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Photos und Photoserien – Photos and Series

Notizen von unterwegs: »Monte Kali«

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Oft bin ich staunend über die Fremdkörper in der Landschaft durch Hessen und Thüringen gefahren; die grauen Berge, die im Sonnenlicht weiß schimmern, erinnern an Mondlandschaften in ihrer kahlen Schroffheit. »Irgendwann hinfahren«, eine Notiz im Kalender, der Gedanke an »irgendwann ein paar Bilder machen« meist verschoben zugunsten anderer, wichtigerer Dinge, einige Male haderte ich vor Ort mit dem eher profanen Licht der Rhön, das nicht einmal ansatzweise meinen Gedanken über »Monte Kali« (so nennen die Einheimischen den Berg) gerecht wurde.

Und dann eine samstägliche Reportage für einen Kunden in der Gegend; nach getaner Arbeit ist draußen plötzlich ein aberwitziges Licht zwischen dunklen, fast schwarzen Wolken. Sonnenflecken huschen über die Landschaft und lassen sie mitsamt der Halde unwirklich leuchten. Die Suche nach einem passenden Standort ist eine Kombination aus GPS und unglaublichem Glück; an einer Baustelle leiht mir ein hilfsbereiter, fotoverrückter Handwerker seine Leiter, um aufs Flachdach des Rohbaus zu klettern. Freie Sicht auf »Monte Kali« und seine atemberaubend düstere Schönheit, die zugleich etwas Bedrohliches hat. Keine fünfzehn Minuten dauert das grandiose Schauspiel, dann löst sich die schwarze Wolkenwand in weiße Schäfchenwolken auf, die Landschaft ist wieder harmlos sonnig.

Photo: ©HeikeRost.com 30.8.2014 – All rights reserved.

Talking Finds

Moments when the heart skips a beat, because the resting items in abandoned houses represent so much of a family history. Like these three generations of bridal pairs – the former owners‘ great-grand-parents, grandparents and parents, still standing on the dressing table and silently watching the photographer who explores and discovers the traces of vanished lives at the abandoned house.

©HeikeRost.com June 2014 – All rights reserved.

Nicht-Sehen, Nicht-Hören und die Kraft des Berührens

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Reportagetage der anderen Art: Nicht-Sehen. Nicht-Hören. Die Begegnung mit blinden und sehbehinderten Menschen, mit gehörlosen Kindern und Erwachsenen eröffnet Einblicke. »See without looking«, das Zitat aus W.H. Audens wunderbarem Werk, fällt mir ein: Das Berühren, ob mit Händen oder dem Herzen, öffnet Einblicke auf einer anderen Ebene des Sehens. Zum Abschied nach intensiven Gesprächen, Bildern und Momenten schenkt mir eine blinde Dame eine Tafel mit dem Braille-Alphabet: »Wie schön, dass Sie bei uns waren. Danke.«

»Hear without listening«, hören ohne zuzuhören, auch dieses Auden-Zitat geht mir durch den Kopf: Angekommen in einer anderen Klangwelt aus Bewegungen und Geräuschen, zwei Tage zu Gast bei Menschen, die nicht hören können, mit Gebärdensprache und Lippenlesen. Ich entdecke viele Brücken, angefangen bei meiner visuellen Prägung und Kultur als Photographin mit einem visuellen Gedächtnis, das sich bei vielen Momenten des Gebärdens erinnert – an Gemälde, Hieroglyphen, an Darstellungen aus der Kunst. Dazu kommt meine Erfahrung mit Körpersprache, die das Verstehen der Gebärden und den Brückenschlag in eine andere Kultur erleichtert.

Wo Sprache und Hören, Sehen und »sich ein Bild machen« auf unseren gewohnten Wegen nicht möglich sind, gibt es so viele wunderbare andere Möglichkeiten, miteinander zu »reden«. Berührend ist das nicht nur im physischen Sinne, sondern auch ganz tief innendrin. Dann, wenn der hörende Pfarrer mit strahlenden Augen und herzlichem Lachen ein Vaterunser in Gebärdensprache betet. Allein die Geste der Vergebung ist ein besonderer Moment: Die rechte Hand streicht vom linken Oberarm hinab zur linken Hand, als ob eine imaginäre Last vom Herzen gezogen wird. Während der Bewegung dreht sich die Hand, öffnet sich zur Geste des Gebens und weist nach oben. Vergebung, übersetzt in ein Körperbild des Entlastens und Abgebens dessen, was uns das Herz schwer macht.

Anstrengend waren diese vier Tage auf allen Ebenen. Ein großes, wunderschönes Geschenk waren sie zugleich, in Begegnungen, Gedanken und Gefühlen. Danke dafür.

