Fundstücke von unterwegs

web_20140617_HeikeRostcom-2560
Es sind die kleinen Funde in den verfallenen, verlassenen Häusern, die soviel vom gewesenen Leben der gewesenen Bewohner erzählen, dass mir manchmal der Atem stockt und ich mich als Störenfried der Stille fühle. Zufallsfunde wie dieser, entdeckt, weil ein Lichtstreifen durch einen geöffneten Fensterladen das Metall aufblinken ließ. Wessen Hand mag diesen Ring getragen haben? Wer ist das Paar in dem kleinen Medaillon? Wurde das Schmuckstück an feiner Goldkette um den Hals getragen? Von wem? Wessen Kleid schmückte die zierliche Brosche?

Bedeckt von Staub und dicken Spinnweben bin ich seit einer Weile immer wieder unterwegs in ländlichen Regionen, suche und finde. Mit Faszination, auf Zehenspitzen und bisweilen Trauer: Weil so viele Lebensspuren unwiderbringlich verloren gehen, Kultur und Geschichte(n), mit den alten Häusern und den Menschen, die fast ebenso unbemerkt vergehen wie ihr Lebensumfeld. Es wird ein langes Projekt werden, diese Arbeit.

Photo: ©HeikeRost.com 17.6.2014

Update aufgrund mehrerer Anfragen:
Ich gebe keine Adressen dieser Häuser weiter. Die Orte habe ich übrigens immer mit Wissen und Zustimmung der Erben, Verwalter oder Besitzer besucht und durchstöbert – und werde das auch zukünftig so handhaben.

Mich interessiert weniger die verfallende Architektur im Sinne von »urban decay« und »Schönheit des Verfalls«. Viel spannender und vielschichtiger sind diese kleinen Funde, die ich ohne das uneingeschränkte Vertrauen der Besitzer oder Verwalter nicht entdecken könnte. Weil mir das Betreten der Häuser ebenso erlaubt wird wie das Öffnen von Schränken, Kisten und Kästen. Ohne Zeitdruck, ohne Einschränkung, mit Vertrauen und im sicheren Wissen, dass ich achtsam und respektvoll mit dem Gefundenen umgehe.

  4 comments for “Fundstücke von unterwegs

  1. 20. Juni 2014 at 07:27

    Manchmal sprichst Du mir aus der Seele…

  2. 22. Juni 2014 at 20:57

    Wunderbar, deine Fundstücke, ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge zu diesem faszinierenden Projekt.
    Ich denke, wenn man solche Dinge findet, wird einem die eigene Vergänglichkeit bewusst- schön, wenn dann etwas übrigbleibt, das nachfolgende Generationen irgendwann aufstöbern und Gedanken über dessen Geschichte bzw. den Menschen, denen es mal gehört hat, machen, auslöst…

    • 22. Juni 2014 at 20:59

      Sorry, das „machen“ gehört da nicht hin, ich wollte erst etwas Anderes schreiben 😉

  3. 23. Juni 2014 at 15:50

    Was für ein schöner Text.
    Ich denke oft darüber nach, was von mir bleibt, wie meine Enkel und Urenkel einmal mit den Dingen umgehen, die mir wichtige sind, an denen Erinnerungen hängen und die zu meinem Leben gehören. Lassen sie sie achtlos liegen? Vergessen sie sie oder werfen sie gar weg?
    Dann soll lieber jemand wie Du kommen, sie liebevoll fotografieren und sich eben diese Gedanken darüber machen, über die Du schreibst.

Comments are closed.