Essay

Essays zu Photographie und Visueller Kultur – Essays on Photography and Visual Culture

Mobile Hype im Mäusekino

– Gastbeitrag von Peter Raffelt, Bildchef der G+J-Wirtschaftsmedien –

In meinem letzten Beitrag habe ich mich über die optische Qualität von Nachrichtenwebsites aufgeregt. Gemeint habe ich die Bildqualität der mobilen Seitenvarianten, also der Seiten, die Smartphone-Nutzer ansteuern und wahrnehmen. Das lautete dann so:

Wir erleben gerade den rasanten Anstieg der mobilen Nutzung unserer Inhalte, ohne uns entsprechend mit den richtigen visuellen Kommunikationsformen dieses Kanals zu beschäftigen. Erstmal raushauen, danach kann man immer noch darüber nachdenken, welches denn die geeignete Form ist.
Aber ist die Qualität wirklich so schlecht? Schließlich bin ich ja den Nachweis schuldig geblieben. Im folgenden werde ich also einige Beispiele aufzeigen, welche die dürftige Qualität beim Umgang mit Bildern verdeutlichen sollen und zwei Gründe nennen, warum meiner Meinung nach die mobilen Auftritte im diesem Bereich so schlecht sind.

Aber weshalb sollte die Qualität hier verbessert werden, ist die mobile Nutzung von Nachrichtenseiten nicht nur eine Nische? Wenn man sich die prognostizierten Verkaufszahlen von Smartphones ansieht, fällt auf, das zwar der größte Zuwachs im Bereich der Tablets liegt, in absoluten Zahlen der Endgeräte jedoch die Smartphones bei weitem deren Zahl übersteigen.
Dieser rasant wachsende Absatz von Smartphones und Tablets deutet darauf hin, dass vor allem die mobile Internetnutzung stark zunehmen wird.

Fokus Sucherkamera: Notizen aus der Anderswelt

Sie ist eigenwillig, die Leica M9. Hat Ecken und Kanten, ist zickig, treibt einen gelegentlich zur Weißglut, in Wutausbrüche oder stille Verzweiflung. Jeden Tag ist die Arbeit mit der Diva eine Herausforderung: Weil sie den Photographen und sein Können fordern, ob in handwerklicher oder gestalterischer Sicht. Weil sie Maßstäbe setzt, zum Nachdenken über das Bild an sich zwingt, zum genauen Hinsehen, zum Denken und Entscheiden. Zur Kopfarbeit vor dem Druck auf den Auslöser. Demütig macht das teure Biest seinen Besitzer, lässt ihn manchmal grandios scheitern. An der Technik, am Bild – und in letzter Konsequenz an sich selbst. Und führt den Photographen genau aus diesem Grund zu neuen, ungeahnten Entdeckungen: Was könnte härter sein als die Erkenntnis eigenen Unvermögens? Denken, sehen, wahrnehmen und daraus Bilder zu schaffen ist mehr, als ein paar Zufallstreffer aus hunderten von automatisiert erzeugten Photographien eines „Shootings“ auszuwählen.

All das kostet – auf den ersten Blick viel Geld. Trotz der eher spartanischen Ausstattung hat die Leica M9 ihren Preis, ebenso wie ihr Nachfolger M-E). Und technische Grenzen: Jenseits von ISO 1250 wird die Bildqualität dürftig. Der Puffer des Bildspeichers macht unmissverständlich klar, dass man zu schnell geknipst und zu wenig photographiert hat. Scharfstellen mittels Sucherfeld und ohne Autofokus braucht Übung, Auswahl und Einsatz von Brennweiten setzen die genaue Kenntnis von Bildwinkeln und Abbildungsqualitäten voraus. Dahinschludern? Das verzeiht diese Kamera nicht, Präzision ist gefragt, von Anfang bis Ende. Wie bei einem Hochleistungssportler gehört das regelmäßige Training dazu, ist Pflicht: Für Augen und Hände, aber noch viel mehr für Herz und Hirn. Die Handlichkeit der Sucherkamera verführt allerdings regelrecht dazu, sie zur ständigen Begleitung zu machen: Selbst mit mehr als einem Objektiv passt die M9 noch in eine durchschnittlich große Tasche. Und darüber hinaus ist sie diskret; mit dezentem Äußeren und leisem Auslösegeräusch ist die M9 ein Werkzeug, das den Photographen unauffällig macht und in seiner Umgebung gleichsam verschwinden lässt. Die Welt hält weder für einen Moment den Atem an noch ducken sich Menschen kurzerhand weg. Wunderbar, so muss das sein.

