Bildschleuder Scoopshot – Notizen aus der Anderswelt

Scoopshot Ob auf Facebook, in Pressemitteilungen von Berufsverbänden oder geharnischten Diskussionen im ganz realen Leben: Die App Scoopshot stößt unter Berufsfotografen auf breite Ablehnung. Nachdem kürzlich ein Screenshot des Tagesspiegel-Gesuchs „Bilder vom 1. Mai“ veröffentlicht wurde, habe ich Kai-Uwe Heinrich von der Fotoredaktion des Tagesspiegel gebeten, seine persönliche Einschätzung der Plattform und einige praktische Erfahrungen für „Image and View“ zusammenzufassen.

»Vorab gesagt, kein professionell arbeitender Fotograf braucht dieses Tool zu fürchten! Die derzeitig angebotene Qualität der angebotenen Bilder lässt noch sehr zu wünschen übrig. Scoopshot ist eine Plattform, mit der man Bilder schnell verteilen und eventuell auch verkaufen kann. Die Scoopshot-App für das Smartphone ist kostenlos verfügbar für iPhone und Android. Bei freien Themen bestimmt der Scoopshooter den Preis selbst. Es gibt aber auch Tasks, bei denen eine Aufgabe gestellt wird. Mit oder ohne Honorierung. Abnehmer können Zeitungen, Magazine oder eine Online-Plattform sein. Scoopshot gibt Bildredakteuren und „Bildverarbeitern“ die Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu treten, die eine gewisse Affinität zur Fotografie haben. Oder zu Menschen, die mit ihrem Smartphone einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Dabei denke ich an Events wie Konzerte, Unfälle, Großveranstaltungen und ähnliche aktuelle Themen. Durch den vom Scoopshooter aktivierten Ortungsdienst, kann der Auftraggeber direkt eine lokal eingrenzbare Gruppe von Scoopshootern ansprechen. Klassisches Crowdsourcing. Dem Auftraggeber obliegt es dabei das Honorar zu bestimmen. In der Regel gibt es aber auch eine Newstask, bei der man Bilder mit einem eigenen Honorar anbieten kann.

Unsere erste erfolgreiche Aufgabe für Scoopshooter aus Berlin war eine zum Thema rund um den 1.Mai.
Gesehen von 1323 aktiven Teilnehmern, 260 Bildeinsendungen und fünf Bildankäufen. Nicht nur, dass man das Firmenlogo unseres Mediums präsent macht, man spricht auch Nichtkunden unseres Mediums an. Außerdem verschafft man sich durch den Einbau eines Streams auf der Onlineseite einen zusätzlichen Traffic, der sich in den PIs (Page Impressions) und UVs (Unique Visitors) niederschlägt. (Ich bitte um Entschuldigung für die Fachbegriffe.) Auch wenn die Ausbeute noch relativ gering war, sehe ich eine positive Zukunft für alle Seiten.Leserblattbindung, Kleinstzusatzeinkommen, Spaß an der Freude und eventuelle Lieferung von aktuellen Newsbildern sind nur einige Punkte die positiv auffallen. Man denke bitte an die vielen Handybilder zum tragischen Vorfall beim Boston-Marathon. Wie das Kosten-Nutzen-Verhälnis zwischen eingesetztem Honorar und PIs/UVs ist, hat mir leider noch keiner erläutern können.
Fazit: praktisch, nicht sehr arbeitsintensiv, sympathisch.«

Disclaimer von Kai-Uwe Heinrichs: »Heike Rost hat mich gebeten, meine Erfahrungen mit scoopshot.com zu teilen. Dabei handelt es sich um meine persönliche Meinung als Tagesspiegel-Bildredakteur.«

Weiterführende Links zum Thema:

Einen Einblick in das bunte Knipsbildsammelsurium gibt’s bei Klick auf die Montage aus Screenshot und App-Oberfläche.
„Scoopshot und Arschtritte“: Charly Stannies in seinem Blog »charly & friends« über die WAZ und ihre Kooperation mit Scoopshot (2.4.2013)
„Scoopshot, ein Sargnagel“ – Bildjournalist Sascha Rheker in seinem Blog über die Plattform (3.4.2013)
Der DJV/Deutscher Journalisten-Verband in seiner Pressemitteilung zu Scoopshot (4.4.2013).

  9 comments for “Bildschleuder Scoopshot – Notizen aus der Anderswelt

  1. 7. Mai 2013 at 23:18

    „Dabei denke ich an Events wie Konzerte, Unfälle, Großveranstaltungen und ähnliche aktuelle Themen. Durch den vom Scoopshooter aktivierten Ortungsdienst, kann der Auftraggeber direkt eine lokal eingrenzbare Gruppe von Scoopshootern ansprechen.“

    Also kann man per scoopshot ein Heer von Handyknipsern in der Nähe der Unglücksteller per GPS gezielt in Marsch setzt, auf daß sie, auf der Jagd um das geilste Bild, Rettungswege blockieren und die Arbeiten an der Unglücksstelle behindern. Super!

    • 15. Mai 2013 at 22:46

      Wieso in Bewegung setzen? Die Katastrophenknipser in Uniform sind doch schon da. Das ist gedacht als Tool für Feuerwehrleute, die nicht löschen und bergen, sondern Reporter spielen.

