Pixelboliden und Kleinzeug…

Unterwegs reizen mich viele Situationen, aus der Rolle des stillen Beobachters in die des Fotografen zu wechseln. Skizzen zu machen: Von Alltagsleben, den kleinen und großen Erlebnissen mit Menschen, von Momenten, die manchmal ein Kaleidoskop von Emotionen widerspiegeln. Manchmal ist es nur ein Mienenspiel auf Gesichtern, am Nachbartisch im Café oder auf der Straße. Ich wäre in solchen Augenblicken gerne unbemerkt und unsichtbar – und bin es nicht: Das laute Geräusch des Auslösers zerstört viele Augenblicke, die besser auf Zehenspitzen und behutsam eingefangen worden wären. Die klotzige DSLR-Kamera und ihre Objektive machen mich als Berufsfotografin erkennbar, Spontanität und Natürlichkeit kippen blitzschnell in die Pose, manchmal schlagen harmlose Alltagssituationen in Ablehnung und Aggression um. Manche erzählenswerte (und beauftragte) Geschichte ist so ganz schnell gestorben. Aus und vorbei, basta.

Keine Utopie, sondern Zukunftsperspektive: Die gelegentlich belächelten, als “unprofessionell” bespöttelten Kompaktkameras holen unter technischen Gesichtspunkten derzeit ganz gewaltig auf; aktuelle APS-C-Sensoren mancher Kameramodelle sind gleich groß wie DSLR-Sensoren von z.B. Nikon DX-Kameras. Größere Sensoren bedeuten höhere Abbildungsqualität und Auflösung. Ich wünsche mir also Vollformatsensoren, verbaut in kompakte Gehäuse ohne großes Gewicht. Eine gefühlte Tonne Kameraausrüstung durch die Gegend zu schleppen geht auf die Bandscheiben und versaut die Freude an der Arbeit und den Bildern gründlich. Kameras ohne lautes Auslösegeräusch, das den Fotografen verrät.  Ohne Spiegel, der wie ein Magnet alles anzieht an Staub, Dreck und Fusseln, was tunlichst nicht im Gehäuse und auf dem Sensor landen sollte. Jede längere Reportagetour kostet mich einen kompletten Tag für die Reinigung meiner DSLRs. Und über die kurzen, betriebswirtschaftlich völlig unsinnigen Produktzyklen hinaus: Mehr als das, was ohnehin schon an Technik in DSLR-Kameras wie z.B. einer Nikon D3s oder D3X steckt, braucht kein Mensch. Ebensowenig wie es Allrounder gibt, die in allen Sparten der Fotografie virtuous zuhause sind, gibt es Allroundkameras; für die Auswahl der Ausrüstung vom Kameratyp bis zu den Objektiven ist der Tätigkeitsschwerpunkt eines Fotografen entscheidend.

Die digitalen High-End-DSLRs, die “professionellen Arbeitsgeräte”, haben fatale Folgen: Ihre ausgereifte Technik ermöglicht es jedem, ohne handwerkliches Können technisch einwandfreie Fotos zu machen. Das kann auch ein dressiertes Äffchen. Potenzial für fotografische, gestalterische und kreative Weiterentwicklung? Überwiegend Fehlanzeige, wenn die Technik zur visuellen Beliebigkeit und Bequemlichkeit verführt. Bildjournalisten und Fotografen führen immer wieder geharnischte Diskussionen über diesen Aspekt. Bestes Beispiel: Damon Winter und seine Reportage aus Afghanistan. Fotografiert mit Hipstamatic-App und Smartphone,  2010 mit einem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Die beeindruckenden Bilder wurden in vielen Kommentaren und Foren scharf kritisiert, weder ein Smartphone noch eine App seien “professionelles” Arbeitsgerät. Eine sinnfreie Debatte, stattdessen beschäftige ich mich lieber mit denjenigen Kameras, denen ich zutraue, Fotografie weiter zu entwickeln, mein Smartphone inbegriffen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird meine nächste Anschaffung keine DSLR mehr sein, sondern ein kleines, handliches Arbeitsgerät. Warum über die Größe der Kamera diskutieren, wenn die Bilder das entscheidende sind? Es ist der Fotograf, der sie macht.

