Media Culture

Media culture in the digital era

Charlie Hebdo – Zwischen Provokation und Entwürdigung

charliehebdoEs ist ein gallebitterer Humor, der einen aus den Karikaturen des französischen Magazins »Charlie Hebdo« anspringt. Er tut weh, überschreitet Grenzen von Geschmack und Gefühlen, konfrontiert seine Betrachter mit der schmerzhaften Widerwärtigkeit aktuellen Geschehens. Für diesen brachialen, von vielen Menschen als geschmacklos empfundenen Stil ist das Magazin bekannt. Nicht erst seit den Anschlägen auf die Redaktion, denen ein Großteil der Mitarbeiter zum Opfer fiel. Die Überlebenden machen weiter. Und lösen weiter kontroverse Diskussionen aus.

Diesmal über eine Zeichnung, die das Geschehen Silvester 2015 ins Visier nimmt. Europaweit wurden in vielen Städten, vor allem in Köln, Frauen gezielt sexuell belästigt und ausgeraubt. Auf der Karikatur jagen männliche Gestalten mit verzerrten, Affen ähnlichen Gesichtern und ausgestreckten Armen (»Armlänge«!) Frauen hinterher, die vor ihnen flüchten. Eine zweite, kleinere Zeichnung in der Zeichnung erinnert an das ertrunkene Flüchtlingskind Aylan Kurdi, dessen Foto im vergangenen Jahr weltweit Empörung und Trauer auslöste: Das tote kleine Junge wurde zum Symbol der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer und verlieh der Tragödie ein menschliches Gesicht. Jetzt fragt »Charlie Hebdo«: »Was wäre aus Aylan Kurdi geworden, wenn er groß geworden wäre?«. Und liefert eine so kurze wie bittere Antwort dazu: »Ein Arschgrabscher in Deutschland«. Das zwiespältige Bild löste prompt eine heftige Diskussion in den Sozialen Netzwerken aus. Nicht etwa um Versäumnisse der Flüchtlingspolitik, über gesetzliche Regelungen, bürokratisches Versagen (Stichwort LaGeSo, Berlin) oder politische Fehler. Mit überaus konträren Positionen, bisweilen heftig und mit brachialem Getöse ist die Debatte um die Karikatur vor allem Beleg dafür, welche enorme emotionale Wirkung Bilder auf ihre Betrachter haben. Und zeigt mit ihrer überwiegend fehlenden Differenzierung sehr beeindruckend, welch vermintes Gelände das komplette Thema mittlerweile geworden ist.

»Sie muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird …« schrieb Kurt Tucholsky und beantwortete die Frage, was Satire darf, kurz und bündig mit dem Wort »Alles!«. Einige Stimmen von Kollegen, die ich heute nach ihrer Meinung befragt habe, spiegeln die Bandbreite dessen, was Charlie Hebdos Karikatur auslöst:

»Mir fällt langsam nicht mehr ein, wie krass widerwärtig es eigentlich noch werden kann.« Juliane Leopold, Buzzfeed

»Aylan Kurdi würde als Überlebender auf der Kölner Domplatte sexuelle Straftaten begehen? Ist das pure Provokation, schlechte Satire, gefühlskalte Geschmacklosigkeit oder bittere Realität? Wohl ein bißchen von allem, was der Zeichner Laurent Sourisseau alias Riss für „Charlie Hebo“ fabriziert. Mit Empörung, Anklage oder Kopfschütteln ihm gegenüber sollte man aber zurückhaltend sein: wer die Ermordung von zwölf Kollegen durch islamistische Fanatiker aus nächster Nähe erleben durfte, für den gelten andere Regeln. Im Übrigen halte ich es für durchaus legitim, zu fragen, welches Leben das Abendland dem kleinen Aylan Kurdi zu bieten gehabt hätte.« Rüdiger Schrader, Trainer, Coach, Fotograf und bis 2013 langjähriger Bildchef des Magazins Focus.

