Bilder einer Ausstellung …

Berlin - ©HeikeRost.com 12/2012 - All rights reserved.»Image and View« befasst sich gerne und ausführlich auch mit Ausstellungen, empfiehlt, rezensiert und schaut an. Immer interessant, vielschichtig und für manche Entdeckung gut: Fotografie erfreut sich riesiger Beliebtheit und Verbreitung, den Smartphones mit eingebauter Kamera sei Dank. Ausstellungen und Workshops haben regen Zulauf, die Besucherstatistik renommierter Galerien und Museen spricht für sich. Was für eine Chance, wertvolle Denkanstöße in Sachen »visuelle Kultur« zu geben! Dennoch sind manche dieser Projekte geeignet, dem versierten Besucher die Zornröte auf die Stirn zu treiben. Vor allem dann, wenn Konzepte dank zahlreicher Mängel in der Präsentation vor die Wand, um nicht zu sagen in die direkte Hölle des Kuratierens fahren.

Kürzlich in einer großen Werkschau: in merkwürdig diffuser, unsortierter Hängung werden Bilder einer Ikone der Fotografie gezeigt. Die bis auf den Namen des Künstlers völlig zusammenhanglos präsentierten Bilder in Rahmen und Schaukästen offenbaren dem unversierten Besucher nicht einmal auf den zweiten Blick tiefere Erkenntnisse über die Werke und den Fotografen. Auch dem fachkundigeren Besucher ist das nicht ohne Weiteres möglich; weitgehend Fehlanzeige in der kompletten Ausstellung sind Aufnahmedaten, Namen fotografierte Personen, Entstehung der einzelnen Fotos und Serien. Eine Mischung aus ärgerlicher Schludrigkeit in der Präsentation und einer kuratorischen Sichtweise, die bedenklich wenig auf die Vermittlung fotografischen, historischen oder inhaltlichen Wissens fokussiert ist. Schon dieser erste Stolperstein machte bemerkenswert wenig Lust auf eine weitere Auseinandersetzung mit der Ausstellung. Dennoch, weiter in der Betrachtung.

In einer Glasvitrine an der Wand wurden Negative, deren Kontaktbögen und Abzüge präsentiert. Gleich drei eklatante Fehlleistungen aus kuratorischer Sicht inbegriffen: Selbstverständlich kann und darf man auch schwächere Arbeiten einer Ikone der Fotografie zeigen. Selbst die Größten unter zeitgenössischen Fotografen hatten und haben nicht immer ein glückliches Händchen, weder in der Auswahl ihrer Bilder noch in deren Gestaltung oder Belichtung. Oft sind ikonisch gewordene Fotografien präzise Teamarbeit eines Fotograf und eines klugen Editors bzw. Bildredakteurs, der dem Lichtbildkünstler auf die Sprünge half, wenn er den Wald vor lauter Bäumen nicht (mehr) sah. Selbst Branchengiganten wie Robert Lebeck haben das gelegentlich erlebt. Solche erkennbar gestalterisch und handwerklich mangelhaften Werke gänzlich unkommentiert und ohne Einordnung in einen Werkkontext Ausstellungsbesuchern zu präsentieren, ist mangels Erkenntnisgewinn bestenfalls überflüssig, schlimmstenfalls eine respektlose, posthume Demontage eines Künstlers.

Auch der Umgang mit den Abzügen ließ zu wünschen übrig, das belegten die zu den Vorlagen passenden Fotos im Schaukasten. Wohl kein Fotograf käme überhaupt auf die Idee, seine Bilder »out of camera« zu vergrößern. Das ist ein Mythos aus dem Reich der Märchen und Legenden, an dem sich auch in digitalen Zeiten nichts geändert hat. Übrigens auch nicht durch die sträflich auf technische Aspekte verkürzte, unsägliche Debatte um den diesjährigen World Press Award, die in weiten Teilen ein Frontalangriff auf die individuelle Handschrift von Fotografen ist. Wer als Printer Negative ohne weitere Nachbearbeitung vergrößert, versteht weder sein Handwerk noch Bildidee oder gar den Fotografen selbst (der im übrigen dokumentierte, penible Aufzeichnungen hinsichtlich der Ausarbeitung seiner Bilder hinterlassen hat). Leider hat nicht jeder das Glück, außer mit einem kompetenten Fotoeditor auch mit einer Branchengröße wie z.B. Voja Mitrovic zu arbeiten. Viele der ikonischen Arbeiten von Koudelka, Cartier-Bresson, Salgado sind dem exzellenten Können dieses Fine Art Printers zu verdanken, der in enger Absprache mit dem jeweiligen Fotografen Bildern in der Dunkelkammer den letzten Schliff gibt. Voller Verständnis und tiefem Respekt für dessen Arbeit, seine fotografische Handschrift (und Seele), ohne die eine solche Zusammenarbeit zwar möglich wäre, aber mit einiger Sicherheit nicht zu überzeugenden, geschweige denn großartigen Ergebnissen führt.