Die M9 ist eine Investition für sich; sie kostet – auch Nerven, Zeit und Konzentration. Sechs Wochen haben die Diva und ich jetzt miteinander verbracht, so intensiv wie mit keiner anderen Kamera (ausgenommen … genau: Die M6.). Wir haben miteinander gerungen, um Belichtung und Schärfe, um Weißabgleich, Bildgestaltung und vieles mehr. Gelegentlich war ich kurz davor, das teure Teil an die Wand oder aus dem Fenster zu werfen. Habe wütend, enttäuscht, genervt am Rechner gesessen, Bilder angeschaut und erbost gelöscht. Ich habe geflucht und geheult, mir Blasen an die Füße gelaufen auf einigen Touren und mich auch nach 25 Jahren Photographenleben mitunter gefühlt wie ein blutiger Anfänger. Um dann, ganz plötzlich, still und glücklich vor dem Rechner zu sitzen: Staunend. Weil die inneren Bilder – wie im Sucherbild der Leica M9 – deckungsgleich mit den äußeren sind und untrennbar miteinander verbunden. Der Weg dorthin ist ein anderer als mit der photographischen Bequemlichkeit aus Programmautomatiken, Serienbildfunktion und Autofokus der DSLR-Kameras im Gepäck. Ein technisch halbwegs einwandfreies Bild schafft damit auch ein dressiertes Äffchen. „Der Weg ist das Ziel“, heißt es; die Arbeit mit der M9 bedeutet für mich Rückkehr: zum Menschen hinter der Kamera, zu individueller Sichtweise und Handschrift. Zurück – und zugleich in die Zukunft, zur Leidenschaft für die Welt der Bilder an sich. Zu meinem visuellen Zuhause in der Photographie, dessen Schlüssel für mich die Form einer Leica Sucherkamera hat.

Aus dem Netz gefischt anbei zwei Fundstücke, die sich zwar in Punkto „Grenzen einer Kamera“ einig sind, ansonsten aber nicht widersprüchlicher in ihrer Aussage sein könnten. Der Beitrag von Sarah Lee, Photographin beim Guardian, ist sehr persönlich und aufschlussreich, spannend auch die Kommentare: Viele kluge Gedanken über Photographie, grundsätzliche Positionen und Ästhetik sind dabei. Die üblichen Technikdebatten im Stil unzähliger Fotocommunities und -foren lohnen dagegen keine weitere Beschäftigung. Wie schade, dass beim zweiten Beitrag von Marco Arment, Softwareentwickler, nicht nur eine Kommentarfunktion fehlt, sondern auch jeglicher Beleg für seine Aussage, er sei nach dem Versuch mit einer miesen Kamera (M9) jetzt „back into high quality photography“.

Weiterführende Links:

„Leica M-E – why it’s worth the money“ (Sarah Lee, Guardian – 28.12.2012)
„The Leica M9, as a pro-hobbyist photographer“ (Marco Arment, Instapaper.org, in seinem Blog – 28.12.2012)

Ein schönes Blog – wegen des Stils und der Haltung – ist übrigens „I love my Leica“.

Nachtrag: Die M9 ist übrigens baugleich mit der neuen Leica M-E (gleicher Prozessor etc.), die Sarah Lee in ihrem Artikel beschreibt. Nur Bildfeldhebel und USB-Schnittstelle fehlen bei der M-E, die preislich deutlich unter dem Neupreis der M9 liegt.