»Geschmack übertreten, gewiss, gallig sein, verletzen auch – das darf Satire, das ist die DNA der guten Karikatur. Was aber, wenn Sarkasmus zu Hetze wird? 2015 wird das Bild des ertrunkenen Kindes zum Menetekel einer verfehlten Flüchtlingspolitik. 2016 taucht der ertrunkene Junge wieder auf und stellt mit Affenfratze Frauen nach. Nichts daran ist witzig, aufklärend oder real: Das tote Kind symbolisiert Elend und Flucht, nicht für potenzielle Jagd auf Frauen. Die Macht des Fotos wird missbraucht für eine erfundene Botschaft, die sich der Bildsprache des Nazi-Organs »Stürmer« bedient. Charlie Hebdo, das Opfer, wird zum Spalter und Täter. Statt Florett die Bombe des Hasses: mit der Aussage »Gut, dass das Kind tot ist.« So vertieft diese Karikatur den Abgrund, den Kunst überwinden könnte.« Horst Kläuser, WDR

Ich habe mit vielen anderen Kollegen gesprochen, zugehört, ihre sehr unterschiedlichen Positionen überdacht. Und mich gefragt, was meine eigene Haltung zu dieser Karikatur ist. Gerade weil ich mich vor einigen Monaten für eine Veröffentlichung des bedrückenden Fotos von Aylan Kurdi aussprach, war und ist diese Karikatur für mich schwer erträglich – und überschreitet für mich die Grenze dessen, was Satire darf. In überzeichneter Form greift Charlie Hebdo die widerlichen rassistischen Kommentare zum Bild des toten Kindes auf, deren schlimmste lauteten: »Einer weniger!«

Das Schlüsselwort ist für mich in diesem Fall »Menschenwürde«: Das Schicksal des auf der Flucht ertrunkenen dreijährigen Aylan Kurdi gab den anonymen Zahlen, den grauenvoll abstrakten Bildern zahlloser Leichen an Stränden und in einem LKW ein menschliches Gesicht. Den Opfern einer unvorstellbaren, humanitären Katastrophe gibt das im Nachhinein einen Teil ihrer Würde zurück: »Wegsehen und wäre die schlimmere Entwürdigung«, schrieb ich in einem Beitrag dazu. Das tote Kindes zu verbinden mit der Behauptung, Alan Kurdi wäre ein Krimineller geworden, hätte er nur überlebt, macht Charlie Hebdo nicht nur zum Komplizen eines gesellschaftlichen Klimas. Mit der fahrlässigen Verallgemeinerung nimmt diese Karikatur dem toten Kind stellvertretend für alle toten Flüchtlinge nachträglich jegliche Würde – und Charlie Hebdo macht sich zum Mittäter.

Nachtrag: In einem vergleichbaren Fall zeigte das Titelbild eines Satiremagazins 2012 Papst Benedikt XVI mit urin- und kotbefleckter Soutane. Zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat führten zu einer öffentlichen Rüge. Die Begründung des Gremiums im Wortlaut: »Die Darstellung des Papstes ist entwürdigend und ehrverletzend. Nach Ziffer 9 widerspricht es journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen. Diesen Grundsatz hat die Zeitschrift verletzt. Zwar hat Satire die Freiheit, Kritik an gesellschaftlichen Vorgängen mit den ihr eigenen Stilmitteln wie Übertreibung, drastischer Sprache sowie Ironie in Wort und Bild darzustellen. Aber auch diese Freiheit findet ihre Grenzen in der unverletzlichen Würde eines Menschen.«

(Die Entscheidung des Deutschen Presserats ist online in der Datenbank des Presserats recherchierbar, Aktenzeichen 0404/12/1.)

©HeikeRost.com 14.1.2016

»Die Hölle, das sind die anderen«

430418_10150567517812797_371510741_nSeit dem Absturz der GermanWings-Maschine und den ersten Nachrichten laufen meine Telefonleitungen heiß. Es sind Bekannte und Freunde, die anrufen und schockiert sind über das, was sie in den Nachrichten sehen und lesen. Überwiegend sind das Menschen, die mit »den Medien« nur als Leser und Zuschauer zu tun haben, die ich manchmal »nur« virtuell kenne, aus Diskussionen in den Sozialen Netzwerken. Viele Kollegen aus unterschiedlichen journalistischen Bereichen, mich eingeschlossen, beziehen dort Position, stellen sich berechtigter Kritik, hören zu und führen Debatten, versuchen idealistische Kontrapunkte zu setzen, gegen alle Anwürfe, gegen Beschimpfungen und »Lügen-Presse«. Oft hadern wir mit den Bedingungen und Veränderungen unseres Berufs, den wir dennoch lieben; zweifeln an Berichterstattung, deren moralische Angemessenheit eine gänzlich andere sein kann als presserechtliche Korrektheit.

