Visual Culture

Visuelle Kultur: Über Sehen, Wahrnehmung, Bildsprache

Bilder einer Ausstellung …

Berlin - ©HeikeRost.com 12/2012 - All rights reserved.»Image and View« befasst sich gerne und ausführlich auch mit Ausstellungen, empfiehlt, rezensiert und schaut an. Immer interessant, vielschichtig und für manche Entdeckung gut: Fotografie erfreut sich riesiger Beliebtheit und Verbreitung, den Smartphones mit eingebauter Kamera sei Dank. Ausstellungen und Workshops haben regen Zulauf, die Besucherstatistik renommierter Galerien und Museen spricht für sich. Was für eine Chance, wertvolle Denkanstöße in Sachen »visuelle Kultur« zu geben! Dennoch sind manche dieser Projekte geeignet, dem versierten Besucher die Zornröte auf die Stirn zu treiben. Vor allem dann, wenn Konzepte dank zahlreicher Mängel in der Präsentation vor die Wand, um nicht zu sagen in die direkte Hölle des Kuratierens fahren.

Kürzlich in einer großen Werkschau: in merkwürdig diffuser, unsortierter Hängung werden Bilder einer Ikone der Fotografie gezeigt. Die bis auf den Namen des Künstlers völlig zusammenhanglos präsentierten Bilder in Rahmen und Schaukästen offenbaren dem unversierten Besucher nicht einmal auf den zweiten Blick tiefere Erkenntnisse über die Werke und den Fotografen. Auch dem fachkundigeren Besucher ist das nicht ohne Weiteres möglich; weitgehend Fehlanzeige in der kompletten Ausstellung sind Aufnahmedaten, Namen fotografierte Personen, Entstehung der einzelnen Fotos und Serien. Eine Mischung aus ärgerlicher Schludrigkeit in der Präsentation und einer kuratorischen Sichtweise, die bedenklich wenig auf die Vermittlung fotografischen, historischen oder inhaltlichen Wissens fokussiert ist. Schon dieser erste Stolperstein machte bemerkenswert wenig Lust auf eine weitere Auseinandersetzung mit der Ausstellung. Dennoch, weiter in der Betrachtung.

In einer Glasvitrine an der Wand wurden Negative, deren Kontaktbögen und Abzüge präsentiert. Gleich drei eklatante Fehlleistungen aus kuratorischer Sicht inbegriffen: Selbstverständlich kann und darf man auch schwächere Arbeiten einer Ikone der Fotografie zeigen. Selbst die Größten unter zeitgenössischen Fotografen hatten und haben nicht immer ein glückliches Händchen, weder in der Auswahl ihrer Bilder noch in deren Gestaltung oder Belichtung. Oft sind ikonisch gewordene Fotografien präzise Teamarbeit eines Fotograf und eines klugen Editors bzw. Bildredakteurs, der dem Lichtbildkünstler auf die Sprünge half, wenn er den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr) sah. Selbst Branchengiganten wie Robert Lebeck haben das gelegentlich erlebt. Solche erkennbar gestalterisch und handwerklich mangelhaften Werke gänzlich unkommentiert und ohne Einordnung in einen Werkkontext Ausstellungsbesuchern zu präsentieren, ist mangels Erkenntnisgewinn bestenfalls überflüssig, schlimmstenfalls eine respektlose, posthume Demontage eines Künstlers.

Auch der Umgang mit den Abzügen ließ zu wünschen übrig, das belegten die zu den Vorlagen passenden Fotos im Schaukasten. Wohl kein Fotograf käme überhaupt auf die Idee, seine Bilder »out of camera« zu vergrößern. Das ist ein Mythos aus dem Reich der Märchen und Legenden, an dem sich auch in digitalen Zeiten nichts geändert hat. Übrigens auch nicht durch die sträflich auf technische Aspekte verkürzte, unsägliche Debatte um den diesjährigen World Press Award, die in weiten Teilen ein Frontalangriff auf die individuelle Handschrift von Fotografen ist. Wer als Printer Negative ohne weitere Nachbearbeitung vergrößert, versteht weder sein Handwerk noch Bildidee oder gar den Fotografen selbst (der im übrigen dokumentierte, penible Aufzeichnungen hinsichtlich der Ausarbeitung seiner Bilder hinterlassen hat). Leider hat nicht jeder das Glück, außer mit einem kompetenten Fotoeditor auch mit einer Branchengröße wie z.B. Voja Mitrovic zu arbeiten. Viele der ikonischen Arbeiten von Koudelka, Cartier-Bresson, Salgado sind dem exzellenten Können dieses Fine Art Printers zu verdanken, der in enger Absprache mit dem jeweiligen Fotografen Bildern in der Dunkelkammer den letzten Schliff gibt. Voller Verständnis und tiefem Respekt für dessen Arbeit, seine fotografische Handschrift (und Seele), ohne die eine solche Zusammenarbeit zwar möglich wäre, aber mit einiger Sicherheit nicht zu überzeugenden, geschweige denn großartigen Ergebnissen führt.

Immerhin führten solche Schaukästen dann zu merkwürdigen Diskussionen, unter anderem darüber, ob der Fotograf die Kontaktabzüge seiner 6×6-Negative nachbelichtet habe. Ein gewisser Unterhaltungswert ist dieser grenzdämlichen Frage zwar nicht abzusprechen, sie hätte sich allerdings sinnvoll beantworten lassen: Durch einen Einblick in die penibel geführten Kladden des Fotografen, in denen er sowohl Lichtstände und Belichtungszeiten als auch Rezepturen für individuell angepasste Filmentwickler und Entwicklungszeiten notiert hat. Leider haben diese zum Verständnis nötigen Ausstellungsstücke gefehlt, ebenso wie entsprechende Hinweise auf die vorhandenen Aufzeichnungen. Ein didaktisches Manko, das sich quer durch die komplette Werkschau und insbesondere in der Präsentation einiger Farbprints fortgesetzt hat.

