Portrait

Menschen im Porträt – People in portrait

Notizen von unterwegs – Monsieur le Vétéran

Paris, Cimétière Père Lachaise. Zwischen den verwitterten, vom Großstadtdunst geschwärzten Grabsteinen leben die halbverwilderten Katzen von Paris, getigert, gefleckt, einfarbig, mal Einzelgänger, mal gesellige Gruppen. Sie liegen im Frühling schnurrend in der Sonne, genießen die wärmenden Strahlen. Balgen sich, ziehen Junge groß, jagen Großstadtmäuse, tragen ernsthafte Kämpfe um Futter und die schönsten Katzendamen aus … und hausen in den verborgenen Nischen der Steinlandschaft. Mancher Stadtmensch hat es sich zur Gewohnheit gemacht, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Métro über den Friedhof zu spazieren: Kleine Schälchen mit Trockenfutter verraten, dass die wilden Wesen von Paris viele zweibeinige Freunde haben.

Auf meinen Spaziergängen dort habe ich selten einen so zerrauften, zerzausten Kater getroffen wie ihn: Groß und muskulös hinkte er über mir über den Weg. Ein Bein verkrümmt und verkürzt, er zog es schleifend hinter sich her. Die Ohren zerschlitzt von Kämpfen, eines nur noch halb vorhanden. Eine leere, vernarbte Höhle dort, wo einmal das linke Auge war. Narben, deutlich sichtbar unter dem Fell, der Schwanz in merkwürdigem Winkel abgeknickt. Mit einem kühnen Satz sprang der Haudegen auf ein Grabmal, maunzte mich mit heiserer Stimme an. Räkelte sich in der Sonne, posierte, poussierte und schäkerte mit der Kamera und mir. Anfassen? Mais non, da war Monsieur le vétéran dann doch eigen – und verschwand schattenhaft flink zwischen den Steinen.

Notizen von unterwegs – Warten

Der alte Mann auf dem Bahnsteig erinnerte mich an meinen früheren Nachbarn, damals in Berlin. Hochbetagt, alleine, seinen Tagträumen und Erinnerungen hinterher sinnierend, saß Kurczak oft im Park auf der Bank. Ungeachtet des Wetters, ob Sonne, Regen, Kälte, Schnee, Kurczak saß im Park. Fütterte die Tauben und Spatzen mit den Krumen seines mitgebrachten Brots. Längst schon hatten sie die Scheu vor dem Greis verloren; klein, immer weniger werdend, jeden Tag ein wenig schwindend, wartete Kurczak, bewegungslos bis auf ein gelegentliches Blinzeln der Augen, ein fast unmerkliches Drehen des Kopfes, wenn sein Blick einer Passantin folgte.

Versunken in die Träume und Gedanken eines vorübergezogenen Lebens, einfach nur da sitzend. Manchmal tappten die Füße den Takt einer unhörbaren Melodie; die schmal gewordenen Lippen murmelten die Worte eines Lieds, das außer ihm niemand hörte. Die knorrigen, verarbeiteten Hände um den Griff zu Fäusten geballt, stützte er sich von Zeit zu Zeit vorn übergebeugt auf seinen Gehstock. Immer noch lebendig, immer noch atmend. Zwischen Ankunft und Abfahrt der Züge saß der alte Mann am Bahnsteig, von frühmorgens bis spätabends. Zählte die Menschen, die an ihm vorbei eilten. Hörte dem Klang der Stahlräder auf den Schienen, den quietschenden Bremsen zu und dem Klang der hastigen Schritte auf dem Asphalt. Niemand fragte ihn, niemand wusste es zu sagen, worauf er wartete. Saß, wartete einfach nur, bewegungs- und regungslos.

Begegnungen: Alfred Brendel


Ein Kamel wachte eines Morgens auf und stellte voller Entsetzen fest: Über Nacht waren seine Höcker einfach verschwunden. Ungeklärt blieb die bange Frage des Tieres, ob es seine Karriere dennoch fortsetzen könne, indem es künftig durch Nadelöhre schlüpfe. Die grotesk-komische Geschichte aus der Feder des Pianisten Alfred Brendel, für den Schreiben eine Quelle der Inspiration ist, war buchstäblich Türöffner beim Termin mit dem Künstler. Nach schlafloser Nacht im Hotelzimmer über einer ohrenbetäubend dröhnenden Klimaanlage war Alfred Brendel nicht nur unausgeschlafen, sondern ob dieser Tatsache auch einigermaßen unleidlich. Einige Bilder später, nach der Probe, entschuldigte er sich bei mir für seinen unwirschen Ton zu Beginn des Termins. Eigentlich habe er keine rechte Lust, noch für einige Porträts zu bleiben … und bat um Verständnis für seine Übernächtigung.

Ich konterte mit der Frage, ob das Kamel seine Karriere mit Nadelohrschlüpfen habe fortsetzen können? Ein verblüffter Blick, dann huschte ein Lächeln über das Gesicht des Musikers: „Leider nein – das dämliche Vieh hat vergessen, dass die Höcker nachwachsen!“ Dann brach er in herzliches Gelächter aus – was er  als eine seiner Lieblingsbeschäftigungen bezeichnet – und fügte hinzu: „Sie haben fünf Minuten ….“.

Ein schöner Gedankenausflug, um mit der Geschichte einer wunderschönen Begegnung voller Heiterkeit und Leichtigkeit einem ganz Großen der klassischen Musik zum Geburtstag zu gratulieren: Heute wird Alfred Brendel 80 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch!