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  13 comments for “Pixelboliden und Kleinzeug…

  1. Thomas Schult
    15. Januar 2012 at 22:59

    “Das laute Geräusch des Auslösers zerstört viele Augenblicke …”
    “Warum über die Größe der Kamera diskutieren, wenn die Bilder das entscheidende sind?”

    Zwei Zitate, denen ich nichts hinzufügen brauch/kann/muss!!!

  2. 16. Januar 2012 at 04:47

    Meine Lieblingskamera für hervorragende Bilder in unbeobachteten Momenten (ich hatte nie eine, die bessere Fotos gemacht hat in Bezug auf Farben usw.) war die Retina von Kodak (die Sucherkamera, wobei die Spiegelreflex auch nicht schlecht war – aber eben etwas lauter und vom Auslösen her etwas schwerer). Uralt, keine Akkuprobleme (alles rein mechanisch), robust. Der einzige Nachteil: bei Kälte waren die Objektive extrem schwergängig zu bedienen.

    Mit der Retina konnte ich sogar da unbemerkt fotografieren, wo es eigentlich strengstens verboten war. Einfach aus der Hüfte raus – in meinen besten Zeiten habe ich sogar getroffen ;-)

    Ich träume heute noch von dem Teil und suche es verzweifelt – sehr schwer zu finden. Ich frag mich nur, warum ;-)

    • 16. Januar 2012 at 07:14

      Ich liebe meine M6. Ihr digitaler Nachfolger schwächelt allerdings im hohen Empfindlichkeitsbereich deutlich: Ab 800 ASA rauscht es äußerst unschön durch die Bilddaten. Das in Kombination mit dem hohen Anschaffungspreis ist für mich Grund genug, die Finger davon zu lassen. Ansonsten wär’s ein Traum – und das Thema DSLR für mich beendet….

  3. Ralf Sporer
    16. Januar 2012 at 10:04

    Mein momentaner Liebling: Die Fujifilm X10 – klein , fein, ausreichend Zoom, gute Bildqualität, schicker Retrolook, unauffällig und leise. Ansonsten: Heike – I agree!

  4. 16. Januar 2012 at 10:12

    Nur ein Merksatz wäre noch hinzuzufügen: Die beste Kamera ist die, die man dabei hat…

    Genau so isses. Deshalb braucht man ja auch div. unauffällige kleine Geräte. Oder jedenfalls welche, die (wie die von mir sehr geschätzte allererste Micro4/3-Kamera) nach allem möglichen aussehen, nur nicht nach Reporter oder Berufsfotograf.

    • 16. Januar 2012 at 10:21

      Stimmt. Hinderlich sind allerdings gewisse Befindlichkeiten auf Kundenseite: Ob in Redaktionen, Agenturen oder anderswo – es hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, dass da ordentlich Luft nach oben ist. Stattdessen werden Fotografen/Bildjournalisten nur allzu oft nach der Größe ihrer Ausrüstung als “Profi” oder “Amateur” beurteilt. Sicherlich bieten Vollformatchips derzeit das Maximum an Auflösung und Abbildungsqualität. Schaut man sich die Zubehörteile (z.B. Objektive von Carl Zeiss für FourThirds von Sony!) an, kann man ahnen, wo der Hase hinläuft.

  5. Johan Crasemann
    16. Januar 2012 at 10:49

    Natürlich wird die schwere DSL mit schwerem und unhandlichem Objektiv und mit dem schweren Stativ noch im Einsatz bleiben, weil sie nun mal für bestimmte Aufgaben (und Aufträge meiner Kunden) derzeit noch das am besten passende Arbeitsgerät sind.
    Aber in der Jackentasche steckt eigentlich immer eine Canon IXUS 230 HS. Für genau jene Momente, für die der Monumaentalkram einfach ungeeignet ist.

    • 16. Januar 2012 at 10:57

      “Monumentalkram” … ich hoffe, Du hörst grade mein herzhaftes Lachen, lieber Johan! :)

  6. Peter Jakobs
    16. Januar 2012 at 11:26

    Liebe Heike,

    seit den ersten Micro Four Thirds Kameras denke ich, daß das die legitimen Nachfolger der Leica M Serie sein werden. Handlich, leise, mit schönen Objektiven. Ich denke, dass wir über die kommenden Jahre eine Entwicklung weg vom Schwingspiegel sehen werden. Momentan sehe ich allerdings noch kein System, das über vergleichbar hochwertige Objektive verfügt, wie ich sie heute für Canon oder Nikon kaufen kann, die “evil” (electronic Viewfinder, interchangable Lens) Kameras scheinen sich immer noch eher dem mittleren Kundensegment zuzuwenden, sicher auch, weil die etablierten Hersteller den “Profis” (und denen, die gerne wie solche aussehen möchten) ihre High End dSLRs verkaufen.

