Visual Culture

Visuelle Kultur: Über Sehen, Wahrnehmung, Bildsprache

Notizen – „Passion“

Ein wunderbares Buch für Fotografen und Kunstfreunde ist „Passion“ von Christopher Thomas. Ursprünglich mit einer umfassende Reportage über die Passionsspiele in Oberammergau beschäftigt, war der Fotograf wochenlang hinter den Kulissen unterwegs, sprach mit Darstellern, Handwerkern, Nähern und Requisiteure, beobachtete sie bei den Vorbereitungen der Passionsspiele. Bei den Proben, in Werkstätten und der Umgebung von Oberammergau entstanden viele Bilder; schon fast auf der Zielgeraden der Reportage entdeckte Christopher Thomas eine völlig andere Perspektive: Die spirituelle und emotionale Dimension der Inszenierung nahm ihn so sehr gefangen, dass er sich statt auf die Hintergründe der Passionsspiele, auf Werkstattfotos, Szenenbilder und Probendokumentation ausschließlich auf einzelne Darsteller und Momente der Passionsspiele konzentrierte.

Das Resultat ist ein überaus beeindruckender Bildband, dessen monochromatische, großformatigen Fotografien in ihrer dezenten, warmen Nicht-Farbigkeit an die Gemälde von Rembrandt, El Greco, Velasquez erinnern. Das sparsame, natürliche Licht, die Augenblicke der Versunkenheit in die Geschichte der Passion, die Mimik und Gestik der Schauspieler zeichnen ein ungewöhnliches Gesamtbild der Passionsspiele; kombiniert mit einer sensiblen, kenntnisreichen Einführung von Petra Giloy-Hirtz fesselt das spannende Werk den Betrachter – durch seine Konsequenz, Tiefe und Emotionalität.

Christopher Thomas, „Passion“, Prestel Verlag, ISBN: 978-3-7913-4518-5, € 49,80 [D]

Klickstrecke reloaded: E-Cards inbegriffen

Content Management Systeme sind eine feine Sache. Klickstrecken mit teilweise fast identischen Bildern schwerer Unfälle schon weniger. So überflüssig wie daneben ist allerdings die Funktion „E-Card“ bei Unfallfotos, anderswo ebenfalls vorhanden und von Fiete Stegers bereits zu Recht moniert.  (Bildquelle: RZ Online, 23.06.2010)

Wie der zweite Screenshot belegt: Leider kein Einzelfall. (Bildquelle: RZ Online, 23.06.2010)

Problem Klickstrecke

Bemerkenswerte Argumentation rund um eine Klickstrecke: „Wegsehen kann auch richtig sein!“ – unter dieser Überschrift kommentiert Julia Hohenadel für den Online-Auftritt des Kölner Stadtanzeigers die „Gaffer-Problematik“ am Rande eines schweren Unfalls. Ein durchaus ehrenwerter Beitrag, wäre da nicht auch noch die zum Kommentar passende Bilderstrecke – fotografiert von der engagierten Kommentatorin. Ulrike Langer wies heute in ihrem Blog Medialdigital.de auf diesen Widerspruch in sich hin; sehr interessant und lesenswert sind die Kommentare, die zum Teil an der Problematik vorbei argumentieren.

Ein Rundumschlag von Fotografen- bis Medienschelte greift dabei zu kurz: Es ist grundlegende Aufgabe von Journalismus, aktuelles Geschehen zu dokumentieren und darüber zu berichten. Dazu gehören auch Bilder von schweren Unfällen, Katastrophen, von Kriegen, Gewalt und Verbrechen. Bildjournalisten bewegen sich dabei immer in einem Spannungsfeld zwischen redaktionellem Auftrag, daraus resultierendem Druck und persönlichen Grenzen. Zwischen Restriktionen ihrer Arbeit und öffentlicher Kritik sind sie konfrontiert mit oft genug unfassbarem Geschehen, das weit über die eigene Schmerzgrenze hinaus gehen kann. Der Moment des Fotografierens ist mitnichten konfliktfrei oder gar von verantwortungsloser Sensationsgier geprägt; ein Foto zu machen oder nicht, bleibt dennoch individuelle Entscheidung eines Bildjournalisten.

In der Verantwortung des Veröffentlichenden – egal ob Print oder Online – liegt hingegen die Art und Weise, in der solche Bilder publiziert werden. Dokumentation und Information braucht in diesem Fall klare redaktionelle Entscheidungen: Gegen bloße Klickstrecken, deren Bilder als Füllmaterial zur Generierung von Zugriffszahlen kommentarlos ins Netz gestellt werden, für eine Auswahl und Beschränkung auf das notwendige Mindestmaß an Berichterstattung im Interesse der Öffentlichkeit. Redundante Bildmotive in zweistelliger Zahl, von denen maximal zwei oder drei relevant hinsichtlich ihres Informationsgehalt sind, werden zu einer sinnentleerten Galerie des Horrors. Durch das Fehlen jeglicher Einordnung im Kontext kommt diesen Bildserien der Charakter des Dokumentarischen abhanden. Oft sind sie garniert mit unpassenden Werbeeinblendungen, gelegentlich gar mit Möglichkeit, die Bilder des Horrors als Postkarte zu versenden: Das kritisiert der Journalist Fiete Stegers in seinem Kommentar völlig zu Recht, denn in dieser Art der redaktionellen Präsentation besteht die eigentliche ethische Grenzüberschreitung solcher Klickstrecken.