Diese Prints wurden entweder lieblos mit doppelseitigem Klebeband an die Wand geklatscht oder aufgezogen; leider wellte sich nach kürzester Zeit die Kaschierung, löste sich der Print von der Trägerplatte ab. Immerhin, unter den bunten Bildern weisen kleine Täfelchen darauf hin, dass es sich um »2014er Digital-Farbprints« handelt. Mehr gibt es nicht zu erfahren. Die Jahrgangsbezeichnungen von Vergrößerungen sind leider wenig aufschlussreich: Bei den präsentierten Werken handelt es sich um Abzüge von Negativen aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, deren Farbigkeit sich grundlegend von der digitalen Farbigkeit unserer Zeit unterscheidet. Vergebene didaktische Chancen eines kuratorischen Konzepts auch hier: Eine Gegenüberstellung von Vintageprints oder zumindest entsprechenden Reproduktionen zeitgenössischer Bildbände mit den modernen Prints hätte einen spannenden Einblick in die Veränderung von Farbwahrnehmung eröffnet. Noch weitergehender hätte das eine wertvolle Erläuterung sein können, dass die Überzeugungskraft vieler Bilder nicht allein auf ihrer Farbigkeit, sondern vor allem auch auf inhaltlichen, gestalterischen Qualitäten und handwerklichem Können eines Fotografen basiert.

Auf den Erwerb eines Ausstellungskatalogs habe ich dann dankend verzichtet, ebenso wie auf die Nennung von Ausstellungsort, Fotograf oder Titel der Ausstellung; die hier beschriebenen Mängel sind leider kein Einzelfall.

Weiterführende Links:
»Voja Mitrovic – Printer to the Greats« (Part I, The Online Photographer, by Peter Turnley)
»Voja Mitrovic – Printer to the Greats« (Part II, The Online Photographer, by Peter Turnley)

Neue Wege …

… im Netz: Alle zwei Wochen treffen sich Markus Walter, Stefan Ponitz, Andreas Pfeifer und ich, um in lockerer Runde über ausgewählte Themen des erfolgreichen Marketings im Netz zu plaudern. 90 Minuten Hörvergnügen aus aktuellen Nachrichten, einem Schwerpunktthema pro Folge und unseren praxiserprobten Techniktipps bieten fundiertes Wissen und Erfahrungsaustausch unter Profis – und stehen Ihnen und Euch als Podcast-Serie »MarketingMasterMinds« zur Verfügung. Die aktuellen Folgen sind ebenso mit einem Klick auf das Bild erreichbar als auch über die direkten Links.

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Bei »focus: e-commerce« – bitte einfach den QR-Code oben rechts im Bild scannen, alternativ hier klicken.
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Die Websites der Podcaster finden Sie hier:

Markus Walter Visuelle PR GmbH
Das Blog »Visuelle PR« von Markus Walter
»Die Heldenhelfer«: Andreas Pfeifer und seine Marketingberatung für Gastgeber
focus: e-commerce – das Unternehmen von Stefan Ponitz, Spezialist für Online-Marketing und e-Commerce
HeikeRost.com – Die Portfolio-Seite zum Blog »Image and View«

Von Capoeira und Jogo Bonito: »Wo wir Weltmeister wurden«

schrader-8902Manche Bücher liegen eine ganze Weile auf meinem Schreibtisch: Sie sind wie Reisende, die lange unterwegs waren und erst einmal ankommen möchten, im Regal und in den Gedanken, später in den Worten eines Beitrags hier im Blog oder anderswo. Weil es Zeit braucht, um ihnen gelassen zuzuhören und Muße, um mit ihren Bildern und Geschichten auf eine Reise zu gehen, die weiter führt als nur zwischen zwei Buchdeckel und in die Seiten hinein. Eine Entdeckungsreise, die fesselt und fasziniert, die berührt und anrührt: Rüdiger Schraders Bildband »Wo wir Weltmeister wurden« ist ein solches Werk. Entstanden in den turbulenten Wochen der Fußball-WM 2014, zeichnet der Band ein vielschichtiges, überaus lebendiges Porträt eines Landes hinter den Kulissen der WM und jenseits des kurzlebigen Ballkünstler-Glamours.

Es sind Einblicke in brasilianisches Alltagsleben zwischen »Jogo Bonito« und Capoeira, inmitten von Favela-Tristesse mit Drogenhandel, Verfall und Armut, auf Bolzplätzen zwischen Hochhäusern, an Marktständen und auf Plätzen, Skizzen der Fußballverliebtheit in den Stadien, am Strand und in den Wasserbrachen der verregneten Spielplätze. In ihren Essays und Geschichten zeichnen Kollegen, Wegbegleiter und Freunde des Autors die Ereignisse rund um die Weltmeisterschaft nach; aus den Texten über persönliche Erlebnisse, aus Gedanken und Notizen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, entsteht ein kenntnisreiches und unterhaltsames Puzzle der nachdenklichen Blicke auf die Glitzerfassade des Fußballs, auf Fans, Fotografen und den Trubel der Weltmeisterschaft. Es hätte ein kurzlebiges, hochglanzbuntes Vergnügen werden können, dieses Buch, ein schnelllebiges Sammlerstück der WM-Geschichte, das man anfasst, durchblättert, zur Seite legt, vergisst – und vermutlich irgendwann einmal völlig überrascht im Regal wiederfindet.

