Essay

Essays zu Photographie und Visueller Kultur – Essays on Photography and Visual Culture

Amir Kassaei über Kreativität und Zeitung …

„Bei der ganzen Hysterie in der Werbe- und Marketingwelt um Fortschritt, Digitalisierung, Fragmentierung, Social Media, Mobile Plattformen und Vernetzung wird das entscheidende Kriterium für Kreativität in der Werbung vergessen. Technologie ist nämlich nicht alles. (…) Es ist die Kunst, richtige, sinnhafte Wahrheit über ein Unternehmen, ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Marke herauszuarbeiten, diese Wahrheit auf ungewöhnliche, ungesehene, intelligente, einfache aber einfallsreiche Art den Menschen näherzubringen – und als Resultat werden die Menschen sich damit auseinandersetzen. (…)

(…) eine grandiose kreative Idee kann in einer Zeitung wahrscheinlich viel eher ihre Kraft entfalten als in vielen gehypten Medien. Wenn man das Medium ernst nimmt, sich mit seinen Stärken auseinandersetzt und die goldene Regel der Kreativität befolgt, dass eine große, kreative Idee immer wirkungsvoller ist als die modernste Technik. (…)

Amir Kassaei (zu Gast beim Süddeutschen Journalistentag 2010). Ersetzt man „Werbung“ in diesem Kontext durch „Journalismus“, passt das ganz genauso….

Quelle: ZMG.de/zitiert mit freundlicher Genehmigung der ZMG – Download „Die Zeitungen“ als PDF)

Weitere Linktipps zum Thema:

Ulrike Langer über preisgekrönte Journalismus-Innovationen auf medialdigital.de
Christian Jakubetz (jakblog.de) meint: „Journalisten haben keine Medienkrise“ und
„Ihr kommt zu spät“ – über junge Digitalkönner und im Nirgendwo festhängende Redakteure.
Thomas Knüwer über „Das böse Erwachen der Zeitungsredaktionen“ auf IndiskretionEhrensache.de
Über die Befindlichkeiten von Journalisten im Social Web auf HeikeRost.com
„Lokaljournalismus crossmedial?“ – Eine Studie des Projektteams Lokaljournalismus der Bundeszentrale für Politische Bildung mit erschreckenden Aussagen über die Zeitungsbranche – „Rund 30 Prozent (der Journalisten, Anm. d. Verf.) verweigern sich den Herausforderungen der Internetwelt völlig.“

Bibi Aisha – Das kurze visuelle Gedächtnis

„Alle Welt reagierte und kommentierte“, sagte Jodi Bieber: Ihr Porträt der achtzehnjährigen Afghanin Bibi Aisha, der von ihrem Ehemann Nase und Ohr abgeschnitten wurden, ist als Pressefoto des Jahres 2010 beim World Press Photo Award ausgezeichnet worden. Zunächst im August 2010 auf der Titelseite des US-Magazins TIME erschienen, hat das Bild nach seiner Auszeichnung erst recht heftige Diskussionen ausgelöst: Der Bildjournalistin wurde unter anderem vorgeworfen, die verstümmelte junge Frau als bloßes Objekt zu präsentieren.

Das Bild von Bibi Aisha erinnert mich an ein anderes Bild: Ein schwarzweißes, so beeindruckendes wie verstörendes Porträt eines verstümmelten Hutu-Mannes aus Ruanda. Es ist entstanden während des blutigen Bürgerkriegs in dem afrikanischen Land – und wurde 1994 ebenfalls als Pressefoto des Jahres beim World Press Photo Award ausgezeichnet. Die Diskussion um das Foto von James Nachtwey wurde damals in gleicher Intensität, mit zum Teil den gleichen Argumenten geführt.

