HeikeRost

Edition HeikeRost.com 2016 – Baltic Sea

Spaziergänge am Meer, im Herbst, an den Rändern des Tages: Weiches, wunderbares Licht. Dramatische Lichtstimmungen. Stille, schöne Momente unterwegs. Einige dieser Bilder habe ich via Facebook und Instagram veröffentlicht – und war überraschend von den zahlreichen Reaktionen. Von simplen Like-Klicks bis zu berührenden, persönlichen Mails haben sich viele Betrachter der Bilder bei mir gemeldet. Und nachgefragt, ob man die Bilder kaufen kann.

Weil schöne Prints glücklich machen, sind ab sofort einige Motive der Winterreise an die Ostsee in der Edition HeikeRost.com erhältlich. Mit einer kleinen Besonderheit: Erstmalig gibt es ein Motiv einer Serie in zwei Varianten, sowohl in Schwarzweiß als auch in Farbe. Alle Bilder sind in drei Größen erhältlich. Mehr Informationen zu Formaten, Preisen, Bestellung und Versand finden Sie auf der Infoseite der Edition HeikeRost.com.

Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit, ein Lieblingsmotiv als großformatiges Bild im Wunschformat sowie auf verschiedenen Materialien von Alu-Dibond bis Acryl zu kaufen. Anfragen dazu erreichen mich am besten via printsale2016[ät]heikerost.com.

Aus dem Bücherregal: »Sehnsuchtsfels Mallorca«

Zwischen hochglanzbunt aufgehübschten Reiseführern, den zahllosen Zeitschriften für Fernweh-Infizierte und Abenteuerlustige und den im Dutzend angebotenen, aufwändigen Bildbänden verbirgt sich glücklicherweise oft genug Überraschendes: In diesem Fall das wunderschöne, leise Buch »Sehnsuchtsfels Mallorca«. Die Gemeinschaftsproduktion der Autorin Charlotte Kerner und der Fotokünstlerin Anja Doehring ist behutsam und liebevoll beobachtet, fängt dennoch auch mit präzisem Blick Macken und Marotten ein, berichtet über Veränderung, Kritikwürdiges und mitunter Verlorengegangenes. Diese Mischung macht das Buch zu einem sehr persönlichen, lesenswerten Porträt einer Insel, deren Wahrnehmung meist von Ballermann und Massentourismus geprägt – und unverzeihlich getrübt – wird.

Ob Momentaufnahmen von Straßen und Dörfern, gänzlich unspektakuläre Landschaftsbilder, Porträts und Details – das Zusammenspiel aus kenntnis- wie detailreichen Geschichten und stillen Bildern verdeutlicht, was der Titel der intensiven Gespräche mit Mallorca-Liebhabern umschreibt: »Warum Mallorca« … nichts von seiner lichtdurchfluteten, lebensfrohen Sinnlichkeit eingebüßt hat, zeitlos schön ist und bleibt. »Hier kann ich nicht losrennen, sondern muss auf den Boden schauen, einen Schritt nach dem anderen setzen, um nicht zu stolpern. Die Bäume zwingen mich langsam zu werden …« schreibt Charlotte Kerber über einen ihrer mallorquinischen Lieblingsplätze unter den alten Bäumen, deren knorrige Wurzeln die alltagsgewohnt eiligen Füße innehalten lassen zwischen Meer und Himmel.

Processed with Snapseed.

Einerseits poetisch-literarisch, andererseits süffisant-ironisch und augenzwinkernd, ist das ungewöhnliche Buch der beiden Autorinnen eine Einladung: An die Entdecker unter seinen Lesern, die ein ganz anderes Bild von Mallorca im Kopf haben und die Insel anders entdecken möchten. An diejenigen auch, die schon längst ihr Herz an den Sehnsuchtsfelsen verloren haben und immer wieder kommen, weil sie seinem Zauber verfallen sind. Das Buch eröffnet vielschichtige Einblicke in das reiche Innenleben einer Insel, die Einheimische liebevoll sa Roqueta, »unser Fels« nennen. In die Seele von Mallaroca, die eine Mischung kultureller Phänomene und Brüche, nicht nur historisch bedeutsamer Geschichte(n) mit bisweilen verstörenden Facetten und atemberaubender Schönheit ist. Eine Insel, Sehnsuchtsfelsen eben, zwischen Wald, Meer und Himmel, die berührt und fesselt, Spuren im Herzen hinterlässt – in einer Vielfalt und Sinnlichkeit, die so viele Reiseführer mit ihrer bunt bebilderten Opulenz förmlich erschlagen.

»Més verd que un taronger, més negre que un tros de carbó.« – grüner als ein Orangenbaum und schwarz wie ein Stück Kohle, so lautet eine mallorquinische Beschreibung der Baleareninsel. Wer je die salzige Luft am weiten, blau-goldenen Strand von Es Trenc geschnuppert hat, wer atemlos die steinerne Pracht der Kirchen bewunderte, durch Kiefernwälder und Olivenhaine gewandert ist und in allem die Zeit vergessen hat, der weiß um den Zauber von Entschleunigung und Zeitlosigkeit an diesem Sehnsuchtsort. Und wird das Buch lieben – als Überbrückungslektüre für die Zeitspanne fern der Insel.