Capoeira, Brasilien - ©Ruediger Schrader 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Wären da nicht die ungewöhnlichen Bilder von Rüdiger Schrader. »Farbe im herkömmlichen Sinn hätte nicht funktioniert, selbst Schwarzweiß wäre Anmaßung gewesen.« sagt er – und hat mit diesem Bildband eine Zeitreise unternommen; zurück zur Fotografie, back to the roots im besten Sinne einerseits. Und andererseits in die Seele des südamerikanischen Landes und dessen dunkle Seiten. Es sind nicht nur brasilianische Momentaufnahmen jenseits touristischer Perspektiven, die den Reiz des Fotobandes ausmachen, es sind vor allem die in ihrer schlichten Zurückhaltung so berührenden Charakterstudien und Begegnungen, über die Rüdiger Schrader erzählt. Bilder wie das Porträt einer jungen Frau, die sechs Tagen und fünf Nächten mit einem kleinen Schiff auf dem Amazonas unterwegs ist, nach Tabatinga, einer entlegenen Stadt nahe der kolumbianischen Grenze. Vielleicht dauert ihre Reise noch länger, zum Spiel »ihrer« Fußballmannschaft, das hängt ganz von den Launen der Urwaldflüsse ab. »La Rainha do Futebol«, in dieser Verkleidung steht eine andere junge Frau vor dem Stadion und hofft, als Staffage der Fußballkönigin auf Touristenfotos ein bescheidenes Trinkgeld zu verdienen. Die Kinder der Favelas, die im Morgengrauen mit Stoffbällen und Fallrückziehern von einem ganz anderen Leben träumen, einem glanzvolleren, besseren Leben mit Fußball, der Leidenschaft für diesen Sport und einer hellen Zukunft. Detailversunken sind diese Bilder, hintergründig und doppelbödig laden sie dazu ein, in und mit ihnen spazierenzugehen. In düsterer Melancholie, mit präzisem Blick nähert sich Rüdiger Schrader dennoch voller Respekt dem Land und seiner Seele, macht seine Ansichten zu behutsamen Einsichten.

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»Bei ihm beten sie alle« erzählt Rüdiger Schrader im filmischen Kurzporträt seines Kollegen Dieter Roeseler über einen Augenblick der Stille zu Füßen von »Cristo Redentor« auf dem Corcovado. Es ist genau diese Art der leisen, sensiblen Betrachtung des leidenschaftlichen Fotografen Schrader (der sich ohne seine Kamera nackt fühlen würde) die »Wo wir Weltmeister wurden« zu einem zeitlosen Werk macht. Zu einem Buch der Geschichten, das man auch lange nach der Fußballweltmeisterschaft immer wieder aufblättert kann; das mit ganz eigener Stimme erzählt und seinen Betrachter immer neue Nuancen entdecken lässt, in diesem auch sperrigen Buch, das man ab und an aus der Hand legen muss, um tief Luft zu holen. Weil nicht alle Geschichten immer und jederzeit heiter sind, so wie die Perspektive durch Hochhausschluchten auf winzige Fußballspieler am Strand: Eine beklemmende Metapher des Blicks in die Abgründe des WM-Gastgeberlandes. Einsichten eröffnet dieser sehr persönliche Reisebericht auch in den Menschen Rüdiger Schrader. Die Begegnung mit dem wohl berühmtesten brasilianischen Fußballfan, der nach dem verlorenen Spiel seier Mannschaft die Attrappe des WM-Pokals unter Tränen einer jungen Deutschen reicht, gehört zu diesen berührenden Innensichten dazu: Auch wegen Fritzi, der jungen Frau – sie ist Rüdiger Schraders Tochter.

In seinen Kurzvideos porträtiert der Fotograf und Filmemacher Dieter Röseler Rüdiger Schrader: »Strandfußball in Brasilien«, »Der Finaltorschütze« und »Vaterstolz«

»Wo wir Weltmeister wurden«, November 2014/Kettler Verlag, ist für € 34,90 im Buchhandel erhältlich.

Weiterführende Links:
»Wo wir Weltmeister wurden« – Kettler-Verlag
Rüdiger Schrader im Netz.

Fotos: ©Rüdiger Schrader – Alle Rechte vorbehalten.

Martin Blume: »Auschwitz heute«

»du hast angst vor der finsternis?
ich sage dir: wo der weg menschenleer ist,
brauchst du dich nicht zu fürchten.«

Nie ist es leer in Auschwitz, nicht, wenn Besucher auf den Spuren des Unaussprechlichen den Ort bevölkern. Nicht einmal in der Stille der Nacht oder im Winter, als der Fotograf Martin Blume die Gedenkstätte besuchte. Bewusst im Winter, bei klirrender Kälte: Das Zittern des Künstlers im Frost, zugleich Nachhall seiner Gedanken und Gefühle angesichts der Monströsität der Menschenvernichtung, findet sich in seinen überwiegend schwarzweißen Bildern wieder.

»ich habe keine angst.
meine angst ist in auschwitz geblieben
und in den lagern.«

Auf einer fünfjährigen Spurensuche, die den Künstler physisch und psychisch an seine Grenzen und darüber hinaus führte, entstand ein beeindruckendes, in seiner Stille umso berührenderes Projekt. Martin Blume nähert sich in seinen bewusst unscharfen, abstrahierenden Bildern – »Psychographien« nennt er sie, eine Synthese von Psychologie und Photographie – dem Unaussprechlichen des Vernichtungsortes an und bietet dem Betrachter zugleich die Freiheit, in der Abstraktion seine eigene innere Sprache zu finden und Geschichte zu fühlen.

