Media Culture

Media culture in the digital era

Adobe im Wolkenkuckucksheim

ADO_6221-1Adobes aktuell verkündete Entscheidung, die Software-Produkte der Creative Suite künftig ausschließlich als Subskriptionsmodell zu vertreiben und auf Einzellizenzen zu verzichten, löst unter Kreativen und Photographen einige Entrüstung aus – bis hin zu einer Online-Petition gegen diese Firmenpolitik.  Aus einer Reihe von Gründen ist Adobes Schritt durchaus nachvollziehbar, für den Anwender aber aus mindestens ebenso vielen Gründen sehr ärgerlich.

Zwar wird Photoshop 6 weiterhin als Einzellizenz (seit März 2013 ausschließlich via Download) erhältlich sein, Support und Weiterentwicklung sind jedoch absehbar endlich. PDN Pulse schreibt dazu: „…will be supported through the next significant upgrade for Mac and Windows operating systems.« Kurzerhand auf PS6 zu setzen und die Cloud-Subskription zu verweigern, ist an dieser Stelle also keine akzeptable Lösung. Schon gar nicht mit einem Blick auf Adobes Camera RAW; der für den Workflow unverzichtbare Baustein wird von Adobe für ältere SoftwareVersionen nicht mehr erneuert, sobald ein kostenpflichtiges Upgrade erschienen ist. Ein Zwang, den Thierry Dehesdin im Blog »Derriére la Caméra“ zu Recht kritisiert. Immerhin wird Lightroom vorläufig zusätzlich zum Subskriptionsmodell auch als Lizenzversion auf dem Markt bleiben, dem „Zwitterstatus“ zwischen Consumer- und Professional-Software sei Dank.

Bildschleuder Scoopshot – Notizen aus der Anderswelt

Scoopshot Ob auf Facebook, in Pressemitteilungen von Berufsverbänden oder geharnischten Diskussionen im ganz realen Leben: Die App Scoopshot stößt unter Berufsfotografen auf breite Ablehnung. Nachdem kürzlich ein Screenshot des Tagesspiegel-Gesuchs „Bilder vom 1. Mai“ veröffentlicht wurde, habe ich Kai-Uwe Heinrich von der Fotoredaktion des Tagesspiegel gebeten, seine persönliche Einschätzung der Plattform und einige praktische Erfahrungen für „Image and View“ zusammenzufassen.

Die verstörende Faszination des Schreckens: Boston Marathon

Am Abend des Bombenanschlags beim Boston Marathon riefen mich Kollegen an. »Du schreibst doch über Bilder und deren Wirkung in Deinem Blog, Du sitzt im Presserat. Kannst Du über diese Bilder schreiben?“ Ich habe mich auf die Suche gemacht, nach einigem Zögern. Auf Newssites aus dem In- und Ausland, im Social Web, bei Instagram. Bei Tageszeitungen und Magazinen, bei Fernsehsendern, auf Spurensuche in der Bildberichterstattung. Es hat mich zwei schlaflose Nächte gekostet: Wegen der furchtbaren Bilder aus Boston. Wegen der eigenen Bilder im Kopf, aus meiner Zeit als Bildreporterin für Tageszeitungen und Agenturen, die plötzlich wieder sehr präsent waren: mit verstörendem visuellen Eigenleben. Und wegen der vielfältigen Gedanken zu den Bildern.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden viele dieser Fotos wieder auf meinem Schreibtisch landen – mit einiger Zeitverzögerung: Beim Deutschen Presserat werden sich auch diesmal Leser beschweren, über Medien und ihre Grenzüberschreitungen in Klickstrecken, Videos und seitenfüllenden Abbildungen von Blut, Opfern und Grauen. Über sensationslüsterne Journalisten, deren Kaltblütigkeit und Ignoranz auf der Jagd nach Auflagenzahl und Seitenzugriffen. Nicht in allen Fällen treffen solche Vorwürfe zu, nicht immer ist Quotengier der Grund für als grenzüberschreitend empfundene Veröffentlichungen. Ob vor Ort oder in den Redaktionen, Journalisten sind ihrer Arbeit verpflichtet, der Information ihrer Leser und vor allem der Wahrheit in Text und Bild. Journalisten sind Filter: In der Entscheidung über das, was man zeigen darf und kann, vielleicht sogar muss. Erschwert wird diese Gratwanderung der Auswahl durch den Stress des Produktionsalltags, die Unmengen an zum Teil unerträglichen Fotos: Mehrere Tausend sind das Pensum eines Bildredakteurs – an einem normalen Arbeitstag. Nicht an diesem Tag. An solchen Tagen hören Bildredakteure auf zu zählen.

