Von Capoeira und Jogo Bonito: »Wo wir Weltmeister wurden«

schrader-8902Manche Bücher liegen eine ganze Weile auf meinem Schreibtisch: Sie sind wie Reisende, die lange unterwegs waren und erst einmal ankommen möchten, im Regal und in den Gedanken, später in den Worten eines Beitrags hier im Blog oder anderswo. Weil es Zeit braucht, um ihnen gelassen zuzuhören und Muße, um mit ihren Bildern und Geschichten auf eine Reise zu gehen, die weiter führt als nur zwischen zwei Buchdeckel und in die Seiten hinein. Eine Entdeckungsreise, die fesselt und fasziniert, die berührt und anrührt: Rüdiger Schraders Bildband »Wo wir Weltmeister wurden« ist ein solches Werk. Entstanden in den turbulenten Wochen der Fußball-WM 2014, zeichnet der Band ein vielschichtiges, überaus lebendiges Porträt eines Landes hinter den Kulissen der WM und jenseits des kurzlebigen Ballkünstler-Glamours.

Es sind Einblicke in brasilianisches Alltagsleben zwischen »Jogo Bonito« und Capoeira, inmitten von Favela-Tristesse mit Drogenhandel, Verfall und Armut, auf Bolzplätzen zwischen Hochhäusern, an Marktständen und auf Plätzen, Skizzen der Fußballverliebtheit in den Stadien, am Strand und in den Wasserbrachen der verregneten Spielplätze. In ihren Essays und Geschichten zeichnen Kollegen, Wegbegleiter und Freunde des Autors die Ereignisse rund um die Weltmeisterschaft nach; aus den Texten über persönliche Erlebnisse, aus Gedanken und Notizen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, entsteht ein kenntnisreiches und unterhaltsames Puzzle der nachdenklichen Blicke auf die Glitzerfassade des Fußballs, auf Fans, Fotografen und den Trubel der Weltmeisterschaft. Es hätte ein kurzlebiges, hochglanzbuntes Vergnügen werden können, dieses Buch, ein schnelllebiges Sammlerstück der WM-Geschichte, das man anfasst, durchblättert, zur Seite legt, vergisst – und vermutlich irgendwann einmal völlig überrascht im Regal wiederfindet.

Capoeira, Brasilien - ©Ruediger Schrader 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Wären da nicht die ungewöhnlichen Bilder von Rüdiger Schrader. »Farbe im herkömmlichen Sinn hätte nicht funktioniert, selbst Schwarzweiß wäre Anmaßung gewesen.« sagt er – und hat mit diesem Bildband eine Zeitreise unternommen; zurück zur Fotografie, back to the roots im besten Sinne einerseits. Und andererseits in die Seele des südamerikanischen Landes und dessen dunkle Seiten. Es sind nicht nur brasilianische Momentaufnahmen jenseits touristischer Perspektiven, die den Reiz des Fotobandes ausmachen, es sind vor allem die in ihrer schlichten Zurückhaltung so berührenden Charakterstudien und Begegnungen, über die Rüdiger Schrader erzählt. Bilder wie das Porträt einer jungen Frau, die sechs Tagen und fünf Nächten mit einem kleinen Schiff auf dem Amazonas unterwegs ist, nach Tabatinga, einer entlegenen Stadt nahe der kolumbianischen Grenze. Vielleicht dauert ihre Reise noch länger, zum Spiel »ihrer« Fußballmannschaft, das hängt ganz von den Launen der Urwaldflüsse ab. »La Rainha do Futebol«, in dieser Verkleidung steht eine andere junge Frau vor dem Stadion und hofft, als Staffage der Fußballkönigin auf Touristenfotos ein bescheidenes Trinkgeld zu verdienen. Die Kinder der Favelas, die im Morgengrauen mit Stoffbällen und Fallrückziehern von einem ganz anderen Leben träumen, einem glanzvolleren, besseren Leben mit Fußball, der Leidenschaft für diesen Sport und einer hellen Zukunft. Detailversunken sind diese Bilder, hintergründig und doppelbödig laden sie dazu ein, in und mit ihnen spazierenzugehen. In düsterer Melancholie, mit präzisem Blick nähert sich Rüdiger Schrader dennoch voller Respekt dem Land und seiner Seele, macht seine Ansichten zu behutsamen Einsichten.

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»Bei ihm beten sie alle« erzählt Rüdiger Schrader im filmischen Kurzporträt seines Kollegen Dieter Roeseler über einen Augenblick der Stille zu Füßen von »Cristo Redentor« auf dem Corcovado. Es ist genau diese Art der leisen, sensiblen Betrachtung des leidenschaftlichen Fotografen Schrader (der sich ohne seine Kamera nackt fühlen würde) die »Wo wir Weltmeister wurden« zu einem zeitlosen Werk macht. Zu einem Buch der Geschichten, das man auch lange nach der Fußballweltmeisterschaft immer wieder aufblättert kann; das mit ganz eigener Stimme erzählt und seinen Betrachter immer neue Nuancen entdecken lässt, in diesem auch sperrigen Buch, das man ab und an aus der Hand legen muss, um tief Luft zu holen. Weil nicht alle Geschichten immer und jederzeit heiter sind, so wie die Perspektive durch Hochhausschluchten auf winzige Fußballspieler am Strand: Eine beklemmende Metapher des Blicks in die Abgründe des WM-Gastgeberlandes. Einsichten eröffnet dieser sehr persönliche Reisebericht auch in den Menschen Rüdiger Schrader. Die Begegnung mit dem wohl berühmtesten brasilianischen Fußballfan, der nach dem verlorenen Spiel seier Mannschaft die Attrappe des WM-Pokals unter Tränen einer jungen Deutschen reicht, gehört zu diesen berührenden Innensichten dazu: Auch wegen Fritzi, der jungen Frau – sie ist Rüdiger Schraders Tochter.

In seinen Kurzvideos porträtiert der Fotograf und Filmemacher Dieter Röseler Rüdiger Schrader: »Strandfußball in Brasilien«, »Der Finaltorschütze« und »Vaterstolz«

»Wo wir Weltmeister wurden«, November 2014/Kettler Verlag, ist für € 34,90 im Buchhandel erhältlich.

Weiterführende Links:
»Wo wir Weltmeister wurden« – Kettler-Verlag
Rüdiger Schrader im Netz.

Fotos: ©Rüdiger Schrader – Alle Rechte vorbehalten.