»auschwitz ist mein mantel
bergen-belsen mein kleid
und ravensbrück mein unterhemd.«

[vimeo]https://vimeo.com/118283167[/vimeo]

»Bewahren und Verändern gehen Hand in Hand« sagt Martin Blume über seine Arbeit in Auschwitz. Die Auswahl von 20 der insgesamt 70 Fotografien des Projekts »Auschwitz heute«, die noch bis zum 6.4.2015 im Mainzer Landesmuseum gezeigt werden, ist dem Betrachter auf eindrückliche Weise nah.

Martin Blume ist am 10.3.2015 gestorben. Hier das filmische Porträt des Künstlers von Uwe H. Martin:

[vimeo]https://vimeo.com/118300684[/vimeo]

Weiterführende Links:
»Auschwitz heute«, 8.3. – 6.4.2015 im Landesmuseum Mainz. (Mehr Informationen zur Ausstellung auf der Website des Museums.)
»Auschwitz heute« (Englische Version der Dokumentation, ©Uwe H. Martin/Bombay Flying Club)
Martin Blume über sein Projekt Auschwitz (Englische Version des filmisches Porträts, ©BombayFlyingClub von Uwe H. Martin)
Martin Blume im Netz

Zur Ausstellung sind ein begleitender Katalog (bestellbar über die Bundeszentrale für Politische Bildung) sowie das Buch »Auschwitz heute« von Martin Blume mit Essays von Stéphanie Benzaquen, Christoph Kreutzmüller und Tomasz Kobylański im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen.
Beide Publikationen sind auch im Shop des Landesmuseum erhältlich.

Martin Blumes Projekt »Verdun«, eine gemeinsame Arbeit mit Emmanuel Berry, wird vom 2.4. bis 2.8.2015 in der Villa Ludwigshöhe, Edenkoben, gezeigt. Mehr dazu auf seiner Website.

Das oben zitierte Gedicht »auschwitz ist mein mantel« stammt von der Dichterin Ceija Stojka, die drei Vernichtungslager der Nazis überlebt hat.

Bilder der Slideshow:
Bild 1 + 5: ©HeikeRost.com 8.3.2015 – Blick in die Ausstellung im Landesmuseum. Alle Rechte vorbehalten.
Bild 2 – 4: ©Martin Blume – »Erinnerung«, »Gaskammer Krematorium« und »Blick zum Aschesee« – Alle Rechte vorbehalten.

»klima kunst kultur« – Positionen zum Klimawandel

klimakunstkulturKlimawandel und Kultur? Klimawandel in der Kunst? Was auf den ersten Blick anachronistisch wirkt, entpuppt sich im Buch »Klima Kunst Kultur« des Steidl Verlags als überaus spannendes Projekt und Blick über den Tellerrand: Das von Menschen gemachte Phänomen wirkt sich nicht nur in Umweltveränderung und -zerstörung aus, sondern beeinflusst auch unsere Gesellschaft bis hin zu individuellen Lebensentwürfen zwischen Mobilität, Denkansätzen und Werten. Das schwer fassbare Thema beeinflusst auch Kultur und Kunst: Über die unterschiedliche Auseinandersetzung wird eher Abstraktes erfahrbar, sinnlich erfassbar und damit in seiner Bedeutung verständlich und vorstellbar.

Neben Essays und Interviews setzt »klima kunst kultur« auch auf Einblicke: Fotos lokaler Probleme – und die »story behind«, die Geschichte hinter den Bildern zeigen, wie verwundbar Menschen in ihrer ebenso verwundbaren individuellen Umgebung sind. Beeindruckend die Bildstrecke »Die Badenden« von Michael Tsegaye. Der bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts größte See in Äthiopien schrumpft kontinuierlich. Tsegaye zeigt eine verschwindende Welt in seinen Bildern; vergnügt plantschende Kinder in bräunlich-lehmfarbenem Wasser, synonym für die Farben des Malers auf seiner Leinwand. Was bei uns hierzulande eher Irritiation auslöst – aus Gewöhnung an ganz andere, klarere Gewässer und die Assoziation des lehmigen Wassers mit Verschmutzung – konfrontiert den Betrachter der Serie mit der einzigen, wirklich wichtigen Frage: Wie lange noch wird das Wasser des Sees überhaupt noch existieren?

Spannend auch Erika Blumenfelds »The Polar Project«. Schnee und Eis, als weiße Unendlichkeit und Nichtfarbigkeit visuell besetzt, entwickeln in diesem fotografischen Projekt ein beeindruckendes Eigenleben aus Formen und vor allem Farbigkeit. »The Polar Project« ist eine gekonnte Übersetzung physiologischer Wahrnehmung von Licht und Strukturen. Ihre feinen Nuancen zeigen, dass Helligkeit und weiße Leere mitnichten leer sind – sondern ein komplexes Gebilde aus Facetten, Verwerfungen und Reflexionen. Über diese Detailperspektiven der Polarwekt, entstanden im Queen Maud Land der Antarktis, wird über die Auseinandersetzung mit Physik, Physiologie und Ästhetik sichtbar und verständlich, welchen Bedeutung das Verschwinden der polaren Eiswelt hat.

33 Autoren, 33 unterschiedliche Arten der Annäherung an eines der größten Probleme unserer Zeit: 33 spannende Gründe, dieses Buch zu lesen.

»klima kunst kultur«, herausgegeben von Johannes Ebert und Andrea Zell für das Goethe-Institut, ist 2014 im Steidl Verlag erschienen und für 32,– € erhältlich. Mehr Informationen zum Buch (inklusive Einblick in die Publikation) auf der Website des Steidl Verlags.