„Blinder Fleck“ in Alben: Private Momente jenseits aller Bilder


Vor einiger Zeit stöberte ich in privaten Fotosammlungen von Freunden und Verwandten. Online und in Fotoalben war ich auf der Suche nach den wesentlichen Aspekten, die Menschen ablichten. Immer sind das Lebensmomente, die als wichtig empfunden werden; Glück, Liebe, Freunde, berufliche und private Erfolge. Aus den Bildern ergibt sich ein buntes Mosaik des Festhaltens und Dokumentierens flüchtiger Zeit. Als wertvoll empfundene Lebensstationen, deren Wertschätzung sich auch in der Sammlung manifestiert: Ein Verlust privater Fotoalben ist ein schmerzlicher Moment. „…mein Leben ist verbrannt.“ sagte ein Kosovare während eines Interviews mit dem amerikanischen Psychoanalytiker Richard Akeret, der sich ausführlich mit Bildsprache beschäftigte. Ob das verlorene Haus, der Tod von Verwandten und Freunden – am schlimmsten wog für den Mann der Verlust der Bilder, die sein Leben dokumentierten.

Meine Gründe für diese Recherche waren damals sehr persönlich: Auf inständiges Bitten der Familie habe ich bei der Beerdigung eines guten Freundes fotografiert. Viele Gedanken und Skrupel bescherten mir damals eine schlaflose Nacht. Ich habe mich dann dafür entschieden, Bilder zu machen. Überflüssig zu erwähnen: Es war der schlimmste, anstrengendste Auftrag meines Lebens. Zwischen eigener Trauer über den Tod des Freundes und Grenzüberschreitung im Hinblick auf das Tabu „Tod und Beerdigung“, offen angefeindet von Trauernden, die nichts wussten vom Wunsch der Familie und mich nicht kannten, war das eine sehr belastende, schmerzliche Gratwanderung. Als Fotografin mittendrin, zwischen anderen Trauernden, die meine Präsenz als Affront auffassten. Meine Kamera war ernsthafter Störfaktor und zugleich Schutzschild für mich. Das Bild im Sucher seltsam entfernt, die Kamera zwischen mir und dem Geschehen; Rotz und Wasser geheult habe ich trotzdem während der Arbeit. Und würde mich heute jemand fragen, ob ich von einer Beerdigung Fotos machen würde: Ich wüsste keine Antwort, jedenfalls nicht auf Anhieb.

Auf die Thematik bin ich kürzlich wieder aufmerksam geworden: Ein Beitrag für das französische Blog „La vie sociale des images“ beschäftigt sich mit dem „blinden Fleck“ in der privaten Fotografie. „Rituale ohne Bilder“ ist ein lesenswerter Denkanstoß, denn der einzige fotografische Moment während einer privaten Beerdigung ist  ein Bild des Verstorbenen, das einzige Bindeglied zu seiner physischen Existenz. Ausgenommen von Bildern am Grab prominenter Toter gibt es im privaten Umfeld keine Kameras, kein Foto des Geschehens, wiewohl der endgültige Abschied von einem Menschen zu den wohl wichtig(st)en Momenten im Leben gehört. Im Spannungsfeld des gesellschaftlichen Tabus ist ausschließlich die Erinnerung an den Lebenden präsent – im Foto am Sarg, während der Trauerfeier oder auf dem Grab. Und so, wie wir im Alltagsleben den Tod verdrängen, weigern wir uns offenbar auch, ihm eine dauerhaft bleibende Rolle in unseren privaten Bildern einzuräumen: Das Bewahren flüchtiger Momente in Bildern bezieht sich selbst in der allgegenwärtigen Präsenz von Kameras und Fotografie nicht auf diesen einen Moment.

