2013 World Press Photo – Fakten und Fiktion

Der zweijährige Suhaib Hijazi und sein älterer Bruder Muhammad, die beim Einschlag einer israelischen Rakete in Gaza ums Leben kamen, werden von ihren Angehörigen zu Grabe getragen. Das „World Press Photo of the Year 2012“ stammt von Paul Hansen, der die beklemmende Szenerie im November 2012 für die dänische Zeitung „Dagens Nyheter“ fotografiert hat. Bei allem Respekt für den Bildjournalisten wirft das in seiner Ästhetik beeindruckende Bild Fragen nach den zulässigen Grenzen der Bildbearbeitung auf: Was in Lichtführung und Farbigkeit eher wie ein fotorealistisches Gemälde wirkt, hat einem Bericht des Lens Blog/New York Times zufolge auch die Jury des renommierten Bildjournalistenwettbewerbs intensiv beschäftigt.

Dennoch zieht das Gremium ein gemeinsames Fazit: Die Bildbearbeitung bewege sich „innerhalb der zulässigen Grenzen“. AP-Bildchef Santiago Lyon, Vizepräsident der diesjährigen Wettbewerbsjury, wird mit den Worten zitiert: „“Everybody has different standards about these sorts of things, but as a group we felt that it was O.K.”. Auch andere Preisträger-Fotos (siehe Bilderserie oben) deuten auf weitreichende Bildbearbeitung hin: Das Porträt einer lesenden Kenianerin von Micah Albert und „Joy at the End of the Run“ von Wei Seng Chen, Bildjournalist aus Malaysia, hier als Beispiele zitiert. Die Serie über Sumo-Ringer wie auch das Porträt des chinesischen Künstlers Ai WeiWei sind sicherlich faszinierend, in ihrer Ausarbeitung allerdings mehr künstlerische Fiktion denn Bildjournalismus. Die interessante Jury-Entscheidung ist allemal kritikwürdig, denn wie Santiago Lyon kürzlich in einem kurzen EMail-Interview für Steffen Leidel und sein Blog „lab“ betonte, zieht insbesondere die Nachrichtenagentur Associated Press aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit strenge Grenzen für Bildbearbeitung.

In den Leitlinien von AP heißt es unter anderem: „Geringfügige Anpassungen in Photoshop sind erlaubt. (…) Veränderungen von Belichtung, Kontrast, Farbwerten und -sättigung, die die ursprüngliche Aufnahmeszene substanziell verändern, sind nicht akzeptabel.“ Eine interessante Entscheidung der diesjährigen Jury des World Press Photo Contest, die an einen anderen Wettbewerb vor einigen Jahren erinnert: Beim dänischen Fotowettbewerb „Picture of the Year“ wurden beeindruckende Bilder aus Haiti eingereicht; nach intensiver Debatte und Sichtung der originalen RAW-Dateien entschied die Jury, den Bildjournalisten zu disqualifizieren – wegen deutlich zu umfänglicher Bildbearbeitung.

Die bis dato einmalige Entscheidung führte in Blogs, Fachpublikationen und unter Bildjournalisten zu äußerst kontroversen Debatten über Bildsprache und -ästhetik. Ausschnittveränderungen, partielles Nachbelichten oder Abwedeln, eine Umwandlung in Graustufen sind erlaubt, so die Analogie zur früheren Dunkelkammertechnik. Diese Definition, von AP in den Regeln zur Bildbearbeitung formuliert, bietet leider keinerlei zuverlässige Hilfestellung, was die Grenzen ästhetischer Überhöhung und Stilisierung betrifft.

In ihrer Gesamtheit betrachtet, erinnern die Preisträgerfotos des World Press Photo Contest zwischen intensiver Bearbeitung einerseits und schlichter Authentizität andererseits daran, dass Bildjournalismus im Spannungsfeld von Fiktion und Fakten vor allem einem einzigen Aspekt verpflichtet sein muss: der Wahrheit.

