Journalismus im Absturz: Zehn Werte und ein Klartext

Netzfunde, bei denen ich hängen bleibe, die nachdenklich machen und bewegen: Diese Serie von Texten erzählt über die Werte eines Journalisten. Nachdem die Bilder im Sozialen Netz mein Interesse weckten, habe ich mich auf die Suche nach ihrem Absender gemacht – und ihn um die Geschichte dahinter gebeten. Sie ist unbequem, provozierend, kontrovers und sehr persönlich.

»Vor fast 32 Jahren begann ich an der Deutschen Journalistenschule in München meine Ausbildung zum Redakteur und Diplom-Journalisten. Unsere Lehrmeister und Dozenten waren nicht nur Profis der „alten Schule“, die zum Teil die „Neugeburt“ des deutschen Journalismus nach 1945 personifizierten. Karl Mekiska (der böhmischstämmige Nachrichtenchef der Süddt. Zeitung), „Gentleman-Polizeireporter“ Johann Freudenreich. Und Edelfedern wie Herbert Riehl-Heyse und der legendäre SZ-Chefkorrespondent Hans-Ulrich Kempski. Sie lehrten uns einen klassischen Journalismus in bester Tradition, geprägt vom Vorbild eines Egon Erwin Kisch.

Es waren genau jene Werte, die ich in den „10 gelebten Werten eines arbeitslosen Journalisten“ identifiziert und auf deren allmähliches Verblassen ich hingewiesen habe, die mich als jungen Reporter mit Leidenschaft und Hunger erfüllten. Und bis heute nachhaltig geprägt haben. Die zur Illustration angeführten und plakativen, teils zynisch anmutenden Zitate sind real von mir erlebt und stammen aus dem Zeitraum der letzten zehn bis fünfzehn Jahre. Sie artikulieren einen von mir beobachteten Wertewandel, der in Ost und West nach 1990 im Journalismus stattfand.

So wie „die Presse“ binnen weniger Jahre verallgemeinernd in „die Medien“ umbenannt wurde, überlagerten in mehr und mehr Verlagshäusern wirtschaftliche die publizistischen und journalistischen Grundsätze und Leitlinien. Der Ökonomisierung geopfert wurden zunehmend journalistische Qualitäten wie Genauigkeit, Objektivität und das Versprechen, der Gesellschaft substantiierte und unverfälschte Wahrheit zu berichten. Wer sich als Journalist aus seiner ethischen und professionellen Haltung gegen die Auflösung von Schamgrenzen, Qualitätsversprechen oder publizistischen Minima äußerte, wurde mehr oder weniger elegant durch junge, dynamische und in ihrem Karrierehunger kooperativere Persönlichkeiten abgelöst. Im Fall journalistischer Führungskräfte auch gerne durch Protagonisten mit öffentlichkeitswirksamer Strahlkraft.

Smarte Idole für das rasant zunehmende Heer junger Abiturienten, die euphorisiert von den Statusversprechen der zur Boombranche gewandelten Medienindustrie die Studiengänge und wie Springkraut spriessenden Journalistenschulen stürmten. Ein williges und billiges Heer von „Irgendwas-mit-Medien“-Absolventen stand den zu Redaktions-„Managern“ avancierten Ressortchefs, CvD’s und Chefredakteuren zur Verfügung. Spätestens ab Mitte der 90er-Jahre begann für den allgemeinen deutschen Journalismus die Online-Ära. Aus Nachrichten wurden News und Infotainment. Aus Reportagen und Features zuerst Dokus, dann Doku-Soaps und schliesslich Scripted Reality. Aus journalistischen Texten und Inhalten schliesslich Content. Inhalt. Für Themensuche, professionelle Recherche, attraktive wie originäre und dennoch seriöse Texte blieb und bleibt den Content-Erzeugern immer weniger Zeit, immer weniger
sprachlicher Freiraum und wer sich auf Werte – wie die von mir angeführten – bezieht, sieht sich rasch als Aussenseiter und den reibungslosen Produktionsfluß hemmend stigmatisiert.

Meine Erfahrung als Chefreporter und Mentor junger Nachwuchskollegen und -kolleginnen hat mich gelehrt, dass vor dem Hintergrund der durchökonomisierten Medien aller Kanäle – vor allem in Redaktionen der sogenannten „Mainstream-Medien“ – die individuelle Karriere „in den Medien“ und ein rascher Aufstieg in Führungspositionen durch bedenkenfreie wie opportunistische „Will Do“-Bereitschaft zunehmende Priorität vor den Kernaufgaben journalistischer Tätigkeit, journalistischem Ethos und dem Verständnis der gesellschaftlichen Rolle der Journalisten in einer Demokratie einnimmt.

