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Google-Bildersuche, Re-Design und Urheberrecht (01)

„Google hat offiziell ein Redesign seiner Bildersuche angekündigt. In Zukunft wird man nicht nur eine Liste von Thumbnails, sondern auch die Großbilder auf der eigenen Google-Seite anzeigen.“ Was sich auf den ersten Blick als komfortable, nutzerfreundliche Funktion anhört (und derzeit nur über .com erreichbar ist), hat gravierende Nachteile für Urheber und Website-Betreiber.

Eyeem – Konkurrenz für Instagram und Co.?

Schick sieht sie aus, die nicht mehr ganz so neue Oberfläche der App Eyeem. Nach der lautstarken Debatte um die neuen Nutzungsbedingungen von Instagram im Dezember vergangenen Jahres boomt die 2011 gegründete Plattform: Download- und Nutzerzahlen schnellten spürbar nach oben, auf Instagram verkündeten viele Nutzer ihren Wechsel zu Eyeem. Eine interessante Alternative zu Instagram ist die App allemal: Mit vielen Retrofiltern und Bilderrahmen bietet sie ähnliche Gestaltungsmöglichkeiten. Leider sind die angebotenen Spielzeuge hier wie dort gleichermaßen einschränkend, weil sich die Filter und Rahmen weder individuell anpassen noch dosieren lassen.

(Screenshot Eyeem: Links das Nutzerprofil, rechts die Einstellmöglichkeiten der App)

Die Abkehr vom „Zwang zum Quadrat“ eröffnet Smartphone-Knipsern wesentlich mehr Freiheit in der Gestaltung von Bildern: Alle Formate sind möglich, die Bilder werden im Nutzerprofil in einer optisch eleganten Komplettansicht zusammengefasst. Scrollen für den Überblick, Antippen für die vergrößerte Einzelansicht, ein Fingertipp auf das Herzchen beschert dem Bildautor einen „Like“-Klick, direkt nebendran führt der Tipp zum Kommentarfeld. Weitaus komfortabler als bei Instagram sind die Suchfunktionen der App: Nach Usernamen, Tags oder Themen, die Funktionalität lässt keine Wünsche offen für denjenigen, der gezielt nach ähnlichen Bildern suchen oder den wachsenden Bildbestand von Eyeem schlicht durchstöbern möchte.

Trending Topics, die dem Nutzer in wechselnden Alben angeboten werden, ergänzen das Angebot. Wer seine eigenen Bilder nicht nur via Tags auffindbar machen möchte, kann sie auch in Alben sortieren. Praktischer Weise klappt das auch noch nach dem Upload: ein deutlicher Zugewinn an Komfort im Vergleich mit anderen Fotosharingdiensten. Auch die Anbindung an andere Plattformen des Social Web (derzeit tumblr, Twitter, Facebook und Flickr) läuft störungsfrei. Meistens jedenfalls, denn der Ansturm auf Eyeem sorgte beim Testen für allerlei Stirnrunzeln: Offenbar überlastete Server führen gelegentlich zum Stottern des Dienstes – bis hin zur kompletten Zugriffsverweigerung schon beim Log-In.Empfehlenswert ist Eyeem erst ab iPhone 4S. Auf einem iPhone 3GS getestet, läuft die App zwar, aber nur extrem langsam und mit häufigen Abstürzen.

(Screenshot der App Eyeem: Links ein Blick auf „Lieblingsbilder“ – die Kollektion der „Likes“ – rechts die „Trendings“-Alben.)

Ein weiterer Pluspunkt für Eyeem: Profiländerungen und Bildbetrachtung, Tagging und Stöbern auf der Plattform, Kommentieren und Like-Klicks funktionieren nicht nur auf den Smartphones von Android über Apple bis Windows. Problemlos und komfortabel ist der Zugriff auf Bilder und Einstellungen auch über den heimischen Rechner und die Website von Eyeem, der Umweg über andere Dienste (wie z.B. webstagr.am oder instagrid.me für Instagram) entfällt.  Leider hat die schicke App auch gewisse Mängel: Neben den gelegentlich hakeligen Servern fehlen zwei wesentliche Funktionen, die zum Standard vieler Plattformen im Social Web gehören. Derzeit kann man weder das eigene Profil als „privat“ kennzeichnen noch uninteressante oder spammende Follower blockieren. Diese sinnvolle Alternative für Nutzer, die ihre Bilder durchaus öffentlich zeigen möchten, aber nicht jedem Follower spontane Sympathien entgegenbringen, fehlt leider ebenfalls.

