Nachdenken über Photographie

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Wer über Bilder spricht und sich mit der Frage beschäftigt, welche Geschichten sie erzählen, muss sich auch mit Veränderungen der Photographie auseinandersetzen. Dank Smartphones mit integrierten Kameras, erschwinglicher und perfekter Hard- und Software ist Photographie allgegenwärtig und jederzeit für jeden verfügbar. Das ist zutiefst demokratisch und verhilft denen zu Aufmerksamkeit, die bisher unbeachtet blieben. Unter wirtschaftlichen Aspekten, der umwälzenden Verschiebung von Angebot und Nachfrage, der Diskussion um Bildrechte und globale Verbreitung darf man die aktuelle Situation aber auch kritisch betrachten. Der Wert von Photographie hat sich nachhaltig verändert. Die Schere zwischen hochpreisigen Werken – ich denke dabei an Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Peter Lik – und Bildern von Microstock, Royalty Free und Leserreportern klafft stetig weiter auseinander. Immer weniger Photographen sind in der Lage, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Arbeit zu bestreiten und geben zum Teil ihren Beruf auf. Der Wertverfall der Bilder trifft dabei eine Branche, die ohnehin unter großem Druck steht. Stagnierende, meist gekürzte Honorare, fehlende Redaktionsetats, eingestellte Publikationen, Stellenabbau in immer stärker ausgedünnten Redaktionen – die Liste ist zu lang für diesen Beitrag.

»Jeder kann photographieren«

Die beschriebene wirtschaftliche Situation ist jedoch nur eine Seite einer Betrachtung, die mich schon lange beschäftigt. Denn der schlichte Satz »Jeder kann photographieren!« ist nicht allein hinsichtlich eines implodierten Marktes interessant. Noch nie war tatsächlich jeder in der Lage, selbst ohne größeres, handwerkliches Wissen scharfe, richtig belichtete und künstlerisch verfremdete Bilder zu machen. Direkt in der Kamera bearbeitete Fotos, zahllose Apps mit vorgefertigten Filtern haben unser Sehen nachhaltig verändert. Auch die im Vergleich zu analoger Photographie gänzlich andere Ästhetik des Digitalen in punkto Farbigkeit, Brillanz und Bildschärfe trägt dazu bei. Ich sage übrigens bewusst »andere Ästhetik« und nicht etwa »bessere« oder »schlechtere«. Technische Prozesse sind technische Prozesse, ihre Unterschiedlichkeit ist ein wesentliches Stilmittel photographischer Arbeit. Genausowenig unterscheide ich zwischen Profi und Amateur. Im besten Fall liebt der Profi seine Tätigkeit so, wie es der Amateur tut; dennoch verläuft zwischen beiden Bereichen eine unsichtbare Grenze. Vielen Profis sind die tiefgreifenden Veränderungen ihres Berufs geläufig, vor allem hinsichtlich ihrer wirtschaftlich immer schwierigeren Situation. Andere Aspekte wie Sehen, Wahrnehmen und psychologische Grundlagen von Bildsprache und -wirkung sind gleichwohl auch den Profis der Branche nicht immer bewusst. Und viele Amateure haben sich weder mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Branche noch mit den Folgen ihres Tuns beschäftigt, geschweige denn damit, wie sich das Digitalzeitalter auf eine Kultur des Visuellen auswirkt.

Besucherzahlen von Ausstellungen und Festivals, Mitgliederzahlen von Fotocommunities und Facebook-Gruppen, die immense Nachfrage nach Workshops belegen das ungebrochene Interesse und damit den aktuellen Stellenwert von Photographie. Ebenso wie die visuellen Plattformen des Sozialen Netzes wie z.B. Instagram oder Pinterest. Ihr Erfolg zeigt deutlich: Visualisierung ist mittlerweile wichtiger als textbasierte Information. Ein spannendes Thema, nicht nur hinsichtlich kulturübergreifender Kommunikation, sondern auch hinsichtlich Geschwindigkeit. Die technische Infrastruktur des Netzes, ihr immenses Potenzial und Tempo machen uns gleichsam zu miterlebenden Augenzeugen, ob Kriege, Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze oder Attentate. Mit weitreichenden Konsequenzen: Wo notwendige Zeit zu Erkenntnis und Reflektion fehlt, wird visuelle Information zu einer zweischneidigen Angelegenheit. Die emotionale Wucht von Bildern kennt keine geografischen oder technischen Grenzen mehr – und überschreitet so moralisch-ethische und kulturelle Grenzen, löst enorme Aggressionen und Ängste aus. Genannt seien in diesem Zusammenhang die umstrittenen Mohammed-Karikaturen von Kurt Westergaard oder CharlieHebdo, aber auch die einstürzenden TwinTowers des WorldTradeCenters und der Tsunami in Asien als erste »Echtzeitkatastrophen«, die genau deswegen so beängstigend auf uns Zuschauer wirken.