Zusätzlich haben Charlotte Kerner und Anja Doehring eine interessante Auswahl weiterführender Lektüre zusammengestellt. Eine umfangreiche Liste im Anhang des Buchs bietet Einblick in die Inspiration der Autorinnen und ist zugleich Begleitung für Neuentdecker und Kenner. Ganz ohne Reiseführer und Kommerz, dafür mit jeder Menge Tipps für Reise- und andere Lektüre und Links auf die Websites porträtierter Künstler und Schriftsteller.

»Sehnsuchtsfelsen Mallorca. Porträt einer Insel« von Anja Doehring (Fotos) und Charlotte Kerner (Text) ist 2016 im Ernst Wasmuth Verlag erschienen und für 34 € im Buchhandel erhältlich.

IF/SummerAcademy 2016: Fotografie mit allen Sinnen

Innenhof Paradeis
Abends in Margreid
Bistro »Sunrise« in Margreid
Paradeis Interieur
Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott
Print-Ausstellung im Innenhof des Cason Hirschprunn/Paradeis
Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler
Barrique-Fässer im Weingut Alois Lageder
Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler
Paradeis Interieur
Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott
John McDermott während seines Workshops
Jäger und Sammler? Fotograf!
Paradeis Interieur
Geraldine Ros bei Paul Leclaires Workshop »Tanz«
Fine Art Printing mit Hermann Will
Innenhof des Paradeis
Paul Leclaire
Klaus Bothe
Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler
Paradeis Interieur
Beim Workshop »Tanz« von Paul Leclaire
Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros
Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros
Paradeis Interieur
In Margreid/Südtirol
Workshop »Fashion« von Petra Stadler
Paradeis Interieur
Innenhof im Weingut Tenuta
Alois Lageder während des Workshops von John McDermott
Paradeis Interieur
Treppenhaus im Paradeis

Innenhof Paradeis

Abends in Margreid

Bistro »Sunrise« in Margreid

Paradeis Interieur

Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott

Print-Ausstellung im Innenhof des Cason Hirschprunn/Paradeis

Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler

Barrique-Fässer im Weingut Alois Lageder

Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler

Paradeis Interieur

Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott

John McDermott während seines Workshops

Jäger und Sammler? Fotograf!

Paradeis Interieur

Geraldine Ros bei Paul Leclaires Workshop »Tanz«

Fine Art Printing mit Hermann Will

Innenhof des Paradeis

Paul Leclaire

Klaus Bothe

Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler

Paradeis Interieur

Beim Workshop »Tanz« von Paul Leclaire

Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros

Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros

Paradeis Interieur

In Margreid/Südtirol

Workshop »Fashion« von Petra Stadler

Paradeis Interieur

Innenhof im Weingut Tenuta

Alois Lageder während des Workshops von John McDermott

Paradeis Interieur

Treppenhaus im Paradeis

Vom 24. bis 28. August werden sich engagierte Fotografen voller Leidenschaft an der Südtiroler Weinstraße in die Fotografie vertiefen – mit Spaß und exzellenten Referenten: Die IF/SummerAcademy findet dieses Jahr zum dritten Mal statt.

Als jährliches Highlight der IF/Academy berührt die dreitägige Veranstaltung alle Sinne: bewusst sehen, Spannendes hören, Wein verkosten, Südtiroler Sommer riechen und Fotos produzieren. Die Fotoworkshops, die an allen Tagen jeweils vormittags und nachmittags belegt werden können, bieten den Teilnehmern interessante Begegnungen mit Fotografie, Emotionen, mit Kreativität und Inspiration rund um die Welt der Bilder.

Anders sehen

»Die weltbesten Visualisten oder Fotografen machen genau die Bilder, die sie vorher im Kopf haben.« sagt Coach und Fotograf Rüdiger Schrader, der den Workshop »Visuelles Denken leiten wird. Er hilft, Bilder im Kopf zu entwickeln und zu formulieren. Die Fotografen Paul Leclaire, John McDermott, Uwe Statz, Petra Sagnak, Andreas Marx und Petra Stadler stellen sich mit den Teilnehmern in ihren jeweiligen Workshops den Herausforderungen des »bewussten Sehens«: Wie sieht und reagiert man auf gegebene Lichtverhältnisse oder Szenen, die sich vor den Augen entfalten? Wie verändern ein ungewohnter Einsatz von Objektiven oder der Kamera die Ergebnisse und das, was man eigentlich sieht? Wie kann man das, was man beobachtet und empfindet in eine fotografische Geschichte umsetzen, andere visuell berühren?