Es sind mittlerweile knapp 48 Stunden voller Fragen, begleitet von Links und gescannten Zeitungsausschnitten. »Du bist doch in diesem Presserat, was hältst Du davon?« Zunehmend gehen mir die Antworten aus. Stammelnde Moderatoren mit mechanischem Lächeln und leerem Blick, Spekulationen, merkwürdige Glossen und Kollegen, die sich in ihren Kommentaren als empathiefreie Wesen entpuppen, lassen meine Worte versiegen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich die Website des Presserats genannt, das Beschwerdeverfahren erklärt habe. In die Geschäftsstelle des Presserats ergießt sich eine Flut von Beschwerden, die nicht abreißt. Manche Anrufer bitten darum, der als unerträglich empfundenen Berichterstattung endlich Einhalt zu gebieten. Auf Facebook, das normalerweise zu meinem Leben als Journalistin und Autorin gehört wie eine Art virtuelles Caféhaus, bin ich momentan bestenfalls als Mitleserin unterwegs, auf Twitter derzeit gar nicht mehr. Es gibt eindeutig ein Zuviel im Virtuellen. Zeit für Schweigen.

Befreundete Kollegen flüchten nach Redaktionsschluss in den Feierabend, suchen das Gespräch mit mir. In den stillen Pausen höre ich manchmal Tränen am anderen Ende der Telefonleitung. Gestandene Reporter erzählen von den Bildern, den Nachrichten und legen manchmal mittendrin auf, weil Reden nicht mehr geht. Schon zu normalen Zeiten sind es bis zu zehntausend Fotos, die über die Agenturen in die Redaktionen geliefert werden. An Tagen wie diesen gibt man das Zählen auf. Sortieren, bewerten und gewichten des Unfassbaren ist harte, anstrengende Arbeit, auf der Suche nach der angemessenen, »richtigen« Berichterstattung. Die Trennlinie zwischen notwendiger Information und boulevardesker, Grenzüberschreitung ist fließend und hauchdünn, die Reaktionen von Lesern und Zuschauern sind mittlerweile brachialer denn je.

Maßstab des Zerrbildes »Journaille« sind nicht diejenigen Kollegen, die zwischen Pressekodex und Haltung versuchen, ihrem Anspruch an die eigene Arbeit gerecht zu werden. Es ist immer die größte anzunehmende Entgleisung »der Medien«, die sich selbst in bislang als seriös geltende, sich so gerierende Tageszeitungen breitmacht. Die hasserfüllten Beschimpfungen bis hin zu Gewaltdrohungen sind der anderen Teil dessen, was alle Journalisten aushalten müssen, ungeachtet des »Wie« ihrer Arbeit. Die Bewältigung traumatischer Situationen gehört ebenso dazu wie das eigene, menschliche und moralische Scheitern. Darüber redet keiner; nicht diejenigen, die berechtigt kritisieren, auch nicht diejenigen, die selbst bei kleinen, durch Redaktionen angemessen korrigierten Fehlern die Verbalkeule »Lügen-Presse« schwingen. Schon gar nicht Journalisten selbst. Zwischen Controllern, Juristen, Zeitungssterben und kaputt gesparten Redaktionen einerseits, dem Ringen um Auflagen und Quote andererseits ist das Mitgefühl auf der Strecke geblieben: Vor allem der Berichterstattung, die aus der Kenntnis eigener Grenzen die Grenzen anderer respektiert – und innehält. Schweigt, wo es nichts zu sagen gibt außer unbestätigten Meldungen und Vermutungen.

