Die verstörende Faszination des Schreckens: Boston Marathon

Am Abend des Bombenanschlags beim Boston Marathon riefen mich Kollegen an. »Du schreibst doch über Bilder und deren Wirkung in Deinem Blog, Du sitzt im Presserat. Kannst Du über diese Bilder schreiben?“ Ich habe mich auf die Suche gemacht, nach einigem Zögern. Auf Newssites aus dem In- und Ausland, im Social Web, bei Instagram. Bei Tageszeitungen und Magazinen, bei Fernsehsendern, auf Spurensuche in der Bildberichterstattung. Es hat mich zwei schlaflose Nächte gekostet: Wegen der furchtbaren Bilder aus Boston. Wegen der eigenen Bilder im Kopf, aus meiner Zeit als Bildreporterin für Tageszeitungen und Agenturen, die plötzlich wieder sehr präsent waren: mit verstörendem visuellen Eigenleben. Und wegen der vielfältigen Gedanken zu den Bildern.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden viele dieser Fotos wieder auf meinem Schreibtisch landen – mit einiger Zeitverzögerung: Beim Deutschen Presserat werden sich auch diesmal Leser beschweren, über Medien und ihre Grenzüberschreitungen in Klickstrecken, Videos und seitenfüllenden Abbildungen von Blut, Opfern und Grauen. Über sensationslüsterne Journalisten, deren Kaltblütigkeit und Ignoranz auf der Jagd nach Auflagenzahl und Seitenzugriffen. Nicht in allen Fällen treffen solche Vorwürfe zu, nicht immer ist Quotengier der Grund für als grenzüberschreitend empfundene Veröffentlichungen. Ob vor Ort oder in den Redaktionen, Journalisten sind ihrer Arbeit verpflichtet, der Information ihrer Leser und vor allem der Wahrheit in Text und Bild. Journalisten sind Filter: In der Entscheidung über das, was man zeigen darf und kann, vielleicht sogar muss. Erschwert wird diese Gratwanderung der Auswahl durch den Stress des Produktionsalltags, die Unmengen an zum Teil unerträglichen Fotos: Mehrere Tausend sind das Pensum eines Bildredakteurs – an einem normalen Arbeitstag. Nicht an diesem Tag. An solchen Tagen hören Bildredakteure auf zu zählen.

Fünfunddreißig Fotos bei „The Big Picture“, zehn Fotos bei Lightbox (TIME): John Tlumacki, Bildjournalist und langjähriger Mitarbeiter des Boston Globe erzählt über seine Arbeit und die Gefühle des photographischen Augenzeugen: „(…)I can’t think about it — I gotta keep doing what I’m doing. (…) We use a camera as a defense but I was shaken when I got back (…). It’s haunting to be a journalist and have to cover it.“ Während der Arbeit ist die Kamera der Schutzschild des Fotografen, eine Art „Firewall“ zwischen Journalist und dem Geschehen vor seinen Augen. Beim Sichten der Fotos nicht mehr, dann versagt aller Schutz. Das gehört zur Arbeit von Journalisten, ist ihr Berufsrisiko. Die gesehenen Bilder bleiben meist unauslöschlich, ein Leben lang.

Boston, das sind im Social Web eine Handvoll Bilder in Endlosschleife und mit Hashtag. Bar jeder Information werden sie zu tragischen Geschichten umgewidmet und tausendfach wiederholt: Der Mann, der angeblich an der Ziellinie auf seine Freundin wartete, wollte sich mit ihr verloben, sie starb. Ein kleines Mädchen mit Brille und Pferdeschwanz, angeblich das tote Kind von Boston. Eine lachende Frau, angeblich gestorben in Boston. Die rührseligen Geschichten haben eines gemeinsam: Sie sind allesamt falsch, so falsch wie viele Vermutungen und Gerüchte, die via Twitter den Weg in die Redaktionen finden. Der Mann im roten T-Shirt beugt sich über ein am Boden liegendes Opfer: Es hat überlebt. Das kleine Mädchen: Es lebt ebenfalls, anderswo und nicht in Boston. Die Frau mit dem fröhlichen Lachen: Sie starb 2012 in der Grundschule von Sandy Hook. In den Timelines tauchen visuelle Richtigstellungen von Nutzern auf, wechseln sich ab mit unbeholfenen Illustrationen, Blümchenknipsfotos, Zeichnungen und in kindlicher Handschrift notierten Beleidsbekundungen für die Opfer von Boston. Das Soziale Netz ist bis dahin sozial und menschlich, ist geschockt, bewegt – und trauert. Doch es sind einige andere Fotos unterwegs; sie stammen aus ersten, eiligen Veröffentlichungen auf Newsseiten.

