Wegweiser zum Glück. Bilder einer Straße 1979 – 1981

©Wilhelm Schürmann/Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
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©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann
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"Wegweiser zum Glück" - Fotos: ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann

"Wegweiser zum Glück" - Fotos: ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann

"Wegweiser zum Glück" - Fotos: ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann

"Wegweiser zum Glück" - Fotos: ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann

"Wegweiser zum Glück" - Fotos: ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann

"Wegweiser zum Glück" - Fotos: ©Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Wilhelm Schürmann

Momentaufnahmen der Steinhammerstraße in Dortmund: Vor gemusterten Tapeten prangen Grünpflanzen, Fußballdevotionalien und eine Stereoanlage. Im Sonnenschein flanieren Menschen in Sonntagskleidung auf einem Feldweg zwischen Bahndamm und Kleingartenkolonie. Ein ganzes visuelles Universum der präzise beobachteten Kleinigkeiten, atmosphärisch dichten Interieurs und sensiblen Porträts ist die Straße, die tatsächlich nur rund 200 Meter lang ist. Der Fotograf Wilhelm Schürmann hat sich von 1979 bis 1981 auf eine spannende visuelle Spurensuche an den Ort seiner Kindheit und Jugend begeben: Nach den Menschen, dem Lebensgefühl und den Stationen seiner eigenen Biographie in der Nachkriegszeit. Über 180 ausgewählte Schwarz-Weiß-Fotografien aus seiner Dokumentation sind jetzt in der Ausstellung „Wegweiser zum Glück. Bilder einer Straße 1979 – 1981“ zusammengestellt, die in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln gezeigt wird.

Schmunzelnd erzählt Wilhelm Schürmann von ganz persönlichen Rückkehrmomenten: Der Obst- und Gemüseladen des Ehepaars Schwingeler im alten Güterbahnhof, einer Station seiner Zeitreise. Zwischen handgeschriebenen Tafeln, der Kartoffelsorte „Sieglinde“ und Ladentresen begrüßte Frau Schwingeler den Besucher mit einem unwirschen „Wat is?“, bevor sie ihn staunend wieder erkannte: „Mensch, der Willi! Ernst, gib dem Jung‘ mal ’n bissken Obst!“ Begegnungen, die für den Betrachter überaus lebendig werden, denn jeder einzelne Abzug illustriert eine individuelle Geschichte von Träumen und Sehnsüchten, vom Lebensgefühl einer Generation zwischen Bergbau, Nachkriegszeit und Niedergang des Ruhrgebiets. Vor allem in den sensiblen Porträts der Menschen in der Steinhammerstraße, denen sich Schürmann behutsam mit der Kamera näherte, wird durch Blick und würdevolle Haltung deutlich: Der Fotograf ist einer von ihnen, sie vertrauen ihm und lassen seine Nähe zu.

Die Details der umfangreichen Serie handvergrößerter Schwarz-Weiß-Fotografien spiegeln Schürmanns Respekt und tiefe Verbundenheit mit den Bewohnern der Straße wieder: Seine präzisen Beobachtungen des Alltagslebens mit Straßen- und Gebäudeansichten, visuellen Fundstücken, Lebensräumen und Gesichtern werden erst möglich durch die eigene Verwurzelung vor Ort. Auf diese Weise eröffnet der Fotograf dem Betrachter einen Bilderbogen der Zeitgeschichte, der durch unprätentiöse Schlichtheit und leise Betrachtung umso mehr beeindruckt. Ohne entlarvend oder gar entblößend zu sein, spürt Schürmann frühen Stationen des eigenen Lebens nach, dokumentiert in seinen Bildwelten ein feinfühliges, warmherziges Panorama des ehemaligen Umfelds. Synonym für Träume und zugleich augenzwinkernder Kommentar des Fotografen, steckt in einer Gesäßtasche der „Wegweiser zum Glück“: Ein Lottoschein.

Wilhelm Schürmann: ©HeikeRost.com/2012

Mit dreißig Jahren Distanz zu seinem Projekt zieht Wilhelm Schürmann im Gespräch ein eher bedrückendes Fazit. Der Fotograf, der sich eher als „picture taker“ denn als „picture maker“ begreift, der abbildet, ohne allzu sehr arrangierend einzugreifen, konstatiert den „Verlust der fotografischen Unschuld“.  In einer Welt voller Bilder begegnen die heutigen Bewohner der Steindammerstraße dem mittlerweile fremd gewordenen Fotografen und seiner Kamera mit Scheu und großem Misstrauen. Schürmanns ehemals eher stiller Heimatort und späteres Rückkehrziel ist heute völlig verändert. Viele ehemalige Bewohner sind fort, weggezogen, ausgewandert oder gestorben, ihre Läden verschwunden, die mittlerweile lärmende Straße zugeparkt mit Autos. Nur die Gebäude stehen noch: Manche von ihnen verfallener als damals, einige auf Hochglanz poliert wie das Haus am Bahndamm mit seinen wie erblindeten, verschlossenen Fenstern im Erdgeschoss.

Beeindruckend ist die Ausstellung „Wegweiser zum Glück“ gleich in doppelter Hinsicht: Nicht nur als vielschichtiges Dokument der Zeitgeschichte, das dazu einlädt, die Einzelbilder zu entdecken und in ihnen zu verweilen. Die Werkschau ist zugleich über die Chronik hinaus melancholischer, faszinierender Rückblick auf eine fast verschwundene Welt.

Wilhelm Schürmann, geboren 1946, wuchs in der Dortmunder Steinhammerstraße auf und verließ als Zwanzigjähriger sein Elternhaus. Zwischen 1979 und 1981 kehrte er immer dorthin wieder zurück. Während seiner zahlreichen Besuche entstanden über 2000 Fotografien, aus denen Schürmann, international anerkannt als Sammler und Kurator für zeitgenössische Kunst, die wichtigsten Motive für eine 180 Bilder umfassende Serie auswählte. Aus den Vintage Prints des Künstlers, über 2.000 Negativen und von Wilhelm Schürmann autorisierten neuen Abzügen hat die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur eine umfangreiche Präsentation zusammengestellt, zu der – voraussichtlich im Juni 2012 – ein begleitender Katalog im Verlag Hatje Cantz erscheint.

„Wegweiser zum Glück. Bilder einer Straße 1979-81“ – 30.3. – 12.8.2012
Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur Köln, Im Mediapark 7, 50670 Köln
Öffnungszeiten: täglich außer Mittwoch, 14 – 19 Uhr
Weitere Informationen zur Ausstellung auf der Website der Photographischen Sammlung.

  6 comments for “Wegweiser zum Glück. Bilder einer Straße 1979 – 1981

  1. 3. April 2012 at 11:22

    Klasse, das muss ich mir anschauen! Tolle Vorschau auf die Ausstellung.
    Zumal ich ja ne dicke Portion Ruhrpottromantik in mir habe.

  2. 3. April 2012 at 17:16

    Danke, Marc – sie lohnt wirklich. Feine Schwarzweißfotografie, brillant erzählt, jenseits aller „ich will unglaublich beeindrucken“-Attitüde … und daher umso fesselnder. 🙂

  3. 3. April 2012 at 18:55

    Und trotzdem „beeindruckend“ 😉

  4. 3. April 2012 at 19:01

    Grad weil … 🙂

  5. 4. April 2012 at 20:14

    Angenehm unprätentiöse Bilder. Schönes Projekt.

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