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»klima kunst kultur« – Positionen zum Klimawandel

klimakunstkulturKlimawandel und Kultur? Klimawandel in der Kunst? Was auf den ersten Blick anachronistisch wirkt, entpuppt sich im Buch »Klima Kunst Kultur« des Steidl Verlags als überaus spannendes Projekt und Blick über den Tellerrand: Das von Menschen gemachte Phänomen wirkt sich nicht nur in Umweltveränderung und -zerstörung aus, sondern beeinflusst auch unsere Gesellschaft bis hin zu individuellen Lebensentwürfen zwischen Mobilität, Denkansätzen und Werten. Das schwer fassbare Thema beeinflusst auch Kultur und Kunst: Über die unterschiedliche Auseinandersetzung wird eher Abstraktes erfahrbar, sinnlich erfassbar und damit in seiner Bedeutung verständlich und vorstellbar.

Neben Essays und Interviews setzt »klima kunst kultur« auch auf Einblicke: Fotos lokaler Probleme – und die »story behind«, die Geschichte hinter den Bildern zeigen, wie verwundbar Menschen in ihrer ebenso verwundbaren individuellen Umgebung sind. Beeindruckend die Bildstrecke »Die Badenden« von Michael Tsegaye. Der bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts größte See in Äthiopien schrumpft kontinuierlich. Tsegaye zeigt eine verschwindende Welt in seinen Bildern; vergnügt plantschende Kinder in bräunlich-lehmfarbenem Wasser, synonym für die Farben des Malers auf seiner Leinwand. Was bei uns hierzulande eher Irritiation auslöst – aus Gewöhnung an ganz andere, klarere Gewässer und die Assoziation des lehmigen Wassers mit Verschmutzung – konfrontiert den Betrachter der Serie mit der einzigen, wirklich wichtigen Frage: Wie lange noch wird das Wasser des Sees überhaupt noch existieren?

Spannend auch Erika Blumenfelds »The Polar Project«. Schnee und Eis, als weiße Unendlichkeit und Nichtfarbigkeit visuell besetzt, entwickeln in diesem fotografischen Projekt ein beeindruckendes Eigenleben aus Formen und vor allem Farbigkeit. »The Polar Project« ist eine gekonnte Übersetzung physiologischer Wahrnehmung von Licht und Strukturen. Ihre feinen Nuancen zeigen, dass Helligkeit und weiße Leere mitnichten leer sind – sondern ein komplexes Gebilde aus Facetten, Verwerfungen und Reflexionen. Über diese Detailperspektiven der Polarwekt, entstanden im Queen Maud Land der Antarktis, wird über die Auseinandersetzung mit Physik, Physiologie und Ästhetik sichtbar und verständlich, welchen Bedeutung das Verschwinden der polaren Eiswelt hat.

33 Autoren, 33 unterschiedliche Arten der Annäherung an eines der größten Probleme unserer Zeit: 33 spannende Gründe, dieses Buch zu lesen.

»klima kunst kultur«, herausgegeben von Johannes Ebert und Andrea Zell für das Goethe-Institut, ist 2014 im Steidl Verlag erschienen und für 32,– € erhältlich. Mehr Informationen zum Buch (inklusive Einblick in die Publikation) auf der Website des Steidl Verlags.

David Hockney: Photoshop is boring

[vimeo]http://vimeo.com/57760362[/vimeo]A brillant video essay about the art of seeing as a concept of vision: British painter David Hockney, also known for his profund interest in photography, talks about contemporary photography, dull magazines and esthetics between pixels and bytes: „Photoshop is boring!“

Titelbilder, Smartphones und Holzweg-Debatten

“Photography is not about cameras, is not about technic … it’s about sharing: Sharing observations, perceptions and feelings of the world around me…”.

Ein Zitat von Peter Turnley, kürzlich in einem Video-Interview gehört – und das Titelbild der aktuellen Ausgabe des TIME Magazine: Zufallsfunde im Sozialen Netz, die einmal mehr Beleg für tiefgreifende Veränderungen im Bildjournalismus sind. Die mobilen Geräte sind dort angekommen und nicht mehr wegzudenken. Die Mehrzahl der Kollegen, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber – bis hin zu kompletter Ablehnung. „Da kann ja dann jeder …“ fangen ihre Sätze an. Und enden mit dem Beispiel des Kunden, der das Equipment gebuchter Photographen misstrauisch beäugt und die mögliche Qualität der Bilder vor allem an der Technik misst. Unschöner Beleg dafür sind die technischen Anforderungen, die neuerdings ein beliebtes Kapitel redaktioneller Briefings sind. „Mindestens xy Megapixel.“ als offene Ansage, sich unterhalb bestimmter Ausrüstung erst gar nicht um den Auftrag zu bemühen. Überflüssig auch zu erwähnen, dass große Kamerafirmen die Aufnahme in den Profiservice von der vorhandenen Ausrüstung (selbstverständlich nur die neuesten Pixelboliden und Linsen) abhängig machen.