Zukunftspotential hat Eyeem allemal. Ein Bericht von Standard.at legt allerdings eine gewisse Skepsis nahe: Zwar lesen sich die Nutzungsbedingungen weitaus angenehmer und akzeptabler als vieles, was im Web unter „Terms of Service“ kursiert. Aber auch Eyeem denkt über ein passendes Geschäftsmodell nach, einen Verkauf von usergenerierten Fotos inbegriffen. Severin Matusek, Community-Manager bei Eyeem, verspricht im Gespräch mit dem Standard: „Wir machen nichts mit den Fotos, was der Nutzer nicht will – und beteiligen ihn am Erlös.“ Das spricht – den recht entspannten Nutzungsbedingungen zum Trotz – auch bei Eyeem dafür, Bilder nur mit sichtbarem Wasserzeichen versehen hochzuladen. Auf die weitere Entwicklung darf man gespannt sein; Papier war geduldig, Websites und Internetwände sind es ebenfalls – und Erlösspannen bei netzbasierten Verkäufen von nutzergenerierten Inhalten sind äußerst variabel. (In manchen Fällen, beispielsweise angesichts von Umsatzbeteiligungen von maximal 20 bis 25% für den Nutzer, ist „variabel“ übrigens eine höfliche Umschreibung von „indiskutabel“.)

Weiterführende Links zum Thema:

Eyeem – die Website zur App.
„Eyeem sagt Instagram und Co. den Kampf an“ (Standard.at, 29.12.2012)
„Instagram & Co: Viel Lärm um wenig“ (Blog HeikeRost.com, 18.12.2012, Zusammenfassung der Debatte und Spielregeln für den Umgang mit Bildern im Netz. Weiterführende Links im Blogpost)
Instacanv.as und seine interessanten Margen für nutzergenerierte Inhalte.

Instagram & Co: Viel Lärm um wenig …

Shitstörmchen zur Vorweihnachtszeit: „Instagram verkauft Eure Bilder!“ bewegt gerade die Gemüter. Ab 16. Januar gelten auf der beliebten Plattform neue Nutzungsbedingungen; aus der recht umständlichen und missverständlichen Formulierung könnte man den Schluss ziehen: Instagram verkauft die eingestellten Nutzerbilder an Dritte – ohne Rücksprache mit den Urhebern und ohne deren Beteiligung an den erzielten Erlösen. Die Reaktionen auf viele ähnlich lautende Artikel sind unterschiedlich und bewegen sich von „ich warte ab“ bis zur erbosten Löschung kompletter Accounts. Nachdem mich im Lauf des Tages viele Anfragen von Kollegen erreichten, die entweder selbst einen Instagram-Account haben oder wissen, dass ich die Plattform nutze, habe ich meine persönlichen, wesentlichen Grundregeln im Umgang mit Bildern im Sozialen Netz hier kurz zusammengefasst.

Bis auf die geteilte Reaktion eines amerikanischen Kollegen habe ich die Inhalte meines Instagram-Accounts vorläufig entfernt. Was beileibe nicht heißt, dass ich mein Nutzerkonto dort löschen werde; meinen Namen „Lichtmalerin“ möchte ich gerne behalten. Und ich werde Instagram voraussichtlich weiter nutzen. Ähnlich wie in der Vergangenheit mit einer Mischung aus Smartphone-Bildern und gelegentlich eingestreuten, gekennzeichneten DSLR-Fotos. Ohne historisierende Filterpatina, deren fehlende Steuerung mir nach ein paar Versuchen ihre Anwendung gründlich verleidet hat. Künftig werde ich allerdings meine Instagram-Schnappschüsse durchgehend mit einem sichtbaren Wasserzeichen versehen, das auf ihre Herkunft und rechtliche Einordnung hinweist. Mit der kostenpflichtigen App Filterstorm ist das unsperrig und schnell erledigt, sie bietet dafür eine große Auswahl unterschiedlicher Schrifttypen, deren Größe, Helligkeit, Farbe und Position im Bild beliebig gestaltet werden kann. Ein wenig unflexibler, aber dennoch brauchbar ist die App typogram: Texte bis zu 300 Zeichen sind möglich und ausreichend, die Schriftgröße ist variabel. Zwar bieten Wasserzeichen keine 100%-Garantie, sind aber ein deutlicher Hinweis auf Klärungsbedarf. Nützlich für alle Fotos im Internet, insbesondere auf den Plattformen des Social Web: In vielen Fällen – so wie bei Facebook – werden ins Bild eingebettete Informationen zwar teilweise übernommen, aber beim Up- oder Download automatisch und restlos entfernt. Bis auf das sichtbare Wasserzeichen; Grund genug, eventuelles Genörgel wie „…das stört dann doch!“ konsequent zu überhören.