Die Anekdote des über Nacht höckerlosen Kamels stammt aus dem Buch „Störendes Lachen während des Jaworts“ von Alfred Brendel, erschienen 1997 im Hanser Verlag; eine kleine, amüsante Sammlung skurriler und bisweilen grotesker Texte, die trotz ihrer Kürze oft einen ganzen Roman erzählen.

PS: Zum Fototermin seinerzeit bin ich übrigens mit einer beachtlichen Beule am Kopf erschienen. Eingehandelt an der geschwungenen Balustrade des Wiesbadener Kurhauses, die ich unbedingt von der Bühne aus fotografieren wollte – wobei ich den Spielraum zwischen verfügbarer Höhe und meiner Größe (1,82m üNN) unterschätzte und beim Aufstehen aus der Hocke gewaltig an die Stuckleiste knallte. Alfred Brendel fragte nach, was denn passiert sei. Wünschte gute Besserung und ergänzte mit einem Schmunzeln: »Übrigens habe ich genau diese Leiste auch schon getroffen …«.

Toshio Hosokawa

Ein Komponistenporträt in Musik und Gespräch: Toshio Hosokawa erzählt über seine Musik, seine Wahrnehmung und wie sich das Gesehen-Gehörte für ihn zu ungewöhnlichen Klängen zusammen fügt. Die Stille hören und hörbar zu machen ist Teil seiner Kompositionen, die den Lauschenden zur absoluten Konzentration zwingen und ihn zugleich in tief in gehörte Bildwelten entführen. Im Gespräch entstehen Bilder, während der einzelnen Musikblöcke versuche ich, so geräuschlos wie möglich zu arbeiten. Flüsterleise Passagen des Streichquartetts verhindern jegliches Bild, jeden Kameraeinsatz; es wäre unangemessen und in gewisser Weise Frevel, die schwebenden Töne zu stören.

Später im Gespräch mit Toshio Hosokawa und seinem Verleger Dr. Peter Hanser-Strecker ergeben sich überraschende Gemeinsamkeiten: Die Wertschätzung des japanischen Dichters Bashô und seiner kongenial detailreichen und doch sparsamen Reisebeschreibungen aus dem 17. Jahrhundert ebenso wie der Kunstform des Haiku. Spontan fliegen Haikei hin und her:

Im Klang entdecken
Peter Hanser-Strecker lehrt
besseres Hören.

Zum ungeheuer beeindruckenden und faszinierenden Musikerlebnis wird für mich Toshio Hosokawas Oratorium „Voiceless Voice in Hiroshima“ in der Basilika des Klosters Eberbach. Ein fesselndes und streckenweise in seiner Intensität und Dichtheit schmerzhaft verstörendes Werk, bei dem der Zuhörer in der Entdeckung der manchmal leisen, manchmal quälenden Klangwelten nicht allein auf den Aspekt des Hörens beschränkt bleibt. Über die für Konzerte eher ungewöhnliche Ebene des Fühlens ergibt sich eine neue Dimension musikalischer Erfahrung, die zugleich Mahnung und Erinnerung an den Atombombenabwurf über Hiroshima und dessen Opfer ist: Unter der Wucht der Komposition für Orchester und Chor, zu der auch Getöse schwerer Eisenketten auf Metallplatten gehört, beben die mächtigen Pfeiler der alten Basilika und der Boden unter den Füßen.

Martha Argerich

Am Anfang war ihr eindringlicher Blick, der mich vom Flügel des Wiesbadener Kurhauses streifte. Ein Augenkontakt, ein Bild, Sekunden, die über den weiteren Verlauf meiner Begegnung mit der großen Pianistin Martha Argerich entschieden. Dieses seltsam scheue Lächeln hinter der üppigen dunklen Haarmähne mit den Silbersträhnen, diese Augen voller Kraft und Wärme! Während der Probe für ein Konzert saß ich lange nur am Bühnenrand: Streifte dann irgendwann die Schuhe ab, um mich barfuß und lautlos um den Flügel herum zu bewegen.

So versunken wie die Künstlerin in die Musik und die Klänge, so vertieft war ich in diesem Moment in die Beobachtung des beeindruckenden Mienenspiels zwischen Konzentration und Leidenschaft. Die Zeit? Unwichtig, vergessen, für mich spielen sich solche Augenblicke der wortlosen, aber überaus nahen Begegnung immer jenseits von Zeit und Raum ab. Sie sind ein Geschenk der Privatheit, sind voller Intimität und beredten Schweigens; in ihrer überflüssigen Schärfe würden Worte das unsichtbare Netz zwischen mir und dem Menschen, den ich beobachte, zerreißen.

Ein Lächeln von Martha Argerich, ein Augenzwinkern, ein tiefer Seufzer mit gerolltem R: „Begleiten Sie mich? Ich brauche jetzt unbedingt eine Zigarette!“ Gemeinsam verließen wir den dämmerigen Konzertsaal, saßen rauchend in der Abendsonne des Kurparks. Lachend, scherzend, manchmal plaudernd, über dies und das, über Bilder im Kopf und die Klänge dazu, manchmal schweigend, mit geschlossenen Augen die Sonne genießend.

Nebenbei entstanden ein paar weitere Bilder, deren letztes zu meinen Lieblingsbildern gehört: Jenseits der technischen Perfektion der „offiziellen Bilder“ von Martha Argerich zeigt es eine fesselnde, charmante Frau, die in einem Moment vergnügter, spielerischer Heiterkeit mit der Kamera kokettiert und auf bezaubernde Art plötzlich junges Mädchen ist, voller augenzwinkernd fröhlicher Leichtigkeit.

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