Lucien Clergue 1934 – 2014

Aux Arènes d'Arles

Aux Arènes d’Arles – Hommage à Lucien Clergue – ©HeikeRost.com

Erinnerungen an Arles: Lucien Clergues Serie »Tauromachie« im Kopf, seine wunderbaren Stierkampfbilder, die mich an Picassos Zeichnungen erinnerten, so anders waren als die Skizzen des Malers und doch im Gleichklang – voller Sinnlichkeit, Bewegung und Poesie. In der südfranzösischen Mittagshitze spielten damals in der Arena von Arles zwei Jungen. Stierkampf, Kinderträume, eine Choreographie aus Linien, tänzerischer Grazie, aus Schatten und Licht des Südens. Eine leere Arena – und doch die Anmutung von Applaus aus den leeren Zuschauerreihen.

Damals traf ich Lucien Clergue, der während der Rencontres im Musée Réattu seine Bilder zeigte. Ein warmherziger, humorvoller Gesprächspartner, mit Lachfältchen um die funkelnden Augen. Einer, der mir in seinen Bildern Inspiration und Lehrmeister war: Seine Liebe zum Licht, zu Linien und Formen erinnerte mich immer an die Ursprünge der Photographie, an »photos« und »sgraphein«. Ein Lichtmaler war Lucien Clergue, ob in seiner Serie »Tauromachie«, den lichtdurchdrungenen Landschaften der Camargue, seinen respektvoll-behutsamen Annäherungen an die Gitânes der Region oder den Porträtserien von Jean Cocteau und Pablo Picasso, mit denen ihn eine lebenslange, inspirierende Freundschaft verband.

Arles - Hommage à Lucien Clergue - ©HeikeRost.com

Fontaine de l’Obelisque, Arles – Hommage à Lucien Clergue – ©HeikeRost.com

Beeindruckend auch Lucien Clergues Aktfotos, seine Körperlandschaften im Spiel von Licht und Schatten. Insbesondere eine der späten Serien des Meisters, die 2007 entstandenen »Nus Zèbres« seien hier erwähnt; ihre konsequente Abstraktion macht menschliche Körper zu einer Komposition aus Linien und Formen, ist eine photographische Erforschung von Schönheit und Erotik. Die 1962/63 Architekturphotographien »Brasilia« bilden zu dieser Serie einen spannenden Kontrapunkt: Beide Arbeiten sind nicht nur Positionen und Pole des photographischen Schaffens und der Bandbreite Lucien Clergues. Gemeinsam ist ihnen die spielerische Leichtigkeit, die gestalterische Reduzierung, mit der Clergue den Betrachter verführt, den Schwingungen seiner Bilder zu folgen, in ihen gleichsam spazieren zu gehen und selbst zum Forscher und Entdecker zu werden.

Lucien Clergue, Photograph und Gründer der Rencontres d’Arles, ist im November 2014 gestorben.

Weiterführende Links:

Lucien Clergue – Biographie und Portfolio
Lucien Clergue – »Les Nus Zèbres«
Lucien Clergue – »Brasilia«

Fashion Design Meets Visual Illiteracy

Website Zara - Screenshot 27.8.2014
A serious case of visual illiteracy, lack of history knowledge, both – or complete goofyness of stylists and fashion designers? In any case, this is completely inappropriate for any kind of »fashion item«.
P.S.: Some years ago, ZARA has been forced to withdraw »Swastika« handbags from the shelves.

Additional links:

Users‘ comments on ZARA’s official Facebook fan page (visible also for those who aren’t Facebook users)
»ZARA withdraws Swastika handbags« (BBC, 2007)
ZARA bosses forced to withdraw ‚Swastika‘ handbags (Daily Mail, 2007)
Different styles of »sheriff badges« (Google Image Search)
With a regard to history:
The Yellow Badge (Wikipedia, additional links there)
Replica of a CC camp uniform (Jewish History Museum, Southern Arizona)
Memorial and Museum Auschwitz-Birkenau (»Camp Objects« A prisoner’s uniform)

Update 27.8.2014:
»Une étoile jaune sur un t-shirt, Zara au cœur de la polémique« (Europe1, 27.8.2014)
»Striping resemblance: Zara tee looks like Holocaust garb« (Haaretz, 27.8.2014)
»L’énorme faute de goût de Zara« (Le Matin/CH, 27.8.2014)
»Gelber Stern als Designfeature« (Süddeutsche, 27.8.2014)
»Zara entschuldigt sich für gestreiftes Kindershirt mit gelbem Stern« (NZZ, 27.8.2014)
»ZARA apologizes, says yellow star shirts will be ‚exterminated’« (Dimi Reider, 27.8.2014)
»Zara Pulls Striped Shirt After Complaints That It Looks Like A Concentration Camp Uniform« (Consumerist, 27.8.2014 – referring to similar cases)

nolongerZara Kopie
ZARA’s comment on Facebook:
»The mentioned T-shirt is no longer on sale in our stores. We honestly apologize, as the design of the T-shirt was only inspired by the sheriff’s stars from the Classic Western films, as the claim of the t-shirt says. Again, please accept our most sincere apologies.« (What about thoughts before instead of apologies afterwards? Just asking…)
ZARA answers to Twitter users

