Essay

Essays zu Photographie und Visueller Kultur – Essays on Photography and Visual Culture

Zwischen armen Poeten und Lady Gaga …

Ach ja, die Urheberrechtsdebatte. Meist getösig, viel Schlaues, viel Aufgeregtes, viel Faktenfreies dazu gelesen, gehört, zusammen gesammelt. Mehr oder weniger lustige Scharmützel auf den Trampelpfaden des Social Web geführt, viel öfter persönlich debattiert, geplaudert und gestritten. Ob „Roundtable Urheberrecht“, Leipziger Buchmesse oder beim DJV Nordrhein-Westfalen am vergangenen Wochenende: „In echt und 3D“ lässt sich so manches Schwierige entspannter erörtern. In der Sache hart, im Tonfall unaufgeregt, mit Erkenntnisgewinn.

Und nach einem bemerkenswerten Anwurf am Wochenende ein kleiner Disclaimer in eigener Sache: Auf Twitter, Facebook und anderen Orts – nirgends bin ich als „bezahlter Consultant“ unterwegs, um „die Piraten zu schädigen“. Ich behalte mir allerdings vor, eine eigene Meinung zum Thema zu haben: als Journalistin, Fotografin, Urheberin. „Ich heb‘ dann mal ur …“ schrieb Johnny Haeusler bei Spreeblick, dem schließe ich mich an – und nachzulesen gibt’s mein Impulsreferat „Urheberrechtsdebatte“ beim DJV Nordrhein-Westfalen hier (PDF, ca. 85 kb).

Linktipps 14.4.2012 – Klicken, Blättern, Entdecken

Der fotografische Nachlass einer Nanny, vor zwei Jahren bei einer Auktion in Chicago entdeckt, hat Schlagzeilen gemacht: Vivian Maier, die Zeit ihres Lebens fotografiert hat, aber ihre Arbeit nie kommerziell verwertet oder öffentlich gemacht hat, gilt als eine der besten Vertreterinnen der Streetphotography. Die Website VivianMaier.com stellt ihre Arbeit vor: Mehrere Portfolio-Galerien laden zu Entdeckungsreisen in ihre spannenden Fotografien ein. Neben Informationen über aktuelle Ausstellungstermine bietet die Website auch einen Einblick in das Buch „Vivian Maier – Streetphotography“, der ihre besten Arbeiten in einem exzellenten Bildband vereint.  Die Galerie Howard Greenberg bietet übrigens 37 ausgewählte Motive aus Maiers Gesamtwerk als limierte Edition an; ausgearbeitet werden die Fine Art Prints übrigens von Steve Rifkin, der für zahlreiche renommierte Galerien tätig ist.

Dieses Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden, im Januar ist Eve Arnold 99jährig gestorben: Ihr gewidmet ist die großartige Ausstellung „Eve Arnold.Hommage“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, die noch bis 3. Juni dort gezeigt wird. Zur Ausstellung ist ein Katalog gleichen Titels erschienen, der Eve Arnolds wichtigste Reportagen zusammenfasst: Ihre China-Reisen, Voodoo in Haiti, die ersten fünf Minuten im Leben eines Babys, die berühmte „Modenschau in Harlem“. Arnolds beeindruckende Künstlerporträts runden den Bildband „Eve Arnold.Hommage“ mit insgesamt 150 Fotografien aus dem Schirmer-Mosel-Verlag ab.

Eyemazing – ein inspirierendes „Bookazine“ für Fotografen und alle Liebhaber ungewöhnlicher Bilder; die Website bietet einen exzellenten Überblick über die bisher erschienenen Ausgaben, die sowohl digital als auch in gedruckter Form dort erworben werden können. Von künstlerischer bis Reportagefotografie finden sich bei Eyemazing fast alle Varianten der Fotokunst; bekanntere und unbekannte Lichtbildner stellen beeindruckende Farbwelten und Schwarzweißfotos vor. Erscheint vierteljährlich – Prädikat „unbedingt ansehen“.