    • 16. Januar 2012 at 11:46

      Interessante Überlegung am Rande: Mit Adaptern (u.a. von Novoflex) lassen sich vorhandene Leica-Objektive mit einigen Micro Four Thirds Kameras nutzen. Mit überraschenden, zum Teil überragenden Ergebnissen. Kleiner Wermutstropfen: Die Objektive funktionieren nur im manuellen Betrieb. Was im Umkehrschluss bei handwerklichem Können des Kameranutzers kein Problem ist. ;)

  7. Tom
    16. Januar 2012 at 15:16

    Hallo Heike,
    toller Artikel und Du sprichst da wohl wirklich ein Gefühl an, was sich gerade bei vielen breit macht, mich eingeschlossen. Ich bin auch gerade dabei, mich auf die Anschaffung eines microfourthird-Spielzeuges vorzubereiten. Dabei habe ich allerdings bisher die Erfahrung von Peter J. teilen müssen: Kaum lichtstarke Objektive über alle Brennweitenbereiche, vor allem keine hochwertigen Zooms.
    Auch auf die Adapter und die Möglichkeit meine Nikon-Gläser anzuschließen, bin ich schon gestoßen. Aber es bleibt auch irgendwo ein Kompromiss.
    Ich bin gespannt was die Zukunft bringt und denke, hier verändert sich tatsächlich gerade auf breiterer Fläche etwas (bei den DSLR Benutzern).
    Danke, dass Du es angesprochen und so schön auf den Punkt gebracht hast.

    • 16. Januar 2012 at 17:05

      Trey Ratcliff schreibt in seinem Blog zur Frage “DSLR-Objektive an MFT-Kameras: “If you’re not familiar with these 3rd Gen Cameras, you may ask, “Why can’t I use my current lenses on these new camera bodies?” The answer is because those lenses are designed for bodies with a mirror that flips up and down. Those bodies need to be _extra-thick_ to make room for that medieval reflective trapdoor. So, your current lenses focus the light too deep for the new supermodel-thin 3rd gen cameras. Yes, there are converters that let you use them, but it defeats the purpose and advantages of having an ultra-small flexible lens system.” Wohl wahr. Ein Kompromiss. Physikalisch-optisch genauso wie haptisch: Welchen Sinn macht es, ein klotziges 70-200er an einen Winzling zu setzen? Das wird schon vom Handling eine gruselige Angelegenheit; nichts ist so übel wie Kameras, die “unausbalanciert” sind. Arbeit damit ist eine Strafe.

      Bei Objektiven für Sucherkameras (“spiegellose” Kameras) wie z.B. Leica M-Serie ist das etwas ganz anderes. Und wie ich schon schrieb: Carl Zeiss hat ein interessantes, noch nicht lieferbares Objektiv für Sony gebaut. Erste Anzeichen für eine beginnende Entwicklung, an deren Ende neben exzellenten Objektiven (um das Thema Depth of Field auszugleichen) auch das Stichwort Vollformatchip stehen könnte. Das ein oder andere Objektiv aus der MFT-Klasse hat übrigens schon durchaus ansprechende Abbildungsqualitäten, Bokeh und geringe Tiefenschärfe bei offener Blende inbegriffen.

      Zum Stichwort Zoom: Nett. Auch hübsch, weil man bei DSLRs im Sucher sieht, was man tut. Im Arbeitsalltag arbeite ich mit zwei Zooms, die ich sehr schätze; ansonsten arbeite ich seit einiger Zeit (wieder) mit Festbrennweiten und habe da mittlerweile auch gewisse Vorlieben entwickelt – meine Lieblingsausrüstung besteht aus exakt zwei Festbrennweiten plus ein Gehäuse. Reicht. Für den Rest sollte man dann als Fotograf Bilder im Kopf entwickeln können und sich bewegen können. Hin zum Motiv, im physikalischen Sinne, zoomfrei.

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