Als Journalistin bin ich durchaus der Meinung, dass man grausame Bilder zeigen kann, sogar muss. Auch um den Preis der Grenzüberschreitung, der Verletzung ethischer Tabus – weil sie Realität abbilden und Zeitgeschehen dokumentieren, so schmerzhaft solche Bilder auch zu ertragen sind. Gravierende Unterschiede gibt es allerdings in der Art der Veröffentlichung: Unter dem Titel „Behind the Scenes – To Publish or Not?“ veröffentlichte der Lens-Blog der New York Times im September 2009 die Geschichte eines Fotos der AP-Journalistin Julie Jacobson, das sie während ihres Einsatzes als embedded photographer machte. Es zeigt einen tödlich verwundeten Marine in Afghanistan – und wurde nach langer interner Debatte von AP veröffentlicht.

Wie man trotz Veröffentlichung (in diesem Fall gegen den Willen der Angehörigen) respektvoll und fundiert mit einer solchen Thematik umgehen kann, zeigt die Fortsetzung: Zwei weitere Folgen der Berichterstattung im Lens Blog, publiziert unter den Titeln „Readers‘ Voices: Public and Private Trauma“ und „From the Archive: Not New, Never Easy„, beschäftigen sich mit der umfangreichen Diskussion des AP-Fotos im Forum des Blogs und der Öffentlichkeit ebenso wie mit der Rolle und den Themen der „War Photographer“ im historischen Rückblick. Auch hier finden sich Bildstrecken mit zum Teil grausamen Bildern. Der wesentliche und über ihre Wahrnehmung entscheidende Unterschied liegt in der Art der Präsentation und Kommentierung des Bildmaterials, in der sich die komplette Bandbreite der Positionen zwischen Ablehnung und Befürwortung widerspiegelt. Davon sind die immer wieder kritisierten Klickstrecken, von denen einige auch schon Gegenstand von Beschwerden beim Deutschen Presserat waren, in all ihrer Oberflächlichkeit weit entfernt.

Nachtrag: Fiete Stegers zum gleichen Thema bei Onlinejournalismus.de.

Lektüretipps zur Thematik:
✩ Die National Press Photographers‘ Association/NPPA über die Debatte um das AP-Foto und die aufgrund der Diskussion geänderten Regeln der US-Streitkräfte für „embedded photographers“. Die NPPA hat darüber hinaus einen lesenswerten Code of Ethics in the Age of Digital Photography veröffentlicht.
✩ „Bildtheorien in Geschichte und Gegenwart“ von Klaus Hombach – ein Überblick zum Bildbegriff und dessen Funktionen (u.a. Abbilden als Funktion der kognitiven Verarbeitung von Geschehen)
✩ „Tous Journalistes?“ André Gunthert 2009 über die Attentate von London 2005 und die Rolle der Citizen Journalists.
✩“Camera Phones Prevail: Citizen Shutterbugs and the London Bombings“ – Robert Bain im Digital Journalist zum gleichen Thema.
✩ „Horror und Ästhetik. Eine interdisziplinäre Spurensuche“ von Claudio Biedermann und Jens Stiegler, UVK Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3867640664
✩ „Medienbilder – Inszenierung der Sichtbarkeit“ von Götz Großklaus (u.a. zum Aspekt von Schrecken und Bannung durch Bilder), Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518123195

L’Image Partagée

Bildagenturen in Konkurrenz zu Microstockagenturen und Photoplattformen diverser Anbieter von Flickr bis Picasa, die Insolvenz der renommierten Agentur Gamma, Honorare im freien Fall, die bildjournalistische Praxis spricht eine deutliche Sprache: Die Verfügbarkeit von Bildern, Photos oder Videos durch die technischen Möglichkeiten des Internet hat unseren Bezug, unsere Einschätzung von Bildern auf tiefgreifende Art verändert. Die quasi „kontrollierten Verbreitung“ der Bilder ist zu einem Automatismus des Überflusses und der ständigen Verfügbarkeit mutiert. Damit eng verbunden ist eine Veränderung der (auch ökonomischen) Wertschätzung und Bedeutung von visuellen Elementen; dabei wird das Denkmodell der Konkurrenz zwischen „alten“ und „neuen“ Medien der Entwicklung neuer Gewohnheiten der Interaktion zwischen Anbieter/Plattform und Nutzer/Leser nur in Teilen gerecht. Im immer wieder spannenden Blog von André Gunthert, „Actualités de la Recherche en histoire visuelle“, ist ein interessanter Videobeitrag veröffentlicht, der sich der Neubewertung des Bildes als „teilbares Gut“ widmet.

A Matter of Ethics

While having a look to my favourite blogs on photography and photojournalism, I found a rather interesting discussion on the Lens Blog ((New York Times). Associated Press recently sent one of their staffers as an embedded photographer to Afghanistan, where Julie Jacobson took a real disturbing photo of a young marine struck by a rocket-propelled grenade during a Taliban ambush of his squad. Short time after being injured, he died. In eight years of war a photo like this has not been seen in the US media. AP decided to publish the photograph some time later – after intense intramural debate on the question of publishing or not.

So far for now the question has arisen, whether the public is better served being confronted with the gruesome reality of war or whether respect for the family should have been the reason to trump journalistic concern. The blog contains until today more than 600 comments on the topic. No matter if professional or not, the ongoing public dialogue on ethics in journalism is one of the most interesting pieces of journalism I read for a long time. (Maybe even more interesting, because print media normally don’t offer the place to discuss things at length and as profound as read in the blog. Chances of journalism, here they are again, really alive, in touch with the public and really impressing dialogue.) Nothing to add at this point but the links:

The story of and the discussion about the photo and the question of publishing on Lens Blog.
A reflecting comment, published by The Digital Journalist.
Journal entries of AP Photographer Julie Jacobson, embedded with U.S. Marines in Afghanistan on The Digital Journalist