Adobe im Wolkenkuckucksheim

ADO_6221-1Adobes aktuell verkündete Entscheidung, die Software-Produkte der Creative Suite künftig ausschließlich als Subskriptionsmodell zu vertreiben und auf Einzellizenzen zu verzichten, löst unter Kreativen und Photographen einige Entrüstung aus – bis hin zu einer Online-Petition gegen diese Firmenpolitik.  Aus einer Reihe von Gründen ist Adobes Schritt durchaus nachvollziehbar, für den Anwender aber aus mindestens ebenso vielen Gründen sehr ärgerlich.

Zwar wird Photoshop 6 weiterhin als Einzellizenz (seit März 2013 ausschließlich via Download) erhältlich sein, Support und Weiterentwicklung sind jedoch absehbar endlich. PDN Pulse schreibt dazu: “…will be supported through the next significant upgrade for Mac and Windows operating systems.« Kurzerhand auf PS6 zu setzen und die Cloud-Subskription zu verweigern, ist an dieser Stelle also keine akzeptable Lösung. Schon gar nicht mit einem Blick auf Adobes Camera RAW; der für den Workflow unverzichtbare Baustein wird von Adobe für ältere SoftwareVersionen nicht mehr erneuert, sobald ein kostenpflichtiges Upgrade erschienen ist. Ein Zwang, den Thierry Dehesdin im Blog »Derriére la Caméra” zu Recht kritisiert. Immerhin wird Lightroom vorläufig zusätzlich zum Subskriptionsmodell auch als Lizenzversion auf dem Markt bleiben, dem “Zwitterstatus” zwischen Consumer- und Professional-Software sei Dank.

Der Blick auf die Betriebskosten ist ebenfalls interessant: PS CC wird als Einzelbaustein im Adobe-Abo rund 300 € pro Jahr kosten – ungefähr soviel ein Upgrade auf eine neuere Version; wer dazu neigt, Versionsnummern zu überspringen, zahlt also künftig deutlich mehr. Preiserhöhungen von Adobe sind nicht absehbar, aber durchaus möglich – und im Rahmen eines Subskriptionsmodells entfällt die Möglichkeit, Versionsnummern zu überspringen. Knebelvertrag nennt man so etwas anderswo. Wird die monatliche Abo-Gebühr nicht bezahlt, stellt die Software ihren Dienst übrigens komplett ein.

Bislang bezieht sich der Titel “Cloud” auf den Lieferweg der Software und die gelegentlich nötige Online-Verbindung zwecks Datenabgleich (Bezahlung, Updates etc.). Offline arbeiten ist möglich – mit unklarer Perspektive: Noch deutet nichts darauf hin, dass künftig für den Betrieb der CC-Versionen eine permanente Internetverbindung nötig ist. Spannend wird diese Entwicklung in Anbetracht angekündigter Bandbreitenbeschränkungen und mangelhafter Netzabdeckung in Deutschland allemal: Die Datenmenge hochauflösender Bilder macht “Arbeiten in der Cloud” genau dann wenig sinnvoll bis unmöglich, wenn Bildjournalisten an wechselnden Standorten tätig sind. Überlastete Datenleitungen, geringe Netzkapazitäten und -geschwindigkeit, Netzdiaspora mit maximal »Bauern-DSL” oder lahmendes Mobilnetz mit Netzwacklern und -abbrüchen (Datenlimits inbegriffen) sind normale Arbeitsrealität – und kein konstruiertes Szenario.

Last but not least: Nach einem Systemcrash und Neuinstallation von Photoshop ist es durchaus unterhaltsam, sich mit dem Support von Adobe über das Stichwort “Deaktivierung/Aktivierung von Produkten” zu verständigen. Auch Downloads von den öfter überlasteten und nicht erreichbaren Firmen-Servern von Adobe gehören zu den Klassikern. Terminschwierigkeiten könnte man dann seinen Kunden eventuell höflich so erklären: “Tut mir sehr leid, meine Software funktioniert grade nicht, weil der Server von Adobe down ist.”