Spannendes hören

In sich hineinhorchen, auf seine innere Stimme hören und Ideen formulieren. Zuhören und aus dem Erfahrungsschatz der Experten schöpfen. Vorträge im Kornspeicher, Gespräche mit Fotografie-Enthusiasten im historischen Innenhof oder das abendliche Glas Wein befruchten die Erkenntnisse und Motivation der Teilnehmer. Kritik, Feedback und Portfolio Reviews stehen ebenfalls auf der Agenda. Die Begegnung mit Fotografie wird so auch zur Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen und ihren individuellen Sichtweisen – in inspirierender Umgebung.

web_20150829_Margreid-1007241-2Wein schmecken und Südtiroler Sommer riechen

Der Veranstaltungsort der IF/SummerAcademy befindet sich in den ehrwürdigen Mauern des Ansitz Casòn Hirschprunn auf dem Weingut Alois Lageder in Margreid an der Südtiroler Weinstraße. Die umliegenden Weinberge, der traumhafte Innenhof und die blühende Gartenanlage bilden neben der Vineria Paradeis und dem Palazzo aus dem.13. Jahrhundert die bezaubernde Kulisse und schaffen so die besondere Atmosphäre der Veranstaltung. Begleitende Partner oder Familien finden an der Südtiroler Weinstraße eine Fülle an sportlichen und kulturellen Freizeitmöglichkeiten.

web_20150829_Margreid-1007929 Bilder zum Anfassen

FineArtPrinter Hermann Will liefert einen besonderen Service: Er druckt die Bildergebnisse der Workshops aus. An der beliebten »Galerie auf der Wäscheleine« im malerischen Innenhof werden diese Fotos präsentiert. Teilnehmer können ihre Werke in der Hand halten. Bilder zum Anfassen – eine Besonderheit im Konzept der IF/SummerAcademy, die den Erfahrungshorizont ihrer Teilnehmer erweitert, das Vertrauen in die eigene Fotografie stärkt, neue Inspirationen bietet und innovative Impulse setzt.

Für schnelle Entscheider gilt der Frühbuchertarif von 795€ noch bis zum 15. Juli 2016.
Informationen und Buchung über die Website der IF/Academy oder direkt über Claudia Brose.

Charlie Hebdo – Zwischen Provokation und Entwürdigung

charliehebdoEs ist ein gallebitterer Humor, der einen aus den Karikaturen des französischen Magazins »Charlie Hebdo« anspringt. Er tut weh, überschreitet Grenzen von Geschmack und Gefühlen, konfrontiert seine Betrachter mit der schmerzhaften Widerwärtigkeit aktuellen Geschehens. Für diesen brachialen, von vielen Menschen als geschmacklos empfundenen Stil ist das Magazin bekannt. Nicht erst seit den Anschlägen auf die Redaktion, denen ein Großteil der Mitarbeiter zum Opfer fiel. Die Überlebenden machen weiter. Und lösen weiter kontroverse Diskussionen aus.

Diesmal über eine Zeichnung, die das Geschehen Silvester 2015 ins Visier nimmt. Europaweit wurden in vielen Städten, vor allem in Köln, Frauen gezielt sexuell belästigt und ausgeraubt. Auf der Karikatur jagen männliche Gestalten mit verzerrten, Affen ähnlichen Gesichtern und ausgestreckten Armen (»Armlänge«!) Frauen hinterher, die vor ihnen flüchten. Eine zweite, kleinere Zeichnung in der Zeichnung erinnert an das ertrunkene Flüchtlingskind Aylan Kurdi, dessen Foto im vergangenen Jahr weltweit Empörung und Trauer auslöste: Das tote kleine Junge wurde zum Symbol der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer und verlieh der Tragödie ein menschliches Gesicht. Jetzt fragt »Charlie Hebdo«: »Was wäre aus Aylan Kurdi geworden, wenn er groß geworden wäre?«. Und liefert eine so kurze wie bittere Antwort dazu: »Ein Arschgrabscher in Deutschland«. Das zwiespältige Bild löste prompt eine heftige Diskussion in den Sozialen Netzwerken aus. Nicht etwa um Versäumnisse der Flüchtlingspolitik, über gesetzliche Regelungen, bürokratisches Versagen (Stichwort LaGeSo, Berlin) oder politische Fehler. Mit überaus konträren Positionen, bisweilen heftig und mit brachialem Getöse ist die Debatte um die Karikatur vor allem Beleg dafür, welche enorme emotionale Wirkung Bilder auf ihre Betrachter haben. Und zeigt mit ihrer überwiegend fehlenden Differenzierung sehr beeindruckend, welch vermintes Gelände das komplette Thema mittlerweile geworden ist.

»Sie muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird …« schrieb Kurt Tucholsky und beantwortete die Frage, was Satire darf, kurz und bündig mit dem Wort »Alles!«. Einige Stimmen von Kollegen, die ich heute nach ihrer Meinung befragt habe, spiegeln die Bandbreite dessen, was Charlie Hebdos Karikatur auslöst:

»Mir fällt langsam nicht mehr ein, wie krass widerwärtig es eigentlich noch werden kann.« Juliane Leopold, Buzzfeed

»Aylan Kurdi würde als Überlebender auf der Kölner Domplatte sexuelle Straftaten begehen? Ist das pure Provokation, schlechte Satire, gefühlskalte Geschmacklosigkeit oder bittere Realität? Wohl ein bißchen von allem, was der Zeichner Laurent Sourisseau alias Riss für „Charlie Hebo“ fabriziert. Mit Empörung, Anklage oder Kopfschütteln ihm gegenüber sollte man aber zurückhaltend sein: wer die Ermordung von zwölf Kollegen durch islamistische Fanatiker aus nächster Nähe erleben durfte, für den gelten andere Regeln. Im Übrigen halte ich es für durchaus legitim, zu fragen, welches Leben das Abendland dem kleinen Aylan Kurdi zu bieten gehabt hätte.« Rüdiger Schrader, Trainer, Coach, Fotograf und bis 2013 langjähriger Bildchef des Magazins Focus.