Weiterführende Links:

Walter Schels, „Noch mal leben“: Eine beeindruckende und respektvolle Porträtserie, entstanden in Sterbehospizen. Die mehrfach gezeigte Ausstellung wurde sehr kontrovers diskutiert: Darf man Tote porträtieren? (Ja – wenn das so behutsam geschieht wie bei Walter Schels.)
Culture Visuelle/La vie sociale des images: „Un rituel sans images“ (21.11.2012, Sylvain Maresca – Link auf die englische Version im Text.)
New Orleans Funerals: Ein ganz anderer Umgang mit dem Thema – in Bildern.
Richard Akeret, „Photolanguage“: Buchrezension bei PsychatryOnline/The American Journal of Psychiatry
Richard Akeret, „Photolanguage“, erschienen bei W.W. Norton & Company, 2000 (nur als englischsprachige Ausgabe erhältlich)
»Rudolf Schäfer – Der ewige Schlaf« (Verlag Josef Chladek, 2014)
»The Lost Ritual of Photographing the Dead« (Hyperallergic, 18.6.2015)

Hurrikan Sandy: Medienturbulenzen mit Perspektive(n)

Hurrikan Sandy bleibt spannend, vor allem in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Journalismus und Photographie: Im Fokus der Berichterstattung sind vor allem die Schäden, die der heftige Sturm in New York und Umland hinterlassen hat. Auch auf Kuba, Haiti und in der Karibik hat Sandy eine Spur der Verwüstung mit Todesopfern hinterlassen; kurz zuvor wütete ein heftiger Tropensturm von den Philippinen bis nach Vietnam. In der Berichterstattung findet sich davon wenig bis nichts wieder. Tunnelblick? Sehen wir nur das, was wir sehen wollen? Frank Ochmann hat im STERN dazu kommentiert.

„In der linken Hand hält er ein iPhone4s in der rechten seine Spiegelreflexkamera. Fotos mache er oft mit beiden Geräten gleichzeitig, sagt er.“ So beschreibt Steffen Leidel auf lab die Arbeit des Fotograf Charles Dharapak, der für die Nachrichtenagentur AP den Tross von US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney begleitet. Für den mittlerweile verbreiteten Einsatz von Smartphones in der Berichterstattung gelten bei AP strenge Regeln: „AP pictures must always tell the truth. We do not alter or digitally manipulate the content of a photograph in any way. The content of a photograph must not be altered in Photoshop or by any other means.“ Mehr über den Umgang mit dieser Form des mobilen Bildjournalismus und den Möglichkeiten, Bilder zu verifizieren, bei Lab: „Nachrichtenagentur AP ‚ohne Filter'“.

Konrad Weber hat die spannendsten Reaktionen auf „Fälschung und Wahrheit“ zusammengetragen – mehr dazu als Storify-Zusammenfassung in seinem Blog. Über die vielfältigen Möglichkeiten der Überprüfung von Bildern und Informationen sei dazu auch Konrad Webers Beitrag „Wie ARD, BBC und CNN Inhalte aus dem Social Web verifizieren“ empfohlen.

Unabhängig von allen Debatten um Bildauthentizität wirft der zunehmende Einsatz von Smartphones in Kombination mit Bildvertrieb über die Plattformen des Sozialen Netzes viele interessante Fragen auf, vor allem die nach Vertrieb und Honorierung der Bildproduzenten. Dazu als kleine Erinnerung ein Rückblick auf den Fall Daniel Morel ./. AFP, der sehr anschaulich beschreibt, welche Schwierigkeiten der Weg über Soziale Plattformen birgt. Morel verbreitete Bilder der Erdbebenkatastrophe von Haiti via Twitter, die von AFP ohne Klärung und Honorierung des Fotografen weitervertrieben wurden. Eine Zusammenfassung der juristischen Auseinandersetzungen zwischen Fotograf und Agentur sowie der weiteren Entwicklung (inklusive AFP-Klage gegen Morel) gibt’s bei Photo District News.

Auf der inhaltlichen Ebene des Umgangs mit Bildern wird es ebenso spannend: Die Bildermassen via Social Web (siehe Hashtags #sandy und #hurricanesandy auf Instagram) sind ein Vielfaches dessen, was pro durchschnittlichem, katastrophenfreien Tag über den Bildschirm eines Bildredakteurs bei großen Magazinen flimmert. Rund 7000 bis 10000 Bilder sind normal, bei Katastrophen und anderen medialen Großereignissen ist die Zahl der zu sichtenden und auszuwählenden Bilder nach oben offen auf der Richterskala. Dass die Fülle an Bildern Kommunikation verändert, (Sprach)Grenzen überwinden kann, ist keine brandneue Erkenntnis: Für PR-Dienstleister gehören Pinterest, Instagram und Facebook zu den wichtigsten und erfolgreichsten Plattformen visueller Kommunikation. Facebook ist mit täglich rund 300 Millionen hochgeladener Bilder seiner Nutzer das größte Bildarchiv im Internet.

