Leidenschaft Journalismus

Netzfunde der ganz besonderen Art, anbei einige Zitate aus der grandiosen Rede von Armin Wolf beim Netzwerk Recherche: »Das Faszinierendste an unserem Beruf ist ja, dass wir dabei sein dürfen, wenn etwas passiert. Wenn Weltgeschichte passiert – oder auch wenn Dinge passieren, die vielleicht nicht den Lauf der Welt verändern, die aber wichtig sind für die Menschen, für die wir arbeiten. Die vielleicht das Leben unserer Leser, Zuschaue-rinnen, Hörer und Userinnen verändern – die jedenfalls für sie relevant sind oder interessant oder manchmal auch nur amüsant. Wir dürfen dabei sein, wir können zuschauen und wir können nachfragen. Wir werden dafür bezahlt, neugierig zu sein und zu lernen…« sagt Armin Wolf. Und legt nach: »Erstaunlich viele in unserer Branche verbringen jedenfalls seit ein paar Jahren ganz viel Zeit damit, zu klagen und sich zu fürchten.(…) Auch im Journalismus gibt es immer mehr Konkurrenz. So viel, wie noch nie zuvor. Ja und? Es gilt auch hier die wichtigste Regel im Journalistenleben überhaupt: Fürchtet Euch nicht!»

Eine wunderbare Rede, voller Leidenschaft für einen ebenso wunderbaren Beruf. Lesenswert, teilenswert, zum Nachdenken wärmstens empfohlen – aus meiner ganz persönlichen Perspektive: Weil ich diese Grundhaltung nur allzu oft bei vielen Kollegen vermisse, die Liebe zu einem wunderbaren Beruf, das „für etwas brennen“. Mit Blick auf die Realitäten und Rahmenbedingungen von Journalismus an sich, von Online-Journalismus insbesondere (oft miese Bezahlung, fehlende Konzepte etc.pp.) könnte man als Realist und Verbandsaktiver sagen: Durchaus verständlich und nachvollziehbar. Und doch ist das nur die eine Seite. Denn andererseits ist Journalismus, egal ob Online, Offline, in Bild, Ton oder Wort, immer noch ein wunderbarer Beruf. Mitnichten ist er nur dann „echter“ Journalismus, wenn er „investigativ“ ist und kleine und große Schweinereien zwischen Kleinkleckersdorf und Watergate aufdeckt. Mancher Purist unserer Zunft urteilt leider so hartnäckig eindimensional; und viel zu viele Kollegen machen sich diese eingeschränkte Sichtweise zu eigen: Um über andere Kollegen offen oder versteckt herzuziehen, sie zu diskreditieren – „das ist aber kein Journalismus“ – und sie abzuqualifizieren. Schade, denn Journalismus ist nicht Schmalspurdenken, sondern genau das, was Armin Wolf beschreibt. Leidenschaft. Neugier. Entdeckerlust. Und Geschichten erzählen. So, dass man sie lesen möchte, eintaucht in die Fakten und Zusammenhänge, die Realität kennenlernen will und die Geschichte versteht. Und hinterher das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben, hätte man die Geschichte nicht gehört, gelesen oder betrachtet.

Journalismus, wie Armin Wolf ihn beschreibt (und wie ich ihn seit meinen beruflichen Anfängen für mich selbst verstehe), hat darüber hinaus auch mit Teilen zu tun: Teilen von Inspirationen, Haltungen, Positionen und Denkanstößen, auch und gerade unter Kollegen. Hierzulande fehlt das vielfach, ob es sich um offenen Austausch über Rahmenbedingungen (von AGB bis Zwangsverträge) handelt oder um Kreativität in all ihren Facetten. Nach vielen intensiven und zum Teil jahrelangen Kontakten zu beispielsweise amerikanischen Bildjournalisten, Photographen und Künstlern empfinde ich die hiesige „Szene“ als ziemlich verschlossen. Man teilt nicht oder nur ungern, ob offline oder online. Ist zurückhaltend, redet wenig über seine Arbeit, gibt nichts von sich preis. Ist oft unlocker und verkrampft; Nachfrage fördert viele wortreiche Begründungen dafür zu Tage. So diffus wie von unterschwelligen Ängsten geprägt sind sie allesamt: „Ich mach mich doch nicht nackig!“ sagte kürzlich eine Kollegin dazu. Das hat dann etwas von Andersen und seiner Geschichte „Des Kaisers neue Kleider“, denn „nackig“ ist eigentlich nur derjenige, der sich hinter Rollenbildern, diffusen Aussagen und Klischees verschanzt und abschottet, anstelle echt zu sein, sperrig und intensiv, dickschädelig und bisweilen verschroben, aber immer mittendrin und dabei, im ganz normalen, prallen Leben. Durchaus auch mit dem Risiko, ordentlich auf die Schnauze zu fallen, das gehört dazu. Und auch in diesem Punkt schätze ich meine amerikanischen Freunde und Kollegen, für die Hinfallen völlig in Ordnung ist – nur Liegenbleiben und Jammern gilt dort nicht. (Hätten wir als Kinder eigentlich jemals Laufen gelernt?)

Mir fallen dazu zwei Zitate eines Kollegen ein, den ich nicht nur wegen seiner exzellenten Photographie und seiner Freude am Sehen und Erzählen schätze, sondern auch wegen seiner Leidenschaft für Bilder und Bildjournalismus, wegen seiner Offenheit im Dialog, der verschwenderischen Großzügigkeit im Teilen von Inspirationen und Sichtweisen – und seiner warmherzigen Klugheit: „Photography is not about cameras, it’s about sharing of personal observations and perceptions …“ und „Photography is a wonderful companion … but at the end of the day, life is much more important.“ Peter Turnley im Video der renommierten portugiesischen »Publico«

Ich wünschte mir hierzulande anstelle von Doomsday-Visionen und hängenden Mundwinkeln mehr von dieser Haltung: Von diesem leidenschaftlichen Ja, dieser tiefen inneren Überzeugung: »…and yes I said yes I will. Yes.« schreibt James Joyce in »Ulysses«. Unbedingt deshalb auch an Armin Wolf: Danke für diese inspirierende Rede.

Weiterführende Links:
Die Rede von Armin Wolf zum Nachlesen (via Facebook, öffentlich zugänglich)