Eine Plattform ist eine Plattform ist eine Plattform – und kein „Teufelszeug“, wie das so manche mindestens ablehnende Reaktion vermuten lässt. Viele Fotografen und Bildjournalisten sehen das ähnlich. Sie sind zunehmend auch auf Instagram mit ihren Bildern präsent, betrachten das als willkommenen zusätzlichen Kanal für ihr Eigenmarketing und heben sich aus der Masse der Knipsbildchen mit nostalgischer Filtersoße erkennbar ab. Für mich weitere Gründe, auf Instagram zu bleiben und ein paar Spielregeln hinsichtlich der eigenen Inhalte zu beachten. Dazu gehört auch das Thema „Auflösung“; 815 Pixel beträgt die Breite des Facebook-Titelbilds, eine gute Orientierung ist dieses Maß allemal – und mehr als 72 dpi gehören sowieso nicht ins Netz! Bei der Reduzierung der Bilddaten leistungsfähiger Smartphone-Kameras auf netzgerechte Maße helfen digitale Nützlinge wie Filterstorm, Snapseed, Photoforge2. Typogram spielt dabei eine indirekte Rolle: Das Bildformat dieser App ist ebenfalls quadratisch. Unabhängig von der Originalgröße wird das Bild beim Abspeichern automatisch auf 640×640 Pixel und 72 dpi reduziert.

Was die von vielen Nutzern sehr offensiv kritisierten Rechteabtretungen betrifft: Dazu empfehle ich an dieser Stelle, einen Blick in die Nutzungsbedingungen anderer Anbieter zu werfen. Ob Tumblr, Posterous, Instagram, Facebook oder auch das weit verbreitete WordPress: Wer bei externen Plattformen Inhalte einstellt, akzeptiert mit der Anmeldung dort auch deren „Terms of Service“. Sie unterscheiden sich meist nur marginal voneinander. Hakelig und uneindeutig sind sie allesamt, Durchgriff auf Inhalte zur Eigenwerbung des jeweiligen Anbieters und haftungsrechtliche Fragen bei Verletzung der Rechte Dritter inbegriffen. Dagegen hilft nur digitale Abstinenz von den jeweiligen Spielwiesen des Social Web. Die für mich intelligenteste Alternative ist immer noch die eigene Webpräsenz, ob als Website, Blog oder beides, entweder bei einem zuverlässigen Provider oder selbst gehostet. Das setzt je nach Machart (z.B. Selbstbau oder externer Dienstleister) einige technische Kenntnisse voraus, lässt sich aber durchaus bewerkstelligen. Von dort aus lassen sich eigene Inhalte via Verlinkung transportieren und sorgen auf diese Weise für Zugriffszahlen auf der eigenen Website oder im Blog.

P.S: „Instagram könnte zur größten Bildagentur der Welt“ aufsteigen, fabulierten unterschiedliche Quellen. Dem steht einiges entgegen: Die hohe Anzahl privater Schnappschüsse, die für Veröffentlichungen eher unbrauchbar sein dürften. Die schiere Menge des Bildmaterials, die zu bewältigen ist. Eine Suche via Hashtag ist nicht immer zielführend: #Sandy führt beispielsweise nicht allein zu Bildern des gleichnamigen Hurrikans, sondern auch zu zahlreichen Nagelstudios, Klamottenlädern und Kinderfotos. Die Rechte abgebildeter Personen: Ohne deren Zustimmung keine werbliche Nutzung, anderenfalls kann das ziemlich fix ziemlich teuer werden (…was so ziemlich überall auf diesem Planeten in Variationen gilt).

