Stadtspaziergänge, anderorts

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Durch die Stadt laufen und die Geschichten unterwegs sehen: mit anderen Augen, immer wieder. Hochblicken zu den Fenstern eines Kaufhauses; die Dekoration ist eine Kunstwelt aus gemalten Vögeln, Fototapete und Plastikmenschen, ist tote Architektur, die erst durch die Spiegelung der Sommerhimmelwolken lebendig und zur surrealen Szenerie wird. Sehen, das ist ein Puzzle aus Musik, aus Gerüchen, Klängen, aus Erinnerung und Gegenwart, aus Träumen und Zukunft. Jedesmal neu und überraschend; die Seele erzählt ihre gefundenen Momente in Bildern. Manchmal braucht es nicht einmal die Kamera, bisweilen reicht die Sprache, Gesehenes wieder sichtbar zu machen.

Am Rhein, nah des ehemaligen Forts, steht ein kleiner Junge mit einem Tretroller. Vor ihm liegt eine leere Fläche aus Pflasterstein und Betonplatten, sie muss dem Knirps riesig erscheinen: So weit, so groß, so leer! Kurz dreht er sich nach seinem Vater um; der lächelt den Steppke ermutigend an. Der Wind trägt mit sich, was der Vater zu seinem Sohn sagt. »Trau Dich! Ich bin da!« Und schon flitzt der kleine Junge los, mit dem Roller, hinein in die Weite, sein T-Shirt flattert, seine Haare sind strubbelig vom Fahrtwind. Ein Moment, der sein Echo im Gesicht des Kindes findet: ein Wechselspiel aus Furcht, Neugier, Wagemut und freudiger Überraschung, ein lachender, kleiner Kolumbus zwischen großen Betonklötzen. Zauberhafte Stadtmomente.

»Great photography is about depth of feelings, not about depth of field.« schrieb Peter Adams. Vermutlich die schwierigere Übung als der Umgang mit photographischer Schärfe: Sich den eigenen Gefühlen zu nähern, sie zu erforschen und irgendwann mit ihnen im Einklang zu sein. Erst dann nähern wir uns mit individueller Handschrift den Bildern, erst dann werden sie – für den Photographen wie für den Betrachter – (wieder)erkennbar und unverwechselbar.

©HeikeRost.com 28./29.5.2014 – Alle Rechte vorbehalten.

Im Ohr: Peter Handkes »Lied vom Kindsein«