Begegnungen: Anna und Manolis


Begegnungen unterwegs: Mit Anna und Manolis aus Keratòkambòs, einem kleinen Ort an der Südküste von Kreta. Beide waren weit über 80 Jahre alt, als ich sie kennen lernen durfte. Ihr Leben lang haben sie hart gearbeitet, im winzigen Häuschen mehrere Kinder groß gezogen. Bescheiden, freundlich und fast immer mit einem Lächeln pflegten sie die kretische Gastfreundschaft, die „xenophilía“: Eine Handvoll in Zuckersirup eingelegter Trauben, ein Gläschen Raki, ein griechischer Kaffee aus winzigen Tassen für die unverhofften Besucher. Ein gemütlicher Plausch im Schatten, mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Deutsch; immer mit Herzenswärme, Lachen und guter Laune. Nikos Kazantzakis hatte Recht: Sorbas! „Tanzen? Hast Du gesagt … tanzen?“

„Annaki mou“ hat Manolis seine Frau zärtlich genannt, „mein Annalein“, ihr sanft und scherzhaft auf den Allerwertesten geklapst im Vorübergehen. Sie war eher schweigsam, seine Annaki, aber ihr liebevolles Lächeln und ihr Augenzwinkern erzählten eine ganze Geschichte über die beiden. Manolis hat sie gepflegt, während langer Krankheit und ihres Dahinschwindens. Und hat ihre Hand gehalten, als sie starb. Nie hat er darüber geklagt, wie sehr sie ihm fehlte. Lief täglich die Steilstrecke ins Nachbardorf zu seiner Tochter und ihrem Mann, um in deren Taverne seinen Kaffee zu trinken. Ein paar Monate später ist er selbst gestorben, einfach so, im Schlaf. Selten habe ich Menschen mit soviel Liebe und Würde getroffen. Manche Begegnungen sind in kleinen Momenten groß, machen einen demütig und unendlich reich.

©HeikeRost.com, Kreta 2001

  3 comments for “Begegnungen: Anna und Manolis

  1. 3. Juni 2013 at 08:53

    Wunderschön erzählt (da kommen mir fast die Tränen ), die Geschichte rührt richtig; das Foto dazu gefällt mir ebenfalls ausgesprochen gut …
    Viele Grüße, Netty

    • HeikeRost
      3. Juni 2013 at 09:25

      Dankeschön! <3

  2. Thomas
    5. Juni 2013 at 18:37

    …wie Netty, so geht es mir auch. Danke Dir!

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