»Photographie ist ein großartiger Begleiter im Leben, aber am Ende des Tages ist das Leben viel wichtiger.«

Aus dem digitalen Notizbuch: ©HeikeRost.com 23.6.2014 – Alle Rechte vorbehalten.

Those delightful moments …

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The amazing evening light of summer solstice during a countryside bike tour – what a beautiful source of inspiration and new energy! To touch the camera and simply know about the photograph before it even has been made is always a very special moment: No reason to »chimp«, though. For my photographer’s heart skipped a beat, in perfect doubtlessness about the result.

Some technical aspects: Leica M9-P, 28mm/2.0 Zeiss Biogon, ISO 160, no filter, no HDR.

Photo: ©HeikeRost.com 21.6.2014 – All rights reserved.

Fundstücke von unterwegs

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Es sind die kleinen Funde in den verfallenen, verlassenen Häusern, die soviel vom gewesenen Leben der gewesenen Bewohner erzählen, dass mir manchmal der Atem stockt und ich mich als Störenfried der Stille fühle. Zufallsfunde wie dieser, entdeckt, weil ein Lichtstreifen durch einen geöffneten Fensterladen das Metall aufblinken ließ. Wessen Hand mag diesen Ring getragen haben? Wer ist das Paar in dem kleinen Medaillon? Wurde das Schmuckstück an feiner Goldkette um den Hals getragen? Von wem? Wessen Kleid schmückte die zierliche Brosche?

Bedeckt von Staub und dicken Spinnweben bin ich seit einer Weile immer wieder unterwegs in ländlichen Regionen, suche und finde. Mit Faszination, auf Zehenspitzen und bisweilen Trauer: Weil so viele Lebensspuren unwiderbringlich verloren gehen, Kultur und Geschichte(n), mit den alten Häusern und den Menschen, die fast ebenso unbemerkt vergehen wie ihr Lebensumfeld. Es wird ein langes Projekt werden, diese Arbeit.

Photo: ©HeikeRost.com 17.6.2014

Update aufgrund mehrerer Anfragen:
Ich gebe keine Adressen dieser Häuser weiter. Die Orte habe ich übrigens immer mit Wissen und Zustimmung der Erben, Verwalter oder Besitzer besucht und durchstöbert – und werde das auch zukünftig so handhaben.

Mich interessiert weniger die verfallende Architektur im Sinne von »urban decay« und »Schönheit des Verfalls«. Viel spannender und vielschichtiger sind diese kleinen Funde, die ich ohne das uneingeschränkte Vertrauen der Besitzer oder Verwalter nicht entdecken könnte. Weil mir das Betreten der Häuser ebenso erlaubt wird wie das Öffnen von Schränken, Kisten und Kästen. Ohne Zeitdruck, ohne Einschränkung, mit Vertrauen und im sicheren Wissen, dass ich achtsam und respektvoll mit dem Gefundenen umgehe.

»Magische Portraits«: Daniel Samanns und seine Ambrotypien

»Magische Portraits« von Daniel Samanns - ©HeikeRost.com 4.6.2014 - Alle Rechte vorbehalten.

Blick in die Ausstellung »Magische Portraits« von Daniel Samanns

Lebendig und faszinierend sind sie, die Bilder von Daniel Samanns: Die Ambrotypien im Collodion Wet Plate Verfahren, mit dem der Berliner Fotograf seit Jahren arbeitet, bilden nicht nur charakteristische Strukturen und Schlieren; je nach Verarbeitung entwickeln die Fotografien einen typischen Schimmer zwischen metallischem Glanz und samtiger Oberfläche. Einige wenige Aufnahmen müssen reichen bis zum fertigen Werk, das ist konsequenter Gegensatz zur schnellen digitalen Fotografie und ebenso konsequente Entschleunigung in allen Arbeitsschritten der Wet Plates. Über die rein technische Prozedur hinaus wirken diese Porträts auf bezaubernde Art aus der Zeit gefallen.

Eine Herausforderung in Sachen Konzentration ist das, für den Fotografen ebenso wie für den Menschen vor der Kamera: Fotos aus der Bewegung heraus sind unmöglich, die antiquierte Technik zwingt zum Stillsitzen bei langen Belichtungszeiten. Die bewusste Pose für das Porträt, die daraus resultiert, ist Haltung, im körperlichen und übertragenen Sinne. Und wird zugleich auch zu einem Prozess der vorsichtigen Annäherung zwischen den Protagonisten der Bilderserie: Der konzentrierte Blick der Menschen vor der Kamera auf den Fotografen lässt den Betrachter für einen Moment innehalten, lädt ihn dazu ein, in den Gesichtern spazieren zu gehen und sich auf den intensiven Dialog mit ihnen einzulassen.