Gratis, honorarfrei, umsonst – Antworten auf unangemessene Fragen

Schon fast Normalzustand bei zahlreichen Photographen und Bildjournalisten: Auftragsanfragen, die von vorneherein jegliche Honorarzahlungen ausschließen. Die Spanne der Argumente ist breit und reicht von „Kein Budget für Bilder“ über „… weitere Aufträge, dann mit Honorar“ bis „Das ist die Chance für Sie, bekannt zu werden“. Ein unterhaltsames Youtube-Video des Photographen und Autors Enzo dal Verme liefert einige gute Argumente, solche Anfragen höflich, aber bestimmt abzulehnen.

Bei Freelens gibt’s ergänzend dazu die Übersetzung eines Textes von Tony Wu: „Warum Fotografen nicht umsonst arbeiten können“. Das englischsprachige Original ist bei „Photoprofessionals“ unter einer CC-Lizenz veröffentlicht und mittlerweile von zahlreichen Kollegen unterzeichnet worden. Wer ebenfalls seinen Namen zur Liste der Unterstützer hinzufügen möchte, kann das via Kontaktformular auf der Website der Photoprofessionals tun.

John Harrington hat im Blog der Agentur BlackStar eine Liste von 12 Ausreden für kostenlose Arbeit zusammengestellt – und nimmt sie kurz und knackig als Blödsinn auseinander: „12 Excuses for Shooting Photos for free – and Why They are Bogus“. Ein Zitat aus dem Beitrag: „Cameras and camera shutters have a lifespan of a few hundred thousand frames. Divide the number of frames you shot for free by the cost of the camera, and you’ll begin to get a sense of how much that shoot cost you. That doesn’t count the cost of Photoshop for post-production, storage of the raw files, burning them to CD for your clients, and on and on.“

„Kameras und Kameraverschlüsse haben eine durchschnittliche Lebensdauer von einigen hunderttausend Auslösungen. Teilen Sie die Anzahl der Bilder, die Sie kostenlos gemacht haben, durch die Kosten der Kamera – und Sie bekommen eine Ahnung davon, was Sie diese Aufnahme gekostet hat. Und das schließt noch nicht die Kosten für Photoshop, Nachbearbeitung, Speicherung der RAW-Daten und das Brennen auf Datenträger für Ihre Kunden mit ein – usw. usf….“

Einige Zahlen zum Nachdenken:

Im Durchschnitt beträgt der Wert einer Bildjournalisten-Ausrüstung rund 35.000 €. Darin enthalten sind Kameras, Objektive und Rechner inklusive Software, deren Wert im Einzelfall und je nach Tätigkeit auch erheblich höher liegen kann. Für den jährlichen Unterhalt (Reparaturen, Austausch, Software-Updates, Ergänzungen etc.) sind rund 10 – 15 % des Ausrüstungswert als realistische Größenordnung anzusetzen. Das bundesweit niedrigste, vom DJV dokumentierte Bildhonorar an Tageszeitungen beträgt 5,11 €. Brutto übrigens. (Weitere Informationen für Bildjournalisten auf der Website des DJV/Deutscher Journalisten-Verband – den Schlichtungsspruch in Sachen „Allgemeine Vergütungsregeln für hauptberuflich freie BildjournalistInnen an Tageszeitungen“ inbegriffen.)