Beide Bilder ähneln einander auf frappierende Weise: Zwei Porträts, entstanden in unterschiedlichem Kontext, in unterschiedlichen Regionen. Zwei verstümmelte Menschen, die unauslöschliche Spuren von mörderischer Gewalt im Gesicht tragen – und damit der Gewalt, dem Entsetzen und dem Elend ein präsentes menschliches Gesicht verleihen. Beide Bildjournalisten, Nachtwey und Bieber, verbindet das in der Unmittelbarkeit ihres jeweiligen Fotos. Jodi Bieber sagt dazu kurz und knapp: „Ich zeige, was mir am Herzen liegt.“ Das menschliche Gesicht bedeutet zugleich emotionale Nähe zum Betrachter. Das ist schwer auszuhalten; aber jenseits der politischen Korrektheit muss Bildjournalismus genau das tun: Verstören, aufschrecken, provozieren. Es ist eine Balance auf einem schmalen Grat, immer.

Im Zeitalter allgegenwärtiger Bilder, einer so umfassenden wie erschlagenden Verfügbarkeit von Bildern zeigt die Diskussion um Jodi Biebers Porträt der jungen Afghanin, dass es die herausragenden, berührenden Fotos immer noch gibt. Dass sie nichts von ihrer schmerzhaften Intensität verloren haben, die zu heftigen Diskussionen anregen. Und das ist gut so.

Zum Vergleich hier nochmals die Links zu den Bildern:

James Nachtwey, World Press Photo of the Year 1994 – aus dem Archiv des WPPA

Jodi Bieber, World Press Photo of the Year 2010 – WPPA-Website

Nachtrag: Bibi Aisha lebt heute dank einer Hilfsorganisation in New York und hofft auf plastische Gesichtschirurgie. Über das Schicksal des verstümmelten Hutu ist nichts bekannt.

Problem Klickstrecke

Bemerkenswerte Argumentation rund um eine Klickstrecke: „Wegsehen kann auch richtig sein!“ – unter dieser Überschrift kommentiert Julia Hohenadel für den Online-Auftritt des Kölner Stadtanzeigers die „Gaffer-Problematik“ am Rande eines schweren Unfalls. Ein durchaus ehrenwerter Beitrag, wäre da nicht auch noch die zum Kommentar passende Bilderstrecke – fotografiert von der engagierten Kommentatorin. Ulrike Langer wies heute in ihrem Blog Medialdigital.de auf diesen Widerspruch in sich hin; sehr interessant und lesenswert sind die Kommentare, die zum Teil an der Problematik vorbei argumentieren.

Ein Rundumschlag von Fotografen- bis Medienschelte greift dabei zu kurz: Es ist grundlegende Aufgabe von Journalismus, aktuelles Geschehen zu dokumentieren und darüber zu berichten. Dazu gehören auch Bilder von schweren Unfällen, Katastrophen, von Kriegen, Gewalt und Verbrechen. Bildjournalisten bewegen sich dabei immer in einem Spannungsfeld zwischen redaktionellem Auftrag, daraus resultierendem Druck und persönlichen Grenzen. Zwischen Restriktionen ihrer Arbeit und öffentlicher Kritik sind sie konfrontiert mit oft genug unfassbarem Geschehen, das weit über die eigene Schmerzgrenze hinaus gehen kann. Der Moment des Fotografierens ist mitnichten konfliktfrei oder gar von verantwortungsloser Sensationsgier geprägt; ein Foto zu machen oder nicht, bleibt dennoch individuelle Entscheidung eines Bildjournalisten.

In der Verantwortung des Veröffentlichenden – egal ob Print oder Online – liegt hingegen die Art und Weise, in der solche Bilder publiziert werden. Dokumentation und Information braucht in diesem Fall klare redaktionelle Entscheidungen: Gegen bloße Klickstrecken, deren Bilder als Füllmaterial zur Generierung von Zugriffszahlen kommentarlos ins Netz gestellt werden, für eine Auswahl und Beschränkung auf das notwendige Mindestmaß an Berichterstattung im Interesse der Öffentlichkeit. Redundante Bildmotive in zweistelliger Zahl, von denen maximal zwei oder drei relevant hinsichtlich ihres Informationsgehalt sind, werden zu einer sinnentleerten Galerie des Horrors. Durch das Fehlen jeglicher Einordnung im Kontext kommt diesen Bildserien der Charakter des Dokumentarischen abhanden. Oft sind sie garniert mit unpassenden Werbeeinblendungen, gelegentlich gar mit Möglichkeit, die Bilder des Horrors als Postkarte zu versenden: Das kritisiert der Journalist Fiete Stegers in seinem Kommentar völlig zu Recht, denn in dieser Art der redaktionellen Präsentation besteht die eigentliche ethische Grenzüberschreitung solcher Klickstrecken.