Daniel Samanns behutsame Bilder eröffnen Innensichten und sensible Einblicke in Menschen: Ihre ungewöhnlichen Gesichter, die nicht im herkömmlichen Sinne schön, aber von ganz besonderem Reiz sind, spiegeln ihr Innenleben. Eine Entdeckungsreise in Charaktere und Persönlichkeiten, die sich der Kamera und dem Fotografen anvertrauen, sich preisgeben und öffnen, in berührender Verletzlichkeit. Mit Rissen, Schlieren und mitunter Sprüngen im Glas zeigen die Ambrotypien Samanns‘ nicht nur, wieviel Handwerk und dynamisches Eigenleben der Materialien in ihrer Herstellung steckt. Auf subtile Weise unterstreichen sie auch die Einzigartigkeit und Fragilität der Menschen vor der Kamera.

Die Ausstellung »Magische Porträts« ist noch bis zum 29. Juni in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176 in Berlin zu sehen. Mehr Informationen auf der Website der Kommunalen Galerie Berlin.
Einige 3D-Eindrücke der Ausstellung gibt es hier.
Daniel Samanns Ambrotypien im Netz

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PS: Wohin Gedankenspaziergänge nach einem Ausstellungsbesuch führen: Bei einem Kaffee haben Daniel und ich uns über die Ausstellung unterhalten, auch über mein Lieblingsmotiv. In Kombination mit einer Spiegelung wurde daraus ein ganz anderes Bild – fotografische Assoziationen aus der antiken Mythologie. Von Apollon verfolgt, verwandelte sich die Nymphe Daphne in einen Lorbeerbaum (griechisch Δάφνη).

Stadtspaziergänge, anderorts

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Durch die Stadt laufen und die Geschichten unterwegs sehen: mit anderen Augen, immer wieder. Hochblicken zu den Fenstern eines Kaufhauses; die Dekoration ist eine Kunstwelt aus gemalten Vögeln, Fototapete und Plastikmenschen, ist tote Architektur, die erst durch die Spiegelung der Sommerhimmelwolken lebendig und zur surrealen Szenerie wird. Sehen, das ist ein Puzzle aus Musik, aus Gerüchen, Klängen, aus Erinnerung und Gegenwart, aus Träumen und Zukunft. Jedesmal neu und überraschend; die Seele erzählt ihre gefundenen Momente in Bildern. Manchmal braucht es nicht einmal die Kamera, bisweilen reicht die Sprache, Gesehenes wieder sichtbar zu machen.

Am Rhein, nah des ehemaligen Forts, steht ein kleiner Junge mit einem Tretroller. Vor ihm liegt eine leere Fläche aus Pflasterstein und Betonplatten, sie muss dem Knirps riesig erscheinen: So weit, so groß, so leer! Kurz dreht er sich nach seinem Vater um; der lächelt den Steppke ermutigend an. Der Wind trägt mit sich, was der Vater zu seinem Sohn sagt. »Trau Dich! Ich bin da!« Und schon flitzt der kleine Junge los, mit dem Roller, hinein in die Weite, sein T-Shirt flattert, seine Haare sind strubbelig vom Fahrtwind. Ein Moment, der sein Echo im Gesicht des Kindes findet: ein Wechselspiel aus Furcht, Neugier, Wagemut und freudiger Überraschung, ein lachender, kleiner Kolumbus zwischen großen Betonklötzen. Zauberhafte Stadtmomente.

»Great photography is about depth of feelings, not about depth of field.« schrieb Peter Adams. Vermutlich die schwierigere Übung als der Umgang mit photographischer Schärfe: Sich den eigenen Gefühlen zu nähern, sie zu erforschen und irgendwann mit ihnen im Einklang zu sein. Erst dann nähern wir uns mit individueller Handschrift den Bildern, erst dann werden sie – für den Photographen wie für den Betrachter – (wieder)erkennbar und unverwechselbar.

©HeikeRost.com 28./29.5.2014 – Alle Rechte vorbehalten.

Im Ohr: Peter Handkes »Lied vom Kindsein«

»Image and View« Selections – 4.3.2014

»Is Photography over?« fragt Künstler Trevor Paglen im Blog des Fotomuseums Winterthur. Angesichts der spannenden Veränderung von Photographie, die im 20. und 21. Jahrhundert durch digitale Technik zum Allgemeingut wurde, eine spannende Frage. Umso mehr, als dass auch Kommunikation immer visueller und bildlastiger wird, aber gleichzeitig zwischen der »größten Bildbibliothek der Welt« (alias Facebook), »Bilderfluten« und »jeder kann photographieren« große Bereiche der Photographie – wie z.B. Bildjournalismus – unter enormem Druck stehen und zu verschwinden scheinen. Hier stellvertretend für viele genannt: Die gefeuerten Bildjournalisten der Chicago Sun Times.