Eikon – das österreichische Magazin für Fotografie, Medienkunst und andere interdisziplinäre Kunstformen erscheint schon seit 1991. Die zweisprachig (deutsch/englisch) erscheinende Zeitschrift besteht aus zwei Teilen: Schwerpunktmäßig ist die eine Hälfte jungen Künstlern aus den Bereichen Fotografie, Medienkunst und anderen interdisziplinären Kunstformen gewidmet. Die „Artist Pages“ liefern zusätzlich zum künstlerischen Teil auch eine Menge überaus interessanter theoretischer Beiträge zur Kunstszene. Die andere Hälfte von „Eikon“ widmet sich aktuellen kulturpolitischen und künstlerischen Themen – Galerietipps, Ausstellungstermine, Rezensionen und Wettbewerbe gehören ebenfalls zu den Inhalten. Die Ausgaben können hier einzeln nachbestellt werden.

Foto: ©Eve Arnold/Magnum Photos – courtesy Schirmer/Mosel

Lillian Bassman, 1917 – 2012

„Ich hatte ein schrecklich kommerzielles Leben“, sagte Lillian Bassman in einem Interview, das sie 1997 der New York Times gab. „Ich fotografierte alles, was es zu fotografieren gab: Kinder, Getränke, Zigaretten, Kosmetik.“ Ihr Markenzeichen waren jedoch die Bilder, die sie vor allem in den 40er und 50er Jahren fotografierte. Bilder graziler, elfengleicher Models, denen sie in der Dunkelkammer geheimnisvolle Tiefe einhauchte: Mit verschiedenen Stoffen bearbeitete sie einzelne Bildpartien, um ihnen Struktur und Unschärfe zu verleihen; und trug Bleichmittel auf, um die Anmutung ihrer Fotos zu verstärken.

Über das bloße Abbild hinaus, das die Kamera liefert, war Lillian Bassman vor allem daran interessiert, eine neue, eigenständige und interpretierende Sichtweise zu schaffen. Sanft, leuchtend, filigran und irgendwie unwirklich, so könnte man ihre Bilder beschreiben, geprägt von unverwechselbarer Eleganz und Leichtigkeit. Bassman, die als Tochter jüdisch-russischer Emigranten 1917 in New York geboren wurde und in der Bronx aufwuchs, begann ihre künstlerische Laufbahn bei Harper’s Bazaar, wo sie nach ihrem Studium als Textildesignerin eine Assistentenstelle bei Alexey Brodovitch antrat. Der Art Director von Harper’s Bazaar war beeindruckt von der jungen Künstlerin – und bot ihr an, bei einem Ableger des Magazins als Art Directorin zu arbeiten. Auf der Suche nach überraschender, neuer Bildsprache zeigte Bassman damals die Arbeiten noch unbekannter Fotografen, die später zu Ikonen der Fotografie wurden: So auch Richard Avedon, Arnold Newman und Robert Frank, deren Fotos sie so sehr beeindruckten, dass sie selbst anfing, sich intensiv mit Fotografie zu befassen.

Ihre Arbeiten erschienen regelmäßig in Harper’s Bazaar und prägten lange Zeit das Magazin. In den 60er Jahren dann verabschiedete sich Lillian Bassman aus der Werbefotografie. Gelangweilt von den Models und enttäuscht von der Entwicklung der Fotografie, zerstörte sie einen Großteil ihrer Negative, packte den verbliebenen Rest in Müllsäcke – und vergaß sie auf dem Speicher ihres Hauses. Stattdessen widmete sie sich ihrer eigenen künstlerischen Arbeit. In dieser Zeit entstanden zahlreiche, großformatige Cibachrome-Bilder von Blumen, Früchten und abstrakte Werke. Ihre Serie verzerrter männlicher Torsi ist mehr Malerei und Abstraktion als Fotografie und verstört und verwirrt den Betrachter. Ermutigt von Martin Harrison, einem Kurator, fand sie erst in den frühen 90er Jahren wieder zu ihren fotografischen Wurzeln zurück.