Als Journalistin bin ich durchaus der Meinung, dass man grausame Bilder zeigen kann, sogar muss. Auch um den Preis der Grenzüberschreitung, der Verletzung ethischer Tabus – weil sie Realität abbilden und Zeitgeschehen dokumentieren, so schmerzhaft solche Bilder auch zu ertragen sind. Gravierende Unterschiede gibt es allerdings in der Art der Veröffentlichung: Unter dem Titel „Behind the Scenes – To Publish or Not?“ veröffentlichte der Lens-Blog der New York Times im September 2009 die Geschichte eines Fotos der AP-Journalistin Julie Jacobson, das sie während ihres Einsatzes als embedded photographer machte. Es zeigt einen tödlich verwundeten Marine in Afghanistan – und wurde nach langer interner Debatte von AP veröffentlicht.

Wie man trotz Veröffentlichung (in diesem Fall gegen den Willen der Angehörigen) respektvoll und fundiert mit einer solchen Thematik umgehen kann, zeigt die Fortsetzung: Zwei weitere Folgen der Berichterstattung im Lens Blog, publiziert unter den Titeln „Readers‘ Voices: Public and Private Trauma“ und „From the Archive: Not New, Never Easy„, beschäftigen sich mit der umfangreichen Diskussion des AP-Fotos im Forum des Blogs und der Öffentlichkeit ebenso wie mit der Rolle und den Themen der „War Photographer“ im historischen Rückblick. Auch hier finden sich Bildstrecken mit zum Teil grausamen Bildern. Der wesentliche und über ihre Wahrnehmung entscheidende Unterschied liegt in der Art der Präsentation und Kommentierung des Bildmaterials, in der sich die komplette Bandbreite der Positionen zwischen Ablehnung und Befürwortung widerspiegelt. Davon sind die immer wieder kritisierten Klickstrecken, von denen einige auch schon Gegenstand von Beschwerden beim Deutschen Presserat waren, in all ihrer Oberflächlichkeit weit entfernt.

Nachtrag: Fiete Stegers zum gleichen Thema bei Onlinejournalismus.de.

Lektüretipps zur Thematik:
✩ Die National Press Photographers‘ Association/NPPA über die Debatte um das AP-Foto und die aufgrund der Diskussion geänderten Regeln der US-Streitkräfte für „embedded photographers“. Die NPPA hat darüber hinaus einen lesenswerten Code of Ethics in the Age of Digital Photography veröffentlicht.
✩ „Bildtheorien in Geschichte und Gegenwart“ von Klaus Hombach – ein Überblick zum Bildbegriff und dessen Funktionen (u.a. Abbilden als Funktion der kognitiven Verarbeitung von Geschehen)
✩ „Tous Journalistes?“ André Gunthert 2009 über die Attentate von London 2005 und die Rolle der Citizen Journalists.
✩“Camera Phones Prevail: Citizen Shutterbugs and the London Bombings“ – Robert Bain im Digital Journalist zum gleichen Thema.
✩ „Horror und Ästhetik. Eine interdisziplinäre Spurensuche“ von Claudio Biedermann und Jens Stiegler, UVK Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3867640664
✩ „Medienbilder – Inszenierung der Sichtbarkeit“ von Götz Großklaus (u.a. zum Aspekt von Schrecken und Bannung durch Bilder), Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518123195