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Von Zeichen und Sein: Strawalde

Strawalde ©HeikeRost.com 1992 - All rights reserved.
Damals, in Paris: Im weitläufigen Foyer der Galerie „Le Monde de l’Art“ zieht Zigarrenrauch durch die Luft. Ein Hauch von Terpentin und Ölfarben mischt sich mit Stadtluft und Rauch zu einer merkwürdigen Mischung. Leises Wischen eines Pinsels, er klatscht unvermittelt farbspritzend auf den Papierbogen. Schwarze Schriftzeichen wie aus einer fremdartigen Sprache reihen sich aneinander. Ihr Echo verhallt zwischen der Bögen der geschwungenen Treppe. „Hör zu, hörst Du?“, murmelt Strawalde, der auf dem Boden kniet, die Zigarre zwischen die Lippen geklemmt, „Hörst Du, wie sich alles miteinander unterhält?“

Jahre später, ein Ausschnitt des Films „Gebrochene Glut“: Eine Tasse, auf dem Spiegel des Lotostees schwimmen Luftblasen. Jürgen Böttcher filmt, staunend über eine fantastische Welt der kleinen Wunder: „Schau, das ist wie Atmen. Man versteht es – und versteht es zugleich nicht.“ Und singt leise. Es ist das Licht, was ihn fasziniert. Die intensive Verbindung von Gesehenem, Geträumten, Erlebtem und Erdachten, die erst zu Wahrnehmung wird, aus der Strawaldes ebenso intensive Bilder entspringen, ob auf der Leinwand, auf Papierbögen – oder in seinen Dokumentarfilmen. Echtheit ist es, die ihn inspiriert: „Aufmerksam werden, bewusst werden, von Dingen und Menschen, die sind. Nicht nur erleben. Begegnen!“ Und noch viel mehr, aus der Summe von Träumen, Reflexion und Stofflichkeit wird für Strawalde ein Bild: „Sein! Im Tautropfen die ganze Welt!“. Klatschend schlägt er den Pinsel auf die Leinwand, das Geräusch vereint sich mit dem Rhythmus der Musik von Charlie Parker und Duke Ellington.

Paris, 1992. Ich sitze auf der großen Treppe in der Rue du Paradis. Beobachte. Höre zu. Der Stille, dem leisen Schleifen und dem Klang des Pinsels auf Papier und Leinwand. Zeit? Spielt keine Rolle, in diesem Moment. Die Schriftzeichen, der Mann mit der Zigarre. Er lächelt versonnen vor sich hin, summt, Fragmente von Melodien: Johann Sebastian Bach … und murmelt ein Wort. Es schwebt durch die Stille: „Phantastisch!“, raschelt durch die Halle, schwebt wie eine Seifenblase, verklingt mit leisem Zischeln. Nur wenige Bilder habe ich damals von Strawalde gemacht. Es war so, als störe meine unmerkliche Bewegung: Die Selbstversunkenheit des Künstlers, unseren Dialog jenseits der Worte, sogar das Fließen der Zeit selbst. „Weil Du genau darüber redest, was ich eigentlich fragen würde“ sagt Filmemacher Hans-Dieter Grabe viel später in seinem Film zu dem Freund, zu Jürgen Böttcher.

Überhaupt, die Bilder, überall und allgegenwärtig: „Sie sind eigenständige Wesen, sie trösten mich und schenken mir etwas“ sagt Strawalde im Film. Vielleicht ist dieser Gedanke dem größten Geheimnis der Kunst am nächsten: Dass man mitunter nur durch sein Werk spricht – und existiert. Jenseits aller Worte, jenseits aller rationalen Welt und ihrer Erklärbarkeit. „Als ob man ein Fenster aufmacht. Das ist Reichtum.“ Der Künstler erzählt: Von einem Spaziergang, traurig und allein. Von den kleinen Nachrichten unterwegs, für den, der hören kann; im Gesang einer Amsel vergeht alle Trauer, wird Strawaldes Glücksmoment.

April 2008, Morgendämmerung im nebelfeuchten Garten, barfuß, vor dem Fenster singt ein Zaunkönig. Gedanken wurden Bilder, damals in meinem Notizbuch:
Winziger Vogel
huscht durch knospenden Garten
gewaltig das Lied.