Während ihrer Zeit bei Harper’s Bazaar fühlte sie sich gefesselt von den Anforderungen und Vorstellungen des Magazins, die sich im Stil ihrer Bilder niederschlugen. Erst spät begann sie damit, die übrig gebliebenen Negative erneut auszuarbeiten. Die „Neuinterpretationen“, wie sie ihre Abzüge der alten Negative nannte, spiegeln ein anderes Verständnis von Fotografie: Lillian Bassman arbeitete mit Bleich- und Tonungsmitteln und verlieh den Bildern eine gänzlich andere, abstrakte und geheimnisvolle Aura, die ihre ganz eigene Sichtweise unterstreicht. Es scheint, als habe Lillian Bassman erst nach ihrem Abschied aus der Welt der Modefotografie wirklich zu sich selbst als Fotografin gefunden.

Lillian Bassmann starb am 13. Februar 2012 in New York.

Weiterführende Links:

„Verantwortung gestalten“ – Stefan Sagmeister (09)

„Wenn ich mutig bin, funktioniert es immer.“ sagt Stefan Sagmeister über seine Arbeit. Und erzählt: Von selbstbestimmter Aktivität, konsequenter Reduzierung auf Wesentliches, von Eigensinnigkeit als Faktoren für erfolgreiches, überzeugendes Design. Die Grundlagen, die andere mit „Glück“ umschreiben würden, sind für ihn Grundlage seines Berufs: Ohne eine klare Linie des Handelns, den „eigenen Sinn“ innerhalb und außerhalb der individuellen Tätigkeit bleibt Gestaltung eine leere, kraftlose Hülse. Dazu gehört für Sagmeister auch die Achtsamkeit im Umgang mit oft unterschätzten Faktoren: Die Vorteile eines größeren Designbüros sind für den Kunden eher klein – die Nachteile umso größer.

Was zunächst als Widerspruch in sich klingt, ist bei näherer Betrachtung ein ähnlich wertiges Konzept wie das schlichte Design von Mark Adams: Weniger ist mehr – in allen Bereichen. Ein schlechtes Produkt? Fehlende gleiche Wellenlänge? Schlecht terminierte Aufträge? Gründe für Sagmeister, konsequent eigensinnig zu sein – und Nein zu sagen. In der Erkenntnis, dass solche Zusammenarbeiten mit Schwierigkeiten behaftet sind, die das komplette Projekt zum Scheitern bringen können. Ohne Eigensinnigkeit, ohne gelegentlich Regeln zu brechen, geht (fast) nichts. Ebenso wenig wie ohne kreative Pausen zur Neubewertung und -erfindung der eigenen Arbeit.

„Wir sind für alles selbst verantwortlich – egal ob wir eine Straße hinunter gehen, auf einen Berg steigen oder ein Produkt verkaufen. Wir können all das auf elegante, überzeugende Art tun – oder es komplett vergeigen. Es liegt an uns, an niemand sonst.“ Sagmeisters Inspiration dafür sind Kleinigkeiten, die kurzen Momente des Innehaltens: Ein Spaziergang, ein Ausflug, hinaus aus der Stadt. Oder im Café sitzen, am Straßenrand; Menschen beobachten. Schreiben, sich Notizen machen, auf Zetteln und Karteikarten. Das Ganze sortieren. Nachdenken, Musik hören, durch alte Notizbücher blättern, auf der Suche – und eventuell den ganzen Kram einfach wegwerfen, denn: „Die Idee erwischt einen sowieso dann, wenn man es nicht erwartet“.