»War Porn« – Über die Verweigerung des Sehens

wp_titel_heikerost.comZwischen redaktioneller Arbeit an Newsdesks von Agenturen, hinter der Kamera, in der Berichterstattung ist die Debatte um die Frage, was man eigentlich zeigen darf, wohl so alt wie das Medium Photographie selbst. Manche der schmerzhaften Bilder gehören zu unserem kollektiven Gedächtnis. Sie haben mitunter – wie Eddie Adams Bild aus Saigon oder Nick Uts »Napalm Girl« – dazu beigetragen, Kriege zu beenden, politische Veränderungen anzustoßen oder Spenden in beträchtlicher Höhe zu generieren. Manche von ihnen haben es geschafft, statt der »offiziellen« Visualisierung eine andere, bedrückende Realität zu zeigen. David Turnleys Foto des weinenden Marines im Hubschrauber, neben seinem gefallenen Kollegen, gehört als Kontrapunkt zur menschenleeren Videospielvisualisierung des ersten Golfkriegs ebenso dazu wie eher leise Werke anderer Kriegsschauplätze: Der Cellist in den Ruinen von Sarajevo. Eine Blutspur im Schnee. Die bedrückenden Arbeiten von James Nachtwey, Gilles Peress, Sebastiao Salgado. Ihre Werke abstrahieren Schmerz, Tod und Grauen oft auf eine Meta-Ebene der Ästhetisierung, sind stille Wegbereiter der eigenen Bildern und Interpretation des Betrachters.

Mitten im Geschehen der »war zones« gibt es aber auch die »anderen« Bilder, ungefiltert, blutig, schonungslose Abbilder der grauenhaften Realität von Krieg und Sterben. Sie werden zum Gegenstand hochemotionaler Debatten, die mit Argumenten der »Zumutbarkeit« bis hin zu Vorwürfen der Zensur und Forderungen nach staatlicher Medienkontrolle geführt werden – oder verschwinden gar aus der Berichterstattung. So wie »The Falling Man« von Richard Drew, eins der berühmtesten Fotos von 9/11: Empörte Leser warfen weltweit dem AP-Fotografen und den Zeitungen vor, einzig den Voyerismus der Leser zu bedienen, die Privatsphäre des Opfers zu verletzen. Als Konsequenz dieser Debatte wurde dieses Bild seit 2001 kaum noch veröffentlicht. Eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis ist es dennoch geblieben.

Christoph Bangerts Buch »war porn« knüpft an diese Debatten zwischen medialer Selbstzensur und Verweigerung des Hinschauens und Erinnerns an: Bilder von Leichen und schwerverletzten Menschen, von Körperteilen, Operationsräumen und Gräbern aus dem Archiv eines Fotografen, der sich dem Vergessen verweigert. Der Dialog mit Bangerts Bildern ist schonungslos unmittelbar in seiner Intimität. Man kann die Betrachtung nicht teilen, es gibt keine tröstendes, erleichterndes »Wir« im Sinne einer Gemeinsamkeit, die es leichter machen würde, sich mit den grausamen Bildern des Buches zu beschäftigen. Das bewusst kleine Format des Buchs bedeutet vor allem beklemmende Nähe zu den Abbildungen. Eine physische, damit inhaltliche und visuelle Distanz zu und Distanzierung vom Gesehenen funktioniert für den Betrachter damit ebenso wenig, wie sie für den Fotografen im Moment des Entstehens der Fotos möglich war: »Sieh hin!« lautet Bangerts Aufforderung; und viel wichtiger noch: »Erinnere Dich!«

»war porn« von Christoph Bangert - Detailfoto ©HeikeRost.com 2014 - Alle Rechte vorbehalten.So wird »war porn« ein aktiver Prozess zwischen Leser und Werk; aus dem reinen Betrachten furchtbarer Bilder wird eine verstörende Konfrontation mit den eigenen Emotionen zwischen Hilflosigkeit, Widerwillen und Tabus der expliziten Abbildung. Angesichts der obszönen Gewalt – nicht umsonst wählten Autor und Verlag das Wort »porn« als Teil des Buchtitel – sind Pausen nötig, ist immer wieder Abstand zum Werk nötig. Das ist durchaus gewollt von Christoph Bangert, der sich jeglicher Ästhetisierung nicht nur in seinen Bildern, sondern auch in der Umsetzung seiner Arbeit konsequent verweigert. Kein Hochglanzdruck, keine großformatigen Fotos, auch keine Ausstellung im Nachklapp, stattdessen die unfertige Rauheit eines handgebundenen Buchs. Mit der Zeit entwickelt »war porn« dadurch ein individuelles Eigenleben: Eine Heftung, die sachte nachgibt, Buchdeckel, die Patina annehmen von den Händen der Betrachter. Ein Notizbuch, das seinen Besitzer begleitet; unterwegs auf Reisen in die Erinnerung und zu den fotografischen Abbildern von realer Zerstörung und Leid, die wir meist nicht sehen und ebenso wenig erinnern wollen.

Zu dieser Rauheit und verstörenden Direktheit, der stillen Präsenz von »war porn« gehören auch die immer wieder eingestreuten, unbeschnittenen, bewusst verschlossenen Seiten des Buchs. Sie zwingen den Betrachter zu einer klaren Entscheidung. Wer das Verborgene sehen will, sich gleichsam selbst ein Bild machen möchte, muss sich Zugang dazu verschaffen. Mit einem Messer die Seiten zu öffnen, das ist ein verletzend gewalttätiger Moment der Zerstörung – und ein wirkungsvoller Impuls der Auseinandersetzung mit Christoph Bangerts Arbeit. Das Aufschneiden der Seiten symbolisiert, dass wir unmittelbaren Anteil haben: An den Bildern ebenso wie am Geschehen, durch unsere Haltung dazu und oft durch unsere Verweigerung des Hinsehens, das zugleich auch ein Annehmen von Verantwortung bedeuten würde.