„Damit wollen Sie Bilder machen?“ fragte mich vor einiger Zeit der Chefredakteur eines großen Magazins. Ich habe freundlich pariert: „Lassen Sie mich raten: Beim letzten Mal sind zwei Assistenten, drei Koffer Equipment, eine Visagistin und ein Photograph einen ganzen Tag lang beschäftigt gewesen.“ Kurzes Schweigen, verblüffte Bejahung. Zwei Stunden und einige Dutzend Bilder später saßen wir entspannt beim Wein, diskutierten über Kunst, Literatur und „42“. Ein entspannter Termin – mit einem DSLR-Gehäuse, zwei Objektiven und einem Faltaufheller. Zu Beginn war die Idee des Porträts; ich wollte hinter der gelegentlich als „schwierig“ beschriebenen Fassade den Menschen sichtbar zu machen. Im Umkehrschluss heißt das für mich: Zuviel Ausrüstung stört – die Spontanität, die Entdeckungsreise zum „Innenmenschen“, die Person vor der Kamera sowieso. Photographie ist Gedankenarbeit vorher, ist behutsame Annäherung während eines Termins, ist Pirsch und Jagd und Stierkampf und manchmal Drama. Aber immer Empathie und Emotion, kombiniert mit handwerklichem Können jenseits der Technik: Entscheidende Momente, frei nach Cartier-Bresson.

Auch dieses Bild ist mit dem iPhone entstanden. Auf dem Weg zu einem Termin, ohne „professionelle“ Kameraausrüstung. Eigentlich – denn: „The best camera is the one you have with you.“ Ein Zitat von Chase Jarvis, das an dieser Stelle bestens passt und indirekt den „Fehler im System“ unterstreicht. Seit dem Umstieg von analog auf digital diskutieren Photographen: Über Pixel, Ausrüstung, Prozessoren, Computer und Software. Über Bilder? Leider Fehlanzeige. Die einschlägigen Fotocommunities sind weitgehend männlich dominierte Plattformen zur Selbstbeweihräucherung – unter dem Motto „Klickst Du bei mir den Like-Button, klick ich ihn bei Dir.“. Fragen nach Bildern beziehen sich allerhöchstens auf verwendete Kamera, auf Verschlusszeiten und Blende. Immerhin ähnelt das den früheren Diskussionen in analogen Zeiten, nichts Neues an diesem Punkt. Allerhöchstens neu: Die mit Technik vollgepropften Kameras selbst im Consumerbereich, die selbst einem dressierten Äffchen noch ermöglichen würden, technisch einwandfreie Bilder zu produzieren. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Photographie bleibt dabei außen vor – unterstützt auch noch von zweifelhaften Entscheidungen wie die der photokina, auf die grandiose „Visual Gallery“ zu verzichten. Auf dem Tummelplatz der Pixelpeeper laufen dafür mit Riesenobjektiven Behängte durch die Hallen und drängeln sich vor aufgebauten Hightech-Kameras.

„Dann kann ja jeder …“. Ja. Jeder kann photographieren. Na und? Ein technisch einwandfreies Bild – oder auch ein geschickt als Kunst deklarierter Belichtungsunfall mit ein wenig nostalgischer Filtersoße – kann allerdings nicht darüber hinweg täuschen, was vielen Bildern fehlt: Emotionale Tiefe, eigenständige Bildsprache und Aussagekraft, individuelle und überzeugende Handschrift. All das war und ist nie eine Frage der Technik, sondern einzig des Photographen und seiner Wahrnehmung. Aus der Flut des „bland material“ (flapsig etwa mit „Knipsbilder“ zu übersetzen) heben sich auf Instagram im Smartphone-Kleinstformat unverkennbar jene heraus, die von Gefühlen und Gedanken ihrer Photographen erzählen. Das sind beileibe nicht nur Profis wie Richard Koci Hernandez, sondern auch viele Amateure – im besten Sinne dieses Wortes, das sich vom lateinischen „amare“, lieben, ableitet. Nicht nur, dass ich diese Unterscheidung in „Profi“ und „Amateur“ nicht mag; wievielen Profis ist die Liebe zu ihrem Beruf längst abhanden gekommen, aus den unterschiedlichsten Gründen? Technik hat mit diesen emotionalen Aspekten von Bildern rein gar nichts zu tun; im Gegenteil: Sie scheitert grandios an sich selbst – viele der als technisch perfekt empfundenen Bilder sorgen für einen einmaligen Wow-Effekt und sind schon bald vergessen. Darin liegt der wesentliche Unterschied zu vielen ikonographischen Werken der Photokunst: Nicht immer sind sie technisch perfekt, aber immer überzeugend in ihrer Schlichtheit, Prägnanz und Bildsprache – so wie die Bilder vieler zeitgenössischer Photographen, die im Gedächtnis haften bleiben.