»Geschmack übertreten, gewiss, gallig sein, verletzen auch – das darf Satire, das ist die DNA der guten Karikatur. Was aber, wenn Sarkasmus zu Hetze wird? 2015 wird das Bild des ertrunkenen Kindes zum Menetekel einer verfehlten Flüchtlingspolitik. 2016 taucht der ertrunkene Junge wieder auf und stellt mit Affenfratze Frauen nach. Nichts daran ist witzig, aufklärend oder real: Das tote Kind symbolisiert Elend und Flucht, nicht für potenzielle Jagd auf Frauen. Die Macht des Fotos wird missbraucht für eine erfundene Botschaft, die sich der Bildsprache des Nazi-Organs »Stürmer« bedient. Charlie Hebdo, das Opfer, wird zum Spalter und Täter. Statt Florett die Bombe des Hasses: mit der Aussage »Gut, dass das Kind tot ist.« So vertieft diese Karikatur den Abgrund, den Kunst überwinden könnte.« Horst Kläuser, WDR

Ich habe mit vielen anderen Kollegen gesprochen, zugehört, ihre sehr unterschiedlichen Positionen überdacht. Und mich gefragt, was meine eigene Haltung zu dieser Karikatur ist. Gerade weil ich mich vor einigen Monaten für eine Veröffentlichung des bedrückenden Fotos von Aylan Kurdi aussprach, war und ist diese Karikatur für mich schwer erträglich – und überschreitet für mich die Grenze dessen, was Satire darf. In überzeichneter Form greift Charlie Hebdo die widerlichen rassistischen Kommentare zum Bild des toten Kindes auf, deren schlimmste lauteten: »Einer weniger!«

Das Schlüsselwort ist für mich in diesem Fall »Menschenwürde«: Das Schicksal des auf der Flucht ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi gab den anonymen Zahlen, den grauenvoll abstrakten Bildern zahlloser Leichen an Stränden und in einem LKW ein menschliches Gesicht. Den Opfern einer unvorstellbaren, humanitären Katastrophe gibt das im Nachhinein einen Teil ihrer Würde zurück: »Wegsehen und wäre die schlimmere Entwürdigung«, schrieb ich in einem Beitrag dazu. Das tote Kindes zu verbinden mit der Behauptung, Alan Kurdi wäre ein Krimineller geworden, hätte er nur überlebt, macht Charlie Hebdo nicht nur zum Komplizen eines gesellschaftlichen Klimas. Mit der fahrlässigen Verallgemeinerung nimmt diese Karikatur dem toten Kind stellvertretend für alle toten Flüchtlinge nachträglich jegliche Würde – und Charlie Hebdo macht sich zum Mittäter.

Nachtrag: In einem vergleichbaren Fall zeigte das Titelbild eines Satiremagazins 2012 Papst Benedikt XVI mit urin- und kotbefleckter Soutane. Zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat führten zu einer öffentlichen Rüge. Die Begründung des Gremiums im Wortlaut: »Die Darstellung des Papstes ist entwürdigend und ehrverletzend. Nach Ziffer 9 widerspricht es journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen. Diesen Grundsatz hat die Zeitschrift verletzt. Zwar hat Satire die Freiheit, Kritik an gesellschaftlichen Vorgängen mit den ihr eigenen Stilmitteln wie Übertreibung, drastischer Sprache sowie Ironie in Wort und Bild darzustellen. Aber auch diese Freiheit findet ihre Grenzen in der unverletzlichen Würde eines Menschen.«

(Die Entscheidung des Deutschen Presserats ist online in der Datenbank des Presserats recherchierbar, Aktenzeichen 0404/12/1.)

©HeikeRost.com 14.1.2016

Begegnungen unterwegs: »Monohydra«

Einblicke in »Monohydra« - ©Hengki Koentjoro 2015 - Alle Rechte vorbehalten.
Es ist ein berückendes, leises, poetisches Buch der Bilder, in denen man versinken kann; eine liebevolle, berührend zarte Hymne an die Schönheit fremder Welten: Luftblasen, die im spärlichen Licht unter Wasser bizarre Figuren und sogar Ringe formen. Fischschwärme, die unter Wasser in abstrakter Schönheit funkeln, Blüten mit Wassertropfen, berührend schlicht und schön eingefangen von einem Meister der Betrachtung – und der Photographie.

Aus »Monohydra« - ©HeikeRost.com - Alle Rechte vorbehalten.

