von Beschwerden argumentieren, kann es nie eine Gewöhnung geben.

(Um beim Titel dieses Beitrags, den ich bei Jean-Paul Sartre entliehen habe, zu bleiben: Die Hölle sind nicht die anderen, sondern wir selbst. Es liegt an uns, dem etwas entgegenzusetzen und sinnvoll zu verändern.)

Weiterführende Links:

Die Website des Deutschen Presserats mit allen Informationen von Pressekodex bis Beschwerde und öffentlich zugängiger Recherchendatenbank.

Die deutschsprachige Seite des Dart Centre, die sich mit traumatischen Erfahrungen von Journalisten beschäftigt und Hilfe bei deren Bewältigung anbietet.

Keine Links hingegen zu negativen Beispielen der Berichterstattung. Es gibt keinen Grund für deren weitere Verbreitung.

Update – Netzstimmen zum Thema

»Gefühlter Journalismus« (Wolfgang Michal, 1.4.2015)
»4U9525 und Medien – Ein Einwurf aus dem Internet« (Christoph Kappes, 31.3.2015)
»Umgang der Medien mit Schülern und Angehörigen« (Mika Baumeister, 30.3.2015 – zur Einordnung: Mika Baumeister ist Schüler am Joseph-König-Gymnasium, Haltern am See)
»Der Journalismus existiert nicht mehr« (Hans Hoff, DWDL, 29.3.2015)
»Medien – Absturz – Ethik. Eine Kritik der Medienkritik.« (Alexander Filipovic, Netzwerk Medienethik, 27.3.2015)
»Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft« (Meike Lobo, »Frau Meike sagt«, 27.3.2015)
»Witwenschütteln. Berichterstattung in Zeiten von BILD-Intelligenz« (Lilian Kura aka »Textzicke«, 27.3.2015)
»Appell an die Chefredaktionen: Witwenschütteln – Das wollt Ihr alle nicht erleben« (Sandra Schink, Facebook/öffentlich zugängig, 26.3.2015)
»Die Medien und der Absturz« (Bettina Schmieding, Deutschlandfunk, 26.3.2015)