Stefan Sagmeister – ©Michael Bundscherer/tgm

Stefan Sagmeister in drei eigensinnigen Stichworten, passend zum Foto:
Dankbarkeit: „Ich sage selten danke. Aber: Danke, Boris – für die Organisation dieser Veranstaltung. Eine Hacklerei ist so etwas.“
Empathie: „…das würde mich jetzt an die Grenzen meiner Redezeit bringen…“
Bescheidenheit: „Ich bin ganz und gar nicht bescheiden. Und viele meiner Freunde sind ziemlich großkotzig. Ich mag sie trotzdem.“

„Verantwortung gestalten“ – Mark Adams (08)

„Recycling ist das, was Ihnen übrig bleibt, wenn Sie mit der Wiederverwendung eines Produkts scheitern.“ Mark Adams überzeugt mit dieser klaren Feststellung mehr, als plakative Kritik es könnte; und erzählt die Geschichte mehrerer Haushaltsgegenstände: Die eines betagten Staubsaugers, der seit seiner Anschaffung knapp 80 Jahre zuverlässig seinen Dienst tut. Ebenso wie der Toaster seiner Eltern, der nicht nur 30 Jahre Eheleben, sondern auch eine Scheidung überlebte. Immer wieder repariert und wieder in Betrieb genommen, das ist die Gemeinsamkeit beider Produkte – und zugleich der fundamentaler Unterschied zu Adams eigenem Toaster: Ein formschönes Designerstück, nach nur 14 Monaten Lebensdauer kaputt. Außerhalb jeglicher Garantiezeit und mangels Ersatzteilen war das elegante Haushaltsgerät ein irreparabler Fall für den Elektroschrott.

Emotionale Bindungen zum Produkt, die Beziehung des Menschen zum Gegenstand ermöglichen erst die Lebensspanne eines Produkts: Wer den Gegenstand mit Wertschätzung behandelt, geht pfleglich damit um – und repariert, anstelle wegzuwerfen. Dieses so simple wie überzeugende Konzept findet sich auch in der Firmenphilosophie von Vitsœ wieder: Der Möbelhersteller setzt seit langem auf Langlebigkeit. Anfangen, ergänzen, aufbauen, erweitern, die Nachhaltigkeit eines Produktes beginnt bei einem intelligenten, aber möglichst schlichten Designkonzept.  Mehr Menschen von weniger Auswahl besserer Produkte zu überzeugen, das ist auch Adams Credo seiner Arbeit als Gestalter.

„Zuviel Auswahl schränkt unser Leben unnötig ein“, befindet Mark Adams kurz und bündig – und schlägt einen humorvollen Bogen vom betagten Staubsauger über den höchst lebendigen antiken Toaster hin zu Marmeladen und Salatdressings: „Less is more“, diese eigentlich banal anmutende Regel gilt auch hier. Wer zwischen fantastischen 30 Marmeladensorten oder 15 Salatdressings auswählen kann, hat ein ernsthaftes Problem: Die Qual der Wahl ist purer Stress, das belegt ein Versuch, den Adams plastisch beschreibt. Je mehr Auswahlmöglichkeiten, desto weniger Entscheidung für einen Kauf oder ein Produkt ist möglich.  All das, so das Fazit des Designers, ist ein Ergebnis permanenten ökonomischen Wachstums. Auf den ersten Blick eine wunderbar bunte Welt der grenzenlosen Wahlmöglichkeiten. Sie entzaubern sich selbst, weil sie das genaue Gegenteil gesellschaftlichen Fortschritts sind: „Recycling is a defeat“, Recycling ist eine Niederlage, Langlebigkeit dagegen ein höchst sinnvoller Wert.

(Anmerkung am Rande: Very british, ein Sprachvergnügen sondergleichen, das obendrein.)

„Verantwortung gestalten“ – König Bansah (07)

König Bansah - ©Michael Bundscherer/tgm

Moderne Könige arbeiten. Beispielsweise in Ludwigshafen, in der eigenen KFZ-Meisterwerkstatt, im Blaumann und ölverschmiert.  „Mein Opa hat gesagt: Die Deutschen sind fleißig und haben Disziplin. Einmal muss einer meiner Enkel nach Deutschland gehen.“ erzählt Céphas Bansah. Die Wahl fiel unter seinen 72 Geschwistern von 12 Frauen seines Vaters auf ihn. Nach einer Lehre zum Anlagenmechaniker fängt Céphas Bansah klein an, verdient als Sänger nebenbei Geld. Nicht nur für seinen eigenen Unterhalt, sondern vor allem, um seine Familie in Ghana zu unterstützen. Baut  seine eigene Werkstatt auf, erst in einer Scheune, nach mehreren Umzügen dann im eigenen Gebäude. Erwirbt zwei Meisterbriefe, heiratet eine Pfälzerin, gründet eine Familie mit zwei Kindern: Der Enkel des Königs von Hohoe Ghana führt ein beschauliches Leben in der Pfalz – bis ein Fax alles ändert.

