Gratis, honorarfrei, umsonst – Antworten auf unangemessene Fragen

Schon fast Normalzustand bei zahlreichen Photographen und Bildjournalisten: Auftragsanfragen, die von vorneherein jegliche Honorarzahlungen ausschließen. Die Spanne der Argumente ist breit und reicht von „Kein Budget für Bilder“ über „… weitere Aufträge, dann mit Honorar“ bis „Das ist die Chance für Sie, bekannt zu werden“. Ein unterhaltsames Youtube-Video des Photographen und Autors Enzo dal Verme liefert einige gute Argumente, solche Anfragen höflich, aber bestimmt abzulehnen.

Bei Freelens gibt’s ergänzend dazu die Übersetzung eines Textes von Tony Wu: „Warum Fotografen nicht umsonst arbeiten können“. Das englischsprachige Original ist bei „Photoprofessionals“ unter einer CC-Lizenz veröffentlicht und mittlerweile von zahlreichen Kollegen unterzeichnet worden. Wer ebenfalls seinen Namen zur Liste der Unterstützer hinzufügen möchte, kann das via Kontaktformular auf der Website der Photoprofessionals tun.

John Harrington hat im Blog der Agentur BlackStar eine Liste von 12 Ausreden für kostenlose Arbeit zusammengestellt – und nimmt sie kurz und knackig als Blödsinn auseinander: „12 Excuses for Shooting Photos for free – and Why They are Bogus“. Ein Zitat aus dem Beitrag: „Cameras and camera shutters have a lifespan of a few hundred thousand frames. Divide the number of frames you shot for free by the cost of the camera, and you’ll begin to get a sense of how much that shoot cost you. That doesn’t count the cost of Photoshop for post-production, storage of the raw files, burning them to CD for your clients, and on and on.“

„Kameras und Kameraverschlüsse haben eine durchschnittliche Lebensdauer von einigen hunderttausend Auslösungen. Teilen Sie die Anzahl der Bilder, die Sie kostenlos gemacht haben, durch die Kosten der Kamera – und Sie bekommen eine Ahnung davon, was Sie diese Aufnahme gekostet hat. Und das schließt noch nicht die Kosten für Photoshop, Nachbearbeitung, Speicherung der RAW-Daten und das Brennen auf Datenträger für Ihre Kunden mit ein – usw. usf….“

Einige Zahlen zum Nachdenken:

Im Durchschnitt beträgt der Wert einer Bildjournalisten-Ausrüstung rund 35.000 €. Darin enthalten sind Kameras, Objektive und Rechner inklusive Software, deren Wert im Einzelfall und je nach Tätigkeit auch erheblich höher liegen kann. Für den jährlichen Unterhalt (Reparaturen, Austausch, Software-Updates, Ergänzungen etc.) sind rund 10 – 15 % des Ausrüstungswert als realistische Größenordnung anzusetzen. Das bundesweit niedrigste, vom DJV dokumentierte Bildhonorar an Tageszeitungen beträgt 5,11 €. Brutto übrigens. (Weitere Informationen für Bildjournalisten auf der Website des DJV/Deutscher Journalisten-Verband – den Schlichtungsspruch in Sachen „Allgemeine Vergütungsregeln für hauptberuflich freie BildjournalistInnen an Tageszeitungen“ inbegriffen.)

Wie praxisfern viele sind, die über Urheberrecht, Vergütungsregeln und Fakten im Bildjournalismus diskutieren, belegt der Audio-Mitschnitt einer von mir moderierten Diskussion auf dem Journalistentag Nordrhein-Westfalen (24.11.2012): Die Ausrüstung eines anwesenden Bildjournalisten wird von Bruno Kramm (Piratenpartei) auf maximal ein Zehntel ihres tatsächlichen Wertes geschätzt. Auch Malte Spitz (Bündnis 90/Die Grünen) verschätzt sich um locker zwei Drittel. Immerhin: Sie sind in guter Gesellschaft. Ab Minute 17:45 hier einfach mal zuhören.