Hengki Koentjoros Buch »Monohydra«, das ich auf der Frankfurter Buchmesse das erste Mal in der Hand hielt, liegt seit einer Weile aufgeschlagen auf meinem Tisch: Mit seiner schnörkellosen Gestaltung, der wortlosen Präsentation der Schwarzweiß-Photographien, ist es zu einem meiner Lieblingsbücher des Jahres 2015 geworden. Zu einem Begleiter für die nachdenklichen Momente, in denen ein Photograph zur Ruhe zurückfindet. Nichts lenkt den Blick ab in diesem Buch der Stille, das mit seinem mattschwarzen Einband, dem ebenfalls matten Druck auf dunklem Papier dennoch ein Buch des Lichts und der Leichtigkeit ist.

»Still waters run deep« schreibt Koentjoro als Einleitung zu »Monohydra«, um auf eine Reise in eine andere Sphäre der Unterwasserwelten zu entführen. In seinem Vorwort schreibt Hengki Koentjoros Kollege und Freund Michael Kenna, es sei ein Privileg, mit den Augen des indonesischen Photographen jene Wunder zu entdecken, die dem bloßen Auge oft verborgen sind und in ihrer Flüchtigkeit zugleich Aufforderung sind, die Wichtigkeit von Langsamkeit und Stille zu wertschätzen.

Wer je tauchen war, weiß um die zerbrechliche, farbenfrohe Schönheit der Bewohner dieser anderen Welt. Und erinnert sich: An die berückende Stille, das bezaubernde Licht der blauen Unendlichkeit unter dem Meer und an die entschleunigte Andersartigkeit aller Bewegung in der Tiefe. »Little fishes swim upstream« – und lassen den Betrachter berührt, nachdenklich und fasziniert staunen.

»Monohydra« von Hengki Koentjoro ist bei Afterhours Books erschienen und über den Online-Shop des indonesischen Verlags erhältlich.

Weiterführende Links:
Hengki Koentjoros Website
Hengki Koentjoro bei Flickr

»Ihr müsst Bilder fressen ohne Ende!«*

Innenhof Paradeis
Abends in Margreid
Bistro »Sunrise« in Margreid
Paradeis Interieur
Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott
Print-Ausstellung im Innenhof des Cason Hirschprunn/Paradeis
Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler
Barrique-Fässer im Weingut Alois Lageder
Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler
Paradeis Interieur
Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott
John McDermott während seines Workshops
Jäger und Sammler? Fotograf!
Paradeis Interieur
Geraldine Ros bei Paul Leclaires Workshop »Tanz«
Fine Art Printing mit Hermann Will
Innenhof des Paradeis
Paul Leclaire
Klaus Bothe
Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler
Paradeis Interieur
Beim Workshop »Tanz« von Paul Leclaire
Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros
Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros
Paradeis Interieur
In Margreid/Südtirol
Workshop »Fashion« von Petra Stadler
Paradeis Interieur
Innenhof im Weingut Tenuta
Alois Lageder während des Workshops von John McDermott
Paradeis Interieur
Treppenhaus im Paradeis

Innenhof Paradeis

Abends in Margreid

Bistro »Sunrise« in Margreid

Paradeis Interieur

Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott

Print-Ausstellung im Innenhof des Cason Hirschprunn/Paradeis

Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler

Barrique-Fässer im Weingut Alois Lageder

Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler

Paradeis Interieur

Alois Lageder, Chef des Weinguts Tenuta, während des Workshops von John McDermott

John McDermott während seines Workshops

Jäger und Sammler? Fotograf!

Paradeis Interieur

Geraldine Ros bei Paul Leclaires Workshop »Tanz«

Fine Art Printing mit Hermann Will

Innenhof des Paradeis

Paul Leclaire

Klaus Bothe

Workshop »Fifty Shades of Grey« von Petra Stadler

Paradeis Interieur

Beim Workshop »Tanz« von Paul Leclaire

Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros

Workshop »Tanz« von Paul Leclaire - mit Geraldine Ros

Paradeis Interieur

In Margreid/Südtirol

Workshop »Fashion« von Petra Stadler

Paradeis Interieur

Innenhof im Weingut Tenuta

Alois Lageder während des Workshops von John McDermott

Paradeis Interieur

Treppenhaus im Paradeis

Photographie ist wunderbar, ist Emotion, Leidenschaft, Liebe. Und bedarf vielfältiger Inspirationen: Für das eigene Sehen, für die Ideen, für die Erweiterung des eigenen visuellen Horizonts. In ihrer Konzeption setzt die IF/Academy auf intensiven Austausch: Photographie-Enthusiasten aller Couleur haben sich Ende August zur »IF Summer Academy« getroffen. An einem Ort, der passender nicht sein könnte: Die in Würde gealterten und behutsam restaurierten Räume von Paradeis und Cason Hirschprunn haben ihre ganz eigene Magie aus Licht und Atmosphäre. Aus der Vielfalt der Workshops in Kombination mit langen Gesprächen wird intensive Begegnung: Mit dem Licht, mit Photographie, mit Menschen und Orten.

Daher an dieser Stelle statt vieler Worte … Bilder.

Verbunden mit einem herzlichen Dankeschön:
An die Teilnehmer und Trainer – für die spannenden Gespräche und Begegnungen, die mit dem Ende der Academy noch längst nicht beendet sind, sondern weitergehen.
An Claudia Brose, Klaus Bothe und das Team der IF/Academy – für die gut gelaunte, perfekte Organisation.