Weiterführende Links:

Hans-Dieter Grabe, Dokumentarfilmer
„Gebrochene Glut“ – der Film von Hans-Dieter Grabe über Strawalde alias Jürgen Böttcher
Jürgen Böttcher alias Strawalde, Dokumentarfilmer und Maler (Wikipedia)
Strawalde im Netz – Website
Das Kulturmagazin „Kubus“: Ein Kurzporträt von Jürgen Böttcher alias Strawalde (Video, ca. 15 Minuten)

Universelle Sprache Gesicht

“We only have one universal language and that’s the human face. Look at the next strange face you see and behind those eyes there is a whole life.”

Eins meiner Lieblingszitate aus der Geschichte der Photographie ist diese Aussage der amerikanischen Dokumentarphotographin Dorothea Lange. In einer Debatte erklärte mir kürzlich eine Kollegin: „Wie langweilig – diesen alten Mist will doch keiner mehr hören, das ist doch alles völlig überholt!“ Sie meinte das völlig ernst; ich habe ihr widersprochen,  aus Überzeugung. Denn wer sich mit Photographie beschäftigt, mit Gestaltung und Bildsprache, muss mehr kennen als nur Funktionsweisen von Kameras und Rechnern.

Zur Tiefe und Überzeugungskraft von Bildern gehört für mich – untrennbar – der Rückblick in die Geschichte der Photographie. Der Umgang mit Licht und Schatten ist nur eine winzige Facette, ein Druck auf den Auslöser und der Sekundenbruchteil  der Belichtung sind bloße Technik. Viel wichtiger sind die Photographen, deren Persönlichkeit, Haltung und individuelle Sichtweisen existenziell sind und damit bloße Abbilder von Realität zu denjenigen Bildern machen, die uns ärgern, zum Lachen oder Weinen bringen, bewegen und berühren.

Und was die universelle Sprache angeht: Dazu gehören auch die Linien und Falten in einem Gesicht. Sie erzählen Geschichten von Humor, Liebe, Ängsten und Scheitern, eine komplette Biographie. Mit Toleranz, Respekt und Blick auf den individuellen Menschen ist das eine zutiefst humanistische Perspektive. Und Grund, warum ich Porträtphotographin bin.

Weiterführende Links: 

Die Sammlung Dorothea Lange des Oakland Museum of California.

Martha Argerich 2009 – ©HeikeRost.com – Alle Rechte vorbehalten.

Begegnungen: Spuren

Interessante photographische Perspektiven für mich: Der menschliche Körper, der oft den Beruf widerspiegelt, physische Tätigkeit, die sich in sichtbaren Spuren niederschlägt. Ich denke dabei an Narben, an die Form von Händen, Fingern oder Füßen, an Hornhaut – oder an Muskeln. Ein Bild voller Energie und Kraft: Der Rücken des Tänzers und Choreographen Ismael Ivo während einer Performance.

Photographie: ©HeikeRost.com, 1996 – Alle Rechte vorbehalten.

Begegnungen: Ismael Ivo

„Ich lasse den Bewegungen in mir ihr eigenes Leben. Ich weiß nicht, von welchem Fuß, welcher Hand, von wo die Bewegung kommt. Ich stelle meinen Körper zur Verfügung, dass die Ideen und die Bewegungen agieren. Dann bin ich wieder bei meinen Wurzeln.“ beschrieb der Tänzer und Choreograph Ismael Ivo seine Ausdrucksform.
Warten auf der Bühne, bei den Proben zu einer Tanzperformance: Ismael Ivo, 1996 – ©HeikeRost.com (Alle Rechte vorbehalten.)

Joan

Am Anfang war ihr Gesicht: Schmal, mit blasser Haut, das rötlich blonde Haar zu einem schlichten Zopf zusammen gebunden. Blaugraue, wache Augen mit klarem, beobachtenden Blick. Ein paar Stunden und kurze, aber intensive Gesprächsmomente später dann meine Kamera und ich: Drei Fotografien, zwei Lieblingsbilder, dieses hier ist eines davon – wegen der stillen Würde, die Joan ausstrahlt.

In the beginning I saw her face: Slim, with fair skin, her hair tied in a braid. Her eyes, somewhere between blue and grey, with scrutiny. A couple of hours later, after some short but intense moments of conversation, I asked her if I could take some portraits. My camera and me: Three photographs taken, two of them my favorites, this is one of them – Joan and her charismatic aura, which means dignity and respect to me.