Sein Großvater war gestorben, die Stammesältesten haben Céphas Bansah zum Nachfolger gewählt. Heute lebt der Monarch immer noch in Ludwigshafen – in Teilzeit sozusagen. In seiner Werkstatt repariert er außer Autos in seiner Freizeit beispielsweise Rollstühle, um sie in seine Heimat zu transporieren; dort werden sie dringend gebraucht. „Die Verantwortung ist sehr groß“, sagt er über seine Lebensaufgabe. „Das ist das Einzige, was mein Leben schwer macht.“ Um seine zahlreichen Hilfsprojekte zu finanzieren, besinnt sich Céphas Bansah auf seine Jugendzeit zurück: Er singt, eröffnet Firmen, tritt im Fernsehen auf und macht Produktwerbung. „Ich esse weiße Schokolade, damit ich nicht in meine Finger beiße“ frotzelt er unprätentiös ins erheiterte Publikum. Und baut von den Einnahmen seiner Auftritte in Ghana Schulen, Krankenhäuser und Brücken.

Julian Zimmermann hatte dennoch ein ungutes Bauchgefühl, als er für seine Bachelorarbeit ein Corporate Design für König Bansah entwickelte: „Wir waren unerfahren in der Königsbranche, mussten uns einen Marktüberblick verschaffen – ein echter König? Untergräbt der nicht seine Echtheit mit seinen Werbeauftritten?“ Von Entertainer bis königlich, die Gratwanderung war gewaltig: Denn der Verlust der Echtheit hätte zugleich den Wertverlust der Werbefigur „König Bansah“ bedeutet – und damit seine Einnahmen zugunsten seiner Hilfsprojekte reduziert. Für seine Masterarbeit setzte Zimmermann die Zusammenarbeit mit König Bansah fort, längst ist aus geschäftlichen Verbindung auch Freundschaft geworden. Auf einer Reise nach Ghana entsteht eine umfangreiche Dokumentation in Fotos und Filmen: Ein königliches Leben, dessen Grundhaltung sich im Wappen des Königs und dessen Geschichte widerspiegelt. Unter dem Baum des Lebens steht der Herrscher und hilft seinem Volk, an die Früchte des Baumes zu gelangen.

Ein Bild voller Assoziationen, das gedankliche Brücken schlägt; schon Friedrich II. von Preußen bezeichnete sich als „ersten Diener seines Staates“ und schrieb in seinen Briefen immer wieder von der Verantwortung des Herrschers für das Wohlergehen seiner Untertanen. Ein beeindruckendes Bild ist auch die malerische Unterschrift des Monarchen: Aus zahlreichen Symbolen, Kringeln und Linien für Stämme, Familie und Lebenslinien entsteht das Bild eines Menschen, der zwischen Werten, Tradition und Moderne in seiner Familie und Heimat tief verwurzelt und sich seiner Verantwortung bewusst ist. Aus den Bausteinen von Bachelor- und Masterarbeit, aus vielfältigen Einzelprojekten von Logo über Visitenkarten bis zu Entwürfen für eine Schule ist ein faszinierendes Gesamtwerk entstanden: „Der König ist Kunde.“ Ein Gestaltungs-Märchen, buchstäblich.