Bilder:
„Gaza Burial“, ©Paul Hansen/Dagens Nyheter/World Press Photo of the Year 2012
„At the Dandora Dump, Nairobi/Kenya“, ©Micah Albert/Redux Images
„Joy at the End of the Run, Batu Sangkar, West Sumatra/Indonesia“ ©Wei Seng Chen

Weiterführende Links:

Lens Blog/New York Times: „The World’s Best Photos for 2012“
World Press Photo: „2013 World Press Photo“ (Website des Wettbewerbs inkl. Galerien)
DevelopPhoto: „Explaining World Press Photo 2013“ (DevelopTube, Videochannel bei Vimeo, mehrere Teile)
Photoshelter Blog, Allen Murabayashi: „Why Do Photo Contest Winners Look Like Movie Posters?“
Flickr-Stream von André Gunthert/CultureVisuelle.org: Das World Press Photo of the Year – und die Veröffentlichung in „Dagens Nyheter“ im Vergleich.
CultureVisuelle.org, André Gunthert: „Anatomie d’un World Press Photo“
lab-Blog/Steffen Leidel: „Nachrichtenagentur AP ohne Filter“
AP/Associated Press: „AP News Values & Principles“
Behind the Photo: „Klavs Bo Christensen’s ‚too much Photoshop‘ disqualification“ (Bilder im Vergleich, englischer Text)
The British Journal of Photography: „Too much Photoshop?“
David Campbell: „Photographic truth and Photoshop“
NPPA/National Press Photographers‘ Association: „Photojournalism and Post-Processing: Should Contest Images Be The Actual Published Picture?“
DesignBoom: „World Press Photo 2013 Image Alteration Controversy“ (with additional links and photos)
Jan Banning: „Icon or cliché? Photojournalism and World Press Photo 2013“
Editorial Photographers UK: „2013 – The year we lost sight of what photography can achieve“ (15.3.2013)
Photoshelter/Blog, Allen Murabayashi:„Darkrooms are irrelevant and the truth matters“

Update 14.5.2013:
Ein Blogbeitrag von Dr. Neal Krawetz („forensic image analyst“) wirft neue Fragen auf: „Unbelievable“ befasst sich mit zwei wegen Bildmanipulation diskutierten Fotos. Eins von ihnen ist das WPPA-Siegerfoto von Paul Hansen. (12.5.2013)
Der Beitrag wurde auch von Sebastian Anthony auf extremetech.com aufgegriffen. 13.5.2013

»Paul Hansen has previously described in detail how he processed the image file and World Press Photo has not had any reason to question his explanation. He has now again fully cooperated in the investigation carried out by independent experts. After examining the RAW file and the JPEG image entered in the competition, these are the experts’ conclusions…« Die World Press Photo Foundation meldet sich zu Wort: Dr. Hany Farid und sein Kollege Eduard de Kam (NIDF/Nederlands Instituut voor Digitale Fotografie) haben die Original-Bilddaten von Paul Hansen überprüft und deren Integrität bestätigt.

Update 15.5.2013
Eine interessante Bewertung der Berichterstattung von extremetech.net und TheHackerBlog bei PDNPulse: „No Sense of Irony in Hansen ‚Fake‘ Journalism Accusation“
„To put it simply, it’s the same file – developed over itself – the same thing you did with negatives when you scanned them.“ Paul Hansen über sein Bild (news.com, 15.5.2013)
„Bei den Awards würde es gerechter zugehen, wenn sie nur unbearbeitete Originale verwenden würden. Wenn die Jury es weiter akzeptiert, dass die Fotografen ihre Bilder bearbeiten, dann schafft das nur eine Basis für Neider.“ Jens Kriese über Wettbewerbsregeln (SpOn, 15.3.2013)

Update 23.5.2013
»We live in an age where the picture on our ID document is not enough to prove our identity, yet photos are still accepted in law courts as evidence of a crime, or as evidence of a discovery in a scientific environment, without mentioning certain sophisticated technologies that enable doctors to take very complex images inside our bodies. Journalistic and documentary photography will have to rediscover the underlying reasons of their essence.“ Francesco Zizola/Noor, Co-Founder of 10B (British Journal of Photography, 22.5.2013)

  17 comments for “2013 World Press Photo – Fakten und Fiktion

  1. 17. Februar 2013 at 23:38

    Spricht mir aus dem Herzen Heike, das Gewinner Bild ist „ästhetisch“ und sicher nicht schlecht.
    Aber bei mir macht es da immer sofort *klick* und ich kaufe so einem Pressefoto nicht mehr seinen dokumentarischen Effekt ab. Das ist National Geographic Stil.