»Wir sind seit langem nicht mehr füreinander da, in unserem Arbeitsalltag, als Kollegen.« Ein kluger Satz, bedrückend wahr, formuliert von einem Journalisten, den ich lange kenne und der überraschend zu einem Freund wurde. Ich habe mich in den letzten 48 Stunden seit dem Absturz der GermanWings-Maschine oft daran erinnert.

Seit 2002 gehöre ich dem Deutschen Presserat an, gewählt von meinen Kollegen des Deutschen Journalisten-Verbands. Angetreten bin ich mit viel Idealismus und Liebe zum Journalismus. Sich berechtigter Kritik zu stellen, den Dialog mit Lesern, Kollegen und Freunden zu führen, gehört dazu. Und auch wenn der Presserat vielen seiner Kritiker wahlweise als »zahnloser Tiger«, Elfenbeinturm oder »ewiggestrig« gilt, sollte der Pressekodex und das, was er beschreibt, wesentliche Grundlage journalistischen Alltags sein. Mir ist das wichtig genug, um dafür sechs ehrenamtliche Sitzungstage im Jahr und zusätzlich mindestens sechs ehrenamtliche Vorbereitungstage zu investieren, dafür knappe Freizeit zu nutzen. Oder auch in journalistischen Seminaren, in Workshops und Vorlesungen, auf Diskussionspodien und im persönlichen Gespräch über Werte zu diskutieren und den Versuch zu machen, das vor allem jungen Kollegen zu vermitteln.

An Tagen wie diesen bleibt ein persönliches Fazit, das nicht nur den letzten 48 Stunden geschuldet ist, sondern eine längere Vorgeschichte hat, ob 9/11, Winnenden, Breivik oder IS. Es ist ein überaus widerwärtiges und bedrückendes Gefühl, wenige Stunden nach manchen katastrophalen Ereignissen zu ahnen, was der Schwerpunkt der nächsten Presseratssitzung sein wird. Im Wissen, dass andere, weitaus schlimmere Dinge oft nur eine Fußnote der Debatte bleiben, obwohl auch sie eine ausführliche Erörterung verdient hätten. »Audiatur et altera pars«, beide Seiten sind zu hören, gilt für sämtliche Beschwerden, die beim Deutschen Presserats vorgebracht werden. Aber selbst nach langen Jahren im Presserat und der Beschäftigung mit Beschwerden aller Art finde ich es oft furchtbar, den Wortlaut mancher Schreiben aus Chefredaktionen und Verlagsjustiziariaten zu lesen.

An die moralische, emotionale Kälte, mit denen Verlage bisweilen für die Unbegründetheit von Beschwerden argumentieren, kann es nie eine Gewöhnung geben.

(Um beim Titel dieses Beitrags, den ich bei Jean-Paul Sartre entliehen habe, zu bleiben: Die Hölle sind nicht die anderen, sondern wir selbst. Es liegt an uns, dem etwas entgegenzusetzen und sinnvoll zu verändern.)

Weiterführende Links:

Die Website des Deutschen Presserats mit allen Informationen von Pressekodex bis Beschwerde und öffentlich zugängiger Recherchendatenbank.

Die deutschsprachige Seite des Dart Centre, die sich mit traumatischen Erfahrungen von Journalisten beschäftigt und Hilfe bei deren Bewältigung anbietet.

Keine Links hingegen zu negativen Beispielen der Berichterstattung. Es gibt keinen Grund für deren weitere Verbreitung.

Update – Netzstimmen zum Thema

»Gefühlter Journalismus« (Wolfgang Michal, 1.4.2015)
»4U9525 und Medien – Ein Einwurf aus dem Internet« (Christoph Kappes, 31.3.2015)
»Umgang der Medien mit Schülern und Angehörigen« (Mika Baumeister, 30.3.2015 – zur Einordnung: Mika Baumeister ist Schüler am Joseph-König-Gymnasium, Haltern am See)
»Der Journalismus existiert nicht mehr« (Hans Hoff, DWDL, 29.3.2015)
»Medien – Absturz – Ethik. Eine Kritik der Medienkritik.« (Alexander Filipovic, Netzwerk Medienethik, 27.3.2015)
»Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft« (Meike Lobo, »Frau Meike sagt«, 27.3.2015)
»Witwenschütteln. Berichterstattung in Zeiten von BILD-Intelligenz« (Lilian Kura aka »Textzicke«, 27.3.2015)
»Appell an die Chefredaktionen: Witwenschütteln – Das wollt Ihr alle nicht erleben« (Sandra Schink, Facebook/öffentlich zugängig, 26.3.2015)
»Die Medien und der Absturz« (Bettina Schmieding, Deutschlandfunk, 26.3.2015)