Immerhin führten solche Schaukästen dann zu merkwürdigen Diskussionen, unter anderem darüber, ob der Fotograf die Kontaktabzüge seiner 6×6-Negative nachbelichtet habe. Ein gewisser Unterhaltungswert ist dieser grenzdämlichen Frage zwar nicht abzusprechen, sie hätte sich allerdings sinnvoll beantworten lassen: Durch einen Einblick in die penibel geführten Kladden des Fotografen, in denen er sowohl Lichtstände und Belichtungszeiten als auch Rezepturen für individuell angepasste Filmentwickler und Entwicklungszeiten notiert hat. Leider haben diese zum Verständnis nötigen Ausstellungsstücke gefehlt, ebenso wie entsprechende Hinweise auf die vorhandenen Aufzeichnungen. Ein didaktisches Manko, das sich quer durch die komplette Werkschau und insbesondere in der Präsentation einiger Farbprints fortgesetzt hat.

Diese Prints wurden entweder lieblos mit doppelseitigem Klebeband an die Wand geklatscht oder aufgezogen; leider wellte sich nach kürzester Zeit die Kaschierung, löste sich der Print von der Trägerplatte ab. Immerhin, unter den bunten Bildern weisen kleine Täfelchen darauf hin, dass es sich um »2014er Digital-Farbprints« handelt. Mehr gibt es nicht zu erfahren. Die Jahrgangsbezeichnungen von Vergrößerungen sind leider wenig aufschlussreich: Bei den präsentierten Werken handelt es sich um Abzüge von Negativen aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, deren Farbigkeit sich grundlegend von der digitalen Farbigkeit unserer Zeit unterscheidet. Vergebene didaktische Chancen eines kuratorischen Konzepts auch hier: Eine Gegenüberstellung von Vintageprints oder zumindest entsprechenden Reproduktionen zeitgenössischer Bildbände mit den modernen Prints hätte einen spannenden Einblick in die Veränderung von Farbwahrnehmung eröffnet. Noch weitergehender hätte das eine wertvolle Erläuterung sein können, dass die Überzeugungskraft vieler Bilder nicht allein auf ihrer Farbigkeit, sondern vor allem auch auf inhaltlichen, gestalterischen Qualitäten und handwerklichem Können eines Fotografen basiert.

Auf den Erwerb eines Ausstellungskatalogs habe ich dann dankend verzichtet, ebenso wie auf die Nennung von Ausstellungsort, Fotograf oder Titel der Ausstellung; die hier beschriebenen Mängel sind leider kein Einzelfall.

Weiterführende Links:
»Voja Mitrovic – Printer to the Greats« (Part I, The Online Photographer, by Peter Turnley)
»Voja Mitrovic – Printer to the Greats« (Part II, The Online Photographer, by Peter Turnley)

  2 comments for “Bilder einer Ausstellung …

  1. 11. Mai 2015 at 06:22

    Ich glaube zu wissen welche Ausstellung Du meinst, Heike. Hab sie gestern gesehen und ja, ich fand sie eher fragwürdig. Keine gute Eigenwerbung.

    • HeikeRost
      15. Mai 2015 at 09:06

      Die Ausstellung, auf die ich mich bezogen habe, liegt schon eine Weile zurück; leider sind die beschriebenen Ärgernisse kein Einzelfall. Ein Kollege berichtete kürzlich von Prints, die mit Edding (sic!) ausgefleckt und zu horrenden Preisen angeboten wurden….

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