Sie sind schlimmer noch als die tausendfach kolportierten Fälschungen: Schwer verletzte Menschen inmitten von Blutlachen sind zu sehen, aus zerfetzten, blutigen Unterschenkel ragen blanke Knochen. Auf Facebook und Instagram kursieren die Bilder, tauchen unverhofft in den Timelines auf. Nach der ersten eiligen Veröffentlichung werden auf vielen Newssites die Gesichter auf diesen Fotos immerhin noch nachträglich unkenntlich gemacht, als „graphic content“ gekennzeichnet und hinter schwarzen Flächen verborgen, die man erst wegklicken muss. Mitunter werden Verletzungen wegretuschiert. Bilder werden beschnitten, um das Schlimmste zu verbergen. Die Betrachter vermeinen sich zu erinnern: Da waren Schuhe und Füße, das grauenvolle Bild muss ein Fake sein. Die digitale Schere des Bildredakteurs ist zugleich Schere im Kopf des Betrachters: Darf nicht sein, was Realität ist? Anders im Social Web: Dort ist das Opfer erkennbar, seine Verstümmelungen sind es ebenso. Das Soziale Netz entpuppt sich als höchst unsozialer Ort; eins der Fotos wird von einem Instagram-Nutzer umgestaltet. Das Opfer im Rollstuhl trägt ein grinsendes Comicgesicht. „Ouch my Leg!“ höhnt grellbunte Schrift über dem, was einmal Beine waren. Das vielfach verbreitete Bild und dessen Nutzer sind mittlerweile von der Plattform gelöscht. Die Erinnerung daran lässt sich nicht so einfach entfernen wie mein dokumentierender Screenshot von der Festplatte des Rechners.

Wie fast immer nach Katastrophen, Attentaten und Amokläufen tobt wenig später Medienschelte; die Vorwürfe der Sensationsgier, der Auflagen- und Quotenjagd sind fast schon ein Automatismus. Einschätzungen der Praktiker aus Redaktionen regionaler und überregionaler Tageszeitungen lassen jedoch den Schluss zu: Sensationsgierige Titelseiten steigern nicht die Verkaufszahlen – eher im Gegenteil. Möglicherweise sind solche schlichten, wiederkehrenden Denkschemata und die Projektion von Verantwortlichkeit auf entpersonifizzierte „Medien“ bequemer als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Bildern und dem eigenen Verhalten angesichts der blutigen Realität. Zum einen entscheiden in Redaktionen Menschen, die allen professionellen Bemühungen zum Trotz bisweilen scheitern: An ihrem eigenen Entsetzen, ihrer Hilflosigkeit – und im Sortieren, Bewerten und Darstellen dessen, was das Vorstellungsvermögen überschreitet.

Zum anderen schauen wir zu, gebannt von der Faszination eines Schreckens, der alle Grenzen sprengt. Von Brock bis McLuhan haben viele Medienwissenschaftler über diese obszöne Anziehungskraft des Grauens nachgedacht, die Menschen zu Voyeuren zu machen scheint. Wir schauen aber nicht nur zu. Ob Bildjournalist, Leserreporter oder Hobbyfotograf: Wir fotografieren. Machen uns ein eigenes Bild. Mit unterschiedlichen, individuellen Grenzen und Kenntnissen – und einer wesentlichen, tiefer gehenden Gemeinsamkeit: Abbilden ist zugleich ein Versuch des Einordnens, des Machtgewinns über das Gesehene und damit ein erster Schritt zur Verarbeitung des Schreckens. „Mach Dir ein Bild von etwas und Du nimmst ihm jegliches Leben.“ formulierte der französische Filmemacher Jean Cocteau. Im übertragenen Sinne mag dieses Zitat zutreffen. Etwas abzubilden, kann gleichzeitig bedeuten, aus der Passivität des hilflos Konfrontierten in eine aktive Rolle zu wechseln – und sich dadurch von traumatisierenden Erlebnissen zu befreien; mitunter auch durch Zerstörung des Abbilds.

Wir wollen nicht sehen und damit nicht wahrhaben, was uns aus der gewohnten Bequemlichkeit unserer überwiegend friedlichen Komfortzonen aufstört. Was uns hierzulande gelegentlich streift, dem können sich Menschen anderen Orts nicht verweigern und entziehen. Weder den Bildern noch der Realität – Blut hat dieselbe Farbe, ist dasselbe Grauen, Tod ist Tod ist Tod, überall. In Gaza, im Irak, in Mali, in Syrien ist Alltag, was die Bilder von Boston zeigen.

Kollegenstimmen zu den Bildern von Boston:

Sascha Rheker, Bildjournalist: „Die Schere am Bild und im Kopf des Betrachters“
Sebastian Baumer, Fotograf: „Digitaler Katastrophentourismus“
Bildblog: „Überall Blut“
Christine Haughney, New York Times: „News Media Weigh Use of Photos of Carnage“

Bildjournalisten und ihre Bilder:

John Tlumacki (Boston Globe): One Photographer’s Eyewitness Account (Lightbox/Time)
The Boston Globe/The Big Picture: „Terror at the Boston Marathon“
Lou Angeli/Getty via Facebook: „Boston Marathon Attack“

Update 21.4.2013:

»Doch können und müssen die Medien das tun, was nicht Aufgabe des Publikums ist: Sie müssen diese Informationen in einen Kontext bringen, einordnen, vor allem falsch von richtig trennen, auch, wenn das Zeit braucht.« taz, 21.4.2013 über die „Schwarmdummheit im Netz“.