Es wäre unseriös und würde von einem erheblichen blinden Fleck meiner journalistischen Identität zeugen, würde ich diese Einschätzungen als absolute Wahrheit für den gesamten Journalismus bezeichnen. Natürlich gibt es nach wie vor hervorragende Reporter, Autoren, Edelfedern sowie Journalistinnen und Journalisten, die sich der Wahrheit und Objektivität, der Menschenwürde und einer aufgeklärten, humanistischen Gesellschaft verpflichtet erweisen. Doch diese finden sich weniger in den sogenannten Leitmedien und eher selten in der Peripherie der Newsrooms dieser Republik. Doch genau dort wird der Content produziert, der unsere Gesellschaft beeinflusst und prägt anstatt sie aufzuklären und zu informieren.

(Lebens-)Erfahrung, Know-How, Leistungsfähigkeit, Kreativität und Souveränität eines „digital ancestor“ und quad-medialen Journalisten können die von „Medien-Managern“ befürchteten Friktionen, die sich eventuell aus seiner Haltung, Ethik und Loyalität ergeben könnten, nicht aufwiegen. Vermutlich ist das der Grund, warum es sich um „10 gelebte Werte eines a r b e i t s l o s e n Journalisten“ handelt. Recherchieren lässt sich das leider nicht – bei diesem Thema bleiben die Lippen von Medienmanagern und journalistischem Kader…Pardon, Führungspersonal verschlossen wie frische Austern.«

©Text und Bilder: Etienne Rheindahlen – Danke für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Nachtrag: Eine interessante Diskussion dazu hat sich übrigens »drüben bei Facebook« auf meinem Profil entwickelt.

  6 comments for “Journalismus im Absturz: Zehn Werte und ein Klartext

  1. 20. Mai 2013 at 15:41

    Tolles Fundstück. Berührend und schockierend zugleich. Aber sehr plausibel. Riesen Dankeschön an Heike für diesen Fund.

  2. 21. Mai 2013 at 10:29

    Es ist bedauerlich, dass Kollegen mit solch einem beruflichen Hintergrund wie Etienne Rheindahlen keine Jobs finden. Die meisten der Statements, die er als Beleg für den Absturz des Journalismus anführt, habe ich so oder so ähnlich aber schon vor Jahrzehnten gehört.

    Früher war nicht alles besser. In der Lokalzeitung, in der ich als Schüler begann, haben freie Mitarbeiter, die kein gerades Wort auf die Reihe bekamen, weiterhin ihr Gnadenbier verdient. Und schon damals wurden manche Pressemitteilungen fast 1:1 ins Blatt gehoben, evtl. sogar mit Autorenkürzel des Redakteurs oder Freien.

    So hart die Rahmenbedingungen im Journalismus auch geworden sind: Ich bin u. a. froh über die (mittlerweile nicht mehr ganz so) neuen Verbreitungswege für Qualitätsjournalismus und die leichtere Selbstvermarktung per Internet.

  3. C.K.
    23. Mai 2013 at 00:25

    Ach was.
    Die Wahrheit ist, dass Journalist auch nur ein Gewerbe ist – genauso wie Müller, Pfarrer und Clown.
    Es hilft aber den Betroffenen ungemein, die schlechte Bezahlung zu ertragen, wenn sie sich einen Kokon aus Moral spinnen, der sie „dem Höheren“ verpflichtet und alle zeitlich nach ihnen kommenden herabsetzt.
    Nein, so billig geht das aber nicht.
    Der Journalist schreibt für seine Leser, nicht für sich oder „die Werte“. Manche nennen das neuerdings Ökonomisierung. Ich nenne es Geld-Im-Austausch-Bekommen, wenn man für andere Werte schöpft.

  4. 29. Mai 2013 at 17:10

    An den Aussagen im Text ist auch jeden Fall was dran, aber ich würde es nicht so pauschalisieren. Und mich irritiert ist die Selbstbeschreibung von Rheindahlen auf Twitter: „PR/Corporate Video since 2007, Consultant, MediaStrategies, free lanced Berlin correspondent (print / tv).“

  5. M.S.
    3. Juni 2013 at 03:37

    Ein edler Mensch klagt an, DER EINE, der all diese Werte allein in sich vereint, ein Mensch aus alter, „guter“ grauer Vorzeit. Mag sein, dass Sie Herr Rheindahlen einmal ein guter Journalist waren mit all seinen Werten, doch Zeiten ändern sich, weinen und anklagen helfen da wenig. Der Mensch hat überlebt, weil er sich ständig an neue Gegebenheiten angepasst hat, anpassen musste. Edle Werte leben Sie sie in Ihrem Leben und es ist gut für Sie, Ihr Umfeld und Ihre Selbstachtung. Anklagen, weinen um die „gute , alte Zeit“, ja was denken Sie denn, wer solch einen in sich unzufriedenen und scheinbar „Alles – Besser – Wissenden“ Menschen in seiner Redaktion haben möchte? Viele mussten umdenken, umschwenken, sich neue Aufgaben suchen. Denn Anklage, Beklagen es bringt niemanden weiter, auch wenn Sie mit einigem Recht haben.
    Viel Glück Herr Rheindahlen
    Mut und Einsicht zum Umdenken wünsche ich Ihnen

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