P.S.P.S. Die für mich wichtigste und ganz undigitale Regel für alle geposteten Fotos heißt immer noch: Vor dem Posten nachdenken – über die aufgezählten Aspekte ebenso wie über die Frage, ob und welcher Form man seine eigenen Bilder vermarkten möchte. Und darüber, dass fast nichts wirklich kostenlos ist. Die Währung ist halt nicht immer Geld.

Weiterführende Links:

Die Nutzungsbedingungen von Instagram
Allfacebook.de – ein wenig unaufgeregter zum Netzgetöse.
Thomas Cloer in der Computerwoche
Für alle, die ihr Instagram-Nutzerkonto löschen möchten:
Wired erklärt, wie man vorher mit Instaport alle Bilder herunterladen kann.

Lightbox/Time: Reaktionen von Bildjournalisten auf die ToS (u.a. Ben Lowy, Ed Kashi und Peter van Agdmael/Magnum – ebenfalls auf Instagram vertreten)
„I’m taking down every photo which is not properly watermarked“ (JC Ruiz, photographer, on his blog)

Ausführliche Erläuterung der neuen ToS bei TheVerge
Recht2.0 zu den neuen ToS von Instagram

Gehen oder bleiben? Misho Baranovic mit weiteren Infos, u.a. zu Alternativen.

Urheberdialog im Überblick

Urheberrecht und kein Ende: In einer überwiegend lautstark geführten Debatte haben sich zunehmend Künstler und Autoren zu Wort gemeldet, die meisten politischen Parteien eigene Positionspapiere zum Thema veröffentlicht. Nach viel Kritik an ihren Positionen hat die Piratenpartei im Juni das Gespräch mit Urhebern gesucht; eine Zusammenstellung von Links (weiterführende Informationen zum Teil in den verlinkten Beiträgen!) anbei – wie immer ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

Linksammlung Leistungsschutzrecht

Seit kurzem öffentlich: Der Referentenentwurf zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Überwiegend netzpolitische Aufgeregtheit über einen bloßen Entwurf, der Twitter-Hashtag #LSR liefert einen Überblick auf die hochtourige Debatte. Aus aktuellen Gründen anbei eine unkommentierte Linksammlung zum Stichwort.

In eigener Sache: Wie immer ist diese Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Alles tatsächlich gelesen und für empfehlenswert befunden, bei Bedarf wird aktualisiert. Im Sinne der Debatte gehört dazu auch der Verzicht auf bloße Polemik und übermäßiges Getöse – ebenso wie auf Eigenwerbung politischer Gruppierungen. 😉

Musik, Petrucciani und Urheberrecht

Über die wunderbare Begegnung mit Michel Petrucciani hatte ich schon einmal geschrieben. Dass solche Begegnungen ganz nebenbei, mit jahrelanger Verzögerung und darüber hinaus in einem ganz aktuellen Kontext ein ungewöhnliches Eigenleben entwickeln, steht auf einem anderen Blatt: Mitten zwischen Kommentaren und Lektüre zum Thema Urheberrecht erreichte mich die EMail eines Musikers. Tommaso Starrace, Saxofonist, arbeitet derzeit an einer neuen CD mit Musik von Michel Petrucciani. Auf der Suche nach Bildern stieß der Fotografie-Fan dann auf das Porträt des Pianisten. Starrace, der bereits eine CD dem Fotografen Elliott Erwitt widmete, zögerte nicht lange. Und fragte per EMail bei mir nach, ob es eine Möglichkeit gäbe, das Bild für sein neues Album zu nutzen – wenn ja, zu welchen Konditionen.

Daraus entwickelte sich ein interessanter und unterhaltsamer Dialog, der gleich mehrere Fakten belegt: Urheberrecht ist zu allererst eine Frage des Respekts. Dessen, der die Arbeit eines anderen für sich selbst  nutzen möchte – und höflich nachfragt, anstatt sich des Bildes einfach zu bedienen. Dessen, der ein faires Angebot macht für eine Nutzung. Und eine Frage des Honorars. Jeder, der im Kulturbereich tätig ist, weiß: Viele Projekte sind entweder mit kleinen Budgets oder auf eigenes Risiko der Künstler finanziert. Er weiß aber auch: Kreative verdienen mit ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt. Dank Internet gab es nie bessere Möglichkeiten, direkt mit Urhebern in Kontakt zu treten. Auch das belegt diese Geschichte, bei der mir übrigens Respekt ebenso wichtig war.