Weiterführende Links: Informations-Website der König-Bansah-Schule

„Verantwortung gestalten“ – Erik Spiekermann (06)

„Dienstleister ohne Patentrezept“ nennt Erik Spiekermann sich selbst; mit einem Augenzwinkern umschreibt er damit seine Grundhaltung: Beweglichkeit im Denken und Handeln. Dabei hat Spiekermann den Beruf des Grafikers nie gelernt, sondern sich erarbeitet. Buchstäblich: Vom Schriftsetzer zum Drucker, mit literweise Milch zur Prävention bleibedingter Gesundheitsschäden, in der Mittagspause ein zünftiges Bier. „Eigentlich bin ich ein Parvenü“ kokettiert Spiekermann, „ich dürfte gar nicht lehren.“ Und kehrt zur Grundfrage seines Vortrags zurück: „Was also ist Design? Es ist intellektuelle Disziplin, körperliche Disziplin, Verb – wie wir arbeiten. Und Substantiv – was wir arbeiten.“

Spiekermanns gesammelte Strategien zur Kreativität:

1. Nichts machen: Kaffee trinken, Hemden bügeln, der Tag hat 36 Stunden, liegenlassen bis zum letzten Moment – denn für manchen ist ohne Druck alles nichts. Eine Variante von vielen, ohne Allgemeingültigkeit, versteht sich.
2. Denken: Nichts anderes tun; nicht facebooken, nicht fernsehen, nicht lesen, „seien Sie doch mal kreativ“ sagt der Kunde, meistgehasster Spruch aller kreativen Dienstleister. Also: Denken. Das Gehirn ist ein Gewusel aus schwarzen Linien auf der Leinwand, verknäueltes, unsortiertes Gewirr. Und sowieso: Nie ist all das da, wenn man es braucht. Daraus folgt:
3. Recherchieren: Jahrbücher anschauen, große und unpraktische Bücherregale durchforsten, Spiekermann seilt sich an den Bücherregalen auf und ab. Mit Büchern prallvolle sechs Meter Raumhöhe setzen nicht nur schlaue Technik und Bergsteigerausrüstung voraus, sondern auch ein Mindestlebensalter von 150 Jahre – um den Inhalt zu lesen. Vorteil des Ganzen: Man sucht. Und findet. Irgend etwas mit Sicherheit, unter Umständen etwas völlig anderes. Trotzdem.
4. Sammeln: Kein Designer, der nichts sammelt. Viele schöne Fahrräder, obwohl man doch nicht auf mehreren gleichzeitig sitzen kann … egal. Oder Braun-Verstärker, Kameras, alles findet sich im Lauf der Jahre so ein. Bis auf Autos. (Nichts ist heutzutage so idiotisch wie der Besitz eines Autos, meint Spiekermann. Weswegen er sich keins mehr kaufen wird, aber ein 30 Jahre altes Gefährt besitzt. Und – Fahrräder.)
5. Zeichnen: Warum? Es ist einfach. Es ist „mit sich selber reden“. Man versteht sich immer selbst. Die Zeichnungen auch, ganz wunderbare Methode. Funktioniert übrigens auch bei Business-Seminaren „In 20 Minuten zeichnen lernen“.
6. Auseinandernehmen: Auseinandernehmen, die Bestandteile anschauen, wieder zusammensetzen. Beim Puzzlen feststellen: Irgend etwas bleibt immer übrig. Alles funktioniert bestens, aber es ist ein Teil übrig. Fazit: Robuste Geräte – wenn’s auch mit einer Schraube weniger geht.

Zugabe als tägliches Mantra für Freelancer: Gute Arbeit ist das Ergebnis verbindlicher Beziehungen. Ein Grund für Erik Spiekermann, keine unbezahlten Pitches mehr zu machen – und für die bezahlte Version klare Regeln zu definieren. „Wir machen nichts umsonst. Also, wir machen schon etwas umsonst – wir denken noch mal drüber nach, ob wir es machen.“

„Verantwortung gestalten“ – Martina Grabovszky (05)

Martina Grabovszky von Kochan & Partner kann Grenzen nicht ausstehen. Warum sich also mit selbst definierten Hindernissen auseinandersetzen? Warum nicht gleich grenzenlos denken? Mit klugen Wortspielen und Assoziationen provoziert die Gestalterin ihr Publikum, schlägt Gedankenbrücken zwischen Begrifflichkeiten. Keine Grenzen und Sollbruchstellen, sondern verbundene Teile eines Ganzen: Responsability = Response + Ability, die einfache Gleichung spiegelt ihr Grundverständnis von Design. Verantwortung besteht zur Hälfte aus Antworten, Reaktionen und Positionen des Designers. Die andere Hälfte sind Fähigkeit, Talent und Können. Beide ohne einander bleiben unselbständige Fragmente, werden erst gemeinsam mehr als die Summe der Einzelteile.

