Zwei Tage in Syrisch – Kurdistan, November 2013

Dieser Gastbeitrag eines Kollegen bleibt auf ausdrücklichen Wunsch des Verfassers ohne Nennung seines Namens. Danke für Deinen Bericht!

»Am Anfang war die Kontaktaufnahme zu den Leuten, die mir eine Person vermitteln sollten, die mich über die Grenze nach Syrien bringt. Nach einigem Hin und Her stand der Termin fest, ein älterer Mann sollte mich gegen 22 Uhr an einem verabredeten Ort abholen. Natürlich war niemand zur verabredeten Zeit vor Ort. Anderthalb Stunden später standen zwei Jugendliche vor mir: Meine ganz persönlichen Menschenschmuggler. Leider erwiesen sich die Verhandlungen über den Preis als durchaus schwierig, da vorher kein Festpreis ausgemacht wurde. Die beiden Jungs sprachen aber offensichtlich nur Kurdisch und Türkisch; da ich auf jeden Fall nach Syrien wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als die verlangten 200 Euro zu zahlen.

Wir fuhren mit einem Auto nah an die türkisch-syrische Grenze, dann stiegen einer der Jungs und ich aus. Ich nahm mein Gepäck, er seine Schmuggelware, der Wagen fuhr davon. Und los ging es über einen abgemähten Acker in Richtung Grenze. Mein Gepäck bestand aus einem grossen Rucksack und einer Reisetasche. Freundlicher Weise übernahm der junge Mann die Reisetasche und ich musste nur noch meinen Rucksack und seine Schmuggelware tragen. Immer noch genug, wenn man rund eine Stunde über den Acker latschen muss. Grenzzaun und Wachttürme in Sichtweite, hieß es gebückt laufen, na der ist gut: mit 20kg Rucksack gebückt laufen… ha ha selten so gelacht.
Zum Glück gab es ein paar Fahrrinnen und Absenkungen, aber die Dunkelheit in den Absenkungen wurde mir zum Verhängnis, denn so konnte ich fast nichts mehr sehen. Schon gar nicht, dass dort vereinzelt Stacheldraht gespannt war, zack, schon flog ich der Länge nach hin und die 20kg meines Rucksackes krachten auf meinem Rücken. Im ersten Moment dachte ich, das war’s.Irgendwas kaputt, aus und vorbei. Mein Begleiter half mir auf und ich stellte fest: Nichts passiert ausser ein paar Kratzern, ziemlich erschrocken haben wir uns beide.

Dann weiter zum Zaun. Hinlegen, die Order, plötzlich nicht mehr statische Scheinwerfer, nein bewegliche und das heißt: Da sitzt wirklich jemand, der uns finden will. Abwarten. Dann plötzlich auf und losrennen zum Zaun… haha… rennen. Am ersten Zaun mein erstes Entsetzen, der Zaun noch relativ gut intakt, nur ca. ein Meter hoher Stacheldraht. Das war noch leicht. Einige Meter weiter der zweite – ein richtiger Zaun mit 2,5 Meter hohem Stacheldraht, aber zum Glück schon ein Loch drin. Also durch und schon das nächste Malheur, der Zaun und meine Hose haben sich an mehreren Stellen ineinander verhakt. Zum Glück reisst meine Hose entzwei, einige Risse, Triangeln und ein paar Hautkratzer und dann war auch die Hürde genommen. Mit zerfetzter Hose ging es in eine Absenke zwischen Zaun und Bahnschienendamm, mein Begleiter checkte kurz die Lage und rannte schon mal über den Damm.

Mir war nicht klar, ob ich nun folgen sollte oder nicht, also wartete ich erstmal ab. Die Minuten verstrichen, eine gefühlte Ewigkeit, ich versuchte unauffällig Geräusche zu machen, leise zu pfeifen. Nichts passierte. Pfffft pssst hej! Verdammt, wo ist der mit meiner Tasche hin? Hat er mich zurück gelassen? Wurde er verhaftet? Es dauerte. Ich weiss nicht wie lange, aber dann war er plötzlich wieder da. Ich merkte eine leichte Stimmungsveränderung; vielleicht war er von meiner Langsamkeit genervt. Schwer zu sagen. Jetzt war Eile angesagt. Wir hatten den Bahndamm gerade überquert und uns durch den dortigen Stacheldrahtzaun gezwängt, da fuhr auf der anderen Seite ein Grenzkontrollwagen der türkischen Armee vorbei. Das war knapp.

