Kontroverse Bilder (01) – Weltwoche und Roma

Im April sorgte dieses Cover der Schweizer Weltwoche für Entrüstung: Ein spielendes Roma-Kind, das mit einer Schusswaffe auf den Betrachter zu zielen scheint. Darunter die dröhnende Unterzeile „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“. Mittlerweile hat die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen die Weltwoche eingeleitet.

Wie ein Bild, aus seinem ursprünglichen Kontext herausgerissen, zum Aufreger und Fall für die Justiz wird, habe ich in der Mai-Ausgabe des Magazins „journalist“ beschrieben: Denn spannend daran ist nicht nur der Einzelfall, sondern die Zweckentfremdung journalistischer Fotos als bloße Illustration – anbei der Text zum Nachlesen.

Gjakova, Kosovo 2008: Der italienische Bildjournalist Livio Mancini begleitet das Alltagsleben einer Roma-Familie, die nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien auf der Mülldeponie der Stadt gestrandet ist. Von den Stadtbewohnern gemieden, verdient die Familie ihren Lebensunterhalt mit dem Sortieren von Müll und dem Verkauf verwertbarer Gegenstände. Ihre Kinder kennen keine andere Welt als die menschenunwürdige Umgebung der vergifteten Deponie. Eines von ihnen, ein kleiner Junge, posiert mit gefundenen Spielzeugpistole: Sie verdeckt sein Gesicht zur Hälfte, wie ein dunkles Auge ist die Mündung der Schusswaffe auf den Fotografen und zugleich den Betrachter des Fotos gerichtet. Das Kinderporträt ist Teil einer beklemmenden Serie, die aus allernächster Nähe, voller Respekt und Mitgefühl die bedrückenden Lebensumstände der Roma-Kinder im Müll von Gjakova dokumentiert.

Schweiz, 2012: Auf dem Cover der WELTWOCHE zielt ein Kind mit einer Pistole auf den Leser. Direkt darunter dröhnt die Schlagzeile „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz. Familienbetriebe des Verbrechens.“. Die Aufmachung der Zeitung löst Empörung aus: In Blogs und sozialen Netzwerken wird Herausgeber und Chefredakteur Roger Köppel kritisiert, die WELTWOCHE als rassistisch und diffamierend angegriffen. In der Schweiz, Österreich und Deutschland erstatten Leser, zum Teil Journalisten, Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Die Schriftstellerin Sybille Berg twittert über den „neuen Stürmer“, der österreichische Journalist Robert Misik schreibt in seinem Blog: „Ein solches Cover wie das der WELTWOCHE hat es in Westeuropa wohl seit 1945 nicht mehr gegeben (…).“. Die Redaktion reagiert mit blankem Unverständnis auf sämtliche Vorwürfe: „Das Foto symbolisiert den Umstand, dass Roma ihre Kinder für kriminelle Zwecke missbrauchen.“ so Philipp Gut, stellvertretender Chefredakteur und fügt lapidar hinzu: Nicht ein einziger Kritiker habe sich zum Missbrauch der Roma-Kinder durch ihre eigenen Eltern geäußert. „Das ist der eigentliche Skandal.“

Dabei ist das Titelfoto weder ein nachgestelltes Symbolfoto noch ein aktuelles Bild aus der Schweiz, sondern es handelt sich um das Porträtbild des Roma-Jungen auf der Deponie von Gjakova. Stein des Anstoßes ist nicht etwa das spielende Kind; seine dunklen Haare, die abgerissene Kleidung, abblätternde rote Farbe auf den Fingernägeln und seine aggressive Geste lassen Spielraum für unterschiedliche Interpretationen. Ohne die Fakten der Entstehung bleiben allerdings sämtliche Rückschlüsse reine Vermutung. Die Bildaussage wird merkwürdig verschwommen und austauschbar, die notwendige korrekte Einordnung visueller Information ist nicht mehr möglich. Zum Aufreger wird das Foto erst durch die Aufmachung: Statt für das von Mancini angeprangertes soziale Elends der Roma steht ein spielendes Kind jetzt für „Raubzüge in der Schweiz“. Philipp Gut sieht das locker: Jedes Foto in den Medien werde bei Neuveröffentlichung aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, „ein völlig alltäglicher Vorgang“. Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserats, ist anderer Meinung: „Das Porträt des kleinen Jungen lässt ohne Kenntnis seines Originalkontextes keinerlei tragfähige Aussage über Missbrauch von Roma-Kindern als kriminelle Handlanger zu. Die Aufmachung des Bildes ist eine bloße Unterstellung, die weit über eine journalistische zuspitzende Beschreibung von Fakten hinaus geht.“