Zeit für eine andere Diskussion also: Eine, die sich Inhalten widmet, anstelle in bloßer Ästhetikdebatte um Apps, Nostalgiefilter und Retro-Stil hängen zu bleiben. Losgelöst vom leidigen Holzweg der Technikfachsimpelei in Foren, Facebook-Gruppen und Mailinglisten als Debatte, die Photographen nicht nur ermöglicht, endlich wieder durch unsere Arbeit zu überzeugen und nicht durch eine gefühlte Tonne Ausrüstung. Nachdenken und Arbeiten an den eigenen Fähigkeiten der Wahrnehmung in Zeiten visueller Reizüberflutung, am handwerklichen Können, das auch ohne großes Technikbrimborium auskommt. Für überzeugende Bilder, die auch Redaktionen und andere Auftraggeber davon überzeugen, dass es komplett unsinnig ist, die Qualität von Bildern ausschließlich anhand des Kameraequipments zu definieren. iPhones und Kompaktkameras sind willkommene Denkanstöße inmitten der Unmengen beliebiger, formbarer Bilder: Die schlanke Ausrüstung ermöglicht spontane Photographie, im Sinne von Cartier Bresson das Festhalten des „entscheidenden Moments“, das irgendwo zwischen Pixelboliden und Hightechgedöns offenbar unbemerkt auf der Strecke geblieben ist. Und … nichts, rein gar nichts ist so existenziell für Photographen wie die Entwicklung einer individuellen, unverwechselbaren Handschrift. Denn wie ein amerikanischer Kollege und Freund kürzlich sagte: „Who is discussing the camera system if you have a killer portfolio?“ 

„For years, I have worked with bulky digital cameras, always mindful of the technical maneuvers from setting the shutter speed and aperture to editing and toning on a computer screen. In the last few years I have discovered that my iPhone has allowed me to capture scenes without feeling that I am once again on the job. To “point and shoot” has been a liberating experience. It has allowed me to rediscover the excitement of seeing imperfections and happy accidents rendered through the lens of my handheld device.“ schreibt Ben Lowy in seinem Blog über die wiederentdeckte photographische Freiheit. (Lowy war im Auftrag von TIME während des Hurrikans mit dem iPhone im Einsatz. Von ihm stammt auch das Titelbild der aktuellen Ausgabe.)

Weiterführende Links:

TIME Magazine: „Cover fo the new issue shot with iPhone and Hipstamatic“
TIME Magazineim Hipstamatic-Blog
Corbis: Video-Interview mit Peter Turnley
Lens-Blog/New York Times: „A Distinctive Voice on Instagram“ – Richard ‚Koci‘ Hernandez im Portrait
Photojournalismlinks: „Features and essays“ – fragt jemand nach der Kamera? 😉
Ben Lowy’s Tumblr: „iSee“
Forbes: „Why Time Magazine used Instagram to cover Hurricane Sandy“
Iphoggy-Bloggy: „It’s just, it’s just .. why do people dislike iphoneography so much?“
Die Equipmentliste von Nikon (als Voraussetzung zur Akkreditierung als Berufsfotograf) gibt es  hier, die AGB dazu hier.

Foto: „Strolling“, Köln, 25.10.2012 ©HeikeRost.com

Hurrikan Sandy: Medienturbulenzen mit Perspektive(n)

Hurrikan Sandy bleibt spannend, vor allem in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Journalismus und Photographie: Im Fokus der Berichterstattung sind vor allem die Schäden, die der heftige Sturm in New York und Umland hinterlassen hat. Auch auf Kuba, Haiti und in der Karibik hat Sandy eine Spur der Verwüstung mit Todesopfern hinterlassen; kurz zuvor wütete ein heftiger Tropensturm von den Philippinen bis nach Vietnam. In der Berichterstattung findet sich davon wenig bis nichts wieder. Tunnelblick? Sehen wir nur das, was wir sehen wollen? Frank Ochmann hat im STERN dazu kommentiert.