  4 comments for “Die verstörende Faszination des Schreckens: Boston Marathon

  1. Sascha Rheker
    18. April 2013 at 19:02

    Wenn Mitglieder des Presserates wegen „der schrecklichen Bilder“ kontaktiert werden, dann sollte sich mancher derjenigen die das tun mal überlegen, daß das schlicht Bilder der schrecklichen Realität sind. Sophokles sagte schon: „Töte nicht den Boten.“, und dürfte damit, wenn auch in Unkenntnis der Fotografie, genau das gemeint haben.

    Man soll doch nicht glauben, daß schlimme Dinge nicht oder weniger schlimm passiert sind, nur weil man nicht oder nur weichgespült davon berichtet.

    Niemand würde eine KZ-Gedenkstätte wegen eines Bildes eines Leichenberges kritisieren, niemand würde verlangen die Gesichter da zu Pixeln oder das ganze durch Retusche zu schönen. Niemand würde dem Fotografen Vorwürfe machen.

    Fragen wir uns doch alle mal, warum das so ist!

    Wäre nicht der Holocaust einer der wichtigsten Punkte um die Achtung der Menschenwürde einzufordern? Oder ist der Holocaust genau der Punkt an dem sich zeigt, daß die ungeschönte Wahrheit wichtiger ist?

    Ist es die Aufgabe der Presse, dafür zu sorgen, daß die Realität immer etwas zahmer erscheinen muß als der Entertainment-Schrecken, den wir uns jeden Abend zur Unterhaltung geben, wenn im Fernsehen CSI, Bones und Co. laufen und zerfetzte und in Verwesung befindliche Leichen ins Wohnzimmer geliefert werden?

    Darf das journalistische Foto nicht etwas zeigen, was keinen Platz mehr läßt für die auf RTL und Co. antrainierten „Ist ja nur Kino…“-Verdrängungsmechanismen. Muß der Leser immer die Chance haben alles mit einem abgebrühten „Hab ich bei CSI schon schlimmer und in Großaufnahme gesehen!“ zu relativieren?

    Das was manche Menschen an diesen Bildern, um die es hier geht, so verstört, ist doch ganz nüchtern betrachtet der Umstand, daß man da Verletzungen sieht, bei denen man nicht sagen kann, „Der wird sicher wieder gesund.“

    Und das, obwohl Bruce Willis nach 10mal sovielen Bomben die neben ihm explodiert sind, vielleicht mal ein Pflaster am Rettungswagen und einen Kaffee braucht, um dann gleich weiter machen zu können.

    • HeikeRost
      18. April 2013 at 19:19

      »Darf das journalistische Foto nicht etwas zeigen, was keinen Platz mehr läßt für die auf RTL und Co. antrainierten “Ist ja nur Kino…”-Verdrängungsmechanismen.«

      Das »darf« es nicht nur, das sollte und muss es auch: Das ist eine der Aufgaben von Journalismus, wie im Blogpost beschrieben. 😉

  2. 18. April 2013 at 23:22

    Von ehrlichem Journalismus erwarte ich ehrliche Bilder, die die Realität abbilden. Ob dazu Massen an Blut und Wunden gehören bezweifle ich. Ich denke z.B. an die alten SW-Fotos aus Vietnam, wie an das nackte kleine Mädchen auf einer Straße nach dem Napalmeinsatz. Fand ich in der Klarheit viel eindrucksvoller als alle farbigen Blutlachen.
    Was mich viel mehr bestürzt in der journalistischen Bildberichterstattung sind die quantitativen Unterschiede weltweit. Werden in den USA drei Menschen durch Bomben getötet schreit die westliche Welt entsetzt laut auf. Werden monatelang, jahrelang rund 70.000 !!! Menschen in Syrien getötet, interessiert das so gut wie niemand im Westen. Da scheint doch etwas nicht zu stimmen.

  3. 23. August 2014 at 15:57

    Einfach mal nur Applaus. Diesen wichtigen und guten Baitrag kann man nicht oft genug lesen, denn er wird leider nicht unaktuell.
    Diesen Abgrund zwischen unsagbarem, unfassbaren Grauen und einer noch verschreckenderen Ästhetik des Grauens fühlte ich einmal bei einem Foto von den Resten des World Trade Centers. Es gibt nämlich ein Foto von einem Ballett (Anfang des 20. Jhdts.), ausgerechnet nach einem Libretto des hier genannten Jean Cocteau, wo der Bühnenaufbau fast identisch aussieht, die gleichen Baugerippe. Nur, dass es sich bei jenem historischen Foto um eine Clownerie in New York handelte. Das, was diese beiden Bilder im Kopf miteinander anstellten, was fast unerträglich … und ich werde beide wohl nie mehr aus dem Kopf bekommen.

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