Musik, Petrucciani und Urheberrecht

Über die wunderbare Begegnung mit Michel Petrucciani hatte ich schon einmal geschrieben. Dass solche Begegnungen ganz nebenbei, mit jahrelanger Verzögerung und darüber hinaus in einem ganz aktuellen Kontext ein ungewöhnliches Eigenleben entwickeln, steht auf einem anderen Blatt: Mitten zwischen Kommentaren und Lektüre zum Thema Urheberrecht erreichte mich die EMail eines Musikers. Tommaso Starrace, Saxofonist, arbeitet derzeit an einer neuen CD mit Musik von Michel Petrucciani. Auf der Suche nach Bildern stieß der Fotografie-Fan dann auf das Porträt des Pianisten. Starrace, der bereits eine CD dem Fotografen Elliott Erwitt widmete, zögerte nicht lange. Und fragte per EMail bei mir nach, ob es eine Möglichkeit gäbe, das Bild für sein neues Album zu nutzen – wenn ja, zu welchen Konditionen.

Daraus entwickelte sich ein interessanter und unterhaltsamer Dialog, der gleich mehrere Fakten belegt: Urheberrecht ist zu allererst eine Frage des Respekts. Dessen, der die Arbeit eines anderen für sich selbst  nutzen möchte – und höflich nachfragt, anstatt sich des Bildes einfach zu bedienen. Dessen, der ein faires Angebot macht für eine Nutzung. Und eine Frage des Honorars. Jeder, der im Kulturbereich tätig ist, weiß: Viele Projekte sind entweder mit kleinen Budgets oder auf eigenes Risiko der Künstler finanziert. Er weiß aber auch: Kreative verdienen mit ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt. Dank Internet gab es nie bessere Möglichkeiten, direkt mit Urhebern in Kontakt zu treten. Auch das belegt diese Geschichte, bei der mir übrigens Respekt ebenso wichtig war.

Gerade weil die derzeitige Diskussion um das Urheberrecht geprägt ist von Aggression, Extrempositionen, merkwürdigen Argumenten und zum Teil üblen Beschimpfungen, habe ich Tommaso Starrace um seine Zustimmung zu diesem Beitrag gebeten. Ausdrücklich mit Namensnennung: Denn gegenseitiger Respekt für kreative Leistungen sollte selbstverständlich sein. Insofern hat diese Geschichte es nicht verdient, in anonymisierter Form erzählt zu werden.

Mehr über Tommaso Starrace auf seiner Website.

Phillip Toledano: „A New Kind of Beauty“

„Wir beginnen, nicht nur unser Konzept der Schönheit zu verändern, sondern auch unsere Körperlichkeit selbst.“ schreibt der New Yorker Fotograf Phillip Toledano im Vorwort zu seinem bemerkenswerten Buch „A New Kind of Beauty“. „Was definieren wir als Schönheit, wenn wir uns selbst neu erschaffen?“ Toledano, der sich seit langem mit Fragen der Ästhetik beschäftigt, hat ihnen mit seinen Porträts nachgespürt. Für seinen Bildband fotografierte er Menschen, die sich selbst komplett gestaltet haben: Mit Hilfe plastischer Chirurgie  haben sie ihre Körper und Gesichter korrigieren lassen, um ihrem  Ideal ästhetischer Körper und Gesichtszüge möglichst nahe zu kommen.

In dezenter Farbigkeit und Lichtführung, ähneln die Posen der Porträtierten den Abbildungen, die wir aus Museen, von Bildern Rembrandts, Goyas und vieler anderer alter Meister kennen. Ohne zu beurteilen, jenseits aller Effekthascherei, konzentriert sich Toledano auf ein Abbild der Körper vor der Kamera. Dabei ist er beileibe nicht neutral in seiner artifiziell überhöhten Darstellung: Vor dunklem Hintergrund schimmert Haut sanft im Licht, die Menschen blicken direkt in die Kamera. Ruhig und gelassenen bieten sie ihre physische Neudefinition von Schönheit dem Betrachter dar, einem menschliches Kunstwerk vor schwarzem Samt gleich, zusammengesetzt aus ästhetischen Versatzstücken der Geschichte.

Phillip Toledanos Buch ist eine beklemmende Dokumentation vorsätzlicher, physischer Veränderungen, die alle Grenzen von Begrifflichkeiten und Geschlecht in schockierender Weise überschreitet. Der neu erschaffene Körper besteht gleichsam aus Puzzlestücken der Ästhetikgeschichte, neu zusammengesetzt aus Ideen, mit Hilfe plastischer Chirurgie. Die eigene, persönlich empfundene Schönheit der abgebildeten Personen liegt nicht länger im Auge des Betrachters. Sie ist einzig der Definition des „Körperbewohners“ unterworfen, entspricht seinem individuellen Ideal, das sich damit allen anderweitigen Maßstäben entzieht und den Betrachter ratlos und befremdet zurück lässt.