„In der linken Hand hält er ein iPhone4s in der rechten seine Spiegelreflexkamera. Fotos mache er oft mit beiden Geräten gleichzeitig, sagt er.“ So beschreibt Steffen Leidel auf lab die Arbeit des Fotograf Charles Dharapak, der für die Nachrichtenagentur AP den Tross von US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney begleitet. Für den mittlerweile verbreiteten Einsatz von Smartphones in der Berichterstattung gelten bei AP strenge Regeln: „AP pictures must always tell the truth. We do not alter or digitally manipulate the content of a photograph in any way. The content of a photograph must not be altered in Photoshop or by any other means.“ Mehr über den Umgang mit dieser Form des mobilen Bildjournalismus und den Möglichkeiten, Bilder zu verifizieren, bei Lab: „Nachrichtenagentur AP ‚ohne Filter'“.

Konrad Weber hat die spannendsten Reaktionen auf „Fälschung und Wahrheit“ zusammengetragen – mehr dazu als Storify-Zusammenfassung in seinem Blog. Über die vielfältigen Möglichkeiten der Überprüfung von Bildern und Informationen sei dazu auch Konrad Webers Beitrag „Wie ARD, BBC und CNN Inhalte aus dem Social Web verifizieren“ empfohlen.

Unabhängig von allen Debatten um Bildauthentizität wirft der zunehmende Einsatz von Smartphones in Kombination mit Bildvertrieb über die Plattformen des Sozialen Netzes viele interessante Fragen auf, vor allem die nach Vertrieb und Honorierung der Bildproduzenten. Dazu als kleine Erinnerung ein Rückblick auf den Fall Daniel Morel ./. AFP, der sehr anschaulich beschreibt, welche Schwierigkeiten der Weg über Soziale Plattformen birgt. Morel verbreitete Bilder der Erdbebenkatastrophe von Haiti via Twitter, die von AFP ohne Klärung und Honorierung des Fotografen weitervertrieben wurden. Eine Zusammenfassung der juristischen Auseinandersetzungen zwischen Fotograf und Agentur sowie der weiteren Entwicklung (inklusive AFP-Klage gegen Morel) gibt’s bei Photo District News.

Auf der inhaltlichen Ebene des Umgangs mit Bildern wird es ebenso spannend: Die Bildermassen via Social Web (siehe Hashtags #sandy und #hurricanesandy auf Instagram) sind ein Vielfaches dessen, was pro durchschnittlichem, katastrophenfreien Tag über den Bildschirm eines Bildredakteurs bei großen Magazinen flimmert. Rund 7000 bis 10000 Bilder sind normal, bei Katastrophen und anderen medialen Großereignissen ist die Zahl der zu sichtenden und auszuwählenden Bilder nach oben offen auf der Richterskala. Dass die Fülle an Bildern Kommunikation verändert, (Sprach)Grenzen überwinden kann, ist keine brandneue Erkenntnis: Für PR-Dienstleister gehören Pinterest, Instagram und Facebook zu den wichtigsten und erfolgreichsten Plattformen visueller Kommunikation. Facebook ist mit täglich rund 300 Millionen hochgeladener Bilder seiner Nutzer das größte Bildarchiv im Internet.

Bislang weitgehend undiskutierte Aspekte und zurück zur Anfangsfrage „Sehen wir nur, was wir sehen wollen?“: Sehen wir möglicherweise nur das, was wir sehen können?  Was nehmen wir inmitten des zu Sehenden noch wahr? Was können wir überhaupt an visuellen Eindrücken verarbeiten? Was sind unsere Maßstäbe des Umgangs mit Bildern, der Einordnung visueller Informationen? Wie verändert die Fülle an Bildern – ohne zunächst über deren visuelle Qualitäten und Überzeugungskraft zu befinden – Bildsprache und mediale Nutzung von Bildern? Welcher – möglicherweise neu zu definierenden – Regeln bedarf es im Umgang mit Bildern, die zwar Sprachgrenzen überwinden können, dafür andere Grenzen verletzen? Welche Anforderungen stellt das an den täglichen, professionellen Umgang mit Bildern, deren Wahrnehmung nicht unerheblich vom Kontext der Veröffentlichung(en) abhängig ist?

(…Fortsetzung folgt!)

Update: Das Titelbild des aktuellen Time Magazine ist mit einem iPhone aufgenommen worden.