Gerade weil die derzeitige Diskussion um das Urheberrecht geprägt ist von Aggression, Extrempositionen, merkwürdigen Argumenten und zum Teil üblen Beschimpfungen, habe ich Tommaso Starrace um seine Zustimmung zu diesem Beitrag gebeten. Ausdrücklich mit Namensnennung: Denn gegenseitiger Respekt für kreative Leistungen sollte selbstverständlich sein. Insofern hat diese Geschichte es nicht verdient, in anonymisierter Form erzählt zu werden.

Mehr über Tommaso Starrace auf seiner Website.

Kleine Hitliste substanzfreier Argumente in Sachen Urheberrecht

Rege Diskussionen und interessante Beiträge zu Blogposts freuen mich grundsätzlich; keine Chance haben allerdings Trolle und sonstige manierenfreie Zeitgenossen (im Gegensatz zu anderen Meinungen).  Aus aktuellem Anlass ein Zitat dem Impressum dieser Website: „P.S. Die Kommentare zu einzelnen Artikeln werden moderiert: Bitte bleiben Sie in Ihren Beiträgen beim Thema. Ich lege Wert auf einen freundlichen, entspannten und sachlichen Umgangston, daher werden persönliche Angriffe oder Beleidigungen gelöscht.“ Anbei ein kleines Ranking der hübschesten Beiträge zu einer Debatte in Sachen Urheberrecht, hier und anderswo gepostet:

Platz 5: „Ihre Bilder sind kompletter Schrott. Knipsbildchen ist da viel zu freundlich.“ (Formulierung um einige unflätige Formulierungen erleichtert, Anm. d. Verf.) Schon die alten Römer stellten die Sinnlosigkeit von Debatten über Geschmacksfragen fest. „De gustibus non est disputandum.“ Kommentarlos gelöscht.

Platz 4: „Ihre Preise sind völlig daneben. Sowieso im Vergleich zu arbeitenden Menschen. Suchen Sie sich eine anständige Arbeit.“ (Formulierung ebenfalls um unangemessene Formulierungen erleichtert, Anm. d. Verf.) Schon klar: Das Leben eines Lichtbildkünstlers besteht aus Sex, Drogen und Rock’n Roll. Offenbar hat der Verfasser den dazugehörigen Beitrag nicht gelesen, die Infografiken nicht gesehen – und beides zusammen nicht verstanden. Kommentar kommentarlos gelöscht.

Platz 3: „Ein Knipser, der erstmal Bilder ins Netz stellt und dann abmahnt, begeht offensichtlich geplanten Betrug. So einer gehört in den Knast oder dahin, wo er mal so richtig arbeiten muss anstelle zu unverschämt schmarotzen.“ Gepostet hier im Blog, wörtlich zitiert – und wegen grober Unhöflichkeit in Kombination mit Substanzfreiheit kommentarlos gelöscht.

Platz 2: „Wenn ein Fotograf in Deutschland Honorare nachfordern darf, dann sollte man ihn dazu zwingen, auch in Russland und China zu klagen.“ Interessante Perspektive, in der Tat, zitiert aus den unzähligen Kommentaren zu einem Beitrag von SpOn. Einen winzigen Einblick, sozusagen ein klitzekleines Streiflicht auf internationales Urheberrecht und damit verbundene Probleme gibt es hier.

Platz 1: „Solange die fotocommunity nicht in der Lage ist, Bilder gegen Screenshots zu schützen, darf man da halt keine Bilder einstellen.“ Gefunden bei Facebook; der Kommentator schrieb tatsächlich „screenshots“. (Get a brain, dude. Weitere Kommentare erübrigen sich.)