Weiter über Äcker und Felder, bis wir offensichtlich auf syrischer Seite angelangt waren. Ein Dorf schien mir verlassen, stockfinster, aber die riesigen knurrenden und bellenden Hunde wiesen auf Bewohner hin. Ich dachte mir: Auch noch Kettenhunde, was soll es. Doch auf einmal sah ich, wie uns der eine oder andere Hund umkreiste. Bellend und knurrend patroullierten sie um uns herum, bis wir vermutlich ihr Revier verliessen. Dann öffnete sich eine Haustür, ein Mann schrie, was los sei, mein Begleiter sagte etwas, dann war wieder nur das Knurren der Hunde zu hören. Ein paar Gehöfte weiter wurden wir von einem Syrer empfangen und liefen nun zu dritt in Richtung Hauptstrasse. Dort angekommen übergab mir der Schmuggler meine Reisetasche, zeigte in die Richtung, in die ich 20 Minuten laufen solle. Dort sei ein YPG-Posten. Und tschüss, das war es, die beiden verschwanden zwischen den Gehöften.

Es war ungefähr 1.30 Uhr mitten in der Nacht, ich in Syrien auf einer einsamen Landstrasse nahe der Grenze, ach und natürlich nicht vergessen: Bürgerkrieg. Ich hatte einen rund zweistündigen Marsch hinter mir, Hunger, Durst und war müde. Super Bedingungen, was tun also? Im Bürgerkrieg nachts auf eine unbekannte Stellung zulaufen, kein Kurdisch und fast kein Arabisch können – schlechte Idee, dachte ich mir. Also erstmal eine Bleibe suchen, irgendwo am Strassenrand, wo keine Hunde sind. Erstmal hinsetzen und nachdenken, vielleicht etwas weiter abseits, so dass auch vorbeifahrende Autos einen nicht gleich sehen können.

Am besten gar nicht gesehen werden können, bis der Tag anbricht und dann weiter schauen.
Warme Klamotten anziehen, Gepäck ausrichten, Schlafsack auspacken und ablegen. Von aussen wird das ausgesehen haben wie ein Haufen von einem Strassenhändler. Das habe ich mir zumindest eingebildet. An Schlaf war aber leider nicht so richtig zu denken, da mir die örtlichen Mücken ordentlich zusetzten. Also das Mückenspray raussuchen; dann döste ich vor mich hin und schlief auch ab und an für kurze Zeit ein. Zum Glück war der Morgen nicht mehr weit.

Einige Zeit später fielen plötzlich mehrere kleine Steinchen auf meinen Schlafsack; ich erschrak und richtete mich auf, sah noch zwei kleine Kinder wegrennen. Ok, der Tag hatte begonnen, etwas unsanft, aber es war erst 6 Uhr in der Frühe, also beschloss ich mich noch einmal hinzulegen. Und schlief wieder ein. Dann stiess etwas gegen meine Schlafstelle, härter und bestimmter, als es Kinder hätten tun können. Ich zog meinen Schlafsack zurück und schaute in den Lauf einer AK47 Maschinenpistole. Eine alte Kalaschnikow, ca. 20 oder 30 Jahre alt, der Mann, der sie auf mich richtete, ungefähr doppelt so alt. Aber das ändert nichts an der Gefährlichkeit der Waffe und der Durchschlagkraft.

Ach Du Scheiße. Ein zweiter Mann im Hintergrund lud gerade seine Maschinenpistole durch, ok, Hände hoch und keine hektischen Bewegungen. Ich sagte ihnen auf arabisch, dass ich Journalist sei und aus Deutschland komme, dass ich Probleme hatte, die Grenze zu überqueren und dass ich keine Probleme wolle. Die beiden schon etwas älteren Männer durchsuchten mein Gepäck und forderten mich auf mitzukommen. So gingen wir zur Hauptstraße, dort stoppten sie einen Kleinbus und wir fuhren in eine Ortschaft. Im Bus saßen ein paar Syrer; zum Glück konnten zwei von ihnen etwas Englisch und versicherten mir: keine Probleme und keine Gefahr. Ich entspannte mich ein wenig. War aber noch immer aufgeregt und unsicher. Wir erreichten einen Checkpoint, erste Fahnen und Poster der YPG – kurdische Miliz, das ließ die Anspannung weiter weichen.