 

Virale Fakes, „Frankenstorm“ und Instagram

Hurrikan Sandy  – und ein paar interessante Zahlen und Fakten aus bildjournalistischer Perspektive:

  • Instagram ist mittlerweile wichtiger, wenn nicht unverzichtbarer Kanal für Journalisten. Sekündlich werden 10 Bilder von Sandy auf die Plattform hochgeladen; unter dem Hashtag #sandy sind dort mittlerweile fast eine Viertelmillion Bilder zu finden. Mehr dazu gibt’s bei Poynter: „Instagram users are posting 10 Hurricane Sandy pictures every second“
  • Auf den Plattformen des Social Web kursieren zahlreiche Fälschungen. Grundsätzlich nichts Neues, dennoch wird ohne Faktencheck munter getwittert und gepostet, was das Zeug hält. Nicht immer sind die „instasnopes“ so offensichtlich wie das angebliche Foto einer Wirbelsturm-Wolkenformation über der Freiheitsstatue. Wie man Bilder mit Hilfe von z.B. Bildersuche via Google und Youtube erfolgreich verifizieren kann (und sollte!), hat The Atlantic sehr anschaulich beschrieben: „Instasnopes: Sorting the Real Sandy Photos from the Fakes“.
  • Mit Smartphone sind Ed Kashi (VII Photo), Michael Christopher BrownBen Lowy und Stephen Wilkes im Auftrag des TIME Magazins unterwegs – und nutzen Instagram, um ihre Bilder zu veröffentlichen. Einblicke bei Klick auf die verlinkten Namen (via Webstagram), ebenso das TIME Magazin.

Fazit: Instagram als Bildrecherchequelle und Informationskanal dürfte Twitter mittlerweile überrundet haben. Angesichts der Bilderfülle aus mitunter unklaren Quellen, ohne jegliche Informationen zu den Bildern ist Factchecking dringend nötig – aber auch ungemein spannend. Zumindest im Fall von „Lady Liberty“ inmitten dramatischer Wellen hilft auch ein trainiertes Bildgedächtnis weiter: Das Bild stammt aus dem Hollywood-Schinken „The Day After Tomorrow“.
Damon Winter sorgte mit seiner Afghanistan-Reportage (und der Auszeichnung bei „Pictures of The Year International“) 2011 noch für reichlich Entrüstung. Die Debatte, ob ein iPhone ein „angemessenes Werkzeug“ für professionelle Bildjournalisten ist, mag ich nicht mehr führen: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. (Und die einen im Zweifelsfall nicht daran hindert, schleunigst die Beine in die Hand zu nehmen.)

Update: Hashtag #sandy führt auf Instagram um 15.36h MEZ zu mittlerweile über 480.000 Bildern. Ein nicht unbeträchtlicher Teil hat allerdings mit dem Hurrikan wenig bis nichts zu tun. Beim Hashtag #hurricanesandy sind es mittlerweile knapp 304.000 Bilder.

Update: Ein weiteres Bild, das derzeit u.a. bei Facebook als aktuelle Luftaufnahme des „überfluteten Manhattan nach Sandy“ kursiert, ist eine Illustration – und wurde 2006 u.a. von Vanity Fair in einem Beitrag zum Thema „Erderwärmung“ veröffentlicht.

Update:  In der „Lightbox“ von Time gibt’s ebenfalls eine Reihe spannender iPhone-Fotos der Reporter zu sehen.

Steigeisen in der Eiger-Nordwand: Über Portraitphotographie

Yousuf Karsh, einer meiner Lieblingsphotographen, erzählte die Geschichte seines berühmten Portraits von Winston Churchill. Sie macht deutlich, worin die eigentliche Kunst eines Portraitphotographen besteht: In der gezielten Interaktion mit dem Menschen vor der Kamera. Nicht in perfekter Ausleuchtung, nicht in Studioatmosphäre und technischen Details, sondern einzig in der Verbindung zwischen zwei Menschen, die aus einer sorgfältig ausbalancierten Mischung aus Intimität, Humor, Empathie und gelegentlich einer Prise Respektlosigkeit besteht. Yousuf Karsh, der während des Portrait-Termins mit Winston Churchill einen freundlichen älteren Herren vor sich hatte, der partout nicht dem Bild des machtgewohnten, durchsetzungsfähigen Politikers entsprach, nahm den britischen Premierminister damals kurzerhand die Zigarre weg. Et voilà, der passende Gesichtsausdruck, kurz vor Schluß eines bis dato eher unspektakulär verlaufenen Termins.