Mediennutzung zwischen Geschwindigkeit und mangelnder Medienkompetenz

Die schnellere und vielfältigere Infrastruktur eröffnet neue Konfliktfelder. Dazu gehört auch die Hastigkeit der Bildverbreitung beispielsweise auf den Plattformen des Sozialen Netzes; sie ist nicht nur der Geschwindigkeit »des Netzes« geschuldet. Reflexhaftes Teilen und Verbreiten sind eng verbunden mit dem emotionalen Erlebnis des Betrachters. Ob per Photoshop in Flaschen gequetschte Katzen oder steinalte Bilder aus den hintersten Winkeln des Netzes und dubiosen Quellen, die angeblich aktuelle Nachrichten illustrieren: Selten bis nie scheren sich die Betrachter und Verbreiter dieser visuellen Botschaften um die Wahrhaftigkeit und Integrität von Bildern oder deren Quellen. Eins meiner Lieblingsbeispiele ist ein Bild von »Lady Liberty«. Angeblich von haushohen Wellen überspült, wurde das Foto der Freiheitsstatue während des Hurrikans Sandy massenhaft im Netz verbreitet. Der Bildschnipsel stammte aus einem Hollywood-Katastrophenschinken und war unschwer mithilfe von Suchmaschinen und Werkzeugen wie z.B. Tineye aufzuspüren. Auch Browser-Plugins erlauben einen gezielten Blick in die EXIF-Daten von Bildern und damit einen möglichen Rückschluss auf deren Echtheit. So wäre es als Nutzer medialer Angebote ein Leichtes, erste Indizien für oder gegen Integrität von Bildern auszumachen. Was auch viele Redakteure überfordert, scheint für normale Leser eine schier unmögliche Herausforderung. Umso schlimmer, wenn in Kombination mit mangelnder Medienkompetenz das sprachlose Entsetzen des Betrachters zum Motor seiner reflexhaften Reaktion wird.

Ob Enthauptungsvideos, ukrainische Helme mit Hakenkreuzen, Rekrutierungsvideos des Islamischen Staats, der Absturz der GermanWings-Maschine oder der von einem Amateur per Smartphone gefilmte Mord an einem Pariser Polizisten Anfang des Jahres: Die genannten Beispiele lösen nicht nur hochemotionale, sondern auch sehr aggressive Debatten aus. »Lügenpresse«, das Unwort des Jahres, steht stellvertretend für Verschwörungstheorien aller Art, aber auch für nie dagewesene Beschwerdefluten bei Fernseh- und Programmräten. Beim Deutschen Presserat, dem ich seit 2002 angehöre, lagen aktuell allein zum Themenkomplex »GermanWings« mehr als 450 Beschwerden vor, viele von ihnen auf visuelle Informationen bezogen. Die Verbreitung all dieser Bilder ist ein Indiz dafür, wie sehr sich unsere Wahrnehmung und der Umgang mit ihr verändert.

Besonders spannend finde ich die Geschichte des Videos aus Paris. Ein Anwohner beobachtete den Mord an einem Polizisten. Direkt vor seinem Fenster. Und filmte das Geschehen. Auf psychologischer Ebene könnte man das Abbilden als ersten Schritt des Erkennens und Verarbeitens betrachten: »Mach Dir ein Bild von etwas und Du nimmst ihm jegliches Leben.« pflegte schon der Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau zu sagen. Erst als sich der Mann das Video auf seinem Smartphone noch einmal ansah, verstand er, dass gerade vor seinen Augen ein Mensch ermordet wurde. Einen Gesprächspartner hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht, damit auch keine Möglichkeit, sein distanzloses Echtzeit-Erlebnis und das Entsetzen darüber mit jemandem zu teilen. Auch das wäre ein erster, wichtiger Schritt des Verarbeitens gewesen. Stattdessen veröffentlichte der Mann das Video dann auf Facebook, wo es sich so rasant wie unkontrollierbar verbreitete. Das ist eine Geschichte, die uns alle nachdenklich machen sollte. Denn unser soziales Kommunikationsverhalten spiegelt, was nicht nur in der Medienbranche zwischen Zeitdruck, Erwartungshaltung des Publikums und Kontaktverlust verloren gegangen ist: Da zu sein und einander zuzuhören. Und, viel wichtiger noch, auch Fingerspitzengefühl und moralische Grenzen für den Umgang mit medialen Bildern von Gewalt und Tod gehen zunehmend verloren. Die Welt ist laut geworden, Photographie aber ist eher ein stilles Medium.