Weiterführende Links:

Die Website der IF/Academy
Das Blog zur IF/Academy: Lesenswertes über die Veranstaltung(en) hinaus
Claudia Brose, IF/Academy, über die IF Summer Academy 2015 – mit weiteren Informationen zu den Workshops und Trainern.
Die Facebook-Seite der IF/Academy – mit zahlreichen Eindrücken, Bildern und Beiträgen der Veranstaltung.

Photos: ©HeikeRost.com 08/2015 – Alle Rechte vorbehalten.

* »Ihr müsst Bilder fressen ohne Ende!« ist ein eindrückliches Zitat von Rüdiger Schrader, Fotograf, Trainer und Coach: Was wir fühlen und sehen, welche Bilder daraus entstehen, das ist wichtiger als bloße Technik.

Deutschland 5 Uhr 30

Bilder in kühler Abstraktion. Düster-dramatisches Licht; Orte, die gelegentlich spektakulär und bisweilen eher unscheinbar sind. Bilder ohne Menschen. Das ist Deutschland 5 Uhr 30, ein tiefgründiges Projekt des Lichtbildners Dieter Röseler – seine Referenz und Hommage an einen anderen großen Fotografen aus der gemeinsamen Heimatstadt am Rhein: »Ich habe keinen Vornamen« Chargesheimer, dessen 5 Uhr 30- Fotografien Bestandsaufnahme und sperrige Liebeserklärung an »seine« Stadt Köln waren.

Die melancholischen Bilder von Dieter Röseler sind Notizen, die sich nicht auf eine Stadt konzentrieren, sie lassen auf ein ganzes Land blicken. Ein »Verstehen auf den ersten Blick« ist unmöglich, man muss sich auf diese Notizen einlassen und sich visuell einlesen, sich der Nachdenklichkeit öffnen. Als »Bestandsaufnahme« deutscher Gegenwart setzen die mittlerweile über 260 Fotografien in ihrem sehr speziellen Zusammenklang zugleich Bezugspunkte zu Vergangenheit und zum Kulturerbe des Landes; sie zeigen in ihrer dunklen Wuchtigkeit individuelle Perspektiven und nachdenkliche Lehrstücke – über vergessene, mitunter verdrängte und unbekanntere Geschichte(n), über Umweltzerstörung und Kommerz, Zersiedlung und Verfall, über Einsamkeit und verrinnende Zeit.

So divergierende Orte wie das Worringer Schlachtfeld, das Bayer-Kreuz in Leverkusen, Rostock-Lichtenhagen, das Ostseebad Prora oder das »Märchenschloss« Neuschwanstein Ludwig II. von Bayern bilden den Rahmen für eine Erkundungsreise durch gesamtdeutsche Befindlichkeiten. Dieter Röselers Stationen sind Abbilder und Verortung gescheiterter Politik, verlorener Unschuld und Schilderungen von Traumata deutscher Geschichte: Drittes Reich, RAF und Stuttgart21. Anlässlich der »Silberhochzeit« beider lange getrennten Hälften Deutschlands konzipiert und umgesetzt, klingen in den visuellen Erzählungen des Lichtbildners Röseler über sein Heimatland auch literarische Bezüge an, die an Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder Günther Grass erinnern.

Ohne Überschwänglichkeit und Schwärmerei, ohne überzogenes Pathos sind die Fotografien des Projekts »Deutschland 5 Uhr 30« stille Betrachtungen des Landes und seiner Gegenwart. Aus ihnen spricht spürbares Unbehagen, in ihnen wird der besorgte Blick des fotografischen Forschers und Chronisten Dieter Röseler erkennbar: hier wurde keine Traumehe geschlossen, bestenfalls eine Vernunftehe.

Projektbegleitend wird vom arthellweg verlag eine limitierte Edition herausgegeben, die am 30. September 2015 in der Künstlerkolonie Worpswede präsentiert wird. 25 Motive der Serie sind als Einzelblätter, kleine Werkgruppen oder Komplettausgabe erhältlich. Mehr Informationen dazu hier.

»Deutschland 5 Uhr 30« ist als Preview-Ausstellung vom 2. – 31.10.2015 in der Künstlerkolonie Worpswede, Hotel Worpsweder Tor, zu sehen. Hier gibt’s weitere Infos zur Ausstellung.

Dieter Röseler im Netz:
WebsiteFacebookInstagram

»Deutschland 5 Uhr 30« im Netz:
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Fotos: ©Dieter Röseler – aus der Serie »Deutschland 5 Uhr 30«

Reflections on Photography

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»It’s a question of concentration. Concentrate, think, watch, look and, ah, like this, you are ready. But you never know the culminative point of something. So you’re shooting. You say, “Yes. Yes. Maybe. Yes.” But you shouldn’t overshoot. It’s like overeating, overdrinking. You have to eat, you have to drink. But over is too much.« Henri Cartier-Bresson

I couldn’t agree more to these words. Here are some notes and thoughts from my sketchbook, written over years in photography – and also topics of my upcoming workshops:

If you focus on focus you probably can’t focus.
Too much reflections on camera settings and gear block your attention for life in front of your camera. Think. But don’t overintellectualize. Sense and trust in intuition, for too much reflection can be a serious drawback on the way to deeper insights.