Bislang weitgehend undiskutierte Aspekte und zurück zur Anfangsfrage „Sehen wir nur, was wir sehen wollen?“: Sehen wir möglicherweise nur das, was wir sehen können?  Was nehmen wir inmitten des zu Sehenden noch wahr? Was können wir überhaupt an visuellen Eindrücken verarbeiten? Was sind unsere Maßstäbe des Umgangs mit Bildern, der Einordnung visueller Informationen? Wie verändert die Fülle an Bildern – ohne zunächst über deren visuelle Qualitäten und Überzeugungskraft zu befinden – Bildsprache und mediale Nutzung von Bildern? Welcher – möglicherweise neu zu definierenden – Regeln bedarf es im Umgang mit Bildern, die zwar Sprachgrenzen überwinden können, dafür andere Grenzen verletzen? Welche Anforderungen stellt das an den täglichen, professionellen Umgang mit Bildern, deren Wahrnehmung nicht unerheblich vom Kontext der Veröffentlichung(en) abhängig ist?

(…Fortsetzung folgt!)

Update: Das Titelbild des aktuellen Time Magazine ist mit einem iPhone aufgenommen worden.

 

Virale Fakes, „Frankenstorm“ und Instagram

Hurrikan Sandy  – und ein paar interessante Zahlen und Fakten aus bildjournalistischer Perspektive:

  • Instagram ist mittlerweile wichtiger, wenn nicht unverzichtbarer Kanal für Journalisten. Sekündlich werden 10 Bilder von Sandy auf die Plattform hochgeladen; unter dem Hashtag #sandy sind dort mittlerweile fast eine Viertelmillion Bilder zu finden. Mehr dazu gibt’s bei Poynter: „Instagram users are posting 10 Hurricane Sandy pictures every second“
  • Auf den Plattformen des Social Web kursieren zahlreiche Fälschungen. Grundsätzlich nichts Neues, dennoch wird ohne Faktencheck munter getwittert und gepostet, was das Zeug hält. Nicht immer sind die „instasnopes“ so offensichtlich wie das angebliche Foto einer Wirbelsturm-Wolkenformation über der Freiheitsstatue. Wie man Bilder mit Hilfe von z.B. Bildersuche via Google und Youtube erfolgreich verifizieren kann (und sollte!), hat The Atlantic sehr anschaulich beschrieben: „Instasnopes: Sorting the Real Sandy Photos from the Fakes“.
  • Mit Smartphone sind Ed Kashi (VII Photo), Michael Christopher BrownBen Lowy und Stephen Wilkes im Auftrag des TIME Magazins unterwegs – und nutzen Instagram, um ihre Bilder zu veröffentlichen. Einblicke bei Klick auf die verlinkten Namen (via Webstagram), ebenso das TIME Magazin.

Fazit: Instagram als Bildrecherchequelle und Informationskanal dürfte Twitter mittlerweile überrundet haben. Angesichts der Bilderfülle aus mitunter unklaren Quellen, ohne jegliche Informationen zu den Bildern ist Factchecking dringend nötig – aber auch ungemein spannend. Zumindest im Fall von „Lady Liberty“ inmitten dramatischer Wellen hilft auch ein trainiertes Bildgedächtnis weiter: Das Bild stammt aus dem Hollywood-Schinken „The Day After Tomorrow“.
Damon Winter sorgte mit seiner Afghanistan-Reportage (und der Auszeichnung bei „Pictures of The Year International“) 2011 noch für reichlich Entrüstung. Die Debatte, ob ein iPhone ein „angemessenes Werkzeug“ für professionelle Bildjournalisten ist, mag ich nicht mehr führen: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. (Und die einen im Zweifelsfall nicht daran hindert, schleunigst die Beine in die Hand zu nehmen.)