»klima kunst kultur« – Positionen zum Klimawandel

klimakunstkulturKlimawandel und Kultur? Klimawandel in der Kunst? Was auf den ersten Blick anachronistisch wirkt, entpuppt sich im Buch »Klima Kunst Kultur« des Steidl Verlags als überaus spannendes Projekt und Blick über den Tellerrand: Das von Menschen gemachte Phänomen wirkt sich nicht nur in Umweltveränderung und -zerstörung aus, sondern beeinflusst auch unsere Gesellschaft bis hin zu individuellen Lebensentwürfen zwischen Mobilität, Denkansätzen und Werten. Das schwer fassbare Thema beeinflusst auch Kultur und Kunst: Über die unterschiedliche Auseinandersetzung wird eher Abstraktes erfahrbar, sinnlich erfassbar und damit in seiner Bedeutung verständlich und vorstellbar.

Neben Essays und Interviews setzt »klima kunst kultur« auch auf Einblicke: Fotos lokaler Probleme – und die »story behind«, die Geschichte hinter den Bildern zeigen, wie verwundbar Menschen in ihrer ebenso verwundbaren individuellen Umgebung sind. Beeindruckend die Bildstrecke »Die Badenden« von Michael Tsegaye. Der bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts größte See in Äthiopien schrumpft kontinuierlich. Tsegaye zeigt eine verschwindende Welt in seinen Bildern; vergnügt plantschende Kinder in bräunlich-lehmfarbenem Wasser, synonym für die Farben des Malers auf seiner Leinwand. Was bei uns hierzulande eher Irritiation auslöst – aus Gewöhnung an ganz andere, klarere Gewässer und die Assoziation des lehmigen Wassers mit Verschmutzung – konfrontiert den Betrachter der Serie mit der einzigen, wirklich wichtigen Frage: Wie lange noch wird das Wasser des Sees überhaupt noch existieren?

Spannend auch Erika Blumenfelds »The Polar Project«. Schnee und Eis, als weiße Unendlichkeit und Nichtfarbigkeit visuell besetzt, entwickeln in diesem fotografischen Projekt ein beeindruckendes Eigenleben aus Formen und vor allem Farbigkeit. »The Polar Project« ist eine gekonnte Übersetzung physiologischer Wahrnehmung von Licht und Strukturen. Ihre feinen Nuancen zeigen, dass Helligkeit und weiße Leere mitnichten leer sind – sondern ein komplexes Gebilde aus Facetten, Verwerfungen und Reflexionen. Über diese Detailperspektiven der Polarwekt, entstanden im Queen Maud Land der Antarktis, wird über die Auseinandersetzung mit Physik, Physiologie und Ästhetik sichtbar und verständlich, welchen Bedeutung das Verschwinden der polaren Eiswelt hat.

33 Autoren, 33 unterschiedliche Arten der Annäherung an eines der größten Probleme unserer Zeit: 33 spannende Gründe, dieses Buch zu lesen.

»klima kunst kultur«, herausgegeben von Johannes Ebert und Andrea Zell für das Goethe-Institut, ist 2014 im Steidl Verlag erschienen und für 32,– € erhältlich. Mehr Informationen zum Buch (inklusive Einblick in die Publikation) auf der Website des Steidl Verlags.

»Quelque Part En France«

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Tonight I finished reading »Quelque Part En France«. After having had the pleasure to meet John G Morris last fall at Paris, I consider this book as one of the most impressing I’ve read for a while. First for its intense narrative, which is a emotionally intense collection of very personal moments and perceptions. For its deeply compelling humanistic view on history and WW II – and the touching individual perspectives, notably the reprints of John G Morris‘ letters to his wife.