Make your individual choices due to your vision, ideas and concept about images.
I’m definitely not talking about shutter speed, focal length and aperture here. Vision starts before you even grab your camera to make photos. And vision is more about you and your attitude towards life then about camera settings, lenses and post production.

Slow down.
In terms of frames: Why using your camera as a kind of machine gun to make your choices among hundreds and thousands of crappy frames that mirror sloppiness in many aspects? Make your choices, concentrate and focus on each frame you take. See. Listen instead of talking. Silence is a great teacher.
In terms of gear: Great photos don’t necessarily result from the most expensive, presumably »best« camera gear. Your camera is nothing but a tool to make your vision visible to others. But also a tool to learn how to see without a camera. (And certainly this is not a one way road…)

Be familiar with your camera.
Imagine being blindfolded while changing camera settings or grabbing another lens from your camera bag. You fail? Try again. RTFM. Sort your thoughts as well as your camera bag. You still fail? Try harder. And again. You manage that challenge? Great. Go on, make photos. Every day. It’s that simple.

Know who you are.
It’s possibly the most important challenge a photographer could face. Richard Avedon said »My portraits are more about me then about the people I photograph.«. True. The question is not who you are as a photographer – but as a person. Your vision mirrors every tiny bit of you and what you stand for; it reflects your very personal limits, skills and emotions, including uncertainty, anxiety, sulkiness – and your photography does as well.

Get close and in touch.
It’s common to (mis)interprete Robert Capa’s famous quote »If your photos are not good enough you were not close enough.«. Being close doesn’t necessarily mean the aspect of physical distance – but mostly emotional distance. Get in touch, with a look into someone’s face and eyes. Smile. Start a conversation. It’s not that difficult, it’s about mutual respect and trust before you slam your 35mm lens, camera and yourself into someone’s face. With a regard the previous point here: Treat others the way you wish them to treat you. It’s that simple. (Greetings from my Prussian grandmother, by the way.)

Empty your eye memory from rubbish.
Unblock your mind, embrace blankness and open up for imagination instead. Learn about and train the power of perception and observation. Shut your eyes in order to see – referring to Paul Gauguin’s wise words from a painter’s perspective. (And also delete that hoarded tons of crappy, blurry, poorly exposured photographs from your computer…)

Just looking at something is not enough.
Observe. Be attentive with all senses. The more you see beyond the surface, the less equipment you need. The image follows your vision.

Again: Slow down.
Take your time. Thinking of Saul Leiter here: »… in no great hurry.«
Slow down the speed of chronos for the chance of kairos (the greek term Καιρός fits Henri Cartier-Bresson’s »decisive moment«).

Zen is a great concept in life. And also in photography that results from life (which is much more important at the end of the day, though).

Additional links:
»There Are No Maybes« – A great interview with Henri Cartier-Bresson.
»Thusness and Image« – A book by photographer Dennis Cordell who focuses on the image as a form of contemplation.
»Kairos – Phenomenology and Photography« by Chan-fai Cheung (book review on Knut Skjaerven’s blog, e-book available here)
»In No Great Hurry« – »In No Great Hurry – 13 Lessons In Life« is an inspiring film and portrait about photographer Saul Leiter.

Nachdenken über Photographie

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Wer über Bilder spricht und sich mit der Frage beschäftigt, welche Geschichten sie erzählen, muss sich auch mit Veränderungen der Photographie auseinandersetzen. Dank Smartphones mit integrierten Kameras, erschwinglicher und perfekter Hard- und Software ist Photographie allgegenwärtig und jederzeit für jeden verfügbar. Das ist zutiefst demokratisch und verhilft denen zu Aufmerksamkeit, die bisher unbeachtet blieben. Unter wirtschaftlichen Aspekten, der umwälzenden Verschiebung von Angebot und Nachfrage, der Diskussion um Bildrechte und globale Verbreitung darf man die aktuelle Situation aber auch kritisch betrachten. Der Wert von Photographie hat sich nachhaltig verändert. Die Schere zwischen hochpreisigen Werken – ich denke dabei an Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Peter Lik – und Bildern von Microstock, Royalty Free und Leserreportern klafft stetig weiter auseinander. Immer weniger Photographen sind in der Lage, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Arbeit zu bestreiten und geben zum Teil ihren Beruf auf. Der Wertverfall der Bilder trifft dabei eine Branche, die ohnehin unter großem Druck steht. Stagnierende, meist gekürzte Honorare, fehlende Redaktionsetats, eingestellte Publikationen, Stellenabbau in immer stärker ausgedünnten Redaktionen – die Liste ist zu lang für diesen Beitrag.