Update: Hashtag #sandy führt auf Instagram um 15.36h MEZ zu mittlerweile über 480.000 Bildern. Ein nicht unbeträchtlicher Teil hat allerdings mit dem Hurrikan wenig bis nichts zu tun. Beim Hashtag #hurricanesandy sind es mittlerweile knapp 304.000 Bilder.

Update: Ein weiteres Bild, das derzeit u.a. bei Facebook als aktuelle Luftaufnahme des „überfluteten Manhattan nach Sandy“ kursiert, ist eine Illustration – und wurde 2006 u.a. von Vanity Fair in einem Beitrag zum Thema „Erderwärmung“ veröffentlicht.

Update:  In der „Lightbox“ von Time gibt’s ebenfalls eine Reihe spannender iPhone-Fotos der Reporter zu sehen.

Steigeisen in der Eiger-Nordwand: Über Portraitphotographie

Yousuf Karsh, einer meiner Lieblingsphotographen, erzählte die Geschichte seines berühmten Portraits von Winston Churchill. Sie macht deutlich, worin die eigentliche Kunst eines Portraitphotographen besteht: In der gezielten Interaktion mit dem Menschen vor der Kamera. Nicht in perfekter Ausleuchtung, nicht in Studioatmosphäre und technischen Details, sondern einzig in der Verbindung zwischen zwei Menschen, die aus einer sorgfältig ausbalancierten Mischung aus Intimität, Humor, Empathie und gelegentlich einer Prise Respektlosigkeit besteht. Yousuf Karsh, der während des Portrait-Termins mit Winston Churchill einen freundlichen älteren Herren vor sich hatte, der partout nicht dem Bild des machtgewohnten, durchsetzungsfähigen Politikers entsprach, nahm den britischen Premierminister damals kurzerhand die Zigarre weg. Et voilà, der passende Gesichtsausdruck, kurz vor Schluß eines bis dato eher unspektakulär verlaufenen Termins.

Überzeugende Portraits sind nichts als ein Nebeneffekt einer starken, zwischenmenschlichen Verbindung zwischen Photograph und Portraitiertem. Dazu gehört nicht nur Einfühlungsvermögen, sondern auch eine gemeinsame Wellenlänge. Über knappe Regieanweisungen für Blickrichtungen, Kopf- und Körperhaltungen hinaus, selbst jenseits des bloßen Smalltalk: Mit vielen meiner Kunden führte ich unglaublich intensive Gespräche; bei einem Vorabtermin zum ersten Kennenlernen, genauso während des Photographierens. Oft sind neugierig-erstaunte Reaktionen auf meine eher spartanische Arbeitsweise der erste Einstieg: Ich setze selten mehr als zwei Objektive ein, immer natürliches Licht, oft mache ich nur wenige Aufnahmen. Am Anfang steht die Idee, geboren aus Gehirnarbeit, Wissen über die Person, Nachdenken. Auf dem Weg zum Porträt dann die Gespräche. „Steigeisen setzen in der Eiger-Nordwand“, so nenne ich das. Blindlings drauflospreschen bedeutet unweigerlich Absturz – ob am Berg oder beim Portrait. Meine „Steigeisen“ sind die Dialoge über alles mögliche, über Kunst und Kultur, Philosophie, über Zigarren und Rotwein, manchmal über witzige Erlebnisse. Beim Termin mit Alfred Brendel spielten ein Nobelhotel, dessen Klimaanlage und ein Kamel die entscheidende Rolle, bei Martha Argerich ihr magnetischer Blick, meine abgestreiften Schuhe und die gleiche Zigarettensorte. Mitunter auch eine Horde Maulwürfe, die den bevorzugten Golfplatz eines Managers völlig verwüstete: Erst seine düstere Miene machte das Bild zum überzeugenden Portrait.