  2. 7. Mai 2013 at 23:45

    …warten wir mal ab. Vielleicht ist es ja das Ende dieser dämlichen Konzert-Fotoverträge. Eine Anfrage und schon kommen alle Fotos direkt von der Bühne. Rockstars werden sich noch die Tage zurückwünschen, als man Profis in den Graben bitten konnte.

  3. 15. Mai 2013 at 20:15

    Angriff ist die beste Verteidigung!

    Vergangene Woche habe ich etwas getan, wofür viele Photographen mich wahrscheinlich gerne steinigen würden: Ich habe über mein Handy ein Bild gemacht und es für einen Scoopshot-Task eingereicht.
    Ich hör es schon: Bääh…wie kannst du… Preise kaputt… Ruf schädigende… Anspruch…Berufsethik…Tarifverträge…Hungerlohn.
    Sobald sich die Gemüter beruhigt haben, weiter zu den Details:
    Warum habe ich das gemacht?“ Die einfache Antwort: Um gegen die Bezahlpolitik auf Scoopshot zu wirken.
    Jetzt die komplizierte: Ich glaube, um dem Preisdumping entgegen zu wirken, muss man proaktiv vorgehen! Ich habe der Zeitung, die den Auftrag vergeben und dafür 2,5$ angeboten hat, ein Bild mit kurzer Notiz geschickt auf der steht „Nicht für den Preis, Leute. Sorry!“. In der Bildbeschreibung weiter: „Wenn ihr vernünftige Bilder haben wollt, dann zahlt doch auch einen vernünftigen Preis“.
    Soweit so gut. Das Bild wurde nicht gekauft. Keine Überraschung. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, hätte ich ein Bild zum Thema gemacht und mit meiner eigenen Preisvorstellung eingesetzt (um die Aktion richtig zu krönen).
    Was hat das denn bitte gebracht?
    Sag‘ ich euch: Drei Tage später hat eine Zeitung des selben Verlags (beide Redaktionen arbeiten eng zusammen und sind auch geographisch nahe gelegen) einen neuen Task rausgegeben. Diesmal war explizit nach Schnappschüssen gefragt, dazu gab‘ es unter allen Einsendungen T-Shirts und einen weiteren Preis zu gewinnen. UND: Der Preis wurde vom Standard-Wert auf 5€ raufgesetzt. Für mich war das schon ein kleiner Erfolg.
    Jetzt könnt ihr sagen: 5€ ist immernoch ein Hungerlohn. Aber ich sage: Photographen bestimmen, was die Bilder zukünftig kosten sollen. Scoopshot ist noch nicht bei der breiten Masse angekommen. Das ist die Chance für professionelle Photographen das Tool zu übernehmen. Photographen bestimmen jetzt den Wert, den die Bilder dort später haben werden. Wenn Laien erst einmal übernommen haben, ist dieser neue Markt kaputt.
    Was zu tun ist (wie ich glaube, my 2 cents ;-))
    Wehrt euch, aber macht es kreativ! Lasst die Redaktionen wissen, dass ihr keine Schleuderbilder zu Schleuderpreisen anbietet. Schickt Verweise auf Eure Profile, wenn ihr Bilder zu Tasks gemacht habt. Wenn die Redaktionen keine Wahl haben, werden Sie euer Bild nehmen. Zu EUREM Preis!
    FAZIT: Nicht schmollen und den Kopf in den Sand stecken, sondern jetzt aktiv werden. Denn Angriff ist immernoch die beste Verteidigung 🙂

  4. 15. Mai 2013 at 20:53

    Was pc britz da erzählt, klingt vernünftig!

  5. 15. Mai 2013 at 22:51

    Unglaublich! In den Bildern ist ein „Scoopshot“-Wasserzeichen drin. Die Fotos vom 1. Mai sind natürlich tolle Scoops, super exklusiv – Instamatic-Ritschratschklick-Knipsbildchen vom Tulpenbeet. Große Kunst.

  6. HeikeRost
    16. Mai 2013 at 07:53

    Im Heuhaufen der Beliebigkeiten die wirklich guten Bilder zu finden wird – egal auf welcher Plattform – immer schwieriger: Bei Instagram läuft selbst die Filterung via Hashtag mittlerweile auf viele „Müllhalden“; das war bereits beim Hurricane Sandy so, als mehrere Fotografen mit Smartphone im Auftrag von TIME unterwegs waren. IG hat kürzlich genau aus diesem Grund auf einige neue Hashtags hingewiesen, „spammy search results“ war eine der Begründungen der dortigen Admins dafür.

    (Treppenwitz am Rande: Es läuft in vielen Fällen wieder darauf hinaus, Fotografen zu *kennen*. Deren Bilder und Streams findet man dann auch ohne Stocherei in den digitalen Abraumhalden. 😉 …)

    • stefan jaitner
      16. Mai 2013 at 12:35

      „…fotografen zu kennen…“: der job eines guten fotoredakteurs 🙂

      • HeikeRost
        16. Mai 2013 at 18:50

        Genau 🙂

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