Moment

Entscheidende Momente – Decisive moments

Tote Diktatoren… und visuelle Entgleisungen

Aus aktuellem Anlass (Debatte um die Bilder der Leiche von Gaddafi) ein Blogpost, den ich im Mai 2011 für die Facebook-Seite des DJV Rheinland-Pfalz geschrieben habe. Der Name Bin Laden ist eine Variable, die Kritik ist im Fall des getöteten Gaddafi genauso aktuell. Den Podcast dazu gibt es hier.

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Müssen die Bilder des getöteten Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden gezeigt werden? Dürfen sie überhaupt veröffentlicht werden? Zwischen handfesten Interessen der Kommunikation und ethischen Erwägungen gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen. Einem Bericht von SPIEGEL Online zufolge verzögern die USA die Veröffentlichung von Fotos, die den toten Bin Laden zeigen. Jay Carey, Sprecher des Weißen Hauses, räumt ein, die Bilder seien zweifellos grausig.

Befürworter einer Veröffentlichung argumentieren, man müsse die Bilder sogar zeigen: Als handfesten Beleg für den Tod Bin Ladens und ungeachtet der zu 99,9% sicheren Identifizierung der Leiche durch einen DNA-Test. Als Beweis veröffentlichte Bilder der US-Armee gab es in der Vergangenheit vielfach: Vom irakischen Al-Qaida-Chef Mussab al-Sarkawi, der 2006 bei einem Bombenangriff umkam, von den im Irakkrieg getöteten Söhnen Saddam Husseins 2003 und der Hinrichtung Husseins 2007.

Vertrauen in Fotos, Bilder als Beweis für eine Tatsache? Das ist im Zeitalter der Digitalfotografie und computergenerierten Wirklichkeiten eine mehr als zweifelhafte Angelegenheit. Deutlich wurde das bereits kurz nach Bekanntwerden des Todes von Osama Bin Laden: Im Internet kursierte ein Foto, das angeblich die entstellte Leiche Bin Ladens zeigte – und sich als Fälschung herausstellte. Darüber hinaus kann das US-Militär wohl kaum als „neutrale“ oder gar „unabhängige“ Quelle des Bildmaterials bezeichnet werden.

Jenseits der Debatte um Fälschung und Wahrheit, von wild wuchernden Verschwörungstheorien und bizarre Spekulationen über den Tod Osama Bin Ladens darf allerdings nicht in Vergessenheit geraten: Für die Veröffentlichung von Bildern gibt es auch ethische Grenzen. Der Pressekodex des Deutschen Presserats formuliert dazu in seiner Ziffer 11 unmissverständlich: „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“ Die Richtlinie zu Ziffer 11 ergänzt das: „Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird.“

Im Jahr 2004 gab es drei interessante Entscheidungen des Deutschen Presserats, die sich mit ähnlich gearteten Veröffentlichungen beschäftigten und in allen Fällen zu Rügen führten.

Fotos der brutalen Ermordung der amerikanischen Geisel Nicolas Berg im Irak: Die Bilder der Enthauptung, die einzig zum Zweck der medialen Aufmerksamkeit von den Mördern gemacht und in einer einzigen Boulevard-Zeitung in Deutschland gedruckt wurden, wertete der Presserat als unangemessen sensationelle Darstellung und rügte deren Veröffentlichung.

Ebenso wie im Fall des von der israelischen Armee getöteten Hamas-Gründers Scheich Ahmed Jassin: Ein Foto des Schauplatzes zeigte die Reste von Jassins Rollstuhl sowie den abgetrennten, zerfetzten Kopf des Scheichs. Den grausam verstümmelten Kopf zu zeigen, sei unangemessen sensationell und nicht durch ein öffentliches Interesse gerechtfertigt, begründete der Presserat seine damalige Entscheidung.

Im dritten Fall wurde das unter der Überschrift „Der grausige Fotobeweis“ veröffentlichte Foto eines im Irak getöteten GSG-9-Beamten gerügt: Auf dem Bild war der Beamte eindeutig zu identifizieren, was mit Blick auf die Angehörigen nicht toleriert wurde. Darüber hinaus, so die Begründung des Presserats für die erteilte Rüge, habe es des Beweises durch die Bildveröffentlichung nicht bedurft.

Links zur Kritik an den Bildpublikationen:

Süddeutsche: „Bilder des getöteten Gaddafi – Ein Screenshot hat keine Würde
Blog von Otto Hostettler: „Gaddafis Leiche – Schweizer Medien kennen keine Grenzen
Poynter.org: „AFP, AP transmit graphic photos of dead Gaddafi“ (… wie Bilder Verbreitung finden)

Herbstmorgen mit Zaubernetzen

Wald, an einem Spätsommermorgen, der eigentlich ein Frühherbstmorgen ist. Im Dämmerlicht noch dichter Nebel, der sich in der Sonne langsam auflöst. Dampfend die Wiesen, der Waldrand. Im Licht ist Funkeln und Glanz, zwischen den zarten Halmen der Gräser, zwischen den Stachelblättern der großen Kugeldisteln flirren winzige Regenbogen. Die Spinnweben des Altweibersommers mit ihren zarten Fäden glitzern: Wasserfunkelnd elfenhafte Zaubernetze.

Die Welt ist ein selten verwunschener Platz an so einem Morgen – voller Poesie und kleiner Wunder.