Martin Blume: »Auschwitz heute«

»du hast angst vor der finsternis?
ich sage dir: wo der weg menschenleer ist,
brauchst du dich nicht zu fürchten.«

Nie ist es leer in Auschwitz, nicht, wenn Besucher auf den Spuren des Unaussprechlichen den Ort bevölkern. Nicht einmal in der Stille der Nacht oder im Winter, als der Fotograf Martin Blume die Gedenkstätte besuchte. Bewusst im Winter, bei klirrender Kälte: Das Zittern des Künstlers im Frost, zugleich Nachhall seiner Gedanken und Gefühle angesichts der Monströsität der Menschenvernichtung, findet sich in seinen überwiegend schwarzweißen Bildern wieder.

»ich habe keine angst.
meine angst ist in auschwitz geblieben
und in den lagern.«

Auf einer fünfjährigen Spurensuche, die den Künstler physisch und psychisch an seine Grenzen und darüber hinaus führte, entstand ein beeindruckendes, in seiner Stille umso berührenderes Projekt. Martin Blume nähert sich in seinen bewusst unscharfen, abstrahierenden Bildern – »Psychographien« nennt er sie, eine Synthese von Psychologie und Photographie – dem Unaussprechlichen des Vernichtungsortes an und bietet dem Betrachter zugleich die Freiheit, in der Abstraktion seine eigene innere Sprache zu finden und Geschichte zu fühlen.

»auschwitz ist mein mantel
bergen-belsen mein kleid
und ravensbrück mein unterhemd.«

[vimeo]https://vimeo.com/118283167[/vimeo]

»Bewahren und Verändern gehen Hand in Hand« sagt Martin Blume über seine Arbeit in Auschwitz. Die Auswahl von 20 der insgesamt 70 Fotografien des Projekts »Auschwitz heute«, die noch bis zum 6.4.2015 im Mainzer Landesmuseum gezeigt werden, ist dem Betrachter auf eindrückliche Weise nah.

Martin Blume ist am 10.3.2015 gestorben. Hier das filmische Porträt des Künstlers von Uwe H. Martin:

[vimeo]https://vimeo.com/118300684[/vimeo]

Weiterführende Links:
»Auschwitz heute«, 8.3. – 6.4.2015 im Landesmuseum Mainz. (Mehr Informationen zur Ausstellung auf der Website des Museums.)
»Auschwitz heute« (Englische Version der Dokumentation, ©Uwe H. Martin/Bombay Flying Club)
Martin Blume über sein Projekt Auschwitz (Englische Version des filmisches Porträts, ©BombayFlyingClub von Uwe H. Martin)
Martin Blume im Netz

Zur Ausstellung sind ein begleitender Katalog (bestellbar über die Bundeszentrale für Politische Bildung) sowie das Buch »Auschwitz heute« von Martin Blume mit Essays von Stéphanie Benzaquen, Christoph Kreutzmüller und Tomasz Kobylański im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen.
Beide Publikationen sind auch im Shop des Landesmuseum erhältlich.

Martin Blumes Projekt »Verdun«, eine gemeinsame Arbeit mit Emmanuel Berry, wird vom 2.4. bis 2.8.2015 in der Villa Ludwigshöhe, Edenkoben, gezeigt. Mehr dazu auf seiner Website.

Das oben zitierte Gedicht »auschwitz ist mein mantel« stammt von der Dichterin Ceija Stojka, die drei Vernichtungslager der Nazis überlebt hat.

Bilder der Slideshow:
Bild 1 + 5: ©HeikeRost.com 8.3.2015 – Blick in die Ausstellung im Landesmuseum. Alle Rechte vorbehalten.
Bild 2 – 4: ©Martin Blume – »Erinnerung«, »Gaskammer Krematorium« und »Blick zum Aschesee« – Alle Rechte vorbehalten.