PS: Allerhöchste Zeit übrigens auch für einen offenen RAW-Datenstandard, für den sich Verbände wie z.B. Freelens schon eine ganze Weile einsetzen. Das von Adobe entwickelte DNG-Format wird derzeit nur von wenigen Kamerasystemen direkt bei der Bilderzeugung genutzt (z.B. Leica, Hasselblad, Samsung im Consumer-Bereich) und vorwiegend als offenes Archivformat eingesetzt. Der DNG Converter steht auf der Website von Adobe nebst weiteren Informationen kostenlos zum Download zur Verfügung.

Weiterführende Links:

Die Facebook-Seite von Adobe – mit jeder Menge erboster Nutzerkommentare.
Die Konditionen für CC-Produkte (Website von Adobe)
Antworten von Adobe (Photoshop-Blog von Adobe)
»Adobe Goes All-In With Subscription Based Creative Cloud…« (Techcrunch, 6.5.2013)
»Adobe Turns Creative Suite Into Cloud Based Subscription Software” (PDN Pulse, 6.5.2013)
»Adobe kills Creative Suite, goes subscription only” (CNet, 6.5.2013)
»Adobe updates Creative Cloud with exclusive tools for Photoshop CC” (DPreview, 6.5.2013)
»What Photoshop CC means for Lightroom Users” (Matt Kloskowski, Lightroomkillertips.com, 7.5.2013)
»Adobe et son Cloud commencent à me briser menu« (Thierry Dehesdin, »Derrière la caméra”, 7.5.2013)
»Photoshop Creative Cloud – The road ahead« (Alan Hess, AllanHessPhotography.com, 8.5.2013)
Eine umfangreiche Liste von Software-Alternativen zu Adobe-Projekten von Jacqueline Förster (via Facebook)
Die Petition gegen das Cloud-Modell von Adobe (Change.org)
»Adobe Photoshop subscription marks the end of Photoshop as we know it!« (NPhotoMag, 9.5.2013)
»Digital Negative« (Wikipedia)
»Digital Negative DNG« (Adobe.com – Downloadlink für den DNG Converter im Text)

Update:
»Adobe Lightroom 5 vs Photoshop CC« (NPhotomag.com, 20.5.2013 – Software im Test)

  2 comments for “Adobe im Wolkenkuckucksheim

  1. 10. Mai 2013 at 22:16

    Das Mietmodell wäre gar nicht so verkehrt, wenn es vernünftig ausgeführt wäre. Software auf _Monatsbasis_ zu mieten ist für den Anbieter toll, aber für den Nutzer Quatsch. Die monatliche Abrechnung ist hierbei das Hauptübel.

    Wenn Adobe SAAS ernsthaft betreiben würde, also zum Nutzen der Kunden UND zum eigenen Vorteil, dann würden sie die Nutzung ihrer Software minutengenau abrechnen. Davon hätte man als Nutzer dann auch was. Aber warum soll jemand gemietete Software (überteuert) einen ganzen Monat zahlen, wenn er die Software lediglich ein paar Minuten/Stunden im Monat nutzt?

    Hätte Adobe nicht nur den eigenen Vorteil im Auge (regelmäßigere und planbarere Umsätze), sondern würde sich mal ernsthaft überlegen was die KUNDEN benötigen bzw. gut finden würden, dann würde der Rubel auch rollen und alle wären froh.

    Die Kameras von Pentax unterstützen das DNG-Format übrigens auch, sogar schon länger als alle anderen.

    Viele Grüße,
    Dieter

    • HeikeRost
      10. Mai 2013 at 23:05

      Hi Dieter,

      mittlerweile gibt’s einige Hersteller, auch Ricoh gehört dazu. Bei meiner Leica bin ich mit DNG ab Kamera sehr happy, tauglich und für gut befunden. ;)
      Grüße von hier nach da zurück! Heike

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