Umwidmung und unsachgemäßer Einsatz von Bildern – wie visuelle Kompetenz scheitert

Auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit Bildern und ihrer Wirkung wird vernachlässigt und sträflich unterschätzt. Zugriffsstatistiken auf journalistische Inhalte im Netz belegen, dass Beiträge mit Bildern deutlich häufiger aufgerufen werden als unbebilderte Veröffentlichungen. Der Teufel steckt im Detail. Von der Bildauswahl bis zu Content Management Systemen mit automatisch generierten Vorschaubildern begegnen einem insbesondere auf mobilen Endgeräten, aber auch in Desktop-Versionen von Newssites zahllose unglückliche Beispiele des Umgangs mit Bildern. Bildausschnitte verhunzen Fomate, schneiden Körperteile und Köpfe ab oder entfernen Bilddetails, die zum Verständnis der Botschaft wichtig sind. Bilder werden aus dem ursprünglichen Kontext gerissen, zu mitunter unpassenden Illustrationen umgewidmet. Bestenfalls ist das ärgerlich, schlimmstenfalls justiziabel. Natürlich gab es einen solchen Umgang mit Bildern schon in analogen Zeiten. Ich erinnere mich an den flapsigen Spruch eines Chefredakteurs: »Ein Bild, das nicht ins Format passt, gibt es nicht. Das schneide ich mir dann zurecht.« Im genannten Fall fehlte dann der Kirchturm, um den sich die investigative Geschichte eigentlich drehte. Entscheidender Knackpunkt: Veränderte Lesegewohnheiten und immer stärkere Visualisierung von Information stellen hinsichtlich Bildwissen extrem hohe Anforderungen an diejenigen, die mit Bildern arbeiten.

Zugleich werden mittlerweile die Wenigsten diesen Anforderungen gerecht: Praktikanten, Volontäre und Auszubildende arbeiten vermehrt in Bildredaktionen, in denen angestammte, versierte Kräfte fehlen oder zu wenig Zeit haben, Grundlagenarbeit zu vermitteln. Ob unpassend genutztes Bildmaterial, falsch gewählte Bildausschnitte, übereifrig nachbearbeitete Bilder, verunglückte Montagen oder im Internet zusammengeklautes Material – die Liste der visuellen Bruchlandungen ist ziemlich lang. Schlimmer noch: Photographie wird zu »Content«, zu billigem Füllmaterial für Seiten und Klickstrecken, meist ohne zusätzliches Honorar für Photographen. Das ausschließliche Interesse gilt Klickraten als Bemessungsgröße für Online-Anzeigenpreise und Einnahmenoptimierung, sei die Bildstrecke auch noch so dümmlich, inhaltsleer und irrelevant für den Betrachter. Oft genug landen solche Betriebsunfälle nicht nur als Beschwerdefall beim Deutschen Presserat, sondern auch vor Gericht. Bildagenturen können darüber ellenlange, überaus unwitzige Geschichten erzählen. All das lässt deutliche Defizite in Wissen und Ausbildung derer erkennen, die mit visueller Information arbeiten.

Zu den handfesten Eckpunkten, die klassische wie Online-Medien gleichermaßen betreffen, gehören abgeschaffte Ausbildungen in Redaktionen und Verlagen, von Controllern und Verlagsjuristen günstig eingekaufte Quereinsteiger, oft unzumutbare Vertragsklauseln zwischen rechtlicher Unsicherheit und Hungerlohn. Hochwertige Photographie kostet Geld, das ist keine neue Erkenntnis. Die Risiko-Bereitschaft von Redaktionen, Photographen zu beauftragen anstelle Publikationen mit Stockmaterial abzufüllen, tendiert allerdings zwischen Etatzwängen, internem Druck und Verlagscontrolling gen Null. Ein überwiegend von Agenturen dominierter Markt sorgt ebenso wie die beschriebene Situation in Bildredaktionen seit langem für den Verlust persönlicher Kontakte zwischen Photographen und Bildnutzern. Einmal übermittelt, entzieht sich die sachlich korrekte Verwendung von Fotos oft genug dem Einfluss ihrer Urheber, Sperrvermerke hin oder her. Manchmal ist der Auslöser allen Ärgers tatsächlich »nur« ein Redakteur, für den ins Bild eingebettete Daten komplett unbekanntes Neuland sind. Das gibt es tatsächlich und nicht einmal selten, wie meine Erfahrungen mit Beschwerdefällen beim Deutschen Presserat zeigen. Manchmal wird so ein gründlich und mit Vorsatz aus dem Zusammenhang gerissenes Bild zum Fall für Anwälte und Interessenverbände. Unrühmliche Bekanntheit erlangte vor einigen Jahren eine Schweizer Wochenzeitung mit dem Porträt eines Roma-Jungen, der eine Spielzeugpistole auf den Fotografen richtete. Das Foto stammt aus einer bedrückenden Reportage über die Lebensumstände von Roma auf einer Mülldeponie im Kosovo und wurde als Illustration einer Kriminalitätsstatistik zweckentfremdet. Trotz Sperrvermerks von Photograph und Agentur. Noch dazu in einer Art und Weise, die nicht nur von Interessenverbänden und dem Schweizer Presserat, sondern auch von zahlreichen nationalen und internationalen Lesern als populistisch, rassistisch und verhetzend eingestuft wurde. Was für Verlage bestenfalls juristische Konsequenzen hat, kann in solchen Fällen für den Photographen gleichbedeutend mit beschädigter Reputation sein.