Es ist immer wieder spannend für mich, welche Bandbreite sich in diesen Momenten ergeben kann. Im Gespräch und in dessen Widerhall in den Bildern. Von den ersten zögerlichen Schritte aufeinander zu, über das Abbröckeln der Distanz zwischen zwei Menschen bis zu einer manchmal für beide Seiten sehr überraschenden Nähe – alles ist möglich. Manchmal ist das Machtkampf, elegantes Fechtduell, düstere Erotik … auf Leben und Bild. Menschenkenntnis gehört dazu, die Fähigkeit, sich einzulassen auf andere, sich dem Gegenüber zu öffnen. Wissen über den Menschen vor der Kamera ebenfalls, über seinen Hintergrund, Hobbies, Vorlieben und Abneigungen. Kultur und Kultiviertheit, denn nichts langweilt so sehr wie unintelligente Gesprächspartner, die im Übermaß „keine Ahnung von nichts“ besitzen. Immer gehört auch eine Prise dessen dazu, was ich in übermütigen Momenten als „klarsichtige Anwandlung“ bezeichne, seit Jahren geübt, trainiert und vertieft, um mit dieser Fähigkeit angemessen umzugehen: Mein Gegenüber damit zu verblüffen ist einfach. Aber ein unsensibler Umgang damit kann Respektlosigkeit und Grenzüberschreitung sein, kann bedeuten, einen Menschen in die Enge zu treiben und zu entblößen. Schluss, aus, Ende – mit Vertrauen und Portraits. Sehe ich jemandem in die Augen, ins Gesicht, sehe ich oft im gleichen Moment ein Bild vor meinem inneren Auge. Dann reicht mir ein einziger Satz, mitunter nur ein Wort oder ein Blick, um aus Erkenntnis und Sicherheit heraus imaginäres Eis zu brechen. Und dann genügen einige wenige Bilder, weil „mehr“ schlicht überflüssig ist: Viermal auslösen, Joan. Punktum.

Die Kamera, die Ausrüstung sind Nebendarsteller – in äußerst untergeordneten Rollen. Immer. Und: Das muss so sein.

Weiterführende Links:
Yousuf Karsh im Netz
Yousuf Karsh: Das berühmte Churchill-Portrait
Lieblingsbilder: Alfred Brendels Kamel
Lieblingsbilder: Martha Argerich

Die Langfassung dieses Textes ist unter dem Titel „Mal eben Bilder machen – Irrtümer in Sachen Fotografie“ veröffentlicht worden: Universalcode – Journalismus im digitalen Zeitalter, erschienen 08/2011.

InstaHip und Co: Zukunft des Bildjournalismus?

Juli 2012: Das British Journal of Photography (BJP) berichtet über die geplante Gründung einer Stiftung für Photojournalismus – Hipstamatic will damit Bildjournalisten unterstützen, die mit Smartphones arbeiten. Eröffnung der nächsten Runde der Debatte über Apps und iPhones als Arbeitsgerät. Rückblende, November 2010: Damon Winters Afghanistan-Reportage wird in der New York Times veröffentlicht, nur wenig später wird die Serie preisgekrönt – beim renommierten „Picture of The Year International“. Bildjournalisten führen eine heftige Debatte: Professioneller Bildjournalismus mit dem iPhone? Mit einer populären App, die dem Fotografen keine Kontrolle über die eingesetzten Effekte und Filter gibt? Ist das überhaupt noch Fotojournalismus – oder künstlerische Interpretation jenseits aller Grenzen des Erlaubten?

Urheberdialog im Überblick

Urheberrecht und kein Ende: In einer überwiegend lautstark geführten Debatte haben sich zunehmend Künstler und Autoren zu Wort gemeldet, die meisten politischen Parteien eigene Positionspapiere zum Thema veröffentlicht. Nach viel Kritik an ihren Positionen hat die Piratenpartei im Juni das Gespräch mit Urhebern gesucht; eine Zusammenstellung von Links (weiterführende Informationen zum Teil in den verlinkten Beiträgen!) anbei – wie immer ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

Linksammlung Leistungsschutzrecht

Seit kurzem öffentlich: Der Referentenentwurf zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Überwiegend netzpolitische Aufgeregtheit über einen bloßen Entwurf, der Twitter-Hashtag #LSR liefert einen Überblick auf die hochtourige Debatte. Aus aktuellen Gründen anbei eine unkommentierte Linksammlung zum Stichwort.