Im deutschsprachigen Raum vermarktet laif die Reportagen von Livio Mancini. Die renommierte Kölner Agentur, die sich hauptsächlich als Autorenagentur und nicht als Bildarchiv versteht, hat an die eigene Arbeit und die ihrer Bildjournalisten hohe Ansprüche: Zwar werden Nutzungsbedingungen und insbesondere Ausschlussklauseln des vermarkteten Bildmaterials nicht per individuellem Vertrag geregelt. Dennoch setzen Geschäftsführer Peter Bitzer und sein Team klare Grenzen für den Bildvertrieb der Agentur. Nach Absprache mit den vertretenen Fotografen gibt es beispielsweise keine Bildverkäufe an Publikationen mit extremistischem oder pornographischen Inhalten. Zum Selbstverständnis von laif gehören auch gezielte Rückfragen zur Nutzung bei Rechercheanfragen, Einschränkungen des Bildverkaufs und des Zugangs zur Bilddatenbank, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Autorenagentur geben deutliche Regeln vor: „Die Bilder dürfen nicht sinnentstellend oder wahrheitsverändernd verwendet werden. (…) Der Verwender (…) ist verpflichtet, die publizistischen Grundsätze des deutschen Pressekodex einzuhalten.“

Was sich einfach anhört, ist in der Realität des Bildermarktes kompliziert: Nicht nur bei laif werden über Dreiviertel des Agenturbestandes via Bilddatenbank verkauft. Persönliche Anfragen sind eher die Ausnahme, eine Kontrolle über die Intention von Nutzungen vor Erscheinen einer Publikation so gut wie unmöglich. Peter Bitzer sind aus seiner täglichen Arbeitspraxis viele Fälle der inhaltlichen Umwidmung bekannt, in denen dokumentarische Fotos mit klarem Sachzusammenhang zu weitgehend sinnfreien Symbolbildern umgepolt wurden. „Journalistische Fotografie, die hauptsächlich dokumentiert und Realität abbildet, wird so auf reine Illustration jenseits aller korrekten Information reduziert“, bemängelt der laif-Geschäftsführer. Neben der Reduzierung von Fotos auf schmückendes Beiwerk gehören auch sachlich falschen Texte und Unterzeilen, Bildausschnitte, Manipulationen, Montagen und Verfremdungen zum Spektrum des Umgangs mit Bildjournalismus. Auch Patrik Müller kann davon ein Lied singen. Mit expliziten Sperrvermerken in den Datenbankbeständen, individuellen Autorenverträgen, Einzelklauseln in Werkverträgen und ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen versucht die Bonner Bildagentur vario images, sinnentstellenden oder sachlich falschen Veröffentlichungen ihres Materials einen Riegel vorzuschieben. Ein anderer Kontext der Veröffentlichung als von Fotograf und Agentur beschrieben, bedarf nicht nur der vorherigen Klärung, sondern auch der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung durch vario images. Nicht immer ist diese konsequente Strategie erfolgreich, im letzten Schritt kann eine eigentlich banale Geschichten als Spezialfall für Juristen enden. Laif-Geschäftsführer Bitzer setzt im Fall der WELTWOCHE auf diplomatischen Umgang mit einem langjährigen Kunden. „Da packt man nicht gleich die juristische Keule aus“, obwohl die Verwendung des Fotos auf der Titelseite der WELTWOCHE ein klarer Verstoß gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen war.