Die erforderliche Bandbreite der Bildschaffenden wird stetig größer.

Grundlage dieser Aufzählung ist meine doppelte Perspektive aus einerseits langjähriger Arbeit als freie Photographin, Journalistin und Trainerin – und andererseits meiner ebenso langen ehrenamtlichen Tätigkeit im Deutschen Journalisten-Verband sowie im Deutschen Presserat. Mindestens so ernüchternd wie frustrierend sind auch meine Erfahrungen aus regelmäßigen Vorlesungen, Seminaren und Workshops für diverse Auftraggeber und Hochschulen. Trotz umfassender Möglichkeiten des Zugangs zu Wissen und Bildung fehlt vielen »Digital Natives« tatsächliche Medienkompetenz. Historische, politische oder visuelle Kenntnisse sind ebenso Mangelware wie Grundlagen photographischen Handwerks. Dabei ist angesichts der Veränderung des Nutzer- und Leseverhaltens hin zu digitalen Inhalten die erforderliche Bandbreite aller Bildschaffenden größer denn je. Kollegen wie Gero Breloer oder Uwe H. Martin mit seinem »Bombay Flying Circus« arbeiten immer öfter und sehr erfolgreich auch als Filmemacher. Sie sind Protagonisten dieser neuen, veränderten Bandbreite von Photographen. Aber sie sind noch Einzelbeispiele und Einzelkämpfer.

Auch renommierte Wettbewerbe der Branche setzen Zeichen. Manche in unguter Weise, der Verlag Gruner und Jahr hat den Henri-Nannen Preis, benannt nach dem Urgestein des „stern“, eingestellt. Aus Kostengründen. Der Hansel-Mieth-Preis hingegen hat 2015 erstmals die Sparte „digital“ ausgezeichnet: Es gab dabei zwei Sieger – den Beitrag „Unsichtbar – vom Leben auf der Straße“ über Berliner Obdachlose von Uta Keseling (Text) und Reto Klar (Fotos), erschienen auf morgenpost.de, sowie „Schwarzer Tod“, eine exzellente Multimedia-Reportage über die Pest auf Madagaskar von Isabelle Buckow (Text) und Christian Werner (Fotos), erschienen auf süddeutsche.de. Beispiele, die ermutigen auf den neuen Wegen. »Avalanche«, die hochgelobte Multimedia – Reportage der New York Times, ist ebenso wie die Wettbewerbsbeiträge ein bekanntes Beispiel für die Bandbreite interessanter, überzeugender Online-Publikationen. Ihre Zahl wird wachsen – auch dank neuer technischer Features wie die von Apple angekündigte App »News« oder Facebooks »Instant Articles«, mit dem beide Unternehmen Verlagen neue Möglichkeiten des Storytellings speziell für Mobile Endgeräte bieten. Die ersten Geschichten aus dem Fundus von National Geographic und New York Times sind bereits online. Ein Blick darauf lohnt sich, trotz aller inhaltlichen und medienpolitischen Kontroversen um die technische und finanzielle Abhängigkeit von Monopolisten wie Facebook oder Apple.

Zwischen technischer Evolution und wirtschaftlichem Niedergang einer Branche spielt die Suche nach »anderer«, »neuer« Bildsprache eine schwierige Rolle. Die Jagd nach Bildern, die aus der schieren Masse wahrnehmbar herausstechen, die Gier nach dem »immer heißeren Scheiß« endet im Spagat zwischen journalistischer Dokumentation einerseits und multimedialem Storytelling andererseits. Wer als Bildredakteur eines großen Mediums mit täglich durchschnittlich fünfstelligen Zahlen von Fotos auf seinem Schreibtisch konfrontiert ist, weiß um Herausforderungen und Überforderungspotenzial dieser Arbeit. Ich hatte es eingangs schon erwähnt: Auch die immer perfektere Technik hat unsere Sichtweise im Wandel von analoger zu digitaler Fotografie tiefgreifend verändert. Nur einen verlockend einfachen Mausklick entfernt sind die vielfältigen Möglichkeiten der Bildbearbeitung und -verfremdung, deren Entlarvung mittlerweile digitale Forensik und hochspezialisierte Software erfordert.

