Petra Wittmar: Medebach, 2009 – 2011

Am Anfang ist ein Weg. Eine Abbiegung ins Unbekannte, ein Strommast – durch das Bild schwingen sich Kabel, als bildeten dessen Bogen eine Eintrittstür in merkwürdig fremd anmutende, menschenleere Gefilde: Medebach. Das Dorf im Hochsauerland ist Heimatort der Fotografin Petra Wittmar, die sich in zwei umfangreichen Projekten mit dem kleinen Ort auseinander gesetzt hat. Ihre erste Serie, erarbeitet von 1979 bis 1984, zeigt neben dem öffentlichen Raum der Dorflandschaft mit seinen kleinstädtischen Versatzstücken auch private Räume der Menschen. Die zweite Medebach-Serie, die dreißig Jahre später von 2009 bis 2011 entstand und aktuell in der Photographischen Sammlung Köln gezeigt wird, ist ein eigenwilliges, in seiner Bildsprache gänzlich anderes Werk, das sich zunächst dem Betrachter zu entziehen scheint.

Auf den ersten Blick hat sich in den menschenleeren Panoramen des Dorfes wenig verändert. Petra Wittmar dokumentiert Stillstand, Leerstand, ohne Menschen; sie scheinen ihre Lebensspuren nur in den Alltagsgegenständen, zwischen Mülltonnen, Traktoren und Autos zu hinterlassen. Ein urban beeinflusstes Ortsbild wechselt sich mit Landschaftsbildern ab. Der leichte Dunst des Hochsauerlands verleiht den Fotografien ihre zarte, verhangene Farbigkeit; jenseits aller Postkartenästhetik ist das Teil des Konzepts, des nüchternen Blicks von Petra Wittmar. Mit dem zeitliche Abstand der beiden Projekte verbindet sich die physische Distanz der Betrachtung mit der Kamera: Diesmal gänzlich ohne Innenräume, ohne Hinweis auf persönliche Einsichten, entsteht in den Bildern Wittmars das Porträt eines Ortes, das in seiner Gesamtheit fast schmerzhaft sezierend wirkt. Dem Nebeneinander städtischer und dörflicher Baustile stellt Petra Wittmar ihren ähnlich unsentimentalen Blick in die Landschaft gegenüber: Im Zusammenspiel dieser höchst unterschiedlichen Perspektiven erschließt sich die Faszination der Fotoserie, deren über 40 Einzelwerke erst auf den zweiten Blick ihre Vieldeutigkeit offenbaren. Ihre Gesamtwirkung jenseits allen Beeindruckenwollens ist dabei so spröde und eigenwillig wie entdeckungsreich.

In den Bruchstellen der fotografischen Auseinandersetzung mit ihrer Heimat schafft Petra Wittmar zugleich Verbindungsstücke: Behutsam beobachtet stehen die Kleinst-Räume von Straßen, Höfen und Häuserfronten in einem leisen, unspektakulären Dialog mit der Landschaft, die sie umgibt. Als umlaufendes Band, in hellen Holzrahmen, in einem kabinettähnlichen Raum entsteht so aus der Bildsequenz mit ihrem forschenden Blick ein fesselndes Mosaik aus Einzel-Räumen. Sie sind Aufforderung, sich einzulassen: Auf die Abbildungen, die in ihren Details von überraschender Vielschichtigkeit sind. Auf den Ort Medebach, der Interpretations seines Bildes durch die Fotografin. In seiner poetischen Fragilität und Stille, die aus dem subtilen Zusammenspiel aus Bildern und deren Präsentation entsteht, lädt der Kabinett-Raum den Betrachter zu einer spannenden Exkursion ein, zu Entdeckungsreisen in eine Lebenswelt, einen abstrahierten Begriff von Heimat und zugleich fremd wie vertraut wirkendes Terrain.

Begleitend zur Ausstellung ist im Steidl-Verlag eine Publikation erschienen; die Medebach-Serie wird ergänzt von einem Gespräch der Fotografin Petra Wittmar mit Gabriele Conrath-Scholl, Leiterin der Photographischen Sammlung Köln.

Weiterführende Links:
Petra Wittmar, „Medebach, 2009 – 2011“   30.3. – 12.8.2012, 
Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln
Petra Wittmar im Netz

Seit 1986 arbeiten die Fotografen Petra Wittmar und Ulrich Deimel zusammen; ihre Architekturfotografie präsentieren sie auf der gemeinsamen Website.

Bilder: Medebach, 2009 – 2011 ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Petra Wittmar