Wie praxisfern viele sind, die über Urheberrecht, Vergütungsregeln und Fakten im Bildjournalismus diskutieren, belegt der Audio-Mitschnitt einer von mir moderierten Diskussion auf dem Journalistentag Nordrhein-Westfalen (24.11.2012): Die Ausrüstung eines anwesenden Bildjournalisten wird von Bruno Kramm (Piratenpartei) auf maximal ein Zehntel ihres tatsächlichen Wertes geschätzt. Auch Malte Spitz (Bündnis 90/Die Grünen) verschätzt sich um locker zwei Drittel. Immerhin: Sie sind in guter Gesellschaft. Ab Minute 17:45 hier einfach mal zuhören.

Eine amerikanische Kollegin reagiert kurz und bündig auf Anfragen nach honorarfreier Nutzung ihrer Bilder:  „I shoot for money.“

In Abwandlung hätte dieser Spruch eine passende Antwort des freiberuflich tätigen Journalisten Nate Thayer sein können. Seinen Mailwechsel mit „The Atlantic Magazine“ hat er gerade öffentlich gemacht; das Magazin bat um honorarfreie Überarbeitung eines Blogbeitrags von Thayer – mit der Begründung, ihm damit ein ungewöhnlich großes Publikum zu bescheren. „I am out of freelance money right now, I enjoyed your post, and I thought you’d be willing to summarize it for posting for a wider audience without doing any additional legwork.“ Auf diese Anfrage antwortete Thayer: „I have bills to pay and cannot expect to do so by giving my work away for free.“ Die komplette Dokumentation gibt’s im Blog von Nate Thayer.

Weiterführende Links:

Enzo da Verme: „Exposure doesn’t pay bills“
Freelens: „Warum Photographen nicht umsonst arbeiten können“
Tony Wu/Photoprofessionals: „Reasons Why Professional Photographers Cannot Work for Free“
Kontaktformular zur Unterstützerliste bei Photoprofessionals
John Harrington, BlackStar Rising: “12 Excuses for Shooting Photos for free – and Why They are Bogus“
Informationen für Bildjournalisten – auf der Homepage des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV)
Journalistentag NRW 2012: Podiumsdiskussion Urheberrecht (mit Malte Spitz, Bruno Kramm, Helmut Heinen/BDZV, Anja Zimmer/GF DJV NRW – Faktencheck ab Minute 17:45)
Nate Thayer: „A Day in The Life of a Freelance Journalist – 2013“
Journalist.de: Interview mit DJV-Justiziar Benno Pöppelmann zum Schlichterspruch und den Zahlen der „Allgemeinen Vergütungsregeln für hauptberuflich freie BildjournalistInnen an Tageszeitungen“ – Zahlen inbegriffen.
„Sollte ich kostenlos arbeiten?“ Entscheidungshilfe für Nachdenkliche.
„Über Fotohonorare“ Eine schöne 10-Punkte-Liste zum Thema „Kostenlose Bilder“.

Einige Online-Rechner zur Ermittlung betriebswirtschaftlich tragfähiger Tages- und Stundensätze für Freiberufler:

„Der Honorarrechner vom Guru 2.0 – Freiberufler-Tools“
Akademie.de: „Honorar-Kalkulation für Dienstleistungen“ (mit Excel-Rechenblatt)
Tagwerk.de: „Stundensatzrechner“

Update 16.12.2013:

Stellenwerk Hamburg fragte Anfang März: „Du kannst kreative und professionelle Fotos schießen? Dann …“ Ein Honorar“angebot“ der ganz besonderen Art – dessen Link leider mittlerweile nicht mehr funktioniert, aber seit 9.12.2013 gibt’s einen überaus würdigen Nachfolger. Auf der Plattform dasAuge findet sich dieses großzügige Angebot für einen Fotografen (Dokumentation einer Veranstaltung):

yelp-wertschaetzung-fotografen

(Klick zur Vergrößerung.)

Eventuell kann ja ein Mitleser dieses Blogs der Community Managerin von Yelp erklären, dass namentliche Veröffentlichungen im Netz, insbesondere auf Flickr und Facebook, keinen besonderen Mehrwert mehr darstellen. 😉

 Update 4.1.2014::
»10 bogus excuses that people use when they steal photos from the internet« (07/2013, Francis Vachon, Quebec)