Fundierte Wissensvermittlung und Diskurse über visuelle Kultur sind notwendiger denn je.

Fundiertes Wissen über Photographie und visuelles Denken zu vermitteln – dafür gibt es qualifizierte Trainer! – ist daher wichtiger denn je, ob in der journalistischen Ausbildung, der Weiterbildung von Redaktionen und Kunden oder mittels kuratorischer Konzepte. Und vor allem macht das deutlich: der permanente Diskurs über inhaltliche Fragen, über Photographen und Haltung, über Bildquellen sowie Verifizierung und Integrität ist dringend nötig.

Wie kontraproduktiv, dass kuratorische Konzepte oft genug am eigenen Anspruch scheitern: In den letzten Jahren sind mir in vielen Ausstellungen grobe Ungereimtheiten und inhaltliche Mängel aufgefallen. Das Porträt einer Künstlerin beispielsweise – existierende Originalprints aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts sind von einer sanften, zeittypischen Farbigkeit. In der Ausstellung hängt ein 2014er Print: Knallige Farben, bunt, digital. Eine vergleichende Präsentation könnte hier aufschlussreich vermitteln, wie sehr sich unser Sehen verändert hat. Der direkte Vergleich könnte auch erklären, dass viele Fotos vor allem auf inhaltliche Faktoren wie Komposition, Gestaltung, erzählte Geschichten angewiesen sind, um zu wirken oder gar zu Ikonen der Fotografie zu werden. Und zu guter Letzt wäre das ein Signal, dass exzellente Photographie ohne das Können eines Fotografen, ohne seine individuelle Handschrift und Sichtweise, ohne Wissen und Bildung kaum möglich ist. Durch vielfach unkommentierte Präsentation, unglückliche Werkauswahl und Zusammenstellung scheitert allerdings der beabsichtigte Wissenstransfer. Schwächere Werke bekannter Photographen zu zeigen, ist so bestenfalls respektlos – und könnte doch Chancen bieten für eine intelligenten Diskussion von Bildsprache und visuellem Denken. Vollends ärgerlich wird es, wenn ausgestellte Kontaktabzüge offenbaren, dass die gezeigten Vergrößerungen von Printern ausgearbeitet wurden, denen offenbar Vergleichsmöglichkeiten zu Originalen ebenso fehlten wie fundierte Kenntnisse oder ein tieferes Verständnis der Motive und Photographen. Von den mit wasserfesten Filzstiften schludrig ausgefleckten Abzügen mag ich in diesem Kontext schon gar nicht mehr reden.

Die existenziellen Probleme reduzierter Redaktionsetats, gekürzter Honorare und wegbrechender Aufträge bedeuten nicht nur das wirtschaftliche Aus für viele Kollegen. Viel schlimmer: Es geht Hand in Hand mit fehlender Wertschätzung für Photographen als Autoren und für deren Arbeit. Zuerst gelten der Blick des Controllers und des von ihm geprägten Redakteurs dem Honoraretat, dann eventuell den Bildern. Dem Menschen, dem man Geschichten zur Umsetzung anvertrauen kann, gilt er zu allerletzt.

Für wenig verwunderlich in diesem komplexen Zusammenhang halte ich die Debatte um den diesjährigen World Press Award. In der Pressemitteilung der Jury heißt es, über 20 % der Einsendungen seien aufgrund von »Manipulation« disqualifiziert worden. Bis heute ist diese pauschale Aussage ohne jegliche stringente, nachvollziehbare Erklärung geblieben. Die Beispiele auf David Campbells Website sind eher dürftig und beschränkt auf Kritik an Techniken aus der analogen Dunkelkammerzeit. Was der Verbesserung von Bildern diente, wie beispielsweise Abwedeln und Nachbelichten, die Steigerung von Kontrasten durch Filmentwicklung und Vergrößerung, findet heute via Software statt. Ist das tatsächlich schon Manipulation im negativsten Sinne dieses Wortes? Auch die Schilderungen einzelner Jurymitglieder, beispielsweise im Lens-Blog der NewYorkTimes, sind eher diffus und vage. Die komplette Debatte steckt fest – auf einer rein technischen, theoretischen Ebene. Dabei gab es bereits in den vergangenen Jahren viele Diskussionen über Grenzen der Bildbearbeitung.

Debatten? Debatten!