In eigener Sache: Wie immer ist diese Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Alles tatsächlich gelesen und für empfehlenswert befunden, bei Bedarf wird aktualisiert. Im Sinne der Debatte gehört dazu auch der Verzicht auf bloße Polemik und übermäßiges Getöse – ebenso wie auf Eigenwerbung politischer Gruppierungen. 😉

Linktipps fürs Wochenende (2.6.2012)

Eine Grundsatzentscheidung hat der Bundesgerichtshof am 31.5.2012 verkündet: Der Deutsche Journalisten-Verband/DJV hatte gemeinsam mit ver.di gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Springer-Verbands geklagt. Mehrere Vorinstanzen hatten die Rechtsauffassung der beiden Verbände bestätigt; die AGB von 2007 verstoßen gegen das Urheberrecht und dürfen daher nicht angewendet werden. Das aktuelle BGH-Urteil (Az. BGH I ZR 73/10) schützt allerdings freie JournalistInnen auch zukünftig nicht vor umfänglichen Rechteabtretungen an Verlage: Die Rechteabtretungen seien der Entscheidungsfreiheit der Vertragsparteien unterworfen und unterliegen daher nicht der gerichtlichen Kontrolle von Allgemeinen Geschäftsbedingungen im Wege der Verbandsklage, meint der BGH. Mehr zum Urteil im Freienblog des DJV.

„Und die Retuschen sind derart zu einer Sucht geworden, dass man als Fotograf vorab immer einen Aufstand machen muss, damit einem die Redaktion nicht hinter dem Rücken noch an den Fotos herumfummelt.“ sagt Peter Lindbergh, berühmt für seine Schwarzweißfotos aus der Glitzerwelt zwischen Mode, Film und Show. Seine VOGUE-Produktion „The Naked Truth“ zeigt pure, ungeschminkte Gesichter und Körper jenseits aller geschönten Posen. Die Fotografien werden ergänzt durch ein Video – und kurze Texte von Fotograf und Models, die vor allem eines zeigen: Ohne Vertrauen in einen Fotografen und dessen Respekt vor Menschen geht gar nichts.  „The Naked Truth“ gibt es hier.

Malte Welding schreibt. Über die Liebe, über anderes, für die Berliner Zeitung. Was die Größe von Einfluglöchern an Meisennistkästen mit gehobenem Lebensstandard und der Entscheidung, sein Studium abzubrechen, zu tun hat, beschreibt er hinreißend in seiner aktuellen Kolumne – hier entlang bitte.

In der aktuellen Ausgabe des legendär tollen rumänischen Fotomagazin „Oitzarisme“ hat Herausgeber Constantin Nimigean eine so anrührende wie respektvolle Reportage der amerikanischen Fotografin Annabel Clark veröffentlicht: Die siamesischen Zwillinge Carmen und Lupita sind in der Körpermitte zusammengewachsen. Da sie sich lebenswichtige Organe und ein Paar Beine teilen, ist eine operative Trennung unmöglich und würde den Tod der beiden bedeuten. Annabel Clark erzählt in sensiblen Bildern über das alltägliche Leben der jungen Mädchen. Die Bildstrecke bei Oitzarisme gibt es hier, mehr über die Fotografin und ihre Arbeit auf Annabel Clarks Website und in ihrem Blog.

Nicht, dass ich Flash-Websites wirklich mögen würde – kreative Höhenflüge hin oder her, meistens finde ich das „Klickibuntiflimmerzeugs“ nur nervig, von der Nutzerfreundlichkeit ganz abgesehen. Der Bericht über eine höchst ungewöhnliche, norwegische Rentier-Beobachtungsstation bei Dezeen hat mich allerdings auf die Website „diephotodesigner“ aufmerksam und neugierig gemacht. Und vom Untertitel „Institut für Bildhygiene“ möge sich bitte der ein oder andere visuelle Umweltverschmutzer so mancher zu weiterführenden Gedanken und Einsichten inspirieren lassen.