Im Checkpoint wurde ich skeptisch betrachtet, mir wurden erste Fragen gestellt, aber schnell legte sich die Aufregung und man lachte über mein Erscheinungsbild. Ein verpennter Deutscher mit zerrissenen Hosen auf syrischen-kurdischen Gebiet, das hatten sie bis dahin auch noch nicht erlebt. Der Kommandant konnte auch etwas englisch und so klärte sich die Lage weiter auf. Ich wurde zum Frühstück eingeladen. Dann versuchte ich meinen Kontakt auf syrischer Seite telefonisch zu erreichen, was glücklicher Weise auch gelang und ich gab das Gespräch an den Kommandanten weiter. Schnell wurde nun abgeklärt, wer ich bin und was ich mache. In einer Stunde würde ich von meinem Kontaktmann abgeholt werden. Bis dahin war Kommunikation und Tee trinken angesagt. Und mir wurde noch eine neue Hose angeboten, ich bestand aber darauf eine andere von mir mitgebrachte Hose anzuziehen. Etwas frisch gemacht, mit vernünftigen Kleidern und sichtlich erleichtert nach den Ereignissen der letzten Nacht stieg ich an das Auto von Abdul, meiner Kontaktperson in syrisch Kurdistan.

Die Zwischenstationen bis zur Rückreise:
-Ankunft Medienbüro
-Umsteigen zum Reisebegleiter
-Gespräche mit kurdischer Polizei und Militär
-Übernachtung in einer Basis – Mückenalarm
-Checkpoints, geschlossener Grenzübergang, Frontlinie

Die Rückreise in die Türkei sollte nicht so teuer werden und man hat mir auch versprochen, das es nicht so abenteuerlich zugehen würde. Für diese Tour musste ich nur 100 $ zahlen. Ok, damit konnte ich leben. Wir fuhren in eine verlassene Gegend und trafen dort auf eine Gruppe von syrischen Flüchtlingen. Alte, Frauen, Kinder und zwei Schmuggler, schon ging es los. Diesmal habe ich es geschafft, einem der Begleiter meinen schweren Rucksack über zu helfen, ach war das eine Erleichterung für mich. Der Arme, irgendwie fühlte ich mich schlecht dabei, ihn 20kg schleppen zu lassen. Wieder Felder und Absenkungen, wieder Stacheldraht und Suchscheinwerfer. Nur war der Stacheldraht auf der syrischen Seite für mich kein Problem, das hatten diesmal die anderen, die kannten das noch nicht.

Am Bahndamm erstmal sammeln, bis alle zusammen waren, dann rüber und auf der anderen Seite in einer Senke warten. Der richtige Moment entscheidet alles; auf einmal ein chaotischer Aufbruch, alle auf einmal durch den Stacheldrahtzaun. Das war klar, dass da der eine oder andere hängen bleibt, sich verletzt und auch die Kleidung darunter leidet. Ich habe natürlich auch wieder das Glück. Man kann das Gefühl gar nicht richtig beschreiben, der Draht hakt sich erst an einer Stelle in deine Kleidung. Bewegst du dich, dann verfängst du dich immer tiefer und fester. Wie eine Umklammerung, total hilflos. Das Einzige was nützlich ist: Wenn dir jemand hilft und man Stück für Stück den Draht von den Klamotten löst. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten, bis ich mich befreien konnte. Dann los in Richtung nächster Zaun. Ein Suchscheinwerfer bewegt sich. Plötzlich Panik bei den Begleitern, sie rannten auf einmal zurück, einer von ihnen nahm meinen Rucksack mit.