2009 wurden die Haiti-Bilder von Klavs Bo Christensen in Dänemark wegen »übermäßiger Bearbeitung« disqualifiziert.
2012 machte Johann Rousselot die Ablehnung seiner Serie »Freedom Fighters« beim World Press Award öffentlich: Er hatte seine Porträts mit Fotos von Graffiti kombiniert, ein Verstoß gegen die Regeln des Awards.
2013 löste Paul Hansens Gewinnerfoto des World Press Awards eine weitreichende Debatte aus, die sogar Digitalforensiker auf den Plan rief. Übrigens mit eindeutigem Ergebnis: Das Foto aus Gaza war keine »Fälschung«.

Im Fall der Haiti-Bilder von Christensen als auch des Gaza-Bildes von Paul Hansen diskutieren wir auf einer anderen, schwieriger zu greifenden Ebene. Die Steigerung von Kontrasten, eine Verminderung von Farbumfängen, Nachbelichten und Abwedeln mit digitalen Werkzeugen, all das waren und sind Stilmittel photographischer Handschrift. Oft arbeiten Photographen mit peniblen Anweisungen an ihre Printer: Robert Häussers umfangreiche Notizen oder Avedons handschriftliche Korrekturen auf Testprints fallen mir dabei ebenso ein wie die grandiose Arbeit eines Voja Mitrovic. Seine Dunkelkammerkunst trägt dazu bei, Photographien von Henri Cartier-Bresson, Josef Koudelka, Sebastiao Salgado oder den Turnleys zu den ikonischen Werken zu machen, die uns im Gedächtnis hängen bleiben. Ist das bereits unzulässige Manipulation?

Wohlgemerkt – Bildveränderungen wie Montagen, zusätzlich eingefügte oder nachträglich entfernte Bildbestandteile waren und sind nicht Kern der aktuellen Debatte. Es mag einfacher sein, über messbare, technische Aspekte der Pixel, Bits und Bytes zu diskutieren anstatt über sperrige inhaltliche Fragen. In wesentlichen Teilen negiert die jetzige Diskussion individuelle Sichtweisen und Perspektiven ebenso wie eine charakteristische photographische Handschrift. Widersinnig ist das insofern, als dass Photographen ohne visuelle, wiedererkennbare Eigenständigkeit den Kampf um ihre wirtschaftliche Existenz schlicht nicht überleben können. Ebenso verneint die Debatte übrigens jegliche Veränderung und Weiterentwicklung von Bildjournalismus von der Dokumentation zum Storytelling.

Ich erinnere mich an so endlose wie ermüdende Diskussionen um Damon Winters Afghanistan-Serie. Aufgenommen mit dem Smartphone, mithilfe der App Hipstamatic, wurde die Bildstrecke 2011 mit einem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Die teils getösige Debatte kreiste seinerzeit einzig um technische Umsetzung und Werkzeug. Damon Winter sagte damals lakonisch: »Through my eyes, not Hipstamatic’s«. Durch meine Augen, nicht Hipstamatics. Als Photographin weigere ich mich, das verwendete Werkzeug über die menschliche und inhaltliche Qualität eines Photographen, seine persönliche Integrität und die seiner Bildstrecke zu stellen. Vor allem deshalb, weil im Digitalzeitalter die Materialunterschiede der analogen Photographie und ihre Bandbreite der Ästhetik durch Technik weitgehend nivelliert wurden. Statt die Eigenheiten von Objektiven als ästhetischen Faktor der Bildsprache zu nutzen, wird via Software teils schon in der Kamera gnadenlos korrigiert und optimiert, was sich beeinflussen und gleichmachen lässt. Sind Bilder bereits Manipulation , die bewusst mit antiken Objektiven aufgenommen wurden oder mit den digitalen Äquivalenten der analogen Dunkelkammer bearbeitet wurden? Sind sie manipuliert über ein zulässiges Maß hinaus? Belügen sie ihre Betrachter?