Überzeugende Portraits sind nichts als ein Nebeneffekt einer starken, zwischenmenschlichen Verbindung zwischen Photograph und Portraitiertem. Dazu gehört nicht nur Einfühlungsvermögen, sondern auch eine gemeinsame Wellenlänge. Über knappe Regieanweisungen für Blickrichtungen, Kopf- und Körperhaltungen hinaus, selbst jenseits des bloßen Smalltalk: Mit vielen meiner Kunden führte ich unglaublich intensive Gespräche; bei einem Vorabtermin zum ersten Kennenlernen, genauso während des Photographierens. Oft sind neugierig-erstaunte Reaktionen auf meine eher spartanische Arbeitsweise der erste Einstieg: Ich setze selten mehr als zwei Objektive ein, immer natürliches Licht, oft mache ich nur wenige Aufnahmen. Am Anfang steht die Idee, geboren aus Gehirnarbeit, Wissen über die Person, Nachdenken. Auf dem Weg zum Porträt dann die Gespräche. „Steigeisen setzen in der Eiger-Nordwand“, so nenne ich das. Blindlings drauflospreschen bedeutet unweigerlich Absturz – ob am Berg oder beim Portrait. Meine „Steigeisen“ sind die Dialoge über alles mögliche, über Kunst und Kultur, Philosophie, über Zigarren und Rotwein, manchmal über witzige Erlebnisse. Beim Termin mit Alfred Brendel spielten ein Nobelhotel, dessen Klimaanlage und ein Kamel die entscheidende Rolle, bei Martha Argerich ihr magnetischer Blick, meine abgestreiften Schuhe und die gleiche Zigarettensorte. Mitunter auch eine Horde Maulwürfe, die den bevorzugten Golfplatz eines Managers völlig verwüstete: Erst seine düstere Miene machte das Bild zum überzeugenden Portrait.

Es ist immer wieder spannend für mich, welche Bandbreite sich in diesen Momenten ergeben kann. Im Gespräch und in dessen Widerhall in den Bildern. Von den ersten zögerlichen Schritte aufeinander zu, über das Abbröckeln der Distanz zwischen zwei Menschen bis zu einer manchmal für beide Seiten sehr überraschenden Nähe – alles ist möglich. Manchmal ist das Machtkampf, elegantes Fechtduell, düstere Erotik … auf Leben und Bild. Menschenkenntnis gehört dazu, die Fähigkeit, sich einzulassen auf andere, sich dem Gegenüber zu öffnen. Wissen über den Menschen vor der Kamera ebenfalls, über seinen Hintergrund, Hobbies, Vorlieben und Abneigungen. Kultur und Kultiviertheit, denn nichts langweilt so sehr wie unintelligente Gesprächspartner, die im Übermaß „keine Ahnung von nichts“ besitzen. Immer gehört auch eine Prise dessen dazu, was ich in übermütigen Momenten als „klarsichtige Anwandlung“ bezeichne, seit Jahren geübt, trainiert und vertieft, um mit dieser Fähigkeit angemessen umzugehen: Mein Gegenüber damit zu verblüffen ist einfach. Aber ein unsensibler Umgang damit kann Respektlosigkeit und Grenzüberschreitung sein, kann bedeuten, einen Menschen in die Enge zu treiben und zu entblößen. Schluss, aus, Ende – mit Vertrauen und Portraits. Sehe ich jemandem in die Augen, ins Gesicht, sehe ich oft im gleichen Moment ein Bild vor meinem inneren Auge. Dann reicht mir ein einziger Satz, mitunter nur ein Wort oder ein Blick, um aus Erkenntnis und Sicherheit heraus imaginäres Eis zu brechen. Und dann genügen einige wenige Bilder, weil „mehr“ schlicht überflüssig ist: Viermal auslösen, Joan. Punktum.

Die Kamera, die Ausrüstung sind Nebendarsteller – in äußerst untergeordneten Rollen. Immer. Und: Das muss so sein.

Weiterführende Links:
Yousuf Karsh im Netz
Yousuf Karsh: Das berühmte Churchill-Portrait
Lieblingsbilder: Alfred Brendels Kamel
Lieblingsbilder: Martha Argerich

Die Langfassung dieses Textes ist unter dem Titel „Mal eben Bilder machen – Irrtümer in Sachen Fotografie“ veröffentlicht worden: Universalcode – Journalismus im digitalen Zeitalter, erschienen 08/2011.

