Nicht-Sehen, Nicht-Hören und die Kraft des Berührens

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Reportagetage der anderen Art: Nicht-Sehen. Nicht-Hören. Die Begegnung mit blinden und sehbehinderten Menschen, mit gehörlosen Kindern und Erwachsenen eröffnet Einblicke. »See without looking«, das Zitat aus W.H. Audens wunderbarem Werk, fällt mir ein: Das Berühren, ob mit Händen oder dem Herzen, öffnet Einblicke auf einer anderen Ebene des Sehens. Zum Abschied nach intensiven Gesprächen, Bildern und Momenten schenkt mir eine blinde Dame eine Tafel mit dem Braille-Alphabet: »Wie schön, dass Sie bei uns waren. Danke.«

»Hear without listening«, hören ohne zuzuhören, auch dieses Auden-Zitat geht mir durch den Kopf: Angekommen in einer anderen Klangwelt aus Bewegungen und Geräuschen, zwei Tage zu Gast bei Menschen, die nicht hören können, mit Gebärdensprache und Lippenlesen. Ich entdecke viele Brücken, angefangen bei meiner visuellen Prägung und Kultur als Photographin mit einem visuellen Gedächtnis, das sich bei vielen Momenten des Gebärdens erinnert – an Gemälde, Hieroglyphen, an Darstellungen aus der Kunst. Dazu kommt meine Erfahrung mit Körpersprache, die das Verstehen der Gebärden und den Brückenschlag in eine andere Kultur erleichtert.

Wo Sprache und Hören, Sehen und »sich ein Bild machen« auf unseren gewohnten Wegen nicht möglich sind, gibt es so viele wunderbare andere Möglichkeiten, miteinander zu »reden«. Berührend ist das nicht nur im physischen Sinne, sondern auch ganz tief innendrin. Dann, wenn der hörende Pfarrer mit strahlenden Augen und herzlichem Lachen ein Vaterunser in Gebärdensprache betet. Allein die Geste der Vergebung ist ein besonderer Moment: Die rechte Hand streicht vom linken Oberarm hinab zur linken Hand, als ob eine imaginäre Last vom Herzen gezogen wird. Während der Bewegung dreht sich die Hand, öffnet sich zur Geste des Gebens und weist nach oben. Vergebung, übersetzt in ein Körperbild des Entlastens und Abgebens dessen, was uns das Herz schwer macht.

Anstrengend waren diese vier Tage auf allen Ebenen. Ein großes, wunderschönes Geschenk waren sie zugleich, in Begegnungen, Gedanken und Gefühlen. Danke dafür.

»Photographie ist ein großartiger Begleiter im Leben, aber am Ende des Tages ist das Leben viel wichtiger.«

Aus dem digitalen Notizbuch: ©HeikeRost.com 23.6.2014 – Alle Rechte vorbehalten.