Viel wichtiger ist Bitzer der differenzierte Umgang mit Bildern. Auf der Website von laif ist daher die komplette Reportage von Livio Mancini mit einer aktuellen Stellungnahme veröffentlicht: „Wir brauchen eine visuelle Ethik, die dem wirklichen Inhalt der Bilder und der Intention des Bildautors verpflichtet ist!“ Bildjournalisten fordern das schon lange, denn nicht nur im Journalismus wird Visualisierung von Informationen ständig dominanter. Plattformen wie instagram oder Pinterest belegen, dass Kommunikation fast ausschließlich über Bilder ungemein erfolgreich ist. In Tageszeitungen, Magazinen und in deren Online-Auftritten steigt die Zahl veröffentlichter Bilder rasant: Selbst in der tagesaktuellen Berichterstattung wird zunehmend aussageflexibles Stockmaterial genutzt, werden dokumentarische Fotos als bloße Illustrationen zweckentfremdet – zum Teil mit juristischen Konsequenzen. Agenturen als reine Vermarkter und „Zwischenhändler“ sind dabei von der Verantwortung für den Sachzusammenhang von Veröffentlichungen ausgenommen. Dr. Donle, Medienrechtsexperte aus Berlin, verweist dazu auf ein BGH-Urteil, das diese Rechtsauffassung Ende 2010 bestätigte: „Der Betreiber eines Bildarchivs (…) muss vor der Weitergabe archivierter Fotos an die Presse grundsätzlich nicht die Zulässigkeit der beabsichtigten Presseberichterstattung (…) prüfen.“ laif-Geschäftsführer Bitzer zählt wichtige Kritikpunkte im journalistischen Alltag auf: Bildredaktionen sind oft personell unterbesetzt, mit immer mehr inhaltlichen Mängeln und fehlenden Fachkenntnissen. „Offenbar wird weder in der journalistischen Ausbildung noch während des weiteren Berufswegs entsprechendes Handwerk vermittelt: beispielsweise angemessener Umgang mit Bildjournalismus, einzelnen Stilformen, inhaltlichen Formaten und visueller Sprache, von presserechtlichen oder -ethischen Aspekten der Arbeit ganz zu schweigen.“

Rückblick 2003, Titelseite einer Boulevard-Zeitung: Das Foto der schwerverletzten schwedischen Außenministerin mit der Schlagzeile „Hier stirbt Anna Lindh“ ist Gegenstand einer Beschwerde beim Deutschen Presserat. Die Redaktion beruft sich auf das Informationsinteresse der Öffentlichkeit – und verneint jeglichen Verstoß gegen presseethische Grundsätze. Weder sei das Foto unangemessen sensationell noch verletze es die Menschenwürde des Opfers. Darüber hinaus habe man nicht den Moment ihres Todes gezeigt, sondern Lindhs Abtransport ins Krankenhaus. Mit differenzierter Begründung rügte der Deutsche Presserat die Tageszeitung öffentlich: Als Dokument der Zeitgeschichte war das Foto in presseethischer Hinsicht nicht zu beanstanden. Der Kontext der Schlagzeile suggerierte jedoch, einem Menschen beim Sterben zuschauen zu können; in Abwägung mit den Persönlichkeitsrechten des Opfers hielt der Presserat deshalb das legitime Informationsinteresse für deutlich überschritten.

Beide Fälle, WELTWOCHE-Cover und „Anna Lindh“, haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: In ihrer emotionalen Besetzung liegt zugleich Stärke und Schwäche von Bildern, deren individuelle Entschlüsselung immer abhängig ist von Befindlichkeiten, Werten und Sozialisation des Betrachters. Fundiertes Fachwissen und persönliche Integrität von Bildredaktionen und -journalisten gehören zum angemessenen Umgang mit journalistischer Fotografie. Werden deren originären Zusammenhänge ignoriert, die begleitenden Fakten verzerrt, manipuliert der so veränderte Rahmen die ursprüngliche Bildaussage – mitunter bis zur journalistischen Grenzüberschreitung.

Journalisten der Schweizer Wochenzeitung haben mittlerweile den Roma-Jungen ausfindig gemacht: Mit seiner Familie lebt er in einer illegalen Siedlung am Stadtrand von Gjakova. Die Familie ist schockiert über die Veröffentlichung, befürchtet Repressalien und überlegt, gegen die Verantwortlichen zu klagen. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat bereits bei der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus Anzeige erstattet. Sollte die Kommission die missbräuchliche Nutzung des Fotos als Rechtsverstoß feststellen, behält sich der Zentralrat weitere Schritte vor. „Wir werden über die Caritas, die vor Ort ein Hilfsprojekt betreut, mit der Familie Kontakt aufnehmen“, sagt Justiziar Arnold Roßberg. „Sollte sie uns dazu bevollmächtigen, werden wir auf jeden Fall versuchen, für die bitterarme Familie eine angemessene Entschädigung zu erreichen.“

©HeikeRost.com /2012-04-12

Update:

Das Verfahren gegen die Weltwoche ist eingestellt: „Juristisch in Ordnung, moralisch nicht“ titelt dazu die taz und legt nach: „Keine Strafe für Roma-Bashing“. Nach Meinung des Weltwoche-Chefs Roger Köppel illustriert und symbolisiert das dokumentarische Foto „journalistisch präzise“ den Artikel der Weltwoche.

  2 comments for “Kontroverse Bilder (01) – Weltwoche und Roma

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*