Eine amerikanische Kollegin reagiert kurz und bündig auf Anfragen nach honorarfreier Nutzung ihrer Bilder:  „I shoot for money.“

In Abwandlung hätte dieser Spruch eine passende Antwort des freiberuflich tätigen Journalisten Nate Thayer sein können. Seinen Mailwechsel mit „The Atlantic Magazine“ hat er gerade öffentlich gemacht; das Magazin bat um honorarfreie Überarbeitung eines Blogbeitrags von Thayer – mit der Begründung, ihm damit ein ungewöhnlich großes Publikum zu bescheren. „I am out of freelance money right now, I enjoyed your post, and I thought you’d be willing to summarize it for posting for a wider audience without doing any additional legwork.“ Auf diese Anfrage antwortete Thayer: „I have bills to pay and cannot expect to do so by giving my work away for free.“ Die komplette Dokumentation gibt’s im Blog von Nate Thayer.

Weiterführende Links:

Enzo da Verme: „Exposure doesn’t pay bills“
Freelens: „Warum Photographen nicht umsonst arbeiten können“
Tony Wu/Photoprofessionals: „Reasons Why Professional Photographers Cannot Work for Free“
Kontaktformular zur Unterstützerliste bei Photoprofessionals
John Harrington, BlackStar Rising: “12 Excuses for Shooting Photos for free – and Why They are Bogus“
Informationen für Bildjournalisten – auf der Homepage des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV)
Journalistentag NRW 2012: Podiumsdiskussion Urheberrecht (mit Malte Spitz, Bruno Kramm, Helmut Heinen/BDZV, Anja Zimmer/GF DJV NRW – Faktencheck ab Minute 17:45)
Nate Thayer: „A Day in The Life of a Freelance Journalist – 2013“
Journalist.de: Interview mit DJV-Justiziar Benno Pöppelmann zum Schlichterspruch und den Zahlen der „Allgemeinen Vergütungsregeln für hauptberuflich freie BildjournalistInnen an Tageszeitungen“ – Zahlen inbegriffen.
„Sollte ich kostenlos arbeiten?“ Entscheidungshilfe für Nachdenkliche.
„Über Fotohonorare“ Eine schöne 10-Punkte-Liste zum Thema „Kostenlose Bilder“.

Einige Online-Rechner zur Ermittlung betriebswirtschaftlich tragfähiger Tages- und Stundensätze für Freiberufler:

„Der Honorarrechner vom Guru 2.0 – Freiberufler-Tools“
Akademie.de: „Honorar-Kalkulation für Dienstleistungen“ (mit Excel-Rechenblatt)
Tagwerk.de: „Stundensatzrechner“

Update 16.12.2013:

Stellenwerk Hamburg fragte Anfang März: „Du kannst kreative und professionelle Fotos schießen? Dann …“ Ein Honorar“angebot“ der ganz besonderen Art – dessen Link leider mittlerweile nicht mehr funktioniert, aber seit 9.12.2013 gibt’s einen überaus würdigen Nachfolger. Auf der Plattform dasAuge findet sich dieses großzügige Angebot für einen Fotografen (Dokumentation einer Veranstaltung):

yelp-wertschaetzung-fotografen

(Klick zur Vergrößerung.)

Eventuell kann ja ein Mitleser dieses Blogs der Community Managerin von Yelp erklären, dass namentliche Veröffentlichungen im Netz, insbesondere auf Flickr und Facebook, keinen besonderen Mehrwert mehr darstellen. 😉

 Update 4.1.2014::
»10 bogus excuses that people use when they steal photos from the internet« (07/2013, Francis Vachon, Quebec)

  7 comments for “Gratis, honorarfrei, umsonst – Antworten auf unangemessene Fragen

  1. 6. März 2013 at 19:53

    work has value !!!