Notizen zur Photographie – Gedankenexperimente

Herbst. Zeit für photographische Experimente jenseits der hochtourigen Pixelperfektion in Technicolor. Seit einiger Zeit werden meine Bilder immer unbunter; monochromatisch, Ton in Ton, ob in Porträts oder Landschaften, immer öfter aber: Schwarzweiß. Mit ungewöhnlichen Optiken, mit Lochplatten, spartanischen Ein-Linsen-Systemen und Festbrennweiten ohne Autofokus und Elektronik, in Kombination mit DSLR-Kameras, obwohl ich in letzter Zeit wieder überraschend viel mit analogem Material experimentiert habe. Das Schreiben über Photographie und visuelle Kultur,  die intensive Beschäftigung mit photographischer Kunst, aber auch mit sehr weit reduzierter Technik, all das hat meine Sichtweisen und meine „visuelle Handschrift“ in den letzten Wochen und Monaten sehr verändert.

Was zu Beginn dieser Entwicklung in Briefinggesprächen mit Redaktionen, Unternehmen und Privatkunden für Überraschung und gelegentliche Irritation sorgte – „…wie bitte?“ in indigniertem Tonfall und Erwartung technisch mediokrer Bilder – wird zunehmend angenommen und geschätzt. Es mag an meiner bewussten Abkehr von technischer Perfektion, von beinharter Schärfe und Farbigkeit liegen, die zumindest für mich persönlich zu mehr Konzentration auf das eigentliche Bild führt – und das bereits im Entstehungsprozess eines Bildes. Alles ganz anders, ein ausbalanciertes Zusammenspiel von Kopf und Bauch, Handwerk und physischer Arbeit während des Photographierens: Kein Autofokus. Kein Zoom. Keine schnelle, bequeme Annäherung an das Objekt vor der Kamera, sondern körperliche Bewegung; gelegentlichen Muskelkater, verdreckte Jeans vom Herumturnen und -robben im Gelände inbegriffen.

Stattdessen: Konzentratiert hinschauen, suchen, beobachten, mitunter mit längeren Pausen zwischen den Bildern, der Idee auf der Spur. Mit Menschen reden, sich auf sie einlassen, der Nähe wegen. Womit ich nicht nur Nähe zur photographischen Idee oder mentale Nähe als Grundlage von Vertrauen in den Photographen meine, sondern auch die physische Distanz zwischen Kamera und Mensch. Alles zusammen könnte man Achtsamkeit nennen. Vielleicht neudeutsch auch „Entschleunigung“ oder ganz trendbewusst „Downgrading“. Ich mag dieses modisch akquirierte Wortklingeln aus dem Fundus des Marketingsprechs nicht. Es passt nicht zu Photographie, wie ich sie verstehe und täglich neu beginne. Zwischen Tür und Angel, in Zeitdruck und Hektik entstehen selten überzeugende Bilder. Selbst viele als „Schnappschüsse“ empfundene (und entstandene) Photographien, ob von Walker Evans, Cartier-Bresson oder David und Peter Turnley, sind das Ergebnis respektvoller Beobachtung und Wahrnehmung von Menschen, Situationen – und Licht: Das lässt Photographie erst zu ihren Betrachtern sprechen, macht sie faszinierend, magisch und berührend.

In der freiwilligen Einschränkung unerwartete Grenzen der Technik entdecken und akzeptieren – und sich mit handwerklichem Können die Grenzen zunutze machen – das heißt auch: Neuland finden, in der eigenen Bildsprache, Umsetzung und Konzeption. Manche Objektive entwickeln in Kombination mit der digitalen Kamera ein unkalkulierbares Eigenleben. Nicht immer zur Freude „meiner“ Redaktionen, die sich sowieso schon über meine Vorliebe zu formatfüllender Gestaltung ohne „Spielraum für Ausschnittvergrößerungen“ die Haare raufen. An jederzeit und immer produktionskompatible Bildlieferungen gewöhnt, ist das für manchen Bildredakteur mittlerweile eine ungewohnte, fast lästige Herausforderung. Unabhängig auf welcher Seite des Schreibtisches: In der Debatte um Auflösungen, Software, Farbräume und Pixel ist so manchem Bildwerker das Gespür für Bilder abhanden gekommen; zu Ungunsten photographischer Eigendynamik und Weiterentwicklung von Bildsprache – Artefakte, Unschärfe und Abbildungsfehler inklusive.