Photographie zwischen Grenzüberschreitung und Technik-Blabla

Eine klare Grenzüberschreitung beim World Press Award waren Teile der Bildserie aus Charleroi von Giovanni Troilo. Mit Hilfe von Freunden nachgestellter Parkplatzsex, inszenierte Lichtverhältnisse mit Blitzlicht im Fußraum eines Autos mit aufgeblendeten Scheinwerfern, teils falsche Angaben über Aufnahmeorte oder gar komplett irreführende Captions – all diese Aspekte können Photographien zu künstlerisch wertvollen Bildstrecken machen. Legitim in der Kunst ist das allemal, keine Frage. Bildjournalismus oder Dokumentation tatsächlicher Situationen ist das jedoch nicht mehr. Beim WorldPressAward ist diese Arbeit nachträglich disqualifiziert worden. Jean-Francois Leroy, Direktor von Visa Pour L’Image Perpignan, traf kurze Zeit später die umstrittene Entscheidung, die Bilder des diesjährigen World Press Awards nicht zu zeigen, weil er die Debatte für verlogen hält. Das verdient Respekt. Denn diese Entscheidung ist nicht gleichzusetzen mit »Zensur«. Sie ist ein Bekenntnis zu Integrität und Wahrhaftigkeit von Bildjournalismus und eine Aufforderung, sich der unbequemen, inhaltlichen Debatte zu stellen. Dazu gehört auch deren enge Verzahnung mit der existenzvernichtenden wirtschaftlichen Situation der Branche, die vor allem Photographen betrifft, aber auch alle anderen Beteiligten, ob Software-Entwickler, Kamerahersteller oder Bildnutzer aller Sparten.

Zurück zu den strengen Maßstäben von David Campbell: Genau genommen wäre bereits Schwarzweiß- Photographie ebenso eine unzulässige Manipulation wie eine nachträgliche Korrektur von Bildausschnitten oder die Verwendung von Objektiven jenseits der menschlichen Normalperspektive. Ernsthaft? Der Digitalforensiker Jens Kriese formulierte 2013 während der Debatte um Paul Hansens Bild ein bemerkenswertes Statement:

»Wenn die Jury Bearbeitungen auch in Zukunft akzeptiert, dann ist das doch kein fairer Wettbewerb mehr. Der Zweitplatzierte hätte vielleicht gewonnen, wenn er sein Bild auch auf diese Weise manipuliert hätte. Bei den Awards würde es gerechter zugehen, wenn sie nur unbearbeitete Originale verwenden würden. Wenn die Jury es weiter akzeptiert, dass die Fotografen ihre Bilder bearbeiten, dann schafft das nur eine Basis für Neider.«

Eine solche Haltung ist ein Frontalangriff auf jegliche ästhetische und künstlerische Eigenständigkeit von Bildsprache, die in der Photographie und deren Teilmenge Bildjournalismus ihren Platz hat und haben muss. Die Kunst des Weglassens verdichtet viele Erzählformen: Sebastiao Salgados auf Licht und Atmosphäre konzentrierten Arbeiten, Jan Grarups Porträts und Reportagen mit einem antiken Petzval sind ästhetische Meisterwerke – und jederzeit an die persönliche Integrität des Photographen gebunden. Schädlichere Angriffe auf Bildjournalisten, die für genau diese Individualität völlig pauschal der Manipulation und mangelnden Wahrhaftigheit bezichtigt werden, kann ich mir nicht vorstellen.

Denn viel wichtiger als nur die Integrität von Datensätzen sind Fragen der photographischen Haltung – beispielsweise, was Korrektheit von Informationen, die Inszenierung von Photographien oder deren sachlich richtige Einordnung betrifft. Um mit Roger Cozien, dem Entwickler der Tungstène-Software zu sprechen, gehört dazu unabdingbar die Professionalität von Photographen und die Transparenz ihrer Arbeit. Bilder und die dazugehörigen korrekten Informationen sind ein wesentliches Mittel zur Unterscheidung von Dichtung und Wahrheit, von Fälschung und Wahrhaftigkeit. Ein Beispiel aus der aktuellen Berichterstattung belegt Coziens Aussage sehr treffend. Ein nachgestellte Bild syrischer Kinder in einem Käfig mit einer brennenden Fackel im Vordergrund ist dank seiner Caption problemlos als gestellt zu identifizieren. Dennoch kursiert das Bild im Netz ohne Nennung des korrekten Kontextes, was einem versierten Redakteur wohl kaum passiert wäre. So wurde daraus die falsche Darstellung, die Szene habe tatsächlich stattgefunden und sei eine weitere Gräueltat des Islamischen Staates.

Verschobenes Selbstverständnis der Branche?

Verlauf und Argumentation in zahlreichen Photographengruppen in den Sozialen Netzwerken zeigen in Besorgnis erregender Weise, dass beispielsweise das Umwidmen kontextgebundener Fotos zu bloßen Illustrationen nicht mehr als problematisch betrachtet wird. Genausowenig wird die tiefere Problematik der Charleroi-Serie von der Mehrheit der Diskutanten als kritikwürdig erkannt. »Wieso regt Ihr euch eigentlich über einen Blitz im Fußraum des Autos auf, das kann man doch machen, anders kriegt man ein solches Bild nicht hin!« bemerkte ein Kollege. Mit dieser Sichtweise ist er nicht allein, so oder in ähnlicher Form äußerten sich erschreckend viele Photographen aller Altersstufen und Sparten. Was zum Teil bloße Unkenntnis ist, zeugt auch von den Verwerfungen des photographischen Marktes, von Defiziten der Aus- und Weiterbildung wie von beinhartem Konkurrenzkampf um wirtschaftliches Überleben oder den Einstieg in den Bildjournalismus (der auch heute noch Traumberuf vieler junger Kollegen ist).