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Wer als Bildjournalist über die alltäglichen »war zones« berichtet, die mitunter mitten in unserem Alltag, bisweilen in uns selbst sind, weiß um das verstörende Eigenleben der gesehenen und fotografierten Bilder. Im Moment des Abbildens sind sie einerseits Verarbeitung traumatisierender Erfahrungen, sind mitunter eingebrannt ins Gedächtnis des Fotografen. Andererseits sind die Bilder zugleich Bericht, Chronik, auch von den Abgebildeten gewollte Erinnerung an Situationen und Menschen. Im redaktionellen Alltag gehen viele dieser Puzzlesteine unter. Die »Schere im Kopf« von Fotografen entscheidet über Veröffentlichung oder eben Nichtveröffentlichung ebenso wie Redakteure, deren Selbstzensur dazu beiträgt, dass in der schieren Menge auf Monitoren und an Newsdesks Bilder auf merkwürdige Art zu verschwinden scheinen. Ihre Auswahl ist häufig geprägt vom diffusen Gedanken einer vermuteten Zumutbarkeit des Abgebildeten dem Leser gegenüber, aber auch von ethischen Begrifflichkeiten wie Verantwortung, Menschenwürde, Privatsphäre und deren meist schnell unterstellte, voyeurhafte Verletzung durch ein öffentliches Zeigen grausamer Bilder in all ihrer Obszönität des Schreckens.

In seinem Nachwort schlägt Bangert den Bogen zu seinem Großvater, der aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte; der Aspekt des verloren-verdrängten Gedächtnisses findet sich auch hier wieder. In den Erzählungen von Christoph Bangerts Großvater erinnert er sich ausschließlich an »schöne Erlebnisse«; die traumatisierenden Erfahrungen des Soldaten sind auf ebenso eigentümliche Weise verschwunden und verdrängt, wie manche Bilder Bangerts aus dessen Gedächtnis getilgt zu sein scheinen. Dessen Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und ihren Aspekt des aktiven Verdrängens und Nichterinnerns wie auch Bangerts sehr persönliche Bericht zu Beginn seines Buchs bilden den Rahmen für eine leise, umso eindringlichere Aufforderung, sich mit einer Kultur des Wegschauens und Verdrängens zu befassen. Sie steht im Widerspruch zu den eigentlichen Aspekten und Aufgaben von Fotografie: Zu sehen, als Fotograf wie als Betrachter, zu erinnern, zu dokumentieren und zu zeigen, was den Alltag derjenigen Menschen ausmacht, die inmitten von Krieg und Zerstörung leben.

Christoph Bangerts Buch ist mehr als „nur“ eine Sammlung verstörender Kriegsbilder, ist mehr als eine persönliche, ungeschönte Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit als Kriegsfotograf. »war porn« ist eine eindringliche Mahnung, sich dem komfortablen, bisweilen luxuriösen Aspekt des Verdrängens hinter ethisch klugen Argumenten bewusst zu werden – und diejenigen Menschen nicht zu vergessen, die keine Wahl haben, sich ihrer furchtbaren Lebensrealität jenseits von Menschlichkeit, Menschenwürde und Respekt zu entziehen.

Wer wegschaut, macht sich mitschuldig, heißt es.

Links zum Thema:

»war porn« von Christoph Bangert*, Kehrer Verlag 2014
Christoph Bangerts Website
Christoph Bangerts Portfolio bei Redux/laif (Redux/laif)

»The Falling Man« – The Story behind (Esquire)

Einige Buchempfehlungen:

»Bilderkrieger – Von jenen, die auszogen, uns die Augen zu öffnen: Kriegsfotografen erzählen«* von Michael Kamber, Ankerherz Verlag 2013
»Quelque part en France : L’été 1944 de John G. Morris«*, John G. Morris, Marabout 2014
»Anja Niedringhaus At War«, Jean Christophe Ammann, Hatje Cantz (beim Verlag vergriffen, evt. über ZVAB erhältlich)
»Les Tombes : Srebrenica et Vukovar«, Gilles Peress, Scalo 1998
»The Silence – Rwanda«, Gilles Peress, Scalo 1995
Gilles Peress bei Magnum Photos

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Update 23.7.2014: Aktuelle Veröffentlichungen/Debattenbeiträge zu diesem Kontext:
»Malaysia Airlines Ukraine Crash: ‚Unreal‘ Scenes from Magnum Photographer Jerome Sessini« (Lightbox TIME, 18.6.2014)
»Der moralische Totalabsturz der Agentur Magnum« (Blog Reto Camenisch, 22.7.2014)
Die Bilder des Absturzorts von Jerome Sessini bei Magnum Photos

Update 25.7.2014:

James Estrin im Lens Blog der New York Times zu den Bilder der gehängten, indischen Vergewaltigungsopfer – eine interessante Diskussion mit Fotografen und Lesern.

Update 08/2014
The Atlantic: »The Malaysia Air Crash: Should We Publish Pictures of Bodies?«
The Atlantic: »The War Photo No One Would Publish«

Update 11/2014
»Diese Bilder sind eine Zumutung« – Christoph Bangert im Interview (Deutschlandfunk, 16.11.2014)

»Magische Portraits«: Daniel Samanns und seine Ambrotypien

»Magische Portraits« von Daniel Samanns - ©HeikeRost.com 4.6.2014 - Alle Rechte vorbehalten.