Weiterführende Links:

(Foto: Dewi Lewis Publishing/Phillip Toledano, Buchcover)

Handgemachte Bilddesaster: Fotos aus der Hölle

Trotz alltäglicher Bilderfluten via Twitpic, instagram und Co., auf Monitoren, Displays und Smartphones, trotz Kompaktkameras und „jeder knipst“:  Geschenkgutscheine für Porträts von professionellen Lichtbildnern erfreuen sich offenbar hoher Beliebtheit. Gelegentlich gehen solche Begegnungen mit Kamera gründlich daneben, sozusagen ins Auge – zum Verdruss aller Beteiligten. Die Geschichten ähneln sich allesamt verblüffend: Handwerklicher Pfusch von Belichtung über Datenformaten bis Ausarbeitung. Null Einfühlungsvermögen, Service und angemessener Umgang mit Menschen. Nicht jede(r) hat Modelmaße, ebenmäßige Gesichtszüge oder ein unverkrampftes Verhältnis zu sich selbst, geschweige denn zur Kamera.

Gute Argumente, bei der Auswahl „seines“ Fotografen Sorgfalt walten zu lassen: Ein Vorgespräch zur Klärung individueller Wünsche und Vorstellungen sollte selbstverständlich sein. Einfühlsame, typgerechte Beratung des Kunden vor und während des Termins gehört dazu; mit der Lieferung eines Datenträgers ist der Auftrag noch lange nicht beendet. Profis wissen mit den vielfältigen Anforderungen von Mensch bis Technik umzugehen. Simpelste Faustregel bei der Wahl: „Stimmt die Chemie nicht, such Dir einen anderen Fotografen!“. Denn nichts ist so sehr Vertrauenssache wie Porträtfotografie. Für alle anderen Bereiche der Fotografie, insbesondere auch Reportagefotografie und Bildjournalismus, gilt das ganz genauso. Wie aus einem wohlmeinenden Geschenk oder Auftrag ganz schnell ein handgemachtes Desaster wird, beschreibt die folgende Geschichte.

Zu Jahresbeginn erreichte mich der Anruf eines langjährigen Kunden: „Meine Frau sitzt gerade in Tränen aufgelöst neben mir. Ach so, frohes Neues Jahr und ich reiche Sie dann mal eben weiter!“ Ich war zunächst ratlos. Die Erläuterung folgte prompt; zu Weihnachten wollte die Dame ihrem Mann einige schöne Porträts von sich schenken. Via Branchenbuch, Suchmaschinenrecherche und Bekanntenkreis war der Kontakt zu einem modernen Studio mit trendiger Aufmachung und Hochglanzportfolio schnell hergestellt. Dann begann das eigentliche Drama. Beim Vor-Ort-Termin brachte die fotobegeisterte Dame mehrere ihrer Lieblingsbilder mit; nicht etwa, weil sie genau so abgelichtet werden wollte. Ihr haben Stil und Handschrift der Fotografen schlicht gefallen. Der Lichtbildner rümpfte die Nase. „Nun ja, eine Modelfigur haben Sie nicht, das geht leider nicht. In Ihrem Alter ist ja auch alles nicht mehr so knackig. Ich empfehle meinen Kundinnen ja immer dringend, vorher zur Kosmetikerin zu gehen. Diese Falten ….“ Völlig überrumpelt ließ sich die Porträtkundin dennoch auf einen Termin zu einem satten Preis ein.

Die gelieferten, „fertigen“ Resultate trieben allerdings ihr die Tränen und ihrem Mann die Zornröte ins Gesicht: Zu helle Bilder mit merkwürdigen Bildausschnitten vor interessanten Hintergründen, komplett unscharf obendrein, bereits am Bildschirm des Studios deutlich zu erkennen. „Das liegt nur am Bildschirm“ meinte der Inhaber dazu lapidar – und händigte seiner Kundin eine zerknitterte Papiertüte mit einer lieblos und schludrig von Hand beschrifteten DVD aus. Zuhause am Rechner angekommen, folgte das zweite Aha-Erlebnis: Eine Fülle gänzlich unbearbeiteter Bilder auf dem Datenträger, von rund 200 Fotos nur etwa fünf technisch und handwerklich brauchbar. Eine Nachbearbeitung der Bilder? Fehlanzeige. Von missglücktem Styling, unglücklichen Körperhaltungen, zerdrückter Kleidung und verrutschtem Ausschnitt ganz zu schweigen. Dank ungewöhnlich heller Haut der Porträtierten und gnadenlose Überbelichtung waren auf einem Großteil der Bilder gerade noch Augen und Mund zu erkennen. Die schriftliche Beschwerde beim Fotografen blieb tagelang unbeantwortet. Erst ein persönlicher Besuch des Mannes der Kundin führte zu einer Reaktion des Studioinhabers: „Wissen Sie, wenn sich Ihre Frau hinterher auf den Fotos nicht passend getroffen fühlt, ist das nicht mein Problem! Das ist eine Geschmacksfrage, ich finde die Bilder sehr gelungen. Die Nachbearbeitung kostet (folgte horrende Summe). Und Modelmaße hat Ihre Frau ja nun mal wirklich nicht…..“. Eine Nachbesserung oder Kostenerstattung hat der Profi bislang übrigens abgelehnt.

