Faszination des Schreckens: Im Schlachthof

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Ein dumpfer Knall. Für den Bruchteil einer Sekunde schien der Bulle in der Luft zu schweben, bevor er auf dem Kachelboden im Schlachthaus zusammenbrach. Ein letzter Atemzug, wie ein Seufzer, zitternde Beine. Mit Elektrosäge und blitzendem Hackmessern begann der Mann im weißen Kittel, das mächtige Tier zu häuten und zu zerteilen. Beklemmende Augenblicke zwischen Ekel erregendem Gestank der klaffenden Bauchhöhle. Innereien und Gedärme quellen hervor, blutbespritzt, faserig und glibberweiß. Es sind fremde Gerüche – und ebensolche Geräusche: Knirschen von Knochen, Reißen von Haut und Sehnen. Vor allem aber der Geruch des frischen Blutes, alltagsfern und nasenfremd. Ein schwerer, metallischer und eigenartiger Dunst, ungewohnt und bedrohlich. Er haftet auf der Haut, in Haaren und Kleidung, bleibt als hartnäckige, beklemmende Spur noch lange im Geruchsgedächtnis zurück.

Im Kopf hatte ich ein Sammelsurium aus Gedanken und Assoziationen damals; eine Bilderflut beim Fotografieren, durchs Sehen lebendig geworden, verstärkt noch durch die sensorischen Ebenen des Riechens und Hörens. Abbilden, Zeigen ist widersprüchliche Verarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Gesehenen, ist Faszination des Grauens und des schwer Erträglichen, mit befremdlich ästhetischen Komponenten: Blut mit seiner brachialen, dominanten Farbigkeit zwischen hellem, flüssigen Rot bis zu fast schwarzen Klumpen. Blut als Metapher für Leben und Tod, für Krieg, Macht und Unterdrückung. Blut auch in der Kunst: Gedanken an das »Orgien Mysterien Theater« des Aktionskünstlers Hermann Nitsch, der mit seinen Installationen und Kunstaktionen in den 60er Jahren Zuschauer provozierte und schockierte.

Marina Abramovic und ihre Performance »Balkan Baroque«, die den Jugoslawienkrieg thematisierte und 1997 auf der Biennale in Venedig für Aufsehen sorgte: An vier Tagen saß die serbische Künstlerin auf einem blutigen Berg aus Knochen, sang Totenklagen und löste in endloser, ritualisierter Gestik Fleischfetzen vom Gebein. Knochen, Symbol für Tod, Gruselfaktor in Beinhäusern und zugleich ältestes organisches Material für Künstler und ihre Kreativität, von Schnitzereien und Statuen über beinerne Kämme, Knöpfe und Gürtelschnallen. Votivtafeln für Gebete um Heilung und Wunscherfüllung – bis hin zur Querverbindung in die Musik: Klaviertasten aus Elfenbein, Sättel für Saiteninstrumente.

Nachdenken bei der photographischen Arbeit auch über zeitgenössische Menschen: In gefüllten Tiefkühltruhen liegt Fleisch, das nur per Etikettierung verrät, welches Tier das einmal war. Ausgeblendet sind die Vorstufen der Nahrung, Massentierhaltung und blutiges Handwerk in Massenschlachtungen. Burger und Steaks auf dem Grill, eine Pseudo-Naturidylle aus Perspektive des Stadtsozialisierten. Teil des Lebens ist der Tod, doch wir sind ihm entfremdet; und umso mehr von Ekel, Abwehr und Angst gebeutelt, je unmittelbarer wir mit dem Fremdgewordenen, Unbekannten und Verdrängten konfrontiert werden. Die Frage des Metzgers an mich als Photographin war in diesem Kontext so berechtigt wie absurd: »Fallen Sie um, wenn Sie Blut sehen?« Nein. Ganz banal übrigens, weil ich zwar in der Stadt aufgewachsen bin, mir aber dank ländlich rustikaler Verwandtschaft inklusive geschlachteter Tiere von Huhn bis Schwein die blutigen Vorstufen fertiger Schnitzel und Würste nicht fremd sind. Sie ängstigen mich nicht, sie ekeln mich nicht. Und Fleisch esse ich auch nach dieser Reportage noch.

Entstanden ist die Serie als eine von mehreren Auftragsarbeiten für ein Kirchenmagazin, das sich dem Thema »Mensch und Tier« widmete. Die Bilder lösten nach ihrer Veröffentlichung eine große Bandbreite von Reaktionen aus: Überwiegend Ekel und Abscheu, aber auch beeindruckte Faszination, gepaart mit Beschimpfungen und Verstörtheit. Dass »eine sensible Photographin«, gar »eine Frau solche Bilder machen« könne … und überhaupt, man dürfe »so etwas« nicht veröffentlichen. Eine der Debatten damals drehte sich um die Frage, wie man als Photograph »solch grässlichen, blutrünstigen Bildern« als faszinierend bezeichnen oder gar ästhetische Momente entdecken könne.

Der Kirchenvertreter war verblüfft, als ich ihm mit einem Zitat aus der Bibel antwortete. Im Paulus-Brief an die Epheser (4.18) heißt es: »…sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist.«. Dass Horror und Grauen eine ganz eigene Faszination haben, belegen zahlreiche Beispiele in der Kunst: Stellvertretend seien hier Alfred Hrdlickas »Wiedertäuferzyklus« und die Werke von Boris Lurie genannt, aber auch der surrealistische Film »Ein andalusischer Hund« von Luis Bunuel und Salvador Dalí.

Photos: ©HeikeRost.com – Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Links:

Hermann Nitsch, »Das Orgien Mysterien Theater« (Website)
Marina Abramovic: »Balkan Baroque« (1999, Film von Pierre Couliboeuf, 58 Minuten)
Alfred Hrdlicka: „Wiedertäufer-Zyklus“ (Bildsuche-Resultate)
Boris Lurie im Netz
Luis Buñuel/Salvador Dalí: »Ein andalusischer Hund« (Website zum Film)

  2 comments for “Faszination des Schreckens: Im Schlachthof

  1. 17. Februar 2014 at 10:53

    Wie wurde der Bulle getötet? Mit Bolzenschuss? Oder Strom. Oft werden sie mit Strom getötet.
    Blut „nicht sehen“ zu können, gehört für mich zum neurotischen Formenkreis. Egal.

    Es hätten ruhig mehr Bilder sein können! Allerdings sehe ich hier keinerlei Ästhetik im Sinne von „schön, geschmackvoll oder ansprechend.“

  2. wolf
    17. Februar 2014 at 12:49

    Gelungene Bildgeschichte. Der Rest ist Kopfkino.
    Ich erinnere mich an eigene Dreharbeiten im Schlachthof und an die Weisung des Schlachthofbetreibers, dass wir dort alles filmen dürfen, aber auf keinen Fall die Lämmer. Als ich die Lämmergruppe sah, aus der nach und nach einzelne Tiere herausgezogen wurden, wusste ich warum: Die Gruppe verhielt sich wie Menschen, die wissen, dass sie gleich getötet werden. Die herausgenommenen Tiere schrien, bis zum Bolzenschuss. Der immer kleiner werdende Rest der Gruppe stand zitternd im Blut und es schien mir so, als würden sie versuchen, sich gegenseitig trösten. Bilder, die wir nicht drehen durften, die ich aber auch als einzige nicht vergesse.

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