Blick in die Ausstellung »Magische Portraits« von Daniel Samanns

Lebendig und faszinierend sind sie, die Bilder von Daniel Samanns: Die Ambrotypien im Collodion Wet Plate Verfahren, mit dem der Berliner Fotograf seit Jahren arbeitet, bilden nicht nur charakteristische Strukturen und Schlieren; je nach Verarbeitung entwickeln die Fotografien einen typischen Schimmer zwischen metallischem Glanz und samtiger Oberfläche. Einige wenige Aufnahmen müssen reichen bis zum fertigen Werk, das ist konsequenter Gegensatz zur schnellen digitalen Fotografie und ebenso konsequente Entschleunigung in allen Arbeitsschritten der Wet Plates. Über die rein technische Prozedur hinaus wirken diese Porträts auf bezaubernde Art aus der Zeit gefallen.

Eine Herausforderung in Sachen Konzentration ist das, für den Fotografen ebenso wie für den Menschen vor der Kamera: Fotos aus der Bewegung heraus sind unmöglich, die antiquierte Technik zwingt zum Stillsitzen bei langen Belichtungszeiten. Die bewusste Pose für das Porträt, die daraus resultiert, ist Haltung, im körperlichen und übertragenen Sinne. Und wird zugleich auch zu einem Prozess der vorsichtigen Annäherung zwischen den Protagonisten der Bilderserie: Der konzentrierte Blick der Menschen vor der Kamera auf den Fotografen lässt den Betrachter für einen Moment innehalten, lädt ihn dazu ein, in den Gesichtern spazieren zu gehen und sich auf den intensiven Dialog mit ihnen einzulassen.

Daniel Samanns behutsame Bilder eröffnen Innensichten und sensible Einblicke in Menschen: Ihre ungewöhnlichen Gesichter, die nicht im herkömmlichen Sinne schön, aber von ganz besonderem Reiz sind, spiegeln ihr Innenleben. Eine Entdeckungsreise in Charaktere und Persönlichkeiten, die sich der Kamera und dem Fotografen anvertrauen, sich preisgeben und öffnen, in berührender Verletzlichkeit. Mit Rissen, Schlieren und mitunter Sprüngen im Glas zeigen die Ambrotypien Samanns‘ nicht nur, wieviel Handwerk und dynamisches Eigenleben der Materialien in ihrer Herstellung steckt. Auf subtile Weise unterstreichen sie auch die Einzigartigkeit und Fragilität der Menschen vor der Kamera.

Die Ausstellung »Magische Porträts« ist noch bis zum 29. Juni in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176 in Berlin zu sehen. Mehr Informationen auf der Website der Kommunalen Galerie Berlin.
Einige 3D-Eindrücke der Ausstellung gibt es hier.
Daniel Samanns Ambrotypien im Netz

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PS: Wohin Gedankenspaziergänge nach einem Ausstellungsbesuch führen: Bei einem Kaffee haben Daniel und ich uns über die Ausstellung unterhalten, auch über mein Lieblingsmotiv. In Kombination mit einer Spiegelung wurde daraus ein ganz anderes Bild – fotografische Assoziationen aus der antiken Mythologie. Von Apollon verfolgt, verwandelte sich die Nymphe Daphne in einen Lorbeerbaum (griechisch Δάφνη).

Robert Lebeck, 1929 – 2014

20140615_Lebeck_HeikeRostcom Das berühmte Bild der trauernden Kennedy-Frauen, die letzten Porträts der unvergessenen Romy Schneider, die kurz vor ihrem Tod entstanden, die Rückkehr von Ayatollah Khomeini in den Irak – immer war Robert Lebeck mit seiner Kamera den Menschen ganz nahe, eröffnete uns einen Blick hinter die Fassade offizieller Gesichter. Einfühlsam, mit tiefem Respekt für sein Gegenüber, in stiller Behutsamkeit auf der Suche nach Menschen. So eindringlich waren Lebecks Fotografien in ihrer Annäherung an Situationen und Persönlichkeiten, dass man sie nicht einmal zeigen muss, um die Bilder vor dem inneren Auge zu »sehen«.

Meilensteine des Bildjournalismus,von Robert Lebeck oft erspürt, bevor sie stattfanden, bisweilen auch mit einem Augenzwinkern auf die großen Momente der Geschichte: Beim Besuch des belgischen Königs Baudouin in Léopoldville 1960 wurde dem Monarchen der Säbel gestohlen. Ein Bild, das zum politischen Symbol wurde für »Afrika im Jahre Null« – und in unserem Gedächtnis blieb wie so viele der Fotos, die Robert Lebeck gemacht hat. Sie haben nicht nur über lange Jahre das Erscheinungsbild großer Magazine wie »STERN« geprägt, sondern auch unsere Sichtweise vieler prominenter Persönlichkeiten. Sein Charme und seine Herzenswärme machten »Bob« Lebeck, wie ihn Freunde und Weggefährten nannten, zu einem bemerkenswerten Menschen, dem selbst schwierige Zeitgenossen wie Herbert von Karajan oder Maria Callas ihr Vertrauen schenkten.

Lebecks liebenswertes Wesen und persönliche Haltung spiegeln sich in seinen Bildern, die verdeutlichen: ohne enge Beziehung zwischen Menschen, ohne präzisen Blick auf Situationen, ohne Einfühlungsvermögen gibt es keine überzeugenden Fotografien. Sie entstehen, so formulierte das Edward Steichen, auf beiden Seiten der Kamera.

Robert Lebeck, Träger des Dr.-Erich-Salomon-Preises der Deutschen Gesellschaft für Photographie, ist am 14.6.2014 in Berlin gestorben.

Robert Lebecks Website
Robert Lebeck im Interview mit dem ZEIT Magazin (2011)