Diese Geschichte besteht aus mehreren, voneinander unabhängigen Erlebnissen von Bekannten und Freunden, die in keinerlei Kontakt zueinander stehen und in unterschiedlichen Regionen Deutschlands leben.

 

Notizen von unterwegs – Hände …

Während der Ausbildung pflegte einer meiner Lehrer zu sagen: „Nichts ist so schwierig zu fotografieren wie Hände.“ Vielleicht, weil sie so beredet stille Geschichten erzählen? Ich mag Hände, genau deswegen, weil man ihnen meistens ansieht, welcher Mensch dazu gehört. Man spürt es in der Art, wie sich Hände zu einer Begrüßung treffen. Nichts finde ich so schlimm wie einen weichen, kraftlosen Händedruck oder ungepflegte Hände, mit abgekauten Fingernägeln oder abgesplittertem Nagellack. Und nichts finde ich schöner als kraftvolle Hände, in denen man sieht und fühlt, dass sie ebenso gut zupacken wie voller Zärtlichkeit sein können.

Unterwegs an einem Sonntag, bei lieben Menschen. Ihre Hände, die auf dem Tisch ruhen beim Erzählen. Hände, die das Zupacken gewohnt sind, Winzerhände, Bauernhände, Hausfrauenhände. Mit Schwielen vom Holzhacken, von Spaten und Säge, vom Traktorfahren und Kistenschleppen. Ich kenne diese Hände seit langem, sie gehören zu meinen Kindererinnerungen: An die zupackenden Hände, die überraschend sanft aufgeschlagene Knie verarzten und zart und liebevoll Kindertränen fortwischen. Rauhe, schrundige Hände, die leise eine Tür öffnen, die verrutschte Decke des kleinen Schläfers sachte zurecht zupfen. Sich an einem Herbstmorgen um eine Tasse mit heißem Kaffee schmiegen, um die nebelfröstelnd klammen Finger zu wärmen. Die Kuchenteig kneten, Weinreben stutzen und abends die Katze kraulen. Und kraftvoll so manchem Kalb auf die Welt geholfen haben, auch das.

Die Spuren vieler Verletzungen zeichnen diese Hände: Ein gebrochener Finger bei der Ernte, notdürftig geschient, ist krumm zusammen gewachsen. Eine Narbe, das Messer in der Küche ist abgerutscht und traf die Hand. Harte Arbeit hat ihre Spuren hinterlassen, ebenso wie das Alter der beiden. Ein schmaler goldener Ring an der Hand des Mannes, der mittlerweile weit über 80 ist. Und an der Hand seiner Frau, die nur ein paar Monate jünger ist. Auch wenn sie sich zwischendrin herzhaft streiten, in stillen Momenten berühren sich ihre Hände, sachte, liebevoll und sanft. Und deswegen sind sie schön: Weil ihre Form, ihre knorrigen Gelenke und Schwielen erzählen. Mit jeder Krümmung der Finger, jeder Handbewegung sprechen sie, eindringlicher als jedes Wort es je könnte. Es ist eine leise Geschichte in diesen Händen – vom Leben …

Fundstück (72) – Zen on portraiture

Great find, inspired by norwegian photographer Knut Skjærven: The photographs of Dennis Cordell. He writes about his beginnings in painting (as many photographers do) and his switch to photography. I’d like to quote a part of his text here, because it is essential and describes the way I work – and love to work! – within photography, no matter whether landscape, abstract compositions or portraiture, which is my favorite subject matter of photography:

„For me, composing the portrait through my viewfinder is homologous with the Indian notion of darshan.Literally, darshan implies “to see” or “sight.” But more specifically darshan is concerned with an event in consciousness that creates an interaction between the seer and the seen. Thus darshan heightens consciousness.“

The complete text can be found here. (And thank you, Knut, for an inspiring discussion! Thoughts alike will gravitate towards each other. Insofar I don’t believe in mere chance – but in serendipity 😉 …)