Lesenswert in diesem Zusammenhang auch das Interview mit Gary Knight, Vorsitzender der Jury des diesjährigen »World Press Photo Award«. Knight kritisiert in seinem Statement die Arbeitsbedingungen für Bildjournalisten, die in mangelnder erzählerische Dichte und inhaltlicher Qualität vieler zum Wettbewerb eingereichter Bildstrecken resultieren: »I felt there was a material gap in the way the world was covered, and in the quantity and quality of the strong stories we were presented with. For example, one might expect that certain issues would be very well covered; that you would have five, 10 or 15 well-executed stories to choose from, let’s say, 10 years ago when you had Paris Match, Stern, Spiegel, Time, Newsweek and everybody else assigning photographers on a regular basis to go and cover these important stories. This year, most of these important stories were photographed by very few photographers. You didn’t have depth in each issue and each event.« Mehr dazu im British Journal of Photography.

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Ein nachdenklicher Moment an einem Spätwinter-Vorfrühlingstag am Mondsee, Österreich.
Photo: ©HeikeRost.com 26.2.2014 – Alle Rechte vorbehalten.

»Früher sagte man, dass die FotografInnen die Analphabeten seien. Nun machen uns die Bilder zu Analphabeten.« schreibt Andreas Herzau in seinem Blog über die unkommentierte Bilderflut aus Kiev. Für ihn ist die Nicht-Einordnung von Videos und Photos in einen Kontext über die rein technische Frage hinaus auch gleichzusetzen mit einem Scheitern von Informationsübermittlung. Insofern eine lohnende Lektüre für Journalisten – mehr im Beitrag »Schnipsel 08 | 2014«.

»Carnival’s Essence« ist eine ungewöhnliche Bilderserie von Pablo Delano: Der Blick hinter die Kulissen und in die Atmosphäre des Karnevals in Trinidad verzichtet auf Farben, zeigt Menschen und Gesichter in Schwarzweiß. Ein Spiel mit der Vorstellungskraft des Betrachters, zu sehen im Lens-Blog der New York Times.
Mehr über Pablo Delano auf seiner Website.

Ein blutbespritztes Kindergesicht mit weit geöffneten Augen, der Blick wie aus weiter Ferne – das ist das »Unicef-Foto des Jahres«; Niclas Hammerström hat Dania in einem Krankenhaus getroffen, als er über die Situation dort berichtete. Ein eindringliches, schmerzhaftes Foto, das dem Leid der Kinder in Syrien ein Gesicht gibt. Ein Kurzinterview mit Niclas Hammarström gibt’s bei SpOn.

Türenperspektiven …

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Bilderfunde im Vorbeigehen: Diese alte Tür, in verblichenem Blau, mit einem runden Türknauf, der erst in neuerer Zeit ergänzt wurde. Riffelglasscheiben, hinter denen dunkel der Flur schimmert. Und plötzlich sind andere Ebenen da, die Erinnerungen aus Kinderzeiten, an ein Wohnhaus. Anderswo.

Das leise Quietschen der ungeölten Türangel beim Öffnen. Der Fußabstreifer, bei schlechtem Wetter oder von Herbst bis Winter mit einem grauen Scheuerlappen dahinter. Auf den ausgetretenen Stufen der Holztreppe abgewetztes Linoleum undefinierbaren Farbtons, der Handlauf glatt poliert vom täglichen Treppauf und Treppab der Hände.

Über allem der Geruch des Treppenhauses: Eine Mischung aus Bohnerwachs, Rauch aus Kohlenheizung und kalten Aschenbechern, nach Mittagessen aus Kohl und Kartoffeln. Die alte Tür, im Vorübergehen gesehen, ist ein unspektakuläres Bild. Als Tür zu einem Gedächtnis allerdings ist sie ein Puzzle aus vielen sinnlichen Wahrnehmungen und erinnerten Eindrücken.

©HeikeRost.com 18.2.2014 – Alle Rechte vorbehalten.

»Skywalker«

Skywalker ©HeikeRost.com 18.2.2014 - All rights reserved.
Seen today on my walk downtown. With a regard to Edouard Boubat’s wise words »If you keep your heart and your eyes open, there is a gift waiting for you at the corner of every street.« I’d like to add: »… you’ll find cheerfulness and a wink wherever you go.« And I truly wonder what the story of the »hanging shoes on their sky walk« might be about.

©HeikeRost.com 18.2.2014 – All rights reserved.