    Für mich hat die Jury hier eine gefährliche Grenze überschritten. Wenn man mal auf die Vorgaben der AP guckt sich quasi selbst disqualifiziert. Ich kann nur hoffen das sich Reporter, gerade in Krisengebieten, hiervon bei der Jagd auf den Award 2014 nicht zu sehr inspirieren lassen. Dahingegen ist der dritte Platz ein sehr gutes Beispiel, hätte erster werden sollen

    • Heike Rost
      17. Februar 2013 at 23:54

      Die Fotos sind spannend und teils sehr beklemmend – und der Blick auf alle Bilder zeigt den gewaltigen Spagat zwischen schlichter Authentizität in manchen Fotos und der allzu fiktionalen Ausarbeitung. Schon zu analogen Dunkelkammerzeiten war das eine Gratwanderung und die Diskussion um „Objektivität“ beschäftigte Legionen von Fotografen. Photoshop, Lightroom und Co scheinen jedoch sehr verführerisch zu sein – zum Schaden der Glaubwürdigkeit von Fotos und Fotografen.

  2. 18. Februar 2013 at 00:09

    Ich frage mich nach dem Warum, die Fotos würdem auch ohne Photoshopsauce funktionieren, wenn nicht sogar besser. Ich sehe das Problem nicht in der Authentizität sondern, dass hier – mehr oder weniger – unterschwellig aktuelleTrends die Bearbeitung bestimmenum mehr Reichweite zu erlangen. Das ist aber – nach meinem Verständnis – nicht die Aufgabe von Dokumentarfotografie, sondern des begleitenden Journalismus.

  3. 18. Februar 2013 at 00:17

    Wenn ich diesen Artikel lese, frage ich mich aber, ob es auf die Bearbeitung noch drauf ankommt… oder sind die Fotos in diesem Artikel nun auch gestellt, um zu zeigen, daß man auch dokumentarischen Fotos nicht mehr glauben darf? Kann man einem Foto überhaupt noch glauben?

    • Heike Rost
      18. Februar 2013 at 00:39

      Auch das wird oft Gratwanderung: Wo Photographen sind, fängt die Pose an.

  4. A.P.
    19. Februar 2013 at 11:00

    Wenn man das „Press“ aus „World Press Photo“ streicht, stimmts schon wieder. Es wäre sicher auch förderlich für die Debatte (oder zumindest interessant), wenn man die „Original“-Aufnahmen (also bspw. die Kamera-JPGs bzw. die mit Standard-Presets konvertierten Raw-Dateien) kennen würde.

    Im übrigen: Einem Foto konnte man schon immer nur bedingt glauben. Auch ganz ohne Photoshop zeigt das Foto ja nur das, was der Fotograf zeigen will. Die manipulativen (negativ ausgedrückt) bzw. gestalterischen (positiv ausgedrückt) Möglichkeiten sind ja enorm…

    • Heike Rost
      19. Februar 2013 at 12:51

      Die Diskussion um Objektivität beschäftigt Photographen seit der Erfindung der Photographie: Denn Subjektivität beginnt im Moment des Sehens und der Wahrnehmung. Das sind unterschiedliche Prozesse mit vielen Einflüssen von Erziehung über kulturelle Prägung und Ikonographie bis zu ganz persönlichen Aspekten.

      Wie groß der Unterschied zwischen bearbeitetem Bild und RAW-Datei sein kann, ist ersichtlich aus den Vergleichsbildern des dänischen Fotowettbewerbs, siehe Linkliste unter dem Blogpost.

  5. 19. Februar 2013 at 11:53

    Als Laie, der nichtmals engagiert privat photographiert fällt es mir schwer die Frage zu beurteilen, ohne das Originalbild daneben zu sehen. Das Weiß der Laken strahlt an manchen Highlights, die mir dramatisch aber nicht ausgesucht manipulativ gesetzt scheinen, artifiziell, wie dem ganzen Bild etwas artifizielles anhaftet, was ich aber nicht gut verbalisieren kann. Ist es die Farbe, das Licht, der Kontrast?

    Manipulierte Highlights hätte ich eher im oder am Gesicht der toten Kinder vermutet. Aber ich bin auch kein professioneller Bildgestalter oder -kritiker.

    Interessant ist aber auch der Aspekt, dass je nach Einstellung des Monitors das Bild anders wirkt. Wer einen externen Monitor am Laptop betreibt, und beide vergleicht, wird meist Unterschiede finden.