  2. 11. März 2013 at 15:13

    Toller neuer Blog, Heike! Hab‘ ich direkt mal in meine RSS-Feeds übernommen :-). Keep the good stuff coming!

    • HeikeRost
      12. März 2013 at 13:39

      Danke, PC 🙂

  3. 26. März 2013 at 09:39

    Vielen dank für diesen Artikel. Genau diese Rechnung mache ich auch immer wieder auf und rechne es gerne auch mal vor. Da kann ich mich durchaus auch schon mal in Rage rechnen.

    Neben dem honorarfreien Arbeiten wird ja auch häufig genug zwar ein Honorar geboten, das allerdings so niedrig ist, dass es kaum die Kosten des Shootings deckt, geschweige denn laufende Betriebs- oder Lebenskosten mitfinanziert.

    Selbst im freiberuflichen Bekanntenkreis werde ich bisweilen belächelt, wenn ich ausrechne was ich allein für on- und offline Speicherplatz ausgebe. Ich antworte dann gern (zugegeben etwas plakativ), dass im Supermarkt die Kühltheke auch nicht aus selbstloser Liebe zum Kunden aufgestellt wird, die zahlt man mit.

    Trotzdem arbeite ich auch hin und wieder honorarfrei bzw. deutlich unter Wert; da entscheide ich aber selbst für wen, bzw, wähle aktiv aus, was mich interessiert. Bestimmte Menschen oder Themen bekommen keine Öffentlichkeit, wenn man nur aufs Geld guckt. Trotzdem muss ich dabei auch immer im Auge behalten, wie weit ich mit meinem Engagement gehen kann; denn auch der eigene Energiehaushalt spielt bei all dem ja eine Rolle.

    Irgendwo im Netz habe ich mal ein Video gesehen, wie Kunden bei „normalen“ Berufen versuchen, mit denselben Argumenten den Preis zu drücken, wie die kreativen Berufe es häufig erleben. Da wird einem dann die Absurdität bewusst.
    Genauso ist es aber immer, wenn man zum Beispiel ein Lookbook fotografiert; da wird ewig versucht, die Kosten für Fotograf, Location und Team zu minimiren; die Preise bei der Druckerei werden kommentarlos akzeptiert.

    Du siehts, du hast eins meiner Lieblingsthemen erwischt.

    • HeikeRost
      26. März 2013 at 11:13

      Liebe Smilla, danke Dir für Deinen ausführlichen Kommentar. Und ich freu mich sehr, sehr, sehr, (wieder) von Dir zu lesen!

  4. 4. April 2013 at 12:01

    Hallo, bin von Smillas Seite hierher gelangt. Dein Bericht gefällt mir gut vor allem die dazu passende Linksammlung. Es wird Zeit das auch wir unseren Respekt bekommen. Was ich gerne nach anfügen würde an den Bericht, dass ich selbst als Fotografin nicht nur meine Technik bezahlen muss, sondern auch von meiner Arbeit leben können möchte, schließlich ist das NICHT NUR Hobby und jeder andere Mensch möchte auch seinen Lebensunterhalt durch seine Arbeit verdienen.

    Liebe Grüße

    Leni

  5. 5. April 2013 at 17:48

    guter bericht.

    Ich habe einmal auf die Anfrage der größten Österreichischen Rundfunkstation ob sie das Bild eines Komponisten von mir für eine CD Produktion kostenlos verwenden dürfen folgendermassen geantwortet :
    sehr gerne wenn
    1. meine Kinder , meine Frau und ich kostenlos einen Monat lang kostenlos in Ihrer Kantine essen können
    oder
    2. sie kostenlos eine Werbeeinschaltung von mir in Ihrem Programm senden
    oder
    3. ich ein Jahr lang von den Rundfunkgebührten befreit werde.

    Meine faires Veröffentlichungshonorar wurde dann ohne Diskussionen bezahlt :-))
    Grüße aus Wien

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