Ich wieder durch den Zaun Richtung Syrien und mir meinen Rucksack geholt. Scheiß drauf und nun mit vollem Gepäck, 20 kg Rucksack und 10 kg Reisetasche, zum nächsten Zaun. Die anderen waren schon durch und ich konnte sie gar nicht mehr sehen, also auch schnell durch und dann … tat sich vor mir ein Graben auf. Alle anderen waren schon drin in diesem Graben, ungefähr drei Meter breit und drei Meter tief, vielleicht auch etwas weniger, wer kann das in solch einem Moment genau sagen. Alles sträubte sich in mir gegen eine Sprung ins Ungewisse, in diesen schwarzen und dunklen Graben. Aber hier oben konnte ich auch nicht bleiben, ein Suchscheinwerfer zog seine Runden.

Und alles was ich jetzt nicht gebrauchen konnte, wäre eine Verhaftung durch das türkische Militär. Wobei – hin und wieder sollen die ja auch auf Flüchtlinge schießen.
Also setzte ich mich an den Rand und versuchte langsam herab zu gleiten. Das erste Stück war noch ein Gleiten; dann ging es aber schnell in freien Fall über. Die Landung war unsanft und mein Gepäck, das mir auf Kopf, Hals und Rücken fiel, gab mir fast den Rest. Scheiße. Wie soll ich hier je wieder raus kommen? Irgend jemand hatte was zum Draufklettern aufgetrieben – und dann erschienen plötzlich noch zwei hilfreiche Hände. Ruck zuck war ich samt Ausrüstung oben bei den anderen. Nun ging es wieder etwas entspannter zu, durch kleine Felder und nur noch ein Meter Stacheldrahtzäune. Dafür wurde das Gelände gefährlicher, mit rutschigen Abhängen. Plötzlich griff ein kleines Mädchen meine Hand, vermutlich suchte sie Halt oder etwas Hilfe. Wenn ich die letzte Stunde so zurück blickte, da hat sich schnell eine kleine Gemeinschaft gebildet, man half sich gegenseitig, keiner wurde zurück gelassen. Man war mehr oder weniger auf einander angewiesen.

Dann klingelte aus heiterem Himmel ein Telefon von einem der Begleiter. Al almani, der Deutsche, mir wurde das Telefon gegeben. An der anderen Seite war mein syrischer Kontakt, der sagte mir unmissverständlich: verlass die Gruppe. Die gehen zu einem Auto, mit dem sie weiter gebracht werden, du musst zur nächsten Ortschaft und dich allein durchschlagen. Das klang wie Musik in meinen Ohren, allein allein…. es folgte eine herzliche und schnelle Verabschiedung. Die Gruppe ging weiter zu ihrem Auto und ich zur Ortschaft. Ich lief durch menschenleere Straßen, etwas mulmig war mir schon.

Unverhofft ging ich an einer offenen Garage vorbei und das war wie eine Offenbarung für mich. Nein, nicht dort übernachten. Umziehen!!! war das Gebot der Stunde. Ganz schnell die kaputte Hose loswerden und die verdreckte Jacke ausziehen. So unauffällig wie möglich aussehen, mit dem Riesengepäck auch nicht gerade einfach. Ruck zuck umgezogen und weiter durch die nun mehr und mehr bevölkerte Stadt. Es war zwar schon dunkel, aber erst ca. 20 Uhr. Irgendwie musste ich ein Taxi, eine Bushaltestelle oder ein Hotel finden. Ich lief schon eine ganze Weile, hatte mir auch schon eine Flasche Wassser gekauft, da bemerkte ich, dass ich offensichtlich an einem Busbahnhof oder etwas ähnlichen vorbei lief. Also ging ich zurück, um den Pförtner zu fragen, ob das eine Busstation sei und dort ein Bus fahren würde.

Soweit bin ich dann gar nicht mehr gekommen. Eine Polizeistreife in Zivil hielt neben mir und fragte nach meinem Reisepass. Wer ich sei und was ich dort mache. Das war einfach erklärt, ich sei natürlich Tourist und würde durch die Gegend reisen, meine Stempel im Pass belegten diese Aussage und ich fragte die Beamten gleich, wann und wo der der nächste Bus fahren würde. Am nächsten Morgen die Antwort.

Und auf die Frage, wo das nächste Hotel sei: immer die Strasse runter …«