»Quelque Part en France«, Marabout – 04/2014, ca. 20 € – ISBN-13: 978-2501095709
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World Press Photo International 2014 – Favorite Images

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Congratulations to John Stanmeyer, american photographer and photojournalist! His outstanding photo of African migrants is World Press Photo of The Year 2013. The silhouettes of people at the shores of Djibouti, raising their cellphones to capture a mobile signal from Somalia, give another perspective of migration in Africa. The tenous link to relatives abroad is a strong symbol – on the one hand side for the daily life of migrants, as Djibouti is one of the stop-off points for people in transit from other African countries.
But this photograph makes a visual difference: Without denying the hard facts of migration, it is in its strong and emotional impression a symbol of hope and humanity.

Update 15.2.2014 – via John Stanmeyer’s Instagram: »This photograph of Somalis trying to „catch“ a signal is an image of all of us as we stand at the crossroads of humanity, where we must ask ourselves what is truly important, demanding our collective attention in a global society where the issues of migration, borders, war, poverty, technology and communication intersect.« John Stanmeyer about his photograph.
Update 20.2.2014 – See the video and listen to John Stanmeyer’s „story of the photo“ – click on the photo above.

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Talking about a different view also means to have a closer look at a second photograph of the contest – by Taslima Akther from Bangladesh: Her photo of a dead couple, captured in a collapsed garment factory at Dhaka, is among the awarded images. It is one of the most impressing, heart wrenching photos illustrating grief and dead. Having been criticized as deeply disturbing and blamed as respectless, »The Final Embrace« is a hauntingly beautiful photograph, which gives a human face to the tragedy of Dhaka.

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Third of my personal favorites among the winners is Peter van Agtmael’s touching series »Healing Bobby«. Van Agtmael, Magnum photographer, portrayed Bobby Henlin, who suffered burns on more than a third of his body, when his Humvee hit an explosive device near Baghdad/Iraq.

»If I can share my story and help somebody else…I don’t care if it’s a room of 100 or 1500…if one person out of that room changes their life for the better because of my story…oh my god…I gotta keep doing this.« Bobby Henlin in the documentary film »Healing Bobby«, directed by Peter van Agtmael.

Additional links:

John Stanmeyer’s Website
Blog „Out of Eden“ (Paul Salopek’s Out of Eden world walk, National Geographic)
John Stanmeyer about his photograph (Video)

Taslima Akther’s website
Time Lightbox about Taslima Akther’s photo

Peter van Agtmael’s website
»Healing Bobby« – the documentary film at TIME Magazine

World Press Photo Award 2014 – The galleries

»The World’s Best (Unaltered) Photos« (14.2.2014, James Estrin on Lens Blog/New York Times)
»57th World Press Photo Awards« (14.2.2014, LensCulture.com – Slideshow)

Image and View Selections – 19.1.2014


Fifteen year old Fabienne Cherisma was shot dead 19. January 2010 by Haitian police after looting a shop. Photographer Paul Hansen, known for his winning entry at World Press Award 2012 and debates on »extensive photoshopping«, won »International News Image« of »Swedish Picture of The Year Award 2010« for his picture of the dead young girl. But there was yet another view of the scene, captured by Nathan Weber, which offers a completely different perspective, raising questions and debates about photojournalism and ethics in general. Nothing new so far, as Ruben Salvadori’s report shows:

Photojournalism Behind the Scenes [ITA-ENG subs] from Ruben Salvadori on Vimeo.

Personally, discussions about »the best photo« don’t make any sense to me. The usual accusations of photojournalists‘ »vulture behaviour«, »exploitation of victims« and »truth of photos« don’t, either. Reporting from war zones and crisis areas were, are and will always be a kind of serious tightrope walk. But how to apply standards to something beyond all imaginable standards, though?

Please feel free to comment and share your thoughts with Image and View.