Es ist eine gefährliche Entwicklung, wenn dabei persönliche wie photographische Integrität, Professionalität und Wahrhaftigkeit auf der Strecke bleiben. Und wenn solche einseitigen Debatten um allein technische Aspekte nicht nur einen der wichtigsten bildjournalistischen Wettbewerbe, sondern eine Branche an sich nachhaltig und möglicherweise irreparabel beschädigen.

Noch ein Aspekt, der in teils sinnfreien Scharmützeln völlig untergegangen ist: Sich auf Walter Benjamin und seinen Grundgedanken des »Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« zu berufen, liegt nahe. Allzugerne wird diese Argumentationskette allerdings dazu genutzt, für eine Reform des europäischen Urheberrechts zu Ungunsten der Urheber zu streiten. Wo keine Originale im materiellen Sinne mehr vorhanden sind, gibt es keine physischen Abbilder von Realität: Statt über Negative, Dias, Prints debattieren wir um binäre Ziffernkombinationen. So verrutscht die Debatte in den praxisfernen Elfenbeinturm der philosophischen Betrachtung und negiert zugleich die Schutzbedürftigkeit der nicht greifbaren schöpferischen Arbeit. »Immaterielle Datensätze alias Immaterialgüter könne man nicht stehlen« lautet ein haarspalterisches Argument aus der letzten größeren Runde der Urheberrechtsdebatte, die aktuell auf EU-Ebene fortgesetzt wird. Man darf auf den Ausgang gespannt sein.

Photographie ist kein Wert an sich, sondern wir alle hier schaffen diesen Wert erst durch den Umgang mit Bildern. Das sollten wir uns täglich bewusst machen.

©HeikeRost.com 10/6/2015 – als Vortrag gehalten beim Symposium der DGPh/Deutsche Gesellschaft für Photographie, 12.6.2015, Hannover.

Weiterführende Links:

»World Press Photo Revokes Prize« (New York Times)
»Posing Questions of Photographic Ethics« (James Estrin, LensBlog/New York Times)
»What are World Press Photo’s Rules and Standards on Manipulation?« (David Campbells Zusammenstellung der Debatte auf Storify)
»Photo Manipulation and Verification« (David Campbells Blog/Website)
Jean-François Leroys Statement auf Facebook (öffentlich sichtbar, auch ohne Anmeldung bei Facebook)
»Wie digitale Forensiker Fotomanipulationen entlarven« (Gastbeitrag von Steffen Leidel/DW Training bei »Image and View«)
»Mobile Hype im Mäusekino« (Gastbeitrag von Peter Raffelt bei »Image and View«)
Peter Raffelts Blog (Peter Raffelt, Bildredakteur, schreibt über die Praxis seiner Arbeit)
»World Press Photo Award: Schwer zu sagen, wo Betrug anfängt« (Jens Kriese bei SpOn über Manipulation)
»Kriegsfotografie im Zeitalter von Photoshop: Wahrheit oder Fälschung?« (NZZ/Neue Zürcher Zeitung)
»Freelens schiebt Diskussion um neue Ethik im Bildjournalismus an« (ruhrspeak, Blog von Peter Liedke)
»Voja Mitrovic – Printer to the Greats« (Teil 1 des Mitrovic-Porträts von Peter Turnley, The Online Photographer)
»Voja Mitrovic – Printer to the Greats, Part II« (Teil 2 des Mitrovic-Porträts von Peter Turnley, The Online Photographer)
»Avedon’s Instructions« (Aphelis.net, ein Blog/Archiv zum Thema Kommunikation)
Robert Häusser im REM/Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim
»Adobe startet Bilderdienst Stock«: »Fotografen bietet Adobe 33 Prozent der Umsätze an…« (ZDNet, 16.6.2015)
»Adobe: 40 Millionen Stock-Fotos für die CreativeCloud 2015« (Heise, 16.6.2015)
Website des »Bombay Flying Circus« (Uwe H. Martin, Poul Madsen, Henrik Kastenskov, Simon Sticker)
Website von Gero Breloer
Mehr zum Hansel-Mieth-Preis bei Zeitenspiegel.
Website von ccs Creativ Consulting Schrader (Rüdiger Schrader, Fotograf, Trainer, Coach und Jury-Mitglied des Hansel-Mieth-Preises)
»Problemfall Scheinselbständigkeit: Verlage im Visier« (Zapp, NDR, 17.6.2016)