Mindestens ebenso irritierend sind Martina Grabovszkys Fragen und Antworten: Tragen Gestalter zu einer besseren Welt bei? Verblüffte Mienen im Publikum, denn das trifft Selbstverständnis und innersten Nerv der kreativen Zuhörerschaft. Vielleicht, so die Gestalterin, macht Design die Welt schöner. Aber tatsächlich auch besser? Spontane Assoziationen an so manches Designstück fallen einem dazu ein: Alienhaft spinnenbeinige Saftpressen, formschöne Teekessel mit melodischem Flöten – und von beiden verursachte, vollendete Küchendesaster zwischen geflutetem Herd und saftklebriger Arbeitsplatte. Design macht die Welt möglicherweise schöner, in solchen Fällen aber nicht zwingend besser. „Ist Design ein Verbrechen?“ Volltreffer, versenkt, das Publikum ist kurzfristig sprachlos.

„Die Antworten sind immer im Problem zu finden, nicht ausserhalb.“ formulierte Marshall McLuhan. Martina Grabovszky zitiert den Kommunikationstheoretiker, um ihre ganz individuelle Deklination von Gestaltung und Design zu erläutern:
Naivität – um mit dem unvoreingenommenen Blick eines Kindes das Problem zu betrachten.
Neugierde – für die unbeschwerte Auseinandersetzung mit der Grundfrage.
Offenheit  – um ohne Grenzen und Vorbehalte zu denken.
Leidenschaft – mit Liebe zum Tun.
Reduktion – auf die Kernfrage und das Wesentliche einer Problemstellung.
Wissen – nicht nur das eigentliche Problem betreffend, sondern auch dessen Umfeld und Zusammenhänge.
Relevanz – die Frage nach tatsächlichem Nutzen und Bedeutung.
Konsequenz – in der zielorientierten Umsetzung von Lösungen.
Respekt – und zugleich kein unnötiger Respekt vor „heiligen Kühen“, negativen Assoziationen, Bedenken aller Art.
Übermut – kein Leichtsinn, aber die Portion Mut, die neue Wege und Antworten ermöglicht.

Ihr abschließendes Credo: „… we can not not change the world.“

„Verantwortung gestalten“ – Uwe R. Brückner (04)

Het Scheepvaartmuseum Amsterdam/ @Atelier Brückner

Taxifahrer in München, Hardcore-Architekt, Holzbau und „Fugenzeichnen mit Schatten“ – allesamt Stationen seines Berufslebens, die sich positiv auf ihn ausgewirkt haben, sagt Uwe R. Brückner. Schreiner und Bühnenbildner, zwei zusätzlich erlernte Berufe runden den „Spätentwickler“ (Zitat Brückner) ab: Basis für die „Szenografischen (Ver)Führungen“, dramaturgische Gestaltungen von Räumen und Zwischenräumen für Museen und Ausstellungen. Choreografie und Dramaturgie des Raumes erzeugen Rhythmen – und machen in begehbaren Inhalten das Erleben zur Erfahrung.

Szenografen sind Autoren und Gestalter; das ist Aufforderung zur kompromisslosen Eigenständigkeit in der Gestaltung. Szenografie lädt Räume mit Bedeutung auf: „Gib mir eine Tür, ein Fenster, einen Stuhl … den Rest erledigt der Schauspieler“ soll Bert Brecht gesagt haben. Es geht um den Mut, den Raum als erzählende Bühne zu nutzen und zu bespielen. Es bedeutet, das präsentierte Objekt zum Sprechen zu bringen, es in einer Art Partitur emotional zu inszenieren, um den Besucher damit anzusprechen, zu verführen und zu begeistern. Er entscheidet selbst: Wann und wo möchte er welche Information(en) aufrufen?