Additional links:

»The First Photo Won a Prize; The Second Made a Controversy Explode« (Politica Y Sociedad, 21.12.2013)
»Brouhaha in Sweden following Award to Paul Hansen for his Image of Fabienne Cherisma« (Prison Photography, 23.3.2011)
»This is 15-year-old Fabienne Cherisma, shot dead by a policeman after looting three picture frames.« (Colors Magazine, 9.4.2013)
»Haiti« (Nathan Weber’s website NBW Photo)
»Ruben Salvadori’s Photojournalism Behind The Scenes“ (No Caption Needed, 24.2.2012)
»Ruben Salvadori: Photojournalism Behind The Scenes« (Vimeo, 2012)
»Hinter den Kulissen des Photojournalismus« (ZEIT, 22.3.2012)
»’I was gutted that I’d been such a coward‘: photographers who didn’t step in to help« (The Guardian, 28.7.2012)
»The Future of Photojournalism – Part 1« (Tribe Magazine, 16.8.2013)
»The Future of Photojournalism – Part 2« (Tribe Magazine, 21.9.2013)
»Kevin Carter: The Consequences of Photojournalism« »Double Exposure – 60 Minutes« (CBS documentary about David and Peter Turnley, 2011)
»Viral photo of abusive Israeli soldier called a fake« (LA Times Blog, 2.2.2012)
»’Heartbreaking‘ Syria orphan photo wasn’t taken in Syria and not of orphan« (The Independent, 17.1.2014)

Update 21.1.2014

»Photographing Fabienne: Conclusions« (PrisonPhotography, 8.4.2010 – please see additional links in the article pointing to photographers‘ statements on the scene/capture.)

Update 24.1.2014

»Pulitzer Prize-winning photographer banned by AP after photo alteration«(Politico, 24.1.2014)
„Should the AP Really Have Fired This Pulitzer-Prize War Photographer?“ (Gawker, 24.1.2014)
»Truth and Consequences for a War Photographer« (James Estrin, Lens Blog/NYT, 24.1.2014)
»Ethics Matters: Digital Processing« (NPPA, 25.2.2013)

Zero tolerance or zero intelligence?“(duckrabbitblog, 23.1.2014)

Leidenschaft Journalismus

Netzfunde der ganz besonderen Art, anbei einige Zitate aus der grandiosen Rede von Armin Wolf beim Netzwerk Recherche: »Das Faszinierendste an unserem Beruf ist ja, dass wir dabei sein dürfen, wenn etwas passiert. Wenn Weltgeschichte passiert – oder auch wenn Dinge passieren, die vielleicht nicht den Lauf der Welt verändern, die aber wichtig sind für die Menschen, für die wir arbeiten. Die vielleicht das Leben unserer Leser, Zuschaue-rinnen, Hörer und Userinnen verändern – die jedenfalls für sie relevant sind oder interessant oder manchmal auch nur amüsant. Wir dürfen dabei sein, wir können zuschauen und wir können nachfragen. Wir werden dafür bezahlt, neugierig zu sein und zu lernen…« sagt Armin Wolf. Und legt nach: »Erstaunlich viele in unserer Branche verbringen jedenfalls seit ein paar Jahren ganz viel Zeit damit, zu klagen und sich zu fürchten.(…) Auch im Journalismus gibt es immer mehr Konkurrenz. So viel, wie noch nie zuvor. Ja und? Es gilt auch hier die wichtigste Regel im Journalistenleben überhaupt: Fürchtet Euch nicht!»

Eine wunderbare Rede, voller Leidenschaft für einen ebenso wunderbaren Beruf. Lesenswert, teilenswert, zum Nachdenken wärmstens empfohlen – aus meiner ganz persönlichen Perspektive:

Blogs persönlich (01) – Ralfs Foto-Bude

Auf den Streifzügen ins Netz begegnen einem immer wieder interessante Projekte, die nicht nur die Vielfalt der Online-Welt zeigen, sondern auch belegen: Man kann damit sogar Geld verdienen, aller Skepsis zum Trotz. Einige dieser Blogs, Websites und Webzines wird »Image and View« in unregelmäßigen Abständen vorstellen. Ihnen allen gemeinsam ist die Konzentration auf Themen der Photographie.

Zum Auftakt: Ralf Spoerer über sein Projekt »Ralfs Foto-Bude« – vielen Dank für Text und Bilder!

»Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um einen halbwegs sicheren und durchaus gut bezahlten Job bei Springer aufzugeben? Ziemlich bekloppt. Na gut, dann bin ich eben bekloppt – ich stehe dazu. Bis Juni 2012 habe ich als Leitender Redakteur in der Redaktion der AUDIO VIDEO FOTO BILD bei der Axel Springer AG gearbeitet. Einige haben es sicherlich mitbekommen: Der Verlag hat damals die gesamte Computerbild-Gruppe – zu der auch AUDIO VIDEO FOTO BILD gehört – in eine GmbH ausgegliedert. Darüber zu diskutieren, wie sinnvoll dieser Schritt des Verlags war, wie sozial er war und welche Folgen und Ziele er hatte, ist an dieser Stelle nicht wichtig. Wichtig war für mich nur die Frage: Mitgehen oder über Los gehen und eine Abfindung mitnehmen?

Journalismus im Absturz: Zehn Werte und ein Klartext

Netzfunde, bei denen ich hängen bleibe, die nachdenklich machen und bewegen: Diese Serie von Texten erzählt über die Werte eines Journalisten. Nachdem die Bilder im Sozialen Netz mein Interesse weckten, habe ich mich auf die Suche nach ihrem Absender gemacht – und ihn um die Geschichte dahinter gebeten. Sie ist unbequem, provozierend, kontrovers und sehr persönlich.

»Vor fast 32 Jahren begann ich an der Deutschen Journalistenschule in München meine Ausbildung zum Redakteur und Diplom-Journalisten. Unsere Lehrmeister und Dozenten waren nicht nur Profis der „alten Schule“, die zum Teil die „Neugeburt“ des deutschen Journalismus nach 1945 personifizierten. Karl Mekiska (der böhmischstämmige Nachrichtenchef der Süddt. Zeitung), „Gentleman-Polizeireporter“ Johann Freudenreich. Und Edelfedern wie Herbert Riehl-Heyse und der legendäre SZ-Chefkorrespondent Hans-Ulrich Kempski. Sie lehrten uns einen klassischen Journalismus in bester Tradition, geprägt vom Vorbild eines Egon Erwin Kisch.

Es waren genau jene Werte, die ich in den „10 gelebten Werten eines arbeitslosen Journalisten“ identifiziert und auf deren allmähliches Verblassen ich hingewiesen habe, die mich als jungen Reporter mit Leidenschaft und Hunger erfüllten. Und bis heute nachhaltig geprägt haben. Die zur Illustration angeführten und plakativen, teils zynisch anmutenden Zitate sind real von mir erlebt und stammen aus dem Zeitraum der letzten zehn bis fünfzehn Jahre. Sie artikulieren einen von mir beobachteten Wertewandel, der in Ost und West nach 1990 im Journalismus stattfand.

Wie digitale Forensiker Fotomanipulationen entlarven

Foto-Nordkorea

Militärs und Diktatoren haben sich in der Geschichte der Fotomanipulation immer wieder auf unrühmliche Weise hervorgetan. Mal wurden Triumphe nachgestellt, unliebsame Gegner aus dem Bild retouchiert oder man erhöhte mit optischen Tricks die militärische Schlagkraft. Jüngstes Beispiel ist das Foto eines Manövers des nordkoreanischen Militärs. Zu sehen ist die Landung mehrerer Luftkissenboote. Doch offenbar waren nicht alle echt, schreibt Alan Taylor in The Atlantic. Jemand hat wohl mit dem Kopierstempel-Tool ihre Anzahl erhöht. Es wäre nicht der erste Fall optischer Aufrüstung. Ein Foto zu fälschen, ist heute kinderleicht. Auch wenn viele Fake-Fotos eher dilettantisch gemacht sind – wie das Foto aus Nordkorea – bietet die digitale Fotografie unzählige Tools und Apps, mit denen selbst Amateure mit etwas Geschick beinahe perfekt Fotos manipulieren können. Das stellt gerade Medienorganisationen vor ein Problem, die bei News-Ereignissen immer häufiger auf Bilder zurückgreifen, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Doch auch Profi-Fotografen und Redakteure haben wiederholt der Versuchung nicht widerstehen können, ihre Fotos via Photoshop aufzuhübschen oder diese zu retouchieren, wie nach dem Anschlag in Boston.