Entwicklung und Evolution auch in der Nachbereitung von Produktionen. Die persönlichen Nervenproben der analogen Vergangenheit zwischen Entwicklerverdünnungen, -zeiten und Zwei-Schalen-Experimenten beim Vergrößern sind mir in unschöner Erinnerung. Chemieorgien im Stockfinstern neben dem dauerorgelnden Filmtrockenschrank, Rotlicht und Fixierbadpanscherei sind glücklicherweise Geschichte. Während meiner Ausbildung haben mir die Photographie-Lehrer des Lette Vereins eine gewisse Mäkeligkeit in Sachen Schwarzweiß antrainiert, das ist geblieben und lebendiger denn je: Zeichnung in Lichtern und Tiefen muss sein – und zarte Graunuancen zwischendrin. Heute sind das Zauberkunststücke am Rechner, die als Vergrößerung vor ein paar Tagen einen meiner Laborausbilder verblüfften: „Was? DAS ist digitale Photographie??“ Nun ja, die Zeiten der Farbabrisse und Grauwert-Treppenstufen sind digitale Vergangenheit.

Je vielfältiger die Experimente, je intensiver die Beschäftigung damit, desto deutlicher formen sich die Einzelteile zu einem Ganzen: Die diesjährige photokina hat mich als Spielwiese der Pixelpeeper gründlich angeödet; technikverliebte Foren mit all ihren Kameravergleichen, weitgehend sinnfreien Pixelprotzereien und halbgaren Ästhetikdebatten sind mir zutiefst zuwider, grottenlangweilig sind sie obendrein. Programmautomatik, messerscharfe 16 Bit und Hightechspielzeug der neuesten Generation mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde, einem Maschinengewehr ähnlicher denn einer Kamera, das ist industrialisierte Wahrnehmung und mobilisiertes Sehen.  Grandios nutzlos ist all das auf dem Weg zu interessanter Photographie: Prozessorleistung und Auflösung spielen eine kleine, überschätzte Nebenrolle. Erst individuelle Sichtweisen, Gedanken und Gefühle des Menschen hinter der Kamera formen visuelle Kultur – und schaffen aus einem bloßen Abbild von Realität Bilder voller Strahlkraft und „Seele“.

Ob per Mail, Skype oder in ganz real in Berlin, Hamburg, München, in den vergangenen Monaten waren viele Begegnungen mit Kollegen prägend für mich: Diskussionen am Rande von Interviewterminen, über Arbeit und Sichtweisen, die Probleme mit einem schwierigen Markt ebenso wie über künstlerische Weiterentwicklung oder ästhetische Konzepte. Fast immer wurden daraus überraschend persönliche Gespräche, die mich zum Lachen und Nachdenken brachten, manchmal tief berührend, immer sehr inspirierend: Großartige Geschenke allesamt, ob intensive zehn Minuten oder ungeplante Plauderstunde. Peter Turnley bringt diese Momente auf den Punkt: „Photography is not about cameras, is not about technic … it’s about sharing: Sharing observations, perceptions and feelings of the world around me…“.

Dazu gehört auch die eher unbequeme Sicht von Clark Worswick, Dokumentarfilmer, Fotograf und Sammler von Photographie: „Most of today’s photographers know everything about technical processes and technics – but nothing about seeing.“* (Ich finde: Er hat Recht.)

*(„Die meisten zeitgenössischen Photographen wissen alles über technische Prozesse und Technik – aber nichts über das Sehen.“)

InstaHip und Co: Zukunft des Bildjournalismus?

Juli 2012: Das British Journal of Photography (BJP) berichtet über die geplante Gründung einer Stiftung für Photojournalismus – Hipstamatic will damit Bildjournalisten unterstützen, die mit Smartphones arbeiten. Eröffnung der nächsten Runde der Debatte über Apps und iPhones als Arbeitsgerät. Rückblende, November 2010: Damon Winters Afghanistan-Reportage wird in der New York Times veröffentlicht, nur wenig später wird die Serie preisgekrönt – beim renommierten „Picture of The Year International“. Bildjournalisten führen eine heftige Debatte: Professioneller Bildjournalismus mit dem iPhone? Mit einer populären App, die dem Fotografen keine Kontrolle über die eingesetzten Effekte und Filter gibt? Ist das überhaupt noch Fotojournalismus – oder künstlerische Interpretation jenseits aller Grenzen des Erlaubten?

Winter Meer

Winter, Meer und Stille.
(„Baltic II“ 2011, 70 x 42 cm, Diasec)

Musik im Ohr: Ketil Bjørnstad, Svante Henryson – „Visitor“ (aus dem Album „Night Song„, 2011)

„Mystery of mysteries, water and air are right there before us in the sea. Every time I view the sea, I feel a calming sense of security, as if visiting my ancestral home; I embark on a voyage of seeing.“ Hiroshi Sugimoto.