Urheberrechtsdebatten, Bewusstsein und dämliche Argumente

Aktuelle Auseinandersetzungen zwischen Bloggern und Fotografen haben oft interessante Nebeneffekte: In der entstehenden Diskussion werden zum Teil haarsträubende Argumente angeführt, die von ebensoviel Unkenntnis der Berufspraxis und Rechtsgrundlagen zeugen wie von grenzenloser Respektlosigkeit und komplett fehlendem Unrechtsbewusstsein. Die tausendfache Veröffentlichung mache ein Bild zum Allgemeingut, das Eigentum sei damit perdu, denn „Alle machen das doch.“ Es wäre ähnlich dämlich, würde ich behaupten: Eine einzelne, derbe Ohrfeige ist Körperverletzung, zwanzig davon sind lediglich sportliches Training. Auch die Feststellung, man könne immaterielle Güter sprich Rechte überhaupt nicht stehlen, ist jenseits aller praktischen Intelligenz. Mit der unberechtigten, unentgeltlichen Nutzung eines Textes oder Bildes wird dessen Autor auf illegale und unlautere Weise um sein Honorar gebracht; das gilt sowohl für die illegale Veröffentlichung als auch wie für weitere Verwertungen des Werkes durch den Urheber, der auf die Monetarisierung seiner Arbeit angewiesen ist.

Mit Abstand ärgerlichstes Argument war allerdings die Behauptung, zur Erzeugung immaterieller Güter (wozu in digitalen Zeiten auch Bilddaten gehören) seien weder Rohstoffe noch Produktionsmittel nötig. Das ist kompletter Stuss; dazu ein paar Erläuterungen aus meiner Berufspraxis als Fotografin: DSLR-Systemkameras mit Vollformat-Sensoren gehören wie für digitale Nutzung optimierte Objektive zur Basisausstattung. Ergänzt werden muss dieses Equipment durch leistungsfähige Soft- und Hardware zur Verarbeitung und Datensicherung; RAW-Daten, die quasi das Original darstellen, benötigen immensen Speicherplatz im Terabyte-Bereich. Ganz zu schweigen von Kosten für entsprechende Fortbildung in unterschiedlichen Bereichen des Berufs; dazu gehört übrigens auch die Arbeitszeit, die für „Selbststudium“ aufgewendet wird. Bildagenturen stellen an Fotografen hohe Ausrüstungsanforderungen: Kein Vollformatsensor? Das ist bei den meisten Auftraggebern ein Killerkriterium und bedeutet: Keine Chance auf Aufträge.

Die Halbwertszeiten des kompletten Kameraequipments liegen ungefähr bei  2 – 3 Jahren bis zur nächsten Generation der Pixelboliden. Bei Soft- und Hardware sind diese Abstände unter Umständen wesentlich kürzer; mitunter vergehen nur ein paar Monate bis zum nächsten kostenintensiven Upgrade. Dazu kommen abstruse Firmenrichtlinien von Kamera-Herstellern, die eine Mindestausstattung mit dem neuesten Equipment fordern: Die Aufnahme in die Professional Services wird ohne entsprechende Ausrüstung schlicht abgelehnt oder bislang akkreditierte Fotografen werden aus dem Service gestrichen. Diese Profibetreuung ist übrigens kein Luxusschnickschnack, sondern notwendige Arbeitsunterstützung; neben turnusmäßigen Wartungsarbeiten ermöglicht das im Schadenfall neben schnellen Reparaturzeiten auch entsprechendes Leihequipment. Längere Ausfallzeiten wegen defekter Geräte kann sich kein Profi leisten.

All das muss durch Honorare erst einmal erwirtschaftet und refinanziert werden – zuzüglich anderer Kosten wie Miete, soziale Absicherung, Versicherungen, Lebensunterhalt. Welche unterschiedlichen Arbeitsanteile Fotografen tatsächlich haben, ermittelten vor einiger Zeit die Kollegen der „International Society of Professional Wedding Photographers“ in einer Studie. Die anschaulichen Infografiken und deren Aussagen lassen sich problemlos auch auf andere Berufe wie z.B. freie Journalisten übertragen und verdeutlichen, warum der Begriff des Diebstahls durchaus angebracht ist: Der Urheber wird – ob qua Verlags-AGB, Total-Buy-Out-Klauseln in Autorenverträgen oder schlichten Rechteklau aka „rights grabbing“ um den Erlös aus seinem Werk gebracht. Und so wird aus einem immateriellen, gefühlt „nicht vorhandener“ Schaden ein handfester wirtschaftlicher Schaden für den einzelnen Urheber.

Weiterführende Links (mit der ausdrücklichen Empfehlung, auch die Kommentare zu lesen!):