„Zum Nullrisiko gibt es keine innovative Gestaltung, no risk, no fun, no success“ sagt Brückner dazu. Für ihn bedeutet das Grenzgängertum, bedeutet immer wieder, sich auf dünnes Eis zu wagen, gestalterisch und konzeptionell – um dorthin zu gelangen, wo noch keiner war. Möglich ist das nur mit einem hochmotivierten Team aus 14 Nationen, aus insgesamt 11 unterschiedlichen Berufsfeldern, die gemeinsam beeindruckende Projekte umsetzen. „Was ich immer haben wollte: Dass man Design als Ideenfindungsprozeß abbilden und erfahrbar machen kann.“ Entstanden sind Räume, die auf subtile Weise sprechen: Über interaktive Stationen, die den Besucher zum Spiel, zum Berühren und Ausprobieren der Ausstellungselemente auffordern. Der Besucher als aktiver Teilnehmer eines Konzepts, der durch seine Interaktion mit dem gestalteten Raum einen neuen Umgang mit den präsentierten Informationen findet.

Uwe R. Brückner - ©Michael Bundscherer/tgm

„Wir müssen einen Zugang dazu gestalten, gleichsam intravenös. Deswegen gefällt es mir so gut, wenn beeindruckte Besucher buchstäblich vor die Scheibe knallen, weil sie so gefesselt sind.“ (Uwe R. Brückner in seinem Vortrag auf der #tgm_mcbw)

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“Verantwortung gestalten” – Umasan (03)

Ein veganes Modelabel, keinerlei tierische Fasern, sondern stattdessen Proteine als Basis der Textilien: Mit ihrem Label „Umasan“ gehen Anja und Sandra Umann aus Berlin einen ungewöhnlichen Weg. Berufliche Stationen bei Strenesse, Wunderkind und Yohji Yamamoto haben die Textildesignerin Anja geprägt: „Elegance, strength and in a way simplicity.“ illustriert ihre ausgefeilte Schnitttechnik;  statt ihre Trägerin einzugrenzen, soll sich Kleidung nach der Idee der kreativen Schwestern gleichsam der Person und ihrem Körper unterordnen und vollkommen anpassen. Design, in diesem Fall als Konzept von Mut und individueller Eigenständigkeit, als Ausdruck einer Geisteshaltung – sowohl zu sich selbst als auch zu seiner Umwelt.

„Creativity is more than that … you have something to say … „, ergänzt Sandra Umann. Das Konzept der Textilproduktion spricht dabei für sich: Ein weitgehend rückstandsfreier Prozeß, selbst dessen „Abfallprodukte“ sind fast alle verwertbar. Aus Fasergewinnung entsteht beispielsweise ein pflanzlicher, verwertbarer Süßstoff. Auch die Stoffe selbst, die in fließenden Formen zugeschnitten, die Figur umhüllen, entwickeln ein interessantes Eigenleben: „Altern in Würde“, so könnte man dieses Konzept einer Design-Wertschöpfungskette beschreiben. Die natürliche Veränderung ist also nicht zwingend Verschleiß und Verfall, sondern verleiht mit der Zeit einem Kleidungsstück einen sich wandelnden Charakter.

Die Zwillingsschwestern, beide Yogafans, formulieren dabei den Kern ihres veganen Designkonzepts so liberal wie überzeugend. Es bedeutet für die Modedesignerinnen vor allem, für sich selbst zu stehen, eigene Meinungen zu haben und sie prägnant zu kommunizieren: „Innovation ist, wenn man tut, was man für richtig hält. Das Problem unserer Konsumgesellschaft besteht nicht darin, dass Menschen bereits alles oder jedenfalls sehr viel haben; sie haben nur zuviel vom Gleichen.“ (Anja & Sandra Umann/Umasan)