»Jeder kann photographieren«

Die beschriebene wirtschaftliche Situation ist jedoch nur eine Seite einer Betrachtung, die mich schon lange beschäftigt. Denn der schlichte Satz »Jeder kann photographieren!« ist nicht allein hinsichtlich eines implodierten Marktes interessant. Noch nie war tatsächlich jeder in der Lage, selbst ohne größeres, handwerkliches Wissen scharfe, richtig belichtete und künstlerisch verfremdete Bilder zu machen. Direkt in der Kamera bearbeitete Fotos, zahllose Apps mit vorgefertigten Filtern haben unser Sehen nachhaltig verändert. Auch die im Vergleich zu analoger Photographie gänzlich andere Ästhetik des Digitalen in punkto Farbigkeit, Brillanz und Bildschärfe trägt dazu bei. Ich sage übrigens bewusst »andere Ästhetik« und nicht etwa »bessere« oder »schlechtere«. Technische Prozesse sind technische Prozesse, ihre Unterschiedlichkeit ist ein wesentliches Stilmittel photographischer Arbeit. Genausowenig unterscheide ich zwischen Profi und Amateur. Im besten Fall liebt der Profi seine Tätigkeit so, wie es der Amateur tut; dennoch verläuft zwischen beiden Bereichen eine unsichtbare Grenze. Vielen Profis sind die tiefgreifenden Veränderungen ihres Berufs geläufig, vor allem hinsichtlich ihrer wirtschaftlich immer schwierigeren Situation. Andere Aspekte wie Sehen, Wahrnehmen und psychologische Grundlagen von Bildsprache und -wirkung sind gleichwohl auch den Profis der Branche nicht immer bewusst. Und viele Amateure haben sich weder mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Branche noch mit den Folgen ihres Tuns beschäftigt, geschweige denn damit, wie sich das Digitalzeitalter auf eine Kultur des Visuellen auswirkt.

Wolfgang Zurborn – »Catch«

Ausschnitt aus »Catch« © Wolfgang Zurborn - Alle Rechte vorbehalten.Flanierend, skizzierend, beobachtend, kombinierend – aus ungewohntem Blickwinkel Versatzstücke des Gesehen neu zusammensetzend, detailverliebt, augenzwinkernd, amüsiert, treffsicher und bisweilen boshaft, ohne bösartig zu sein: Wolfgang Zurborns Bilder seiner neuen Monographie »Catch« sind von spröder Stille und herbem Reiz. Ihre Komposition und Geschichten erschließen sich nicht sofort dem Betrachter, sind widerspenstig, entziehen sich dem ersten Blick, bedürfen der Atempause und Stille, der Rückkehr und erneuten Konzentration auf die Motive. Legt man das Buch aus den Händen, bleiben sie dennoch wie mit feinen Widerhaken versehen in den Gedanken präsent.

»Catch« ist als Titel der sechsten Monographie Zurborns so hintersinnig und doppelbödig wie dessen Photographien selbst. »Catch« bedeutet Trick – so wie viele der Bilder, die buchstäblich trickreich aus ungewöhnlicher Perspektive photographiert ebenso ungewöhnliche Momentaufnahmen sind: Einladungen zu Entdeckungsreisen und Spaziergang in den Details, den eigenen inneren Geschichten ebenso auf der Spur wie den visuellen Notizen des Photographen. Mitgenommen und erjagt auf seinen photographischen Wanderungen, bezeichnet »Catch« auch die Beute des Sehens. Bunt und fröhlich in ihrer Farbigkeit sind diese Unterwegsfunde, sind Lebensspuren, (ein)gefangen mit der Kamera und komponiert zu grafischen Strukturen. Ihr frappierender Klang ähnelt bisweilen einem fernen Echo von Martin Parr, ohne dessen Getösigkeit ahnen zu lassen: Die Serie »Catch« ist weitaus zarter, behutsamer und stiller erspürt und beobachtet.

»Catch« bezeichnet auch den Fanghaken einer Angel; ein treffendes Bild für augenfesselnd sensible Bilder, die zur Wiederkehr einladen, zum Nachspüren der skizzierten Mosaike, der atmosphärisch dichten Versatzstücke von Alltagsleben und Straßenbildern auffordern und den Photographie-Liebhaber buchstäblich an der Angel haben. Spitzblättrige rote Tulpen mit Fußgängerschatten auf blauem Grund: Den Frühlingshimmel gleichsam zu Füßen, erinnert dieses Bild an die unbeschwert bunte Welt eines David Hockney. Elegante Haarteile in einem Schaufenster: Aus Einblicken und Durchblicken fügt Wolfgang Zurborn eigentümlich berührende, vielschichtige Collagen zusammen, die zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit irisieren. Immer wieder bilden diese Montagen Paare – mit ebenso vielen Unterschieden wie Gemeinsamkeiten; ein Spiegelbild der Gedankenwelt eines leidenschaftlichen Beobachters, Sammlers und Jägers mit untrüglichem Spürsinn, ein Kaleidoskop der oft übersehenen, sehenswerten Details.

Es sind die kleinen Dinge, die uns davon erzählen, wie groß das Leben ist…

Ausstellungen mit Arbeiten aus der Serie »Catch« sind hier zu sehen:

11.6. bis 30.8.2015 im Kunstmuseum Moritzburg in Halle/Saale
20.6. bis 20.9.2015 im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt (im Rahmen der Ausstellung »Ray 2o15 Fotografieprojekte Frankfurt/Rhein-Main)