    Wer 70er-Jahre-Filme in Technicolor gesehen hat kommt aber auch kaum umhin zuzugeben, dass dieses Filmmaterial die Farben auf eine ganz eigene, wiedererkennbare Weise widergegeben hat, die man nicht einfach als falsch oder manipulativ bezeichnen kann. Was ist die richtige Frage?

    Ich neige dazu, solch pauschale Auswirkungen auf das ganze Bild in Ordnung zu finden. Auch dass der Fotograf bevor er fotografiert an Rädchen dreht oder durch Menüs blättert, Knöpfchen drückt, und digitale Helferlein wie Verwacklungsschutz einschaltet. Nur werden die Kameras immer ausgeklügelter und bieten immer mehr Funktionen an, wobei es auch kein Problem ist verschiedene Zonen eines Bildes zu erkennen und durch unterschiedliche Filter zu jagen.

    Werden diese Schritte manuell hinterher durchgeführt erscheinen sie als Betrug, geschehen sie manuell vorab ist es Expertise, und geschieht es automatisch ist es gar nichts.

    Eine schwierige Situation.

    • Heike Rost
      19. Februar 2013 at 12:55

      Die zitierten Bilder (auch die Sumo-Serie oder das Porträt von Ai WeiWei) sind beeindruckende Kunstwerke. Wo aber verläuft die Grenze zum „zuviel“ in der Bildbearbeitung, wo lässt sie sich überhaupt ziehen?

      Eine Bildbeurteilung ohne kalibrierte Monitore ist schwierig bis unmöglich; und: Ja, es wäre sicherlich spannend, die RAW-Daten der Bilder zu sehen. Wie groß der Unterschied zwischen Endprodukt und Ausgangsdatei mitunter ist, belegen die Haiti-Fotos aus dem dänischen Wettbewerb, siehe Link unter dem Blogpost.

  6. Sacha
    20. Februar 2013 at 01:23

    „The immortal photographers will be straightforward photographers, those who do not rely on tricks or special techniques.“ -Philippe Halsman

  7. Markus Hoffmann
    20. Februar 2013 at 10:35

    Mir als Laien ist der Artikel leider unverständlich: In wie weit ist das Bild denn gegenüber dem Original verändert/retuschiert?

    • Heike Rost
      20. Februar 2013 at 11:01

      Die Annahme der umfangreichen Bildbearbeitung in mehreren Fällen orientiert sich an den Farbabstufungen, den Kontrasten und Tonwerten der kritisierten Bilder. Für alle Beispiele gilt: Ein Blick auf die Originaldateien ist sicherlich mehr als spannend, bislang aber leider nicht möglich.
      Ausgenommen davon die Bilder eines dänischen Fotojournalisten aus einem anderen Wettbewerb, die in der Linksammlung zu finden sind, Stichwort „Too much Photoshop“.

  8. Sascha
    20. Februar 2013 at 19:29

    Gerade gefunden: Eine Gegenüberstellung des WPP-Bildes und des Bildes, wie es bei „Dagens Nyheter“ am 21.11.2012 erschien. Da sieht man ganz gut, wie an dem bei „Dagens Nyheter“ scheinbar schon arg bearbeitetem Bild (knallbunt und übergeigt wie bei Dave Hill etc.) nochmal ganz massiv gedreht wurde (Helligkeit der linken Wand abgesenkt, Himmel abgedunkelt, der Mann links bekommt plötzlich eine Hand….)

    http://www.flickr.com/photos/gunthert/8485283411/lightbox/

    • Heike Rost
      20. Februar 2013 at 19:41

      Danke für den Hinweis, Sascha – schon seit heute früh verlinkt, siehe unter dem Blogpost 😉

    • kumi
      22. Februar 2013 at 09:36

      Der Mann links hat auf beiden Bildern zwei Hände, was ich auf meinem (kalibrierten) Monitor sehr gut erkennen kann. Man kann also sagen, dass »nur« an der Lichtstimmung gefummelt, aber zumindest nichts weg- oder dazuretuschiert wurde, wenn ich das nach flüchtiger Betrachtung richtig sehe.

  9. 23. Februar 2013 at 11:47

    Die Bilder zeigen ein so schönes Elend – man könnte meinen